• Blogs
  • )
  • B-Roll
  • )
  • Das meistdokumentierte Filmprojekt aller Zeiten - Die kino-zeit.de-Kolumne
16 06/01

Das meistdokumentierte Filmprojekt aller Zeiten - Die kino-zeit.de-Kolumne

"Die lassen sich ziemlich in die Karten gucken." Die Worte meines Freundes Jochen im Herbst 2002 kommen mir jedes Mal in den Sinn, wenn ich an die eine Quelle denke, aus der ich vermutlich am meisten über die Art und Weise gelernt habe, wie heute Filme gemacht werden. Was für andere Filmfreaks Truffauts Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? oder Sidney Lumets Making Movies sein mögen, sind für mich die "Anhänge" zu den Mittelerde-Filmen von Peter Jackson.


(Bild aus Der Herr der Ringe: Die zwei Türme; Copyright: Warner Bros Film GmbH)

Dazu muss man wissen, dass Die Gefährten, der erste Teil von Jacksons Herr der Ringe-Trilogie, für mich ungefähr die Bedeutung hat, die Star Wars oder Zurück in die Zukunft für viele Menschen haben, die etwas älter sind als ich. Im Jahr 2001, als ich Abitur machte und meinen Zivildienst startete, befand ich mich auf der Höhe meiner eigenen Begeisterung für Fantasy-Epen. Ich habe auf Internetseiten jeden Informationsschnipsel zum Film aufgesogen, den ersten Trailer dutzende Male geschaut und Die Gefährten schließlich in einer Mitternachtspremiere gesehen. Ein Jahr später, als die "Anhänge" des Films auf DVD erschienen, hatte ich gerade mein Filmwissenschaftsstudium begonnen und war so gierig wie nie darauf, mehr über die Hintergründe zu den Filmen zu erfahren. Es passte also alles.


(Trailer zu Der Herr der Ringe: Die Gefährten)

Eigentlich sind die Paratexte, die rund um einen Film als Bonusmaterial für die Heimvideo-Auswertung entstehen, Teil des Marketings und sollen die zentralen Botschaften des Filmprojekts hinter den Kulissen ebenso penetrant vermitteln wie es Poster und Trailer mit dem Film selbst tun. Heutzutage werden sogenannte Featurettes in der Regel pünktlich zum Heimvideostart eines Films auch im Netz gestreut (früher liefen sie gerne im Nachtprogramm von VOX) und sie sehen alle gleich aus. Schauspieler, Regisseure und Crewmitglieder erzählen – parallel montiert mit Filmausschnitten und Aufnahmen vom Dreh – wie fantastisch es war, mit ihren Kollegen zusammenzuarbeiten und wie einzigartig die Vision des Films ist. Wer den Film kauft, sagen sie, darf ein bisschen miterleben, wie großartig es war, an der Erfüllung dieser Vision beteiligt gewesen zu sein. Ein bisschen Hollywood-Glamour für den Preis einer limitierten Steelbook-Blu-ray-Edition.

Es gibt Filme über die Entstehung von Filmen, die nicht von der Marketing-Abteilung verantwortet wurden – Hearts of Darkness über die Dreharbeiten zu Apocalypse Now zum Beispiel –, aber sie entstehen häufig lange nach dem Auswertungszyklus eines Films, wenn dieser bereits einen gewissen Status oder sogar Mythos genießt. Das Besondere an den Anhängen zu den Herr der Ringe-Filmen ist, dass sie keine externen Betrachtungen ex post sind, sondern glasklar aus dem gleichen Stall kommen wie die Filme, von denen sie handeln. Sie bedienen sich der gleichen Mittel wie die lärmenden Featurettes mit ihren talking heads und B-Roll-Material von den Dreharbeiten. Aber trotz ihrer kommerziellen Natur sind sie rührend, spannend und vor allem: unglaublich lehrreich.

Der Grund dafür ist nicht zuletzt ihre Länge. Für jeden der schon in seiner Kinofassung recht langen Herr der Ringe-Filme existiert eine "Special Extended Edition", die den Film in der Regel um etwa 15 bis 20 Minuten erweitert. Diese Editionen enthalten zwei zusätzliche DVDs oder Blu-rays mit jeweils rund fünf Stunden Dokumentationen über die Entstehung des Films. Zur gesamten Trilogie, die zusammengenommen eine Laufzeit von knapp zehn Stunden hat, existiert also noch einmal die dreifache Menge an "Anhängen" wie sich die DVDs in Anlehnung an die Anhänge des Herr der Ringe-Buchs nennen. Der Herr der Ringe sei "the most documented movie project ever" zitiert Kristin Thompson den Dokumentationsproduzenten Dan Arden in ihrem Buch The Frodo Franchise.

