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17 03/03

Das Evangelium nach Martin

Ich bin's, ich sollte büßen, / an Händen und an Füßen / gebunden in der Höll, / die Geißeln und die Banden / und was du ausgestanden, / das hat verdienet meine Seel.

Zu Beginn seines Albums Life of Pablo beschwört Kanye West im Lied Ultralight Beam den Glauben. An was kann man nicht ganz genau sagen. Er macht "faith" als etwas aus, das wir brauchen, Gottes Traum, ein musikalisches Spektakel aus Lichtern, Gebeten, Zweifeln, Schulterzucken und zu viel Selbstvertrauen. In Leonard Cohens The Faith wird das Wort "Glauben" wie ein Versprechen gegen eine Müdigkeit gestellt. Es geht um Aufrichtigkeit, Spiritualität und den Widerspruch zwischen dem Ideal des Glaubens und einer Erschöpfung, die damit einhergeht. Bei beiden sehr unterschiedlichen Künstlern gibt es eine Form von Spiritualität, eine Rückbesinnung, die aus dem Zweifel und der Notwendigkeit in einen Glauben finden will.


(Bild aus Silence von Martin Scorsese; Copyright: Paramount Pictures)

Martin Scorsese, euphorischer Prediger der siebten Kunst, wurde ins Kino initiiert von einem Priester, mit dem er eine langjährige Freundschaft pflegte, der sich mit Kindern und Jugendlichen auf Treppen in Little Italy setzte und mit ihnen über Filme diskutierte. Dann zog wieder eine Prozession vorbei, das große Schauspiel in den engen Gassen, man denkt sofort an die brillante Sequenz aus The Godfather: Part II von Francis Ford Coppola. Für Scorsese könnte das Kino eine Kirche sein. Man sitzt in dunklen Räumen und blickt auf ein Licht. Martin Scorsese, in dessen Filmen sich Sünde und Glaube treffen, fulminant, ohne Atempause und doch mit einem Hang zur spirituellen Geste. Martin Scorsese, der Jesus gefilmt hat, Priester, Mafiagangster, Polizisten, Taxifahrer, Krankenwagenfahrer, der Figuren des Lichts und der Nacht umarmt hat. Für ihn und seine Filme spielt der Glaube eine große Rolle. Der Glaube ist ein Zweifel, eine Hoffnung, ein Ritual, eine Liebe, ein Kriegsgebiet, ein Anlass, ein Verlust oder eine Verblendung.

Es geht eine ganze eigenwillige Spiritualität von seinem Kino aus. Sie ist nicht vergleichbar mit jener von Robert Bresson oder Carl Theodor Dreyer, die beide in Paul Schraders Buch Transcendental Style in Film eine prägende Rolle spielen. Schrader schrieb für Scorsese Taxi Driver, Raging Bull, The Last Temptation of Christ und Bringing Out the Dead. So sehr darin die Konflikte angelegt sind, die man etwa aus Bressons Journal d’un curé de campagne kennt, so weit weicht Scorseses Stil dann davon ab. Statt einer sinnlichen Materialität setzt er oft auf ein gewaltvolles Fließen der Bilder. Statt auf Gesten setzt er meist auf Handlungen. Statt auf Schweigen setzt er in der Regel auf Redeschwall. Statt auf Reduzierung setzt er häufig auf Überfüllung. Es ist sehr spannend, dass sich die Figuren seltener moralische Fragen stellen, also zum Beispiel wie sie Gutes tun können, sondern eher wie sie ihrer Religion gemäß leben können. Dazwischen liegt ein feiner, aber entscheidender Unterschied: sie nehmen das Gute und das Böse bereits als von der Religion definiert hin, werden also nicht wie bei den genannten Dreyer oder Bresson auf Fragen des Glaubens vor der Religion geworfen. Das heißt nicht, dass Religion einfach hingenommen wird. Dennoch ist es bezeichnend, dass Scorsese zum Beispiel mit Silence Stoffe wählt, die geschichtlich verankert sind. Es geht ihm oft um die ganz praktische Ausübung eines Glaubens oder die Existenz dieses Glaubens – in der Regel des katholischen – in bestimmten Milieus wie etwa in Mean Streets. Scorsese verhandelt kaum Fragen des Glaubens, ohne sie ganz konkret mit der Religion zu verknüpfen.


(Trailer zu Silence)

Dabei beherrscht Scorsese aber durchaus jene Ambivalenz in Glaubensfragen, die ein spirituelles Kino ermöglichen. Er stellt Fragen nach dem Sinn, dem Guten und Bösen, obwohl ihn mehr noch ein Leben mit dem Glauben interessiert. Es ist ein Kino, das den Glauben über den Zweifel, das Leiden und die Arbeit damit ermöglicht. Nur äußerst selten gibt es Bilder des Glücks in seinem Kino. Wenn es ein Glück gibt, dann ist es das materialistische Glück der Sünde, das früher oder später zusammenbricht. Ein wichtiger Faktor für die Glaubensfragen bei Scorsese – und das hat er sich durchaus bei Bresson abgeschaut – ist die Verwendung von Voice-Over-Monologen. Durch sie vermag er in Filmen wie Taxi Driver oder Silence nicht nur in die hadernden, leidenden Gedanken seiner Protagonisten blicken, sondern er öffnet auch einen Widerspruch zwischen Bild- und Tonebene. Dieser verweist nicht zuletzt auf die bei Scorsese auseinander gefallenen Kategorien von Fleisch und Geist. Hier das Ideal, dort die Wirklichkeit, in der sich das Ideal behaupten muss.

Es ist nicht einfach mit dem Glauben bei Scorsese: Auf der einen Seite gibt es eine diabolisch-ironische Bekreuzigung von Jack Nicholson in The Departed, auf der anderen Seite die mit Steinen beworfene, um ihr Leben brüllende Sünderin Maria Magdalena in The Last Tempation of Christ. Hier die Faszination mit den Gangstern, den Teufeln in uns, die sich nehmen, was sie wollen, die dafür sorgen, dass man im Kino immer zu den Bösen hält wie in Goodfellas. Dort der unbedingte Wille, der zum Teil verblendet-arrogante Kampf, um Gutes zu tun wie in seinem neuesten Film Silence. Hier die Erleuchtung im Blick in den Spiegel in Raging Bull, dort der sakral überhöhte, aus Gottesperspektive rekapitulierte Tötungsakt in Taxi Driver. Es gibt Ideen von Vertrauen und Vergebung, die immer dann besonders anschaulich sind, wenn sie in eine Liebesgeschichte verflochten werden. Nein, es ist wirklich nicht einfach mit dem Glauben bei Scorsese, man muss sich nur ansehen, wer sich wann bekreuzigt, wer welches christliche Tattoo hat oder die goldenen, christlichen Ketten küsst, die um die lässigen Hälse hängen. Zwei Tendenzen lassen sich ausmachen: Zum einen gibt es einen oberflächlichen Glauben, der bei Scorsese immer auf den Gestus eines bestimmten Milieus verweist. Das zeigt sich sehr gut in seinen Mafiafilmen wie Goodfellas oder Casino. Und zum anderen gibt es eine globale Auffassung von