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16 05/10

Das glorreiche Chaos gescheiterter Filme - Die kino-zeit-Kolumne

Manchmal ist die Geschichte rund um einen Film stärker als der Film selbst. "Ich habe gestern Abend Heaven's Gate gesehen", erzählt mir mein Freund Carsten. "Ah", antworte ich, "den Film zum gleichnamigen Debakel?"


Setbild Heaven's Gate; Copyright: Criterion Collection

Zum Zeitpunkt dieses Austauschs, vor etwa zehn Jahren, kannte ich den Film wirklich nur in diesem Zusammenhang (und um ehrlich zu sein, habe ich ihn mir auch erst in Vorbereitung auf diese Kolumne angeschaut). Ich wusste nicht mehr als dass Heaven`s Gate der Film ist, der fast ein Studio ruiniert hätte. Ein Endpunkt des New Hollywood, Symbol für über die Stränge schlagendes Autorenkino, während dessen eskalierender Dreharbeiten Regisseur Michael Cimino ein komplettes Set abreißen und einige Meter weiter wieder aufbauen ließ, weil er es halt so wollte. Ein unfassbar teurer Flop, den nicht einmal die Kritik wirklich gut fand. Die Art Film, dessen katastrophale Entstehung genug Stoff bietet für einen weiteren Film, einen abendfüllenden Dokumentarfilm namens Final Cut: The Making and Unmaking of Heaven's Gate.


Final Cut: The Making and Unmaking of Heaven`s Gate

Und doch sagt allein die Tatsache, dass ich all das über Heaven`s Gate wusste, ohne ihn gesehen zu haben, etwas über die Faszination solcher Filme aus. Sie sagt: Wenn der Wind ein wenig anders gestanden hätte, hätte Heaven`s Gate auch Apocalypse: Now werden können. Ein Film mit ähnlich chaotischen Dreharbeiten und ähnlich furchterregenden Meta-Filmen (Heart of Darkness), der aber heute als wegweisender Klassiker rezipiert wird. Warum Heaven`s Gate nicht der Apocalypse: Now des Westerns wurde, darüber haben sich Kritikerinnen und Filmschaffende über Jahrzehnte den Kopf zerbrochen, in dutzenden neuen Schnittfassungen, Wiederaufführungen und Neubewertungen. (Ich würde es auf die Figuren schieben.) Das teure Chaos hat definitiv seinen ganz eigenen Sog.

Dieser Sog entsteht wahrscheinlich, weil hinter dem teuren Chaos oft enorm ambitioniertes Scheitern steckt. Dass hinter Flops, die ein klaffendes Loch in die Kassen ihrer Finanziers reißen, so häufig mal ein großer Plan stand, macht sie zu speziellen Studienobjekten, vor allem, weil sie oft noch einen Funken Großartigkeit in sich tragen. Nicht wenige Hollywood-Epen wären beinahe genauso ambitioniert gescheitert, von Vom Winde verweht (drei Regisseure) bis Avatar (blaue Katzenmenschen) - und vereinzelt lassen auch sie erahnen, dass sie sich gerade noch so vor dem Scheitern retten konnten. Auf jeden Fall ist ein ambitionierter Flop um ein vielfaches spannender als jeder Forgotbuster, wie das US-Blog The Dissolve jene langweilig-erfolgreichen Filme nennt, die es jedes Jahr gibt, an die sich aber schnell keiner mehr erinnert.

Fast jedes Jahr bringt solche Chaos-Filme hervor. Warcraft: The Beginning von Duncan Jones ist für mich das Paradebeispiel des zurückliegenden Kinosommers. Die Kombination eines Regisseurs mit Independent-Credibility (Moon) sowie einem bewiesenen Sinn für knalligere Mainstream-Stoffe (Source Code) mit einem der erfolgreichsten Videospiele aller Zeiten samt dessen reichhaltiger Mythologie ließ Fans lange hoffen, dass Warcraft endlich den Jahrzehnte alten Fluch der Videospiel-Verfilmungen brechen könnte. Doch schon ein Jahr vor dem Kinostart begann das Narrativ vom ambitioniert gescheiterten Projekt seinen Lauf zu nehmen. Als Duncan Jones auf der San Diego Comic Con im Juli 2015 noch keinen richtigen Trailer präsentierte, fanden das viele Fans schon merkwürdig. Die gezeigten Szenen ließen einige der Anwesenden ratlos zurück. Im September berichtete der Hollywood Reporter, Warcraft würde im produzierenden Studio Universal als "problem movie" gelten. Und als die Trailer dann im November endlich veröffentlicht wurden, sahen sich viele Kassandras in ihren Rufen bestätigt.