Wie Thompson weiter berichtet, war einer der Schlüssel zum besonderen Charakter der späteren Anhänge Peter Jacksons Freundschaft mit dem Dokumentar-Filmemacher Costa Botes, mit dem er Forgotten Silver gemacht hatte. Jackson, selbst ein Fan von guten Making ofs, sei sich der historischen Bedeutung der Tolkien-Trilogie bewusst gewesen und habe Botes gebeten, den Herstellungsprozess der Filme zu dokumentieren. Botes verbrachte fast jeden Tag am Set und war für alle Beteiligten kein Eindringling aus der Marketingabteilung, sondern Teil der Filmcrew. Botes’ Material, aus dem er eigentlich drei unkommentierte Dokumentarfilme montieren wollte (die schließlich 2006 veröffentlicht wurden), diente dann Dan Arden und seinem Kollegen Michael Pellerin als Grundlage für die Bonusmaterialien der DVD-Editionen.


(Trailer zu Der Herr der Ringe: Die zwei Türme)

Der Wille der Filmemacher, den Entstehungsprozess zu dokumentieren, kombiniert mit ausreichend Zeit, um diesen Prozess tatsächlich zu erklären, gibt den Anhängen ihren einzigartigen Charakter. Die Drehbuchautoren Jackson und Philippa Boyens sprechen ausführlich darüber, welche kreativen Entscheidungen dahinter steckten, Tolkiens Jahrhundertbuch so zu adaptieren, wie sie es taten. Masken-, Kostüm- und Bühnenbildner berichten, welche Schritte die Designprozesse durchliefen, bevor die heute oft ikonischen Formen und Bilder festgelegt wurden. Im Bereich der Postproduktion werden gut zehn Minuten darauf verwendet, zu erklären, wie Digital Color Grading funktioniert – ein Prozess, der elementar für den Look von Filmen des 21. Jahrhunderts ist und den sonst fast nie jemand erwähnt, weil man schon ein ziemlicher Nerd sein muss, um sich wirklich dafür zu interessieren.

Parallel zu all diesen eher technischen und handwerklichen Prozessbeschreibungen der Filmherstellung erwächst aus den Dokumentationen ein bestimmtes Bild von den eigentlichen Dreharbeiten, den Persönlichkeiten der Schauspielerinnen und Schauspieler und der Art und Weise, wie Jackson sein Set geführt hat. Weil die ursprünglichen Dreharbeiten für die Trilogie bereits über ein Jahr dauerten, mit Neuseeland an einem abgelegenen Ort stattfanden und dann bei sogenannten "Pickup-Drehs" alle Jahre wieder für einige Wochen ergänzt wurden, fühlten sich die Beteiligten am Ende eher einer eng zusammengewachsenen Theatertruppe vergleichbar als den üblichen kurzen Zweckgemeinschaften regulärer Filmdrehs. Und obwohl gerade Schauspieler_innen ihre Kolleg_innen in Interviews immer in den höchsten Tönen preisen – die Nähe, die ich als Zuschauer in den Anhängen zu ihnen bekomme, inklusive vieler kleiner Anekdoten auch von Missverständnissen, lässt mich etwas mehr als sonst glauben, dass sie es auch ernst meinen.


(Trailer zu Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs)

Schließlich erlauben die Anhänge einen faszinierenden Einblick in die harten Zeitpläne, denen Tentpole-Filme heutzutage ausgesetzt sind, wo es üblich ist, das Erscheinungsdatum eines Films festzulegen, bevor dieser überhaupt ein Drehbuch hat. Die Dokumentationen zu Die zwei Türme und Die Rückkehr des Königs zeigen recht deutlich, wie sehr "spitz auf Knopf" die Filme fertiggestellt wurden, mit einem kaum schlafenden Jackson, der zwischen Tonmischung, Schnitt, Effekt-Bewertung und Musikaufnahmen hin und her springt und noch am Tag der Premiere morgens um vier die letzte Einstellung finalisiert. In den Anhängen zu Die Rückkehr des Königs beschreibt einer der Visual-Effects-Supervisors in sehr deutlichen Worten, dass er zwar eine Mordszeit beim Erschaffen der Filme hatte, gleichzeitig aber wenig Gelegenheit besaß, seine Tochter aufwachsen zu sehen.

