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14 11/06

Das Runde und das Eckige - Bewegliche Ziele: Die kino-zeit.de-Kolumne

Okay, nun also Fußball. Sie wissen schon, das Runde, das ins Eckige muss, jenes Spiel, bei dem 22 Mann einem Ball hinterherjagen und am Ende gewinnen immer die Deutschen, wie dereinst Gary Lineker behauptete (schön wär's). Morgen beginnt die Fußball-WM in Brasilien - und das ist zumindest für Kinofans keine gute Nachricht. Oder je nach Sichtweise vielleicht doch.

(Paul Breitner zusammen mit Hardy Krüger in Peter Schamonis Potato Fritz, Foto: Absolut Medien)

Während manche Kinos in dieser Zeit gleich ganz vor König Fußball kapitulieren und die Tore für die Zeit des Kickens fester verschließen als die Betonmischer des italienischen Catenaccio, springen andere auf den rollenden WM-Zug auf und zeigen statt normaler Filmkost künftige Klassiker vom Schlage Deutschland vs. Ghana oder Schweiz vs. Ecuador. Andererseits: Wer das Glück hat, eines jener cineastischen Widerstandsnester in seiner Umgebung zu wissen, die dem Gekicke nicht huldigen oder vor der Allmacht der Balltreter nicht einknicken, der kommt vermutlich in den Genuss, dem einen oder anderen Film ganz alleine beiwohnen zu dürfen. Für bekennende Sozialphobiker, von denen es unter echten Filmnerds ziemlich viele gibt, sind das vermutlich paradiesische Zustände ("private viewing"), für jeden Kinobetreiber mit dem Glauben an das Schöne, Wahre und Gute (und Gewinnbringende) im Kinozuschauer hingegen eher der siebte Kreis der Hölle.

Aber es gibt ja nicht nur Trennendes zwischen den Sphären des Fußballs und jenen des Kinos, sondern auch Verbindendes - zum Beispiel die unumstößliche Tatsache, dass beide Ereignisse in der Regel 90 Minuten plus Nachspielzeit oder Verlängerung andauern. Dass die Kreativakteure im Mittelfeld gerne mal Regisseure genannt werden, darüber sollte man sich auch mal Gedanken machen. Wobei mir nicht so ganz klar ist, ob Andrea Pirlo nun eher der Fellini oder der Sergio Leone der Squadra Azzura ist. Und wem im deutschen Film Mesut Özil gleicht, das entzieht sich meiner Kenntnis. Wer jetzt Fatih Akin nennt, muss mit einer dunkelgelben Karte rechnen.

Viel spannender als Fragen wie diese finde ich persönlich ja einen Blick auf die darstellerischen Leistungen aktueller oder ehemaliger Kicker - und damit sind nicht die Schauspieleinlagen von Cristiano Ronaldo (CR7) gemeint, der nach jeder vermeintlichen Feindberührung den sterbenden Schwan so gestenreich gibt, als wolle er im Nachhinein Natalie Portman die Titelrolle in Darren Aronofskys Black Swan klauen. Einige Kicker haben es nämlich auch mal im Filmbusiness probiert - und nimmt man ihre Leistungen als Maßstab für das Abschneiden deren aktueller Nationalmannschaften, haben Jogis Jungs in diesem Jahr mit der Vergabe des WM-Titels nichts, aber auch gar nichts zu tun.

Beginnen wir also mit den schlechten (oder vielleicht doch guten?) Nachrichten zuerst: Von deutscher Seite her empfahl sich allenfalls Jens Lehmann mit seinem Auftritt in Themba für höhere Aufgaben.

Über die darstellerischen Leistungen der Bayernkicker Gerd Müller und Sepp Meier sowie ihres früheren Trainers Tschik Cajkowski sollte man hingegen bestenfalls den Mantel des Schweigens legen. Und deshalb ist damit ist der Chronistenpflicht Genüge getan, den Vorspann von deren gemeinsamem Werk Wenn Ludwig ins Manöver zieht (Werner Jacobs, 1967) zu zeigen - er ist unter uns gesagt das Beachtlichste an diesem Film.

  

Sehr viel gelungener hingegen war Peter Schamonis Western Potato Fritz (eat this, Gold, Das finstere Tal und The Salvation), der neben Hardy Krüger, Arthur Brauss und Diana Körner auch einen gewissen Paul Breitner als schneidigen Kavallerie-Sergeant Stark listete.

Dessen früherer Boss und heutige Kaiser von Fußball-Deutschland Franz Beckenbauer irrlichterte drei Jahre früher durch Wigbert Wickers Libero und machte dabei einen ähnlich desorientierten Eindruck wie heute bei manchen von ihm verbreiteten Kommentaren zum Fußballgeschehen. Wodurch man mal wieder erkennt, dass Raumaufteilung und intellektuelles Stellungsspiel nicht unbedingt den gleichen Hirnarealen entstammen - Neurophysiologen, die es besser wissen, mögen mich gerne korrigieren.

Wie man hingegen aus bescheidenen spielerischen Anlagen das Beste macht (und das gilt sowohl für den Fußball wie auch für das Medium Film), bewies eindrucksvoll Hans-Hubert "Berti" Vogts (früher - die älteren unter uns wissen das vielleicht sogar noch - nannte man ihn auf dem Platz den "Terrier") mit einem legendären Auftritt in einer Folge des teutonischen sonntagabendlichen Nationalheiligtums TATORT.

Unser Fazit: Deutschland scheitert schmählich in der Vorrunden und engagiert als Nachfolger von dem daraufhin zurückgetretenen Bundestrainer Sönke Wortmann als sportlichen Leiter und Jürgen Klopp als Motivator. (P.S.: Dankesschreiben des Verbandes der Kinobetreiber für diese wagemutige Prognose sowie Geschenkkörbe nehme ich gerne unter bekannter Adresse persönlich entgegen.)

