16 14/01

Der Mann ist Herr im Wald

Verschneite Wildnis. Schroffe Landschaft. Harte Kerle. Letztes Jahr begab sich Regisseur Alejandro G. Iñárritu mit Birdman noch in die engen Backstage-Gänge des Broadways, jetzt ist er weit draußen in der Wildnis von Nordamerika. Leonardo DiCaprio kämpft sich in The Revenant – Der Rückkehrer als Hugh Glass durch den Schnee, ringt mit Bären und will Rache für den Tod seines Sohnes. Klingt fast nach Sylvester Stallone oder einem der anderen harten Typen. 

(Filmstill aus The Revenant - Der Rückkehrer; Copyright: Twentieth Century Fox)

Der archaische Überlebenskampf ist garniert mit großen Naturaufnahmen, spirituellen Traumsequenzen und dazu gibt es noch ein paar alte Indianerweisheiten. Blickt man einmal hinter diese Aufmachung, bleibt jedoch die Frage stehen, warum so namhafte Filmemacher zu so einem archaischen Thema greifen. Was bietet das abgegriffene Motiv "Mann gegen Wildnis" heute noch Neues? 

The Revenant steht im Moment nicht allein in diesem Kampf mit der Natur. Auch in Im Herzen der See von Ron Howard treten hartgesottene Walfänger den Kampf mit den Naturgewalten an. Im Juli wird Tarzan abermals vom König des Dschungels erzählen und selbst Kinderfilme wie Robinson Crusoe behandeln das Thema. Dass sich die Männer – denn es sind ausschließlich Männer – seit neustem wieder an der Natur abarbeiten dürfen, steht vor dem Hintergrund einer generellen modernen Sehnsucht des Kinos zur Natur. Dabei ist auffällig, wie die Natur als Projektionsfläche für unterschiedlichste Genres, Motive und Atmosphären fungiert. Laut Freud erwarten die Menschen von der Zivilisation eine Ordnung, die im direkten Widerspruch zum Chaos der Natur steht. Wir drängen die Natur deshalb überall, wo es möglich ist, aus dem Alltag heraus oder domestizieren sie. Da wir immer weniger direkte Naturerfahrung kennen, kann uns das Kino die Natur als alles Mögliche verkaufen. Sie wird immer mehr zum großen Abstrakten, Irrationalen. Deshalb steht sie in Filmen auf der einen Seite für die große Freiheit wie in Ungezähmt oder Wie Brüder im Wind und bietet auf der anderen Seite das fremde, unheimliche Element, das sich Horrorfilme wie The Forest zunutze machen. Diese vielseitige Faszination, die von der Natur ausgeht, zeugt von ihrer Abwesenheit in unserer Gesellschaft. 


(Trailer zu The Revenant von Alejandro G. Iñárritu)

Die ungreifbare Leerstelle Natur bietet auch die Möglichkeit, ein absolut veraltetes Männerbild wie in dem Urkonflikt "Mann gegen Wildnis" heraufzubeschwören, den The Revenant und Im Herzen der See beschreiben. In beiden Filmen sind die Handlungsträger ausschließlich männlich. Die Ehefrauen der Walfänger müssen zuhause bleiben und sehnsüchtig warten, bis die Helden zurückkommen. Mrs. Nickerson (Michelle Fairley), die Frau des Erzählers (Brendan Gleeson), hat allenfalls noch die Aufgabe, ihren Mann zum Weitererzählen zu motivieren. In The Revenant ist Glass` Frau bereits tot und schwebt ihm hin und wieder aus dem Jenseits vor die Augen, ebenfalls um ihn auf seinem Weg zu bestärken. Schlimmer trifft es die andere weibliche Figur Powaqa (Melaw Nakehk'o). Sie wird am Rande der Handlung kurz vergewaltigt, nur um von Glass gerettet zu werden. Nicht genug, dass eine Vergewaltigung im Vergleich zum Abenteuer des Helden hier als nebensächlich dargestellt werden kann, ihr Leid dient außerdem nur dazu, zu zeigen, dass Hugh Glass anders als die übrigen fiesen Machos ein anständiger Typ ist. Praktischerweise spielen beide Filme Anfang des 19. Jahrhunderts, einer Zeit, in der sowohl eine komplexe und unabhängige Frauenfigur anscheinend undenkbar war als auch eine unbefleckte und rohe Natur geboten wurde.  


(Trailer zu Im Herzen der See von Ron Howard)

Die Helden der Filme sind in ihren Attributen daher so holzschnittartig wie vorzeitlich: eiserne Willensstärke, körperliche Ausdauer und Kraft, obendrauf noch ein wenig moralischer Anstand. Der Antagonist in The Revenant, Fitzgerald (Tom Hardy), redet mehrmals von Männlichkeit und beschimpft die jüngeren Charaktere als weibisch. Der Film will hier abermals Glass als den – im Gegensatz zu seinen Gegnern – guten, moralisch aufrichtigen Mann stark machen. Dieser Antagonismus gegen ein böses Machotum wirkt allerdings lächerlich angesichts der brachialen maskulinen Gewalt, die Hugh Glass selbst repräsentiert. Fitzgerald entlarvt im Grunde das Prinzip des ganzen Filmes. Wenn Glass in dem Fell des selbsterlegten Bären gegen Indianer kämpft, hat man tatsächlich das Gefühl, Rambo oder einem ähnlich stumpfen Männer-Streifen beizuwohnen.

Die spirituelle Reise, die der Held durchmacht, ist im Gegensatz dazu absolut nichtssagend. "Der Herr gibt es und der Herr nimmt es" ist schlussendlich alles, was Glass lernt. Auch die Walfänger in Im Herzen der See wenden sich in ihrer Not hilfesuchend an den Herrn. Chris Hemsworths Chase lernt schließlich eine neue Ehrfurcht vor der Schöpfung, die fast zynisch wirkt, wenn man bedenkt, dass die Natur so, wie sie in den Filmen dargestellt wird, kaum noch existiert.

Schon 2012 erschien der Survivalfilm The Grey – Unter Wölfen von Joe Carnahan, der dem gleichen Schema folgt. Auch hier gibt es die tote Ehefrau und den starken Mann, der angesichts der Natur (hier ein Rudel Wölfe) immer stärker werden muss. War The Grey allerdings noch ein mittelmäßiger Genrefilm, sind die aktuellen Beispiele beide von namhaften Regisseuren, besetzt mit durchweg bekannten Schauspielern, The Revenant gilt sogar als Oscaranwärter. Offenbar besteht mittlerweile ein größeres Bedürfnis nach klaren Männerbildern als noch vor vier Jahren. Besonders Iñárritu gibt sich Mühe, das simple Schema mit der starken Kamera von Emmanuel Lubezki und guten Schauspielern aufzuwerten, aber es bleibt dennoch das gleiche, von Testosteron strotzende Konstrukt, über das man nicht viel mehr sagen kann als "Wow, der Typ ist hart!". 


(Trailer zu The Grey - Unter Wölfen von Joe Carnahan

Man hätte hoffen können, dieser harte Typ sei allmählich Geschichte. In den meisten Blockbustern kann doch die klassische männliche Heldenfigur gar nicht mehr ungebrochen dargestellt werden, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Die Superhelden sind mittlerweile allesamt selbstironisch (bestes Beispiel Deadpool) oder werden durch interne Kämpfe relativiert. Indem Batman und Superman sich gegenseitig infrage stellen, wird auf den Bruch im hergebrachten Heldenbild reagiert. Die Thematisierung der Hegemonie der Männlichkeit wird von Hollywood zwar noch lediglich als Trend aufgefasst, aber die Verunsicherung der hergebrachten Rollenbilder ist zu spüren. Ein Männerbild, das vor wenigen Jahrzehnten noch in vielen Actionfilmen gang und gäbe war, flieht heute in die Natur. Dort ist die Stärke des Helden noch notwendig. Er ist von außen in die lebensbedrohliche Situation geworfen. Es gibt keine Frage, die er sich stellen muss, es wird nicht lange herumgeredet, sondern gehandelt. 

Die Erstarkung der eigenen Identität angesichts der Naturgewalt ist ein altes Thema. Adorno und Horkheimer führen in der Dialektik der Aufklärung aus, wie Odysseus, der erste Abenteurer, im Kampf gegen die mythischen Naturkräfte zum Subjekt wird. Die Odyssee wird zum Sinnbild der Menschwerdung. Die mythischen Ungeheuer stehen für das Vorzeitliche, das Unbegreifliche, eben jenes Irrationale der Natur, das wir seit dem Beginn der Zivilisation zu zähmen versuchen. Indem Odysseus sie überlistet, schafft er eine Distanz zur Unordnung und formt sich dadurch seine Identität.


(Filmstill aus Im Herzen der See; Copyright: Warner Bros. Entertainment Inc. and Ratpac-Dune Entertainment LLC)

Vor diesem Hintergrund erscheint die Verunsicherung des männlichen Heldenbildes die Filmemacher doch schwerer getroffen zu haben, als man meint. Die Flucht in die Natur ist nicht nur Trotz gegenüber den selbstironischen Kaspern, sondern der krampfhafte Versuch, eine archaische männliche Identität wiederzubeleben.  Wer selbst in so klaren Schemata wie Superheldenfiguren keine eindeutigen Maskulinitätsbezüge mehr finden kann, beschwört sich den Urkonflikt wieder herauf. Das starke männliche Subjekt, das die Filmemacher sich von diesem Kampf versprechen, treibt sie in die Wildnis. Dort wühlen die Männer dann im Matsch, kämpfen mit Walen, Wölfen oder Bären und hoffen darauf, am Ende mehr Mann zu sein als vorher.  

(Leon Frisch)

Bisherige Kommentare

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Von: René linkr am: 04.02.16
Sehr klug, sehr pfiffig, sehr angemessen!