Diese Möglichkeit, durch die Dokumentationen nicht nur einen Einblick zu bekommen, warum manche Aspekte der Filme so gut funktionieren, sondern auch, warum andere etwas fahrig wirken, verstärkt sich in den Schwester-Anhängen zur Hobbit-Trilogie. Während im fröhlichen Teil der Dokus Schauspieler_innen, Stuntleute und Regieteam darüber plaudern, wie viel Spaß sie gemeinsam am Set hatten, lassen einige andere Abschnitte tief in die Abgründe blicken, welche die drei Filme zu so interessanten kreativen Fehlschlägen gemacht haben. Ian McKellen spricht darüber, wie sehr es ihn zerstört hat, mit sogenannten Slave Camera-Aufbauten in einem virtuellen Set zu agieren, damit sein Gandalf mit dreizehn Zwergen auch in 3D im richtigen Größenverhältnis erscheint (zu 2D-Zeiten gab es noch einfachere Methoden). Visual-Effects-Chef Joe Letteri äußert sich besorgt darüber, dass sich die neuen Filme viel zu häufig darauf verließen, alles im Computer zu bauen. Und in einem Clip aus Die Schlacht der Fünf Heere, der Ende November viral durchs Netz geisterte, gibt sogar Jackson zu: "I didn’t know what the hell I was doing."


(Clip "The Problem With The Battle of Five Armies")

"Rings squeezed more publicity out of its making-of footage than any franchise had done before", schreibt die Filmwissenschaftlerin Kristin Thompson. Deshalb sind die Anhänge zentraler Teil des Mythos, der Jacksons Filme umweht. Sie sind das perfekte Marketing für Neuseeland als Dreh- und Postproduktionsort, weil sie die Landschaft und Infrastruktur sowie die Detailverliebtheit der Effektfirma Weta preisen; für Der Herr der Ringe als Filmprojekt, das seiner Zeit voraus war und das Leben aller Beteiligten veränderte; für Peter Jackson als besonderes Exemplar der Gattung "volksnaher Kreativer", der Tolkiens Werke ebenso sehr liebt wie die Fans in aller Welt. Die Anhänge sind Meta-Fan-Service der schlimmsten Sorte, indem sie jeden einfangen, der die Filme mag, und zum Teil der Gesamtverschwörung machen – auf der letzten bisher erschienenen Edition zu Die Schlacht der Fünf Heere beschäftigt sich ein 30-minütiges Kapitel mit dem Titel "Farewell Friends" nur mit einem tränenreichen Rückblick auf die emotionalsten Momente der Making-ofs aus den vergangenen 13 Jahren.

Aber die Anhänge stehen eben auch als umfangreiches Zeugnis der Filmbildung von mir und vielen anderen Fans im Regal. Ich greife immer wieder auf Beispiele aus den Anhängen zurück, wenn ich in Artikeln oder Gesprächen beschreiben will, auf welch merkwürdige Weise heutzutage Filme geformt werden, von der Produktions-Ökonomie bis zu kreativen Entscheidungen in einem Fan-Schöpfer-Marketing-Franchise-Komplex, den es so zu Lumets und Hitchcocks Hoch-Zeiten schlicht noch nicht gab. Die Vertrautheit mit den für Laien anschaulich, aber ohne zu viel Vereinfachung beschriebenen Prozessen in diesen 60 Stunden Making-of erlaubt es mir, andere Materialien, die eher für Fachleute konzipiert sind, zumindest ansatzweise zu durchdringen, obwohl ich nie selbst einen Film gedreht oder einen visuellen Effekt designt habe. Ich bin sicher, dass sie viele andere Menschen auf der ganzen Welt inspiriert haben, sich selbst in die Filmbranche zu wagen. Die Anhänge haben Erstaunliches geleistet – zumindest für ein Stück Marketingmaterial.

(Alexander Matzkeit)

Alexander Matzkeit schreibt über Film, Medien und Zukunft unter anderem für epd film, das Techniktagebuch und sein Blog Real Virtuality.

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: bullion am: 07.01.16
Ein schöner Text – und sehr passend, da ich über die Feiertage mit den Anhängen von "The Battle of the Five Armies" fertig wurde und beinahe auch ein Tränchen verdrücken musste. Auch mit hat damals das Material zu "The Fellowship of the Ring" (noch in der DVD-Extended-Edition mit den Argonath gekauft) darin bestärkt in Richtung Filmindustrie und VFX zu gehen. Hat dann nicht wirklich geklappt, aber beim Schauen würde ich jederzeit alles liegen und stehen lassen und Anfang der 2000er nach Neuseeland auswandern – hätte ich eine Zeitmaschine und keine Familie... ;)