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15 18/03

Der Menschenhandel und wir – Die kino-zeit.de-Kolumne

Die Welt rückt zusammen, Wirtschaftsbeziehungen werden internationaler, die Globalisierung bringt uns Produkte aus Vietnam in die Heimat, ob fair gehandelt oder im Sweatshop hergestellt. Und mit dieser neuen Gemeinschaft verändern sich auch die Verbrechen, sie werden internationaler und sichtbarer. Nun erfahren wir von Morden in Mexiko und Entführungen in Nigeria.


(Copyright: Yumi Kimura / Creative Commons 2.0 via wikimedia)

Sicher ermittelte schon Sherlock Holmes an den Reichenbach-Fällen, reisten Hoteldiebe von der französischen Riviera bis in vornehme Londoner Absteigen und ergaunerten sich polyglotte Hochstapler ihren Lebensstil in der ganzen Welt. Dennoch ist es nur noch selten der einzelne Täter, der stiehlt, mordet, schwindelt und betrügt. Ausnahmen sind Verfilmungen von historischen Stoffen, die Sherlocks, Bonds und Philby-Nachbildungen von Conan Doyle, Fleming und Le Carré. Doch selbst bei letzterem geht es in aktuellen Büchern weit mehr um Organisationen, seien es - wie in A Most Wanted Man Geheimdienste und Terrorvereinigungen. Es gibt kaum noch Thomas Crowns, die nicht zu fassen sind, dafür rauben die Ocean's-Jungs quer durch Europa, wird ein Bankraub in Frankreich in Now You Can See Me zum Höhepunkt einer Zaubershow in Las Vegas und Beweis der kriminellen Dominanz und waschen in der Möbius-Affäre Agenten und Spione das Geld. Im Hintergrund steht meist eine geheime Organisation - nicht nur hinter dem Verbrechen, sondern auch dessen zweifelhafter Bekämpfung.

Deshalb mutet es fast anachronistisch an, wenn in der dänischen TV-Serie The Team (derzeit jeweils sonntagabends um 22:00 Uhr im ZDF zu sehen) Europol eine länderübergreifende Ermittlungseinheit zusammenstellt, um einen mutmaßlichen Serienmörder zu finden, der drei Prostituierte in Antwerpen, Berlin und Kopenhagen auf ähnliche Weise ermordet haben soll. Aber auch hier wird für Alicia Verbeek (Veerle Baetens), Jackie Müller (Jasmin Gerat) und Harald Bjørn (Lars Mikkelsen) aus der Jagd auf einen einzelnen Täter schnell eine größere Sache. Sie entdecken Parallelen zu einem alten Fall, der bei dem in Belgien - wo sollte es nach Dutroux auch anders sein? - gepfuscht wurde und der sie auf die Spur eines Menschenhändlers führt. Damit erweitert sich der Rahmen der Serie auf eines der größten und ältesten internationalen Verbrechen aller Zeit: dem Menschenhandel. Und hier überraschte mich die Serie sehr: Von dem musikalisch an Sherlock, ästhetisch an Hannibal erinnernden Vorspann über die drei ermordeten Prostituierten bis hin zu dem Vorgehen der Ermittler deutete alles darauf hin, dass The Team eine weitere Serie ist, die auf Ekel und angesichts der weiblichen Opfer auf Anteilnahme setzt. Stattdessen bedeutet hier Menschenhandel nicht automatisch nur Zwangsprostitution, sondern wird als eine Sparte dieser verbrecherischen Unternehmung dargestellt, die Chinesen zur Essenszubereitung nach Kopenhagen verschleppt und Osteuropäer auf einer Hühnerfarm in Dänemark oder einer Kleidungsfabrik in Belgien wie Sklaven festhält. Wohlgemerkt: Nicht in China oder Indien, sondern in Belgien, mitten im alten Europa, nähen abgemagerte Frauen stundenlang Brautkleider. "Keine Arbeitskosten, hoher Profit. Perfekt." heißt es dementsprechend an einer Stelle der Serie.


