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17 08/02

Der Film zum Trailer, eine Enttäuschung - Die kino-zeit-Kolumne

Wenn man bei einem Kinobesuch in einem Film landet, der nicht den eigenen Erwartungen entspricht, muss das nicht zwangsläufig etwas Schlechtes sein. Es kann jedoch dazu führen, dass man sich irgendwie betrogen fühlt. Sarah Deming, einer Frau aus Michigan, erging es im Jahre 2011 mit Nicolas Winding Refns Drive so – weshalb sie (skurrilerweise) eine Klage anstrebte. Mir erging es hingegen vor einigen Wochen mit einem anderen Film so. Von einer Klage werde ich ganz gewiss absehen; stattdessen schreibe ich diese Kolumne. Also: Nimm das, Passengers!


(Bild aus Passengers von Morten Tyldum; Copyright: Sony Pictures Releasing GmbH)

Die Enttäuschungen, die Sarah Deming und ich erlebten, hatten jeweils mit der Sichtung des Trailers zum Film im Vorfeld unserer Kinobesuche zu tun. Bei Deming hatten die schnellen Schnitte sowie die durch Schwarzblenden aneinandergereihten Action-Momente im Trailer zu Drive den fälschlichen Eindruck erweckt, es handele sich bei Winding Refns Werk um ein PKW-Spektakel im Stil der Fast-&-Furious-Reihe – mit zahlreichen, rasant inszenierten Verfolgungsjagden, Stunts und Thrills. Unter anderem in dieser Irreführung sah Deming einen Verstoß gegen das Verbraucherschutzgesetz ihres Bundesstaates, der sie dazu veranlasste, sowohl das Lichtspielhaus Emagine in Novi/Michigan als auch den Filmverleih FilmDistrict zu verklagen, um das Geld für ihr Drive-Ticket erstattet zu bekommen; sie wollte gar eine landesweite Sammelklage von 'Opfern' irreführender Trailer erwirken.

Man mag von Drive halten, was man will – ich möchte an dieser Stelle kurz anmerken, dass ich persönlich ziemlich wenig von Drive halte (was allerdings kaum an der Tatsache liegt, dass er nicht 'schnell & wütend' genug ist); doch dass die Klage letzten Endes abgewiesen wurde, ist absolut verständlich. Ein Verbrechen ist die irreführende Vermarktung eines Films nicht; ärgerlich kann sie indes durchaus sein. Was mich zurück zu Passengers bringt. Wenn das Filmplakat mit dem Spruch "Es gibt einen Grund, warum sie aufgewacht sind" wirbt und zudem am Ende des Trailers zum Film ähnliche Worte in dramatisch-gewichtigem Ton zu hören sind, darf ich wohl davon ausgehen, dass es in diesem Film dann – nun ja – einen Grund gibt, warum sie aufgewacht sind. Und dass es (im nicht ganz Unwesentlichen) darum geht, hinter diesen Grund zu kommen. "Sie" sind in diesem Falle die beiden auf dem Plakat abgebildeten Hauptfiguren Jim und Aurora, verkörpert von Chris Pratt und Jennifer Lawrence. "Aufgewacht" bezieht sich wiederum darauf, dass sich die beiden auf einem Sternenkreuzer mit 258 Crew-Mitgliedern und 5000 Passagier_innen auf einer 120 Jahre dauernden Fahrt von der Erde zu einem Kolonieplaneten befinden und deshalb in einen Hyperschlaf versetzt wurden; erst wenige Monate vor der Ankunft an ihrem Ziel sollen sie aufgeweckt werden. Ein technischer Defekt bewirkt jedoch, dass der Mechaniker Jim rund 90 Jahre zu früh erwacht. Und – Vorsicht, Spoiler! – einen anderen Grund, weshalb er aufgewacht ist, gibt es nicht. Zu 50 Prozent ist der Werbespruch damit schon mal eine Lüge. Noch problematischer sind aber die restlichen 50 Prozent – also der Grund, weshalb sie, Aurora, aufgewacht ist. Der Trailer suggeriert eine Dramaturgie, welche auf die überraschende Enthüllung eines großen Geheimnisses hinausläuft, nachdem zwei Menschen gemeinsam mit dem Schicksal des zu frühen Erwachens sowie mit lebensgefährlichen Komplikationen des Schiffes konfrontiert wurden:


(Trailer zu Passengers)

Als Zuschauer_innen des Films müssen wir allerdings rasch feststellen, dass der Trailer derart wild Bilder und Dialogzeilen durcheinandergewürfelt hat, dass daraus die Anmutung einer völlig anderen Geschichte entstanden ist. Wir sind als Publikum von Passengers – im Gegensatz zu Aurora selbst – stets eingeweiht, warum sie aufwachen musste. Wir sind, ob wir wollen oder nicht, Jims Kompliz_innen, als dieser eine ethisch höchst fragwürdige Entscheidung trifft – wodurch all die potenziell romantischen Szenen, die der Trailer uns präsentiert hat, von Anfang an einen äußerst bitteren Beigeschmack haben. Natürlich muss der Trailer zum Film dies nicht offenlegen; niemand erwartet von einem Studio ernsthaft "Honest Trailers", wie sie der YouTube-Kanal Screen Junkies auf scherzhaft-überspitzte, aber oft erstaunlich treffende Weise bietet. Doch zur Bewerbung eines Werks eine alternative Dramaturgie zu entwerfen, die erheblichen Einfluss auf die Zeichnung der Figuren und deren Beziehung hat, erscheint mir eine Spur zu kühn. Vielleicht hätten sich die kreativen Köpfe hinter Passengers – wenn sie möglichst wenig vom Verlauf der Story preisgeben wollten – an Alfred Hitchcock orientieren sollen. In dem sechseinhalbminütigen Trailer zu Psycho (1960) zeigt uns der Brite einfach die Schauplätze seines Thrillers:


