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14 15/09

Das Toronto Filmfestival oder der "Clusterfuck"

"Clusterfuck" ist eines dieser schönen englischen Wörter, für die es keine astrein passende deutsche Übersetzung gibt. "Riesendurcheinander", wie zum Beispiel ein populäres Online-Wörterbuch vorschlägt, ist viel zu niedlich und harmlos, um die Dimension von kaum zu bewältigendem Chaos zu fassen, die der Ausdruck eigentlich meint. Aber wer genau wissen will, was damit gemeint ist, sollte einfach mal zum Toronto International Film Festival (TIFF) anreisen und versuchen, sich dort ein einigermaßen umsetzbares Programm zusammenzustellen.

Mit knapp 400 Filmen und zehn Tagen entspricht das Festival eigentlich ziemlich exakt der Berlinale (und ist ebenfalls fürs breite Publikum offen, das sich in Toronto gerne mal um mehrere Häuserblocks schlängelt). Aber weil es keinen Wettbewerb gibt, fehlt der Programmierung spürbar eine Struktur oder ein roter Faden. Die Folge: zehn und mehr Pressevorführungen finden gleichzeitig statt, irritierenderweise meist vormittags, während die Nachmittage dünn bestückt sind. Und fast alle Filme, die für den größten Ansturm sorgen, laufen dann auch nur einmal und bloß in der ersten Festivalhälfte. Wer außer Organisieren und Filmegucken in Toronto womöglich auch noch Texte schreiben oder Interviews führen will, hat in jedem Fall ein echtes Problem.


(Still aus Der Richter - Recht oder Ehre, Copyright: Warner Bros.)

Aber apropos Filme: der 14er-Jahrgang (und wir sprechen hier nicht von jenen Filmen, die vorher schon in Berlin, Cannes, Locarno oder anderswo liefen, sondern von den großen Gala- und Weltpremieren) ließ sich zunächst äußerst mau an. Der Richter - Recht oder Ehre, scheinbar wahllos zum Eröffnungsfilm auserkoren, entpuppte sich als schwer erträgliches Klischee-Desaster, in dem Regisseur David Dobkin vom Drehbuch bis zur Bildgestaltung gar nichts im Griff hat. Aber am wenigsten seine Hauptdarsteller Robert Downey jr. und Robert Duvall, die in dieser Vater-Sohn-Geschichte unter Juristen hemmungslos jede Subtilität über Bord werfen.

Jason Reitman, der zumindest dank Young Adult noch Coolness-Kredit hat, machte es dann mit Men, Women & Children zwar besser, aber letztlich auch nicht wirklich überzeugend. In seinem verschachtelten Ensembledrama ist überall der Wurm drin: in den Ehen, im Sexleben, im Alltag aller Teenager, in unserem Verhältnis zu Internet und moderner Technik. Gezeigt wird das - auch dank sehenswerter Darsteller und einem wunderbaren Off-Kommentar von Emma Thompson - in manch starker Szene. Doch leider will Reitman viel zu viel und hat statt humorvoller Leichtigkeit dieses Mal plötzlich den erhobenen Zeigefinger im Gepäck.


(Trailer zu Men, Women & Children)

Wer sich auf das in Toronto zur Königsdisziplin erhobene Spiel des Oscar-Favoriten-Ausmachen einließ, wurde ohne Frage besser bedient. Biopics und wahre Geschichten lagen - wieder einmal - hoch im Kurs, und mindestens The Theory of Everything, The Imitation Game (der spätere Publikumspreisgewinner) und Wild überzeugten, auch wenn man ein Ausnahme-Ereignis wie im vergangenen Jahr „12 Years a Slave" vergeblich suchte. Alle drei Filme haben Schwächen: in Stephen Hawkings Lebensgeschichte The Theory of Everything geht mit James Marsh mitunter die (musikalisch üppig unterlegte) Gefühlsduseligkeit durch, in The Imitation Game nimmt sich der Norweger Morten Tyldum in seinem englischsprachigen Debüt zu wenig Zeit für seine Hauptfigur und Wild von Jean-Marc Vallée hätte - für einen Film über eine Wanderung durch die amerikanische Einsamkeit - etwas mehr Ruhe und Kontemplation vertragen. Aber in allen Fällen retten nicht zuletzt die herausragenden Hauptdarsteller Eddie Redmayne, Benedict Cumberbatch und Reese Witherspoon über vieles hinweg, genau wie übrigens Julianne Moore in der etwas zu gefälligen, aber berührenden Alzheimer-Geschichte Still Alice.

Nicht unerwähnt bleiben dürfen - jenseits alles Oscar-Buzzes - St. Vincent, weil Bill Murray hier all seine Stärken ausspielen darf, die Däninnen Susanne Bier und Lone Scherfig, die mit En chance til und The Riot Club ihre letzten Debakel fast vergessen lassen, und auch Christian Petzolds Phoenix, der in Toronto die internationale Presse weit mehr begeisterte als er es in ersten deutschen Vorführungen getan hatte. Ach, und natürlich Nightcrawler. Denn in einem Meer von Erwartbar-Konventionellem war Jake Gyllenhaal, der blass und ausgemergelt auf den Straßen von L.A. nach Tat- und Unfallorten sucht, an denen er reißerisches Material für TV-Sender filmen kann, wunderbar einfallsreich, unvorhersehbar und abgründig.


(Trailer zu Nightcrawler)

Für die drei eigentlichen Festival-Höhepunkte sorgten allerdings andere. Noah Baumbach, weil er unter den Großen des US-Indie-Kinos derjenige war, der die Erwartungen mit seinem neuen Film While We're Young einmal mehr erfüllte und (u.a. mit Ben Stiller, Naomi Watts und dem omnipräsenten Adam Driver) einen wunderbar komischen Generationen-Clash erzählt, der nur gegen Ende ein wenig zu thesenhaft auch noch wichtige Fragen zur Autorenschaft im Dokumentarfilm verhandeln will. Außerdem der Brite Daniel Barber (Harry Brown), der mit The Keeping Room bewies, dass man den Amerikanischen Bürgerkrieg auch als spannenden Thriller und vor allem über drei weibliche Protagonisten verhandeln kann. Und schließlich Mia Hansen-Love, die mit Eden das unerwartete Meisterwerk des Festivals hinlegte, eine bemerkenswert entspannte, intime und unkonventionelle Geschichte übers Erwachsenwerden, angesiedelt zwischen Euphorie und Melancholie und in der Pariser Elektro-Szene der 1990er Jahre.

Wobei diese Aussagen hier ohnehin nur unter Vorbehalt getroffen werden. Denn auch das Gefühl, ausgerechnet die wirklich sehenswerten Filme (Top Five von Chris Rock? Das Brian Wilson-Biopic Love & Mercy? Die neuen von François Ozon und Hal Hartley?) vor lauter Termin-Wahnsinn verpasst zu haben, gehört zum Clusterfuck der TIFF-Erfahrung untrennbar dazu.

(Patrick Heidmann)