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15 10/11

Der Film über Filmemacher: Ein Ärgernis und eine Chance

Viele junge Filmemacher versuchen verzweifelt, mit ihren Filmen einen Platz in den Line-Ups der Filmfestivals dieser Welt zu bekommen. Sie machen dafür alles Mögliche, gehen an ihre Grenzen und darüber hinaus. Dabei wäre es doch ganz einfach: Man suche sich einen bereits etablierten, bestenfalls berühmten Filmemacher, kontaktiere ihn und bringe ihn dazu, sich vor die eigene Kamera zu stellen. Wenn der Filmemacher nicht mehr unter den Lebenden weilt, gehe man in ein Archiv und finde bislang unveröffentlichtes Material. Man schneide den Film (oder nicht). Man reiche den Film ein. Bestenfalls wartet man, bis der betreffende Künstler selbst einen Film macht oder stirbt oder ein Jubiläum ansteht. 


(Filmstill aus Travelling at Night with Jim Jarmusch von Léa Rinaldi; Courtesy: Viennale 2015)

Einen solchen Eindruck erwecken jedenfalls die zahlreichen Festivals, die immer wieder Dokumentationen über Filmemacher in ihrem Programm unterbringen. Dieses Jahr zählten dazu Filme von sehr unterschiedlicher Qualität wie zum Beispiel Travelling at Night with Jim Jarmusch von Léa Rinaldi, Jia Zhang-ke, a Guy from Fenyang von Walter Salles, The Voice of Sokurov von Leena Kilpeläinen, Fassbinder - Lieben ohne zu fordern von Christian Braad Thomsen, Hitchcock/Truffaut von Kent Jones oder Claude Lanzmann: Spectres of Shoah von Adam Benzine. Dieses Genre - wenn man es denn als Genre bezeichnen will - trägt immer einen Hauch der Anbiederung mit sich. Verkaufsstrategisch ist der Film über den Filmemacher die Comicverfilmung des Arthouse-Sektors, denn ein Interesse derjenigen, die den Protagonisten und seine Filme schätzen, ist gesichert, und somit hat man oft den Eindruck, dass die Qualität des Films hier keine Rolle spielt. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, sensible Studien und Blicke unter die Oberfläche der Filmemacher, die neue Perspektiven und eigene Positionen erarbeiten. Aber oft erscheint als Hauptsache, man sieht, hört und erfährt ein bisschen was über die Macher des Kinos.


(Trailer zu The Voice of Sokurov von Leena Kilpeläinen)

Es ist ein schmaler Grat zwischen dem Fan-Film, dem nackten Interview, dem Making-Of und dem eigenständigen Film. Zudem sollte man nicht vergessen, dass es von Anbeginn des Kinos zu den Attraktionen gehörte, das Gesicht der Künstler zu sehen. Besuche bei Schriftstellern waren immer wieder Bestandteile des Vorprogramms eines Kinoabends im Weltkino der 1910er Jahre. Das Gesicht der Frauen und Männer, die uns bewegen, selbst in Bewegung, vielleicht in Farbe, vor uns zu sehen; später dann ihre Stimme, ihre Begeisterung, ihre Gedanken zu hören - dank solcher Filme haben wir gesehen, wie John Cassavetes Filmmaterial berührt, wie Chantal Akerman auf Kritik reagiert, wie Jean-Marie Straub im Gang verschwindet, während Danièle Huillet mürrisch weiter schneidet, oder wie Francis Ford Coppola im Wahnsinn badet. Natürlich hat sich in unserer Welt seither einiges verändert. Das Gesicht eines Künstlers ist uns theoretisch jederzeit bekannt und zugänglich. Selbst die Arbeitsweise, Bilder von Sets, ganze Making-Ofs und zahlreiche Interviews sind im Regelfall auf Knopfdruck erreichbar. Die dokumentarische Grundwahrheit, dass der Zugang zu Personen oder Orten mehr als die halbe Miete ist, scheint in diesem besonderen Fall obsolet. Wozu also der Film über den Filmemacher im Kino? 


(Trailer zu Hitchcock/Truffaut von Kent Jones)

Fragwürdig sind jene Filme, die ihre Filmemacher auf eine Heldenreise schicken, in der immer und immer wieder betont wird, dass der oder die betroffene Künstlerin trotz aller Widerstände ihre Werke durchgeboxt hat. So inspirierend das sein mag, so unnötig, vereinfachend und verklärend ist es. Das Hauptproblem mit diesen Filmen (das betrifft übrigens viele Dokumentarfilme) ist, dass sie sich nicht für den Menschen oder sein Werk interessieren, sondern diesen in ein vorgezeichnetes Konzept pressen, das von wichtigen Menschen als Formel ausgegeben wurde. Stichworte sind: Identifikation, emotionales Mitgehen, Klarheit. Diese Aspekte haben oft sehr wenig mit dem Leben oder Schaffen der Künstler zu tun. Ein weiteres No-Go, auf das man dennoch ständig trifft, ist das Verstecken hinter Filmausschnitten, die in die Filme eingefügt werden und wie Fremdkörper ohne Relation zum Rest existieren. Erschreckend ist auch, dass im digitalen Zeitalter dabei oft nicht auf die Materialität der Filme eingegangen wird (wenn man Glück hat, halten sich die Filme noch ans Format) und man Ausschnitte von hoffentlich legalen DVDs gerippt sieht. Filmausschnitte, die im Rahmen des Films keine Rolle spielen. Dazu gibt es eingespielte Zitate, die an RTL-Sendungen erinnern. Häufig wird bei Filmen über Filmemacher die Qualität des behandelten Sujets mit der des eigentlichen Films verwechselt. Lustlose Zusammenstellungen von oberflächlichen Anekdoten und eine unfassbare Vereinfachung des Denkens und Schaffens der portraitierten Persönlichkeiten dominieren diese Filme. Auf ihnen steht ein Name, der für eine Qualität bürgt, die nichts mit dem Film zu tun hat. Es ist kein Problem, wenn solche Filme als Beilage auf DVDs und Blu-Rays gepackt werden, aber ihre Dauerpräsenz auf Festivals ist unerklärlich. Das Ärgerlichste an diesen Filmen ist, dass man sich oft nicht ärgern kann, weil man sich einfach freut, die Filmemacher zu sehen.

Dabei ist die Auseinandersetzung mit der Herstellung der Kunst, den Ideen dahinter von äußerster Wichtigkeit. Wie blind wäre das Kino, wenn es nicht ab und an in den Spiegel blicken würde? Zudem fördern diese Filme die Existenz einer seit ihrer Geburt sterbenden cinephilen Kultur. Zwei Möglichkeiten einer Auseinandersetzung mit den Machern von Filmen scheinen auf einem anderen Niveau stattzufinden, in ihnen vermag man die Seele eines Lebens in, mit und hinter der Kunst entdecken, die nicht bereits aus den Werken der Regisseure spricht. Die erste Möglichkeit ist der Besuch. Vor allem die in der Reihe Cinéma (bzw. Cinéastes) de notre temps entstandenen Filme von Filmemachern/Filmkritikern über Filmemacher zeigen die vielschichtigen Möglichkeiten, die mit dieser cinema verité verwandter Komplizenschaft zwischen Film und Filmemacher einhergehen. Diese Reihe gehört zu den größten Fundgruben, die es für Kinointeressierte gibt. 1964 wurde das Projekt von André S. Labarthe und Janine Bazin (der Frau von André Bazin) ins Leben gerufen. Die Idee dahinter war eine Art filmische Variante der Interviews der Cahiers du Cinéma, die jungen Filmemachern die Möglichkeit gab, Filme über Legenden der Filmgeschichte zu drehen. So drehte unter anderem Jacques Rivette einen Film über Jean Renoir, Alexandre Astruc einen Film über Friedrich Wilhelm Murnau oder Éric Rohmer über Carl Theodor Dreyer. In ihren besten Teilen atmet die Serie einen Geist, den man mit kritischer Inspiration umschreiben könnte. Ein gutes Beispiel dafür war der Besuch von André Labarthe in den Vereinigten Staaten bei John Cassavetes. Es herrscht eine Lebendigkeit und Direktheit, die wirklich zu verstehen versucht. Der Drang zu lernen und zu betrachten, im Betrachten zu lernen; eine stete Neugier als künstlerisches Unterfangen, zugleich eine filmkritische Huldigung und ein Versuch zu verstehen; am Ende ist das immer auch ein kleiner Moment des Lebens, ein Zeugnis von Menschen, das wir uns heute immer noch gerne ansehen. Nach nur acht Jahren wurde die Serie dann eingestellt und erst 1989 wieder aufgenommen. Man startete mit David Lynch und spannende Werke entstanden, etwa Chantal Akerman von Chantal Akerman, Une journée d'`Andreï Arsenevitch von Chris Marker oder Où gît votre sourire enfoui? von Pedro Costa über Danièle Huillet und Jean-Marie Straub. 


(Trailer zu Jia Zhang-ke, a Guy from Fenyang von Walter Salles)

Auf der diesjährigen Berlinale sprach Walter Salles bei der Premiere seines Films über Jia Zhang-ke leidenschaftlich über Filme über Filmemacher und die Notwendigkeit eines solchen Kinos. Er selbst hatte sich für seinen Film spürbar von Olivier Assayas' Film über Hou hsiao-hsien inspirieren lassen. Die fruchtbare Idee, die beiden Filmen zugrunde liegt, ist der gemeinsame Besuch mit den Filmemachern an den Locations ihrer Filme. Salles sprach auch etwas an, was er die Ethik solcher Filme nannte. Für ihn wäre es undenkbar, einen Künstler zu filmen, während dieser arbeitet. Man würde sonst etwas zerstören. Das ist ein spannender Gedanke, in dem viele Fragen zur Distanz und Nähe solcher Porträts mitschwingen. Ist eine Intimität erlaubt, während der Filmemacher arbeitet? Filme wie die bereits angesprochenen Où gît votre sourire enfoui? oder Travelling at Night with Jim Jarmusch (letzterer deutlich schwächer) offenbaren die Empfindlichkeit dieser Distanz und Nähe und schaffen aus ihr etwas im Verhältnis des Künstlers zur Kamera, zur Person hinter der Kamera, etwas das zugleich spürbar und unsichtbar ist und dem Zuseher das Gefühl gibt, nicht nur den Prozess der Filmemacher kennenzulernen, sondern auch die Luft im Raum zu atmen, während ihre Filme entstehen. So etwas kann auch durch eine persönliche Nähe zwischen Film und Filmemacher entstehen wie bei Hearts of Darkness: A Filmmaker`s Apocalypse, dessen Bilder zu großen Teilen von Eleanor Coppola gedreht wurden und die das Leiden, die Energie und die Verrücktheit ihres Ehemannes Francis Ford in einer Nähe zeigen, die für eine fremde Person nicht zu erreichen gewesen wäre. Geht es also doch auch um den Zugang? Die Frage ist weniger, ob man an Material kommt, sondern ob dieses Material mit Sensibilität und Konzentration gefüllt werden kann. Und dann ist diese Auseinandersetzung mit Regisseuren ein Blick in den Spiegel, der etwas über das Geheimnis des Lichts und seiner Herkunft erzählt, ohne es bloßzustellen, ohne es zu simplifizieren oder zur künstlichen Schatztruhe lustiger Anekdoten werden zu lassen. Ein Film über den Ozean, der sich Kino nennt.


(Trailer zu Hearts of Darkness: A Filmmaker`s Apocalypse von Fax Bahr und George Hickenlooper)

Letztlich sind Filme über Filmemacher zugleich ein Ärgernis und eine Chance - und vor allem ein Ärgernis über die verpassten Chancen, die man dann als Betrug am Filmemacher empfindet, etwas, was ihr oder ihm nicht gerecht wird. Das Ärgernis gilt den meisten Festivals, die diese Filme nicht in einen Rahmen packen, der einen Diskurs über das Kino erlaubt. Stattdessen werden diese Filme hauptsächlich programmiert, weil sie Zuschauerinteresse garantieren. Vielleicht hat der im Frühjahr verstorbene Manoel De Oliveira mit seinem Visits, or Memories and Confessions die erste und einzig wahre Möglichkeit dieser Porträts gefunden, , nicht nur zur Seele eines Filmemachers vorzudringen, sondern ihn als Zeitbild für die Ewigkeit aufzubewahren. De Oliveira drehte diesen Film 1981 im Alter von 73 Jahren und ließ ihn, nachdem ihn nur einigen engen Freunden und Mitarbeitern gesehen haben, wegsperren, damit er nach seinem Tod gezeigt wird. Das Porträt als Stimme aus dem Grab. Dieses Jahr feierte der Film, der zugleich ein Zeugnis aus einer anderen Welt ist, dann Premiere in Cannes. Es ist ein Film über den Besuch zweier Geister in einem Haus, in dem der Portugiese große Teile seines Lebens verbracht hat, es ist ein Film über das Leben und Schaffen von Manoel De Oliveira. Natürlich ist der Blick auf sich selbst auch nicht frei von Fiktionen und Verklärungen, aber er ist nackt und offen, er liegt vor uns nicht wie ein Film über einen Filmemacher, sondern wie ein lebendiger Mensch in einem lebendigen Film und ein lebendiger Film aus einem lebendigen Menschen heraus.

(Patrick Holzapfel)