(Trailer zu Psycho)

Hätte der Passengers-Regisseur Morten Tyldum in einem Trailer das Innere des rotierenden Raumschiffs Avalon sowie die Situation der an Bord befindlichen Personen vorgestellt und – ähnlich wie Hitchcock – angedeutet, dass hier etwas Außergewöhnliches geschehen wird, hätte es mich ebenfalls ins Kino gezogen, da die Prämisse der Handlung fraglos interessant ist. Gefallen hätte mir der Film im Endeffekt natürlich genauso wenig. Es hätte mich immer noch gestört, dass sich das Drehbuch weigert, sich angemessen mit den Schwierigkeiten zu befassen, die die Konstruktion des Plots zum Beispiel hinsichtlich der Geschlechterrollen mit sich bringt. Überdies hätte es mich immer noch gestört, dass die Romantik verlogen und falsch wirkt und dass Passengers wie schon diverse Kassenerfolge zuvor (etwa die Twilight-Reihe, Fifty Shades of Grey oder die türkische Bestseller-Verfilmung Kötü Çocuk) Anmaßung und stalkerhaftes Verhalten als attraktiv verkauft. Und ich hätte es nach wie vor als wenig überzeugend empfunden, dass diese ganze Chose im finalen Akt in ein 08/15-Action-Szenario kippt, in welchem abgedroschen umgesetzte Heldentaten, Rettungsaktionen und Wiedergutmachungsversuche irgendwie dafür sorgen sollen, dass wir uns ein Happy End für Jim und Aurora als Paar wünschen. Aber all das – dieses Ärgern und diese kritische Auseinandersetzung mit der Machart und den möglichen Botschaften des Films, die ich ablehne – kann produktiv sein. Vermieden hätte ich nur gern das Gefühl, von der Marketing-Abteilung getäuscht und mit falschen Versprechungen in den Saal des Lichtspielhauses gelockt worden zu sein.

Eine auf Slashfilm veröffentlichte Liste von 15 Filmen, die mit irreführenden Trailern beworben wurden, nennt in erster Linie Fälle, die zu Missverständnissen wie dem von Sarah Deming zu führen drohen. So können etwa das Team von Guillermo del Toros Crimson Peak (2015) und das Emagine-Kino in Novi/Michigan froh sein, dass sich Deming nach Rezeption des Trailers zu diesem Werk nicht in Erwartung eines Haunted-House-Gruslers zu einer Sichtung des Films animiert fühlte (oder dass die US-Bürgerin – falls dies tatsächlich passiert sein sollte – nach ihrer Niederlage mit Drive womöglich die Lust an einer weiteren Klage verloren hat). Denn der Trailer zu Crimson Peak betont weniger die düster-melodramatischen als vielmehr die gespenstischen Anteile der Geschichte. Dass der Trailer zu Iron Man 3 (2013) die Irreführung in Bezug auf den von Ben Kingsley interpretierten Antagonisten mitspielt, ist wohl nur konsequent; schon etwas kritischer kann man sehen, dass der Trailer zu Tim Burtons Sweeney Todd: Der teuflische Barbier aus der Fleet Street (2007) die Tatsache, dass es sich bei der Produktion um ein Musical handelt, kaum erkennen lässt. Insbesondere für ein junges Publikum könnte es indes ein Schock gewesen sein, dass Gabor Csupos Brücke nach Terabithia (2007) nicht das Fantasy-Abenteuer im Stil der Chroniken von Narnia ist, das der Trailer vermuten lässt, sondern ein sehr ernsthaftes und trauriges Coming-of-Age-Drama, das sich (auf großartig-gelungene Weise!) mit Verlust und Trauer beschäftigt.


(Bild aus Brücke nach Terabithia von Gabor Csupo; Copyright: Constantin Film)

Auf die Lüge, die das Medium Film laut Michael Haneke (in Abwandlung eines Satzes von Jean-Luc Godard) 24-mal pro Sekunde ist, werde ich mich immer wieder bereitwillig einlassen – um mich entweder von dieser mitreißen zu lassen oder mich von ihr abgestoßen zu fühlen. Auf ein allzu dreistes Vorgaukeln im Vorfeld des Filmerlebnisses könnte ich in Zukunft hingegen gut verzichten.

(Andreas Köhnemann)

Andreas Köhnemann schreibt u.a. für kino-zeit, spielfilm.de, shortfilm.de und das "Deadline"-Magazin. Im Mühlbeyer Filmbuchverlag hat er ein Buch über sexuell ambivalente Dreiecksbeziehungen im Film veröffentlicht.