(Bild aus The Team, Copyright: ZDF)

Dadurch lenkt diese mit ungeklärten Vaterschaften und Liebesquerelen mitunter soapige Krimi-Serie den Aspekt auf einen der größten Missstände der Gesellschaft, ohne Zwangsprostitution zu relativieren. Sie macht nach Berichten des Bundeskriminalamts aus dem Jahr 2012 den größten Anteil der Verfahren betreffs Menschenhandel aus (das BKA merkt dazu an, dass die geringen Fallzahlen bei Menschenhandel zur Ausbeutung der Arbeitskraft auch mit der "schwierigen Handhabbarkeit" des entsprechenden Paragraphen im Strafgesetzbuch zusammenhängen). Spielen Filme jedoch nicht in einem vergangenen historischen Kontext (Amistad) oder einer definierten Grenzregion wie den USA und Kanada (Frozen River) bedeutet Menschenhandel meist Zwangsprostitution. In Whistleblower - In gefährlicher Mission ist es eine amerikanische Polizistin (Rachel Weisz), die in Bosnien Menschenhandel aufdeckt - die Opfer sind Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden. In Pierre Morels 96 Hours wird Liam Neesons Filmtochter von albanischen Menschenhändlern entführt, die sie als Sex-Sklavin verkaufen wollen. Ausnahmen wie Die Piroge, in der es um den Weg von Afrika nach Europa, oder Das Schiff des Torjägers, in dem es um den Menschenhandel innerhalb Afrikas geht, sind selten. Sicher werden Frauen und Kinder statistisch häufiger Opfer von Menschenhandel, so dass die Filme und Serien auf die Realität verweisen. Darüber hinaus werden aber Verbrechen an Frauen und Kindern gerade bei Krimis und Thrillern genutzt, um an den Schutzreflex des Zuschauers zu appellieren.


(Trailer zu The Team)

Dass sich The Team diesem Muster verweigert, fällt angesichts der kalkulierten Inszenierung äußerst positiv auf. Denn neben dem Schutzreflex verhindert die Konzentration auf Zwangsprostitution noch etwas: Die meisten Zuschauer müssen nicht darüber nachdenken, welchen Anteil sie an der Aufrechterhaltung dieses Systems haben. Bei Zwangsprostitution ist es einfach: die Zuhälter sind schuld, die Freier sind schuld. Doch sobald nun die Näherinnen in der belgischen Fabrik zu sehen waren, fragte ich mich, wo eigentlich mein Hochzeitskleid hergestellt wurde. Und hätte ich gelesen, es sei in Belgien produziert worden, hätte ich mich vermutlich sogar gefreut, dass ich nicht die Ausbeutung der Näherinnen in Bangladesch unterstütze, weil ich in ganzer europäischer Bequemlichkeit angenommen hätte, die Arbeiterinnen in Belgien würden bezahlt und seien sozialversichert. Es ist ja immerhin Belgien. Und nicht Bangladesch. Es ist die Aufgabe von Kriminalgeschichten, sich mit der sozialen Wirklichkeit auseinanderzusetzen - sei es in der Literatur oder im Film. Deshalb wäre es schön, wenn die Serienmacher von The Team sich bewusst dafür entschieden haben, auch die Situation von Arbeitssklaven zu zeigen. Denn Globalisierung machen nicht nur Großkapitalisten, es sind nicht nur die undurchsichtigen Geheimdienste und bösen Terroristen, die vom internationalen Verbrechen profitieren. Wir alle tragen dazu bei. Und wenn der ZDF-Sonntagskrimi trotz aller Konventionalität und dramaturgischen Schwächen unser Bewusstsein dafür schärft, dann ist das nicht nur bemerkens-, sondern unbedingt nachahmenswert.

(Sonja Hartl)

Sonja Hartl schreibt über Filme und (Kriminal-)Literatur, am liebsten über die Verbindungen von ihnen. Sie betreibt das Blog Zeilenkino, ist Chefredakteurin von Polar Noir und Jury-Mitglied der KrimiZeit-Bestenliste.