Im Gegensatz zu dem bisher regierenden Problem bei Videospiel-Filmen, dass die Filme nur peripher mit den Erfahrungen der Gamer zu tun hatten, schien es bei Warcraft ausgerechnet der Protektionismus seines Regisseurs zu sein, der den Film in den Abgrund riss. Jones als hartgesottener Warcraft-Nerd (unterstützt von den vier im Abspann genannten Produzenten, die im Hauptberuf Funktionäre der Warcraft-Firma Blizzard sind) schien einfach alles genau so machen zu wollen, wie er es aus dem Spiel kannte. So bleibt bei Warcraft der Gesamteindruck einer sehr langen, nicht überspringbaren Cutscene, wie die Honest Trailers Jones' Film gerade erst aufspießten.


Honest Trailer zu Warcraft: The Beginning

Dennoch hätte ich große Lust, den Film immer wieder zu sehen und mich zu fragen: Warum ist Warcraft nicht Der Herr der Ringe geworden? Er hatte definitiv die Leidenschaft eines Regisseurs, der bereit war, auf kleinste Details achtzugeben. Er hatte genug Geld zur Verfügung, um einige der bestausgearbeitetsten Perfomance Captures der letzten Jahre zu präsentieren. Er hatte viele Fans, die den Film gerne sehen wollten (und es in China auch getan haben, weshalb Warcraft global sogar profitabel wurde) und eine solide Marketing-Kampagne. An welchem Punkt in der Entstehung des Films hat Warcraft den vorgezeichneten Pfad der Fantasy-Großartigkeit verlassen und stattdessen den Weg von John Carter und den Hobbit-Filmen eingeschlagen, auf dem die kreativen Entscheider irgendwann den kritischen Abstand zu ihrem Sujet verlieren? 

Diese Frage und ihre Faszination ist der Grund, warum ich dafür plädiere, gescheiterten Großprojekten einen würdigen Platz im Trophäen-Regal der Filmgeschichte einzuräumen. Abseits von ungewollt schlechten billigen Filmen, gewollt schlechten billigen Filmen und (obwohl der eine oder die andere für Projekte wie Warcraft das vermutlich anfechten würde) auch fernab von teuren, langweiligen Filmen. Die Regalmeter, die ich reservieren möchte, sind Filmen vorbehalten, die an ihrem eigenen Potenzial zerbrochen und irgendwann im glorreichen Chaos versunken sind.

Ich sage: Umarmt dieses Chaos! Es hat es verdient, dass wir an es glauben. Vor allem wenn der betreffende Film noch nicht fertig ist, sollten wir uns mit Abgesängen, wie sie in Fankreisen längst üblich sind, zurückhalten. Der Vergleich ist nicht ganz fair, aber auch Mulholland Drive begann sein Leben als gescheitertes Projekt, als mehrfach umgeschnittener und dennoch vom Sender abgelehnter Serien-Pilotfilm eines ambitionierten Regisseurs, bei dem selbst vielen Schauspielern nicht so ganz klar war, was sie da eigentlich gerade spielten. Was David Lynch aber aus seinem Scheitern rettete, wird seit Jahren immer wieder unter die besten Filme des bisherigen 21. Jahrhunderts gewählt. Ein Mensch, der an scheiternde Filme glaubt, kann also nur gewinnen: Im besten Fall bekommt er Mulholland Drive. Aber selbst im schlimmsten Fall bekommt er immerhin ein Debakel, über dessen Geschichte wir 35 Jahre später immer noch schreiben.

(Alex Matzkeit)