Doch kommen wir zu den wahren fußballerischen Größen im Filmgeschäft - und vielleicht wird Gary Lineker, falls er diese kleine Kolumne lesen sollte, eine stille Genugtuung dabei empfinden, wenn er erfährt, dass in dieser Kategorie (anders als beim - sagen wir mal - Elfmeterschießen) Spieler, die im weitesten Sinne dem britischen Königreich zuzuordnen sind, einige Erfolge verzeichnen können. Vinnie Jones beispielsweise (okay, der trat eigentlich für Wales gegen den Ball), früher ein eisenharter Mittelfeldspieler (Spitzname "Die Axt"), legte nach dem Ende seiner fußballerischen Laufbahn eine ziemlich beachtliche Karriere als Schauspieler hin und wurde vor allem durch seine Auftritte in diversen Guy Ritchie Filmen zu einem gefragten Mann im knallharten Filmgeschäft - bei imdb.com werden mittlerweile 81 Filme genannt, die er durch sein Mitwirken veredelte.

Der ungekrönte Weltmeister der als Darsteller reüssierenden früheren Kicker dürfte aber Eric "Kung Fu Fighting"  Cantona sein, der immerhin trotz seiner französischen Herkunft als Beute-Brite gelten darf. Zwar verzeichnet imdb für ihn "nur" 27 TV- und Kinoauftritte. Aber wie wir wissen, kommt es besonders bei Stürmern vom Schlage eines Eric Cantona vor allem auf die Trefferquote an. Und wer bei Ken Loach sich selbst spielen darf und sogar einen Titel-Credit (Looking for Eric) bekommt, der hat es geschafft in die Riege der auch jenseits des Rasens Unsterblichen.

(Eine unvergessliche Szene aus Looking for Eric mit dem magischen Satz "I'm not a man, I'm Cantona")

(Trailer zu The Salvation von Kristian Levering mit Eric Cantona)

(Trailer zu Les rencontres d'après minuit von Gonzalez mit Eric Cantona)

(Trailer zu Switch - Ein mörderischer Tausch von Frédéric Schoendoerffer)

Unser Fazit: England schafft es immerhin ins Halbfinale, scheitert dort aber gegen die Schweiz - im Elfmeterschießen natürlich (und fragen Sie bitte nicht, wie die Schweiz ins Halbfinale gekommen ist. Nur soviel als kleine Anregung: Googlen Sie mal, wo die FIFA ihren Sitz hat). Am Ausscheiden der Engländer kann auch George "Booze, Birds and Fast Cars" Best nichts ändern, weil dessen filmischer Geniestreich Fußball wie noch nie schon zu weit zurückliegt und zu allem Überfluss von einem Ausländer (Hellmuth Costard) gedreht wurde. Wodurch die Deutschen dann doch wieder schuld sind. Außerdem trat Best niemals für England an, sondern spielte für die nordirische Nationalmannschaft.

Zum Trost und wie als Beweis für die steile These, dass es im Kino und beim Fußball eben doch manchmal gerecht zugeht: Die Franzosen, deren ehemaliger Superstar und Kopfstoßkünstler  Zinédine Zidane Jahrzehnte später von Douglas Gordon und Philippe Parreno mit einem ähnlichen Konzept wie das Team Best / Costard porträtiert wurde, scheitern bereits im Achtelfinale. Und zwar auch deswegen, weil mit Franck Ribéry ein Regisseur fehlt, der ebenfalls mal gerne mit dem Kopf durch die Wand will.

(Trailer zu Zidane - ein Porträt im 21. Jahrhundert (2006))

Bliebe nur noch die Frage, wer denn nun den Weltmeistertitel der schauspielernden Kicker erringt. Und da kann es wenig verwundern, dass in diesem inoffiziellen und nicht von der FIFA genehmigten Turnier der Sieger Brasilien heißt. Wie fast alles in der ruhmreichen Fußballgeschichte des Landes ist dafür Edson Arantes do Nascimento, genannt Pelé quasi im Alleingang verantwortlich. Sein Auftritt in John Hustons Victory / Flucht oder Sieg (1981) bringt der Heimmannschaft aufgrund der gelungenen Fußballszenen schließlich den lange ersehnten Weltmeistertitel.

Ein Ergebnis, mit dem man leben kann - und immer noch besser, wenn am Ende nicht die Zombies die Oberhand behalten.

Doch das ist eine andere Geschichte - und das ist auch besser so. Am Ende kommt noch jemand auf die Idee, dass damit vielleicht die FIFA gemeint sein könnte. Und das weisen wir dann ebenso heftig zurück wie vermutlich die Filmemacher.

(Joachim Kurz)

Joachim Kurz ist studierter Filmwissenschaftler, Redaktionsleiter bei kino-zeit.de und ein leidlich begabter Gelegenheitskicker mit dem Spitznamen "Die Kante" (Fragen Sie besser nicht, wieso). Der WM blickt er nicht allein wegen des Ergebnisses der Kolumne mit mehr als gemischten Gefühlen entgegen. Ach ja, und noch etwas: Die grassierenden Gerüchte, er sei früher auf dem Bolzplatz immer als Letzter und nur unter Murren in eine Mannschaft gewählt worden, entsprechen in keiner Weise den Realitäten. 

Ein kleiner Nachtrag unter Freunden:

John Oliver erklärt bei Last Week Tonight auf HBO schlüssig, warum man die FIFA hassen sollte. Das wollten ich Ihnen nicht vorenthalten.