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17 05/06

Das Schweigen nach dem Film

Einfach nach Hause gehen. Durch die Nacht nach dem Film. Niemand spricht, außer der Film im Kopf und die sich formenden Träume. Das Gesehene bleibt wie ein Echo im Körper. Man versteckt sich damit in der Erinnerung, lässt sich nach dem Kino weiter berühren. Viele kennen dieses Gefühl eines Nachwirkens, eines Alleinseins mit dem Kino. 


© Newyorker.com 

In der Realität eines Filmfestivals oder auch regulärer Kinobesuche geht es jedoch oft verloren. Die Anwesenheit von Filmemachern, der Trubel unter Kollegen, Freunden oder schlicht das übersteigerte Mitteilungsbedürfnis im Hype eines Events lässt das Nachwirken eines Films nicht zu. Der französische Filmpapst Serge Daney hatte den Drang, sich über das Kino auszutauschen, als einen der Eckpfeiler der Cinephilie bezeichnet. Nicht nur im Sehen, sondern auch im Dialog und schließlich im Willen zur Vermittlung würden sich die Cinephilen erkennbar machen. Nun kann man im Reden, im gemeinsamen Weiterleben mit einem Film sicherlich viele positive Aspekte finden. Zum einen entsteht womöglich ein Gefühl von Gemeinschaft, in dem sich auch ein Potenzial für ein Kino verbirgt, das über die Wirkung auf der Leinwand hinausreicht. Der soziale, gemeinschaftliche Faktor des Kinoerlebnisses, insbesondere heute als Abgrenzung gegenüber anderen kulturellen Formen der Bildvermittlung, kommt damit besonders zur Geltung. Zum anderen ist die Bereitschaft zu einem Dialog, der aus der im Dispositiv angelegten didaktischen Form des bürgerlichen Theaters befreit und den Zuseher zumindest nach dem Film aktiviert, nicht verachtenswert. Hinzu kommt, dass die "Eventisierung" bei aller logischer Kritik nun mal eine Überlebensstrategie des Kinos ist und sein muss. Trotzdem spürt man im Bemühen von Festivals und vergleichbaren Kinovorführungen ein fast schon inflationäres Betonen dieser Teilaspekte des Kinoerlebens, was womöglich verrät, dass sich alles, was außen herum existiert, besser verkaufen lässt als die Filme selbst. Ist zum Beispiel ein Gast anwesend, geht es in der Bewerbung kaum eines Kinoevents um den Film.

Was auch bedenklich scheint, ist die ignorierte Ohnmacht in den Augen der Betrachter. Damit ist gemeint, dass viele Filme, die des Redens bedürften, dafür mehr Zeit bräuchten. Nicht bezüglich der Länge der Gespräche, sondern zwischen der Betrachtung und dem Gespräch. Das Kino wird behandelt, als wäre es behandelbar. Ihm wird nicht seine Fähigkeit zur Überwältigung gelassen, zu der schlichten Wahrheit, dass es zu viel sein kann, einen Film zu sehen. Nun mag man sagen, dass es doch allen Besuchern freistünde, an solchen Gesprächen teilzunehmen. Das mag stimmen, aber wer vom Film geplättet sitzt, wenn die Lichter angehen, und kaum mitbekommt, wie bereits der Applaus für anwesende Künstler angestimmt wird, kann sich nicht mehr bewegen. Womöglich ist es auch unangenehm, über die vielen Füße durch das Licht zu stolpern oder aus dem Kino zu gehen, wenn die Filmemacher im Raum sind. Außerdem ist die Einbettung in Rahmen so präsent, dass man immer weniger auf die Idee kommen könnte, dass sie nicht Teil der Ausgeherfahrung sein könnten. 

Das Schweigen der Sekunden nach Filmen muss respektiert werden. Es ist ein Teil ihres Arbeitens. Im Österreichischen Filmmuseum gibt es den Grundsatz, dass in Kurzfilmprogrammen oder Double-Screenings zwischen zwei Werken das Saallicht (Projektionslicht auf der Leinwand) angeht. Das entspricht einem Ausatmen oder dem Zurückgehen des Wassers, bevor eine Welle auf Land trifft. Dieser Atemzug ist maßgeblich für die Wahrnehmung und den Rhythmus einer Projektion. Kaum sonst wo gehen die Lichter zwischen zwei Kurzfilmen an. Das Hintereinander oder Ineinander wird als wichtiger betrachtet. Überall wird heute kuratiert. Es gibt viele Ideen für das Zusammenwirken von Filmen, ihre Kombination. Zum Teil ertrinken diese Ideen in ihrem fehlenden Verständnis für die Wirkung des einzelnen Werks. Man braucht Raum. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass die theoretische Arbeit an solchen Kombinationen immer weniger das Kinoerlebnis als Grundlage hat und immer mehr im theoretischen Rahmen von Listen und Laptops entsteht.


© womensworld.com

Wie kann man in diesem Zusammenhang das Mitteilungsbedürfnis nach Filmen verstehen? Meinen wir das eigentlich ernst, wenn wir unmittelbar nach einem Film ein Urteil darüber abgeben? Auf einem Festival wie Cannes kann man jedes Jahr beobachten, dass sich das Mitteilungsbedürfnis extrem erhöht. Praktisch Sekunden nach den Filmen werden die ersten Meinungen publik gemacht, Kritiker diskutieren wild, sie halten sich fest an ihren Meinungen, weil man sonst nichts hat in dieser Flut aus Bildern. Es ist wenig erstaunlich, dass insbesondere bezüglich der Filme von Cannes mit ein oder zwei Jahren Verzögerung immer wieder sehr überraschende Kritikermeinungen zusammenkommen. Ein Beispiel dafür wäre die recht verhaltene Reaktion auf einen Film wie Carol von Todd Haynes, der sich in der Folge zu einem richtigen Kritikerliebling emporschwang. Kaum wer spricht davon, dass man am letzten Tag nicht nur eines solchen Festivals kaum mehr in der Lage ist, Filme wirklich anzusehen. Es müsste selbstverständlicher sein, die Umstände einer Betrachtung mit in Wiedergabe der Wahrnehmungen von Filmen zu integrieren. Marguerite Duras sagte einmal, dass sie nur zwei oder drei Filme im Jahr sehen würde, diese dafür dann aber richtig ansehen würde. So radikal ein solches Statement auch scheint, es kann einen doch ins Nachdenken bringen. Leider läuft die kämpfende Industrie der Filmkultur nicht nach Regeln, die wirklichen Raum für die Filme erlauben würde. Es geht um Geschwindigkeit, Meinungen und Individualität. Projekte wie Slow Criticism fliegen langsamer, als der öffentliche Radar sie sehen könnte, es gibt einen paradoxen Aktualitätsdrang in einem Medium, das eigentlich nichts mit Tagesaktualität zu tun hat.

Nach dem Kino fragt man oft, wie man den Film fand. Vielleicht sollte man eher fragen: Wie war es? Was war es? Was habt ihr gesehen? Vielleicht kann man auch zusammenstehen und nichts sagen eine Weile. Oft wird sonst etwas in Schubladen gesteckt, was eigentlich noch blühen würde. Das Schöne am Kino, so äußerte sich einmal Jean Renoir, sei, dass man zugleich allein und zusammen sei. Manchmal ist es wichtig, sich an das Alleinsein zu erinnern, damit man den Filmen die Chance gibt, im eigenen Körper weiterzuleben.

(Patrick Holzapfel)