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Der kino-zeit.de-Oscar-Guide

Nun sind sie raus, die Oscar-Nominierungen für dieses Jahr. Schon lange gab es keine Award Season mehr, in der es so wenig klare Favoriten gibt. Bei den Filmkritikerpreisen in den USA wurden am häufigsten Spotlight und Mad Max: Fury Road gekürt, am vergangenen Sonntag wurde bei den Golden Globes The Revenant ausgezeichnet und immer wieder wird auch The Big Short als großer Anwärter genannt - der Film wurde zwar häufig nominiert, hat aber die Preise eher für das Drehbuch erhalten. 

 
(Die Oscar-Statuen, aufgenommen von Prayitnol, via flickr.com / CC BY-SA 2.0) 

Als beste Nebendarstellerin lag eigentlich Alicia Vikander für Ex Machina vorne, bei den Oscars ist sie für diese Rolle noch nicht einmal nominiert. Vergeben werden die Academy Awards erst in der Nacht vom 28. auf den 29. Februar - und bis dahin bleibt ausreichend Zeit, die Nominierungen zu analysieren, Vorhersagen zu treffen und vor allem die Filme zu sehen.

 

Zahlenspiele, Kategorie-Betrug und #oscarssowhite - die Nominierungen

Ein bemerkenswerter Rekord wurde mit Bekanntgabe der Nominierungen aufgestellt: Zum  50. Mal wurde John Williams nominiert, das vierte Mal für den Soundtrack zu einem Star Wars-Film. Damit liegt nur noch Walt Disney mit 59 Nominierungen vor ihm. Außerdem ist Sylvester Stallone zum zweiten Mal für die Rolle des Rocky Balboa nominiert worden - das ist zuvor nur fünfmal passiert (Bing Crosby als Father O'Malley, Paul Newman als Fast Eddie, Peter O'Toole für Henry II., Al Pacino für Michael Corleone und Cate Blanchett als Elizabeth II.; Crosby und Newman haben den Preis auch erhalten.) Jennifer Lawrence ist nun die einzige Schauspielerin, die mit 25 Jahren viermal für einen Oscar nominiert wurde - fast scheint es, als würde bei ihr das Meryl-Streep-Phänomen auftreten: "No matter what, they nominate Meryl Streep".

Außerdem gab es wieder einmal fragliche Entscheidungen bei der Einordnung der Schauspieler_innen in die entsprechenden Haupt- und Nebendarstellerkategorien, dieser "Kategorie-Betrug" (category fraud) wird besonders deutlich bei den Nebendarstellerinnen. Hier sind neben Kate Winslet (Steve Jobs), Jennifer Jason Leigh (The Hateful Eight) und Rachel McAdams (Spotlight) auch Rooney Mara (Carol) und Alicia Vikander (The Danish Girl) nominiert, die eigentlich Hauptdarstellerinnen in ihren Filmen sind: Mara hat ähnlich viel Spielzeit wie Cate Blanchett, die als Hauptdarstellerin nominiert wurde, ihre Rolle ist ebenso groß wie bspw. Brie Larsons in Room, die als Hauptdarstellerin nominiert wurde. Natürlich sorgt diese Platzierung in eine andere Kategorie dafür, dass sich Blanchett und Mara nicht gegenseitig Stimmen wegnehmen. Aber sie sagt zudem etwas über die Wahrnehmung eines homosexuellen Liebespaars in einem Film aus: Anscheinend können Mann und Frau als Liebespaar jeweils Hauptdarsteller sein, ein lesbisches Paar aber nicht. Das wird auch bei Alicia Vikanders Positionierung für The Danish Girl deutlich, bei der höchstens als weitere Argument angeführt werden könnte, dass die Nebendarstellerin-Kategorie weniger stark besetzt wäre und der Film als Perspektive Lilis (Eddie Redmayne) erzählt ist. Doch letzteres trifft bei Brie Larsons ebenfalls zu, Room ist aus Sicht von Jacob Tremblay erzählt. Dieser wäre übrigens auch höchstens als Nebendarsteller nominiert worden, weil ihm als Kind von vorneherein in der Hauptdarsteller-Kategorie keine Chancen zugerechnet werden. Indem nun aber Mara und Vikander zu Nebendarstellerinnen gemacht wurden, steigen ihre Gewinnchancen - schließlich gewinnen bei den Oscars oft die Nebenrollen mit der meisten Leinwandzeit.


(Trailer zum Room von Lenny Abrahamson)

Vor allem aber liefern die Nominierungen abermals ein trauriges Abbild des männlichen weißen Hollywoods. Nachdem bereits im letzten Jahr #oscarssowhite galt, sind in diesem Jahr wieder ausschließlich weiße Schauspieler nominiert - das erste Mal in zwei aufeinanderfolgenden Jahren seit 1998/1999. Idris Elba wurde konstant für seine Rolle in Beasts of No Nation nominiert, aber nicht für einen Oscar. Benicio del Toro (Sicario), Michael B. Jordan (Creed) und Will Smith (Concussion - Erschütternde Wahrheit) wurden immer wieder als mögliche Nominierte gehandelt - aber mehr auch nicht. Daraus jedoch nur zu schließen, die Academy sei rassistisch, ist zu kurz gegriffen: Vielmehr liefern die Abstimmungsergebnisse der Academy ein Abbild der Filmindustrie, in der nicht-weiße, nicht-männliche Menschen weiterhin benachteiligt werden. Zwar hat die Academy in den letzten Jahren durch neu aufgenommene Mitglieder versucht, zu mehr Vielfalt und Diversität in die Nominierungen zu gelangen, aber das ist noch ein weiter Weg. Noch interessiert sich die Mehrheit der 6261 Mitglieder für die Geschichten weißer Männer. Deshalb wird Creed trotz der Leistungen von Ryan Coogler (Regie, Drehbuch) und Michael B. Jordan auf Sylvester Stallone und sein Sequel-Dasein reduziert. Immerhin sind vier der zehn Drehbuchnominierungen an Frauen gegangen (Room, Carol, Alles steht Kopf, Straight Outta Compton) und wurde mit Antony Hegarty erstmals ein Trans-Person für einen Oscar nominiert: für den besten Song "Manta Ray" aus dem Dokumentarfilm Racing Extinction.

Ohnehin sind in diesem Jahr zum ersten Mal zwei der nominierten Original Songs aus Dokumentarfilmen, eben "Manta Ray" wurde noch "Til It Happens to You" aus The Hunting Ground. Denn bei aller Kritik gibt es in den weniger prominenten Kategorien einige begrüßenswerte Entwicklungen. Bei den Animationsfilmen wurde nicht das CGI-Feuerwerk Die Peanuts nominiert, sondern der kunstvolle Der Junge und die Welt und liebevolle Stop-Motion Film Anomalisa. Bei den fremdsprachigen Filmen geht mit Mustang der Film einer Regisseurin ins Rennen, die von fünf Schwestern erzählt, mit Son of Saul ein unbequemer Holocaust-Thriller, an den sich hierzulande bisher kein Verleiher herantraut. Außerdem wurden der schwarzweiße Abenteuerfilm Der Schamane und die Schlange, Theeb aus Jordanien und Tobias Lindholms A War nominiert. Vermutlich wird die Entscheidung dann allerdings wieder konventioneller ausfallen: Über die Nominierungen entscheiden Branchen, über die Vergabe die gesamte Academy. 

 

Hilfreiche Indikatoren für Oscar-Prognosen

Dank der Fristen für die Abgabe der Nominierungen waren sie unbeeinflusst von den Gewinnern der Golden Globes, aber nun haben die Academy-Mitglieder bis zum 23. Februar Zeit, über die Preisträger abzustimmen. Vorher werden noch die Preise wichtiger Innungen verliehen, die oft verlässliche Hinweise auf zukünftige Preisträger geben. Besonders wichtig ist hier der Preis der Screen Actors Guild (SAG). Seit Braveheart - als seit 1995 - hat kein Film den Oscar als bester Film gewonnen, wenn er nicht auch für einen SAG Award für das beste Ensemble nominiert war. Das liegt größtenteils daran, dass die Schauspieler mit 1138 Mitgliedern bei weitem die größte Branche in der Academy sind. Damit haben in diesem Jahr Spotlight und The Big Short die besten Chancen. Nicht erst seit ihrem Golden-Globe-Gewinn gilt Brie Larson (Room) neben Saoirse Ronan (Brooklyn) als Favoritin für den Oscar, aber es sind zwei sehr verschiedene Rollen und sehr verschiedenen Filmen - und Brooklyn ist fraglos der zugänglichere, einfachere Film. Allein schon, dass auch Nick Hornby für das beste Drehbuch nominiert wurde, deutet darauf hin, dass der Film gefällt. Sollte Ronan aber bei den SAG Awards gewinnen, kann sich höchstens noch die Nominierung von Jennifer Lawrence zu ihren Ungunsten auswirken - es sind dann drei junge, sympathische Schauspielerinnen, die um Stimmen konkurrieren. Vergeben werden die SAG Awards am 30. Januar.

Wenngleich die Preise der Producers Guild of America (PGA), die am 23. Januar vergeben werden, oft mainstreamiger als die Oscars sind und dort zudem auch zehn Filme nominiert sind, geben auch sie Indizien für die Oscars ab: Im letzten Jahr hat dort Birdman - zu diesem Zeitpunkt noch überraschend - und nicht Boyhood gewonnen. Auch hatte die PGA Bridge of Spies und Brooklyn im Gegensatz zu den Golden Globes nominiert. 

Der einzige Film, der weder bei den Golden Globes noch den PGA Awards nominiert war, ist Room, der auch bei einem Vergleich zwischen der Directors Guild of America (DGA) und den Oscar-Nominierungen herausfällt: Iñárritu, McCarthy, McKay und Miller sind für einen DGA Award nominiert, doch statt für Ridley Scott entschieden sich die Academy-Mitglieder für Lenny Abrahamson. Die Preise werden am 6. Februar vergeben. 

Einen Blick lohnen auch die BAFTAs, die am 14. Februar verliehen werden. Immerhin deutete sich bei den Nominierungen in diesem Jahr bereits an, dass The Big Short und Bridge of Spies in diesem Jahr gute Chancen bei den Oscars haben - und die Hauptdarstellerkategorie ist sogar identisch. 

 

Das Wichtigste: die Filme

Bis zum 28. Februar bleibt zudem ausreichend Zeit, wichtige Filme für die Oscars noch zu sehen. The Revenant und The Danish Girl sind erst letzte Woche angelaufen und werden daher noch in den meisten Kinos zu sehen sein. Etwas mehr Glück braucht man für Bridge of Spies und Carol, die bereits im Dezember anliefen. Gerade gestartet ist hingegen The Big Short, nächste Woche laufen Anomalisa und Brooklyn an. Auch die - unabhängig von den Oscars sehenswerten - Filme Mustang und Spotlight starten geraden och rechtzeitig am 25. Februar. Lediglich auf Trumbo und vor allem auch den mit überraschend vielen Nominierungen bedachten Room, der in Deutschland unter dem Titel Raum zu sehen ist, muss bis nach der Verleihung gewartet werden: Sie starten erst am am 10. bzw. 17. März. 

Bereits im Heimkino erhältlich sind Mad Max Fury Road und 45 Years, Der Marsianer - Rettet Mark Watney wird am 4. Februar erhältlich sein. Außerdem sind mit Amy, The Look of Silence, What Happened, Miss Simone? (Netflix), Winter on Fire (Netflix) und Cartel Land alle nominierten Dokumentarfilme auf DVD oder durch Streamingdienste zu sehen.

Am 28. Februar erfahren wir dann, wer gewonnen hat. In dieser Nacht werden Beatrice Behn und ich im Live-Chat hier bei kino-zeit.de sein - und wir freuen uns, wenn ihr mit uns chattet. 

(Sonja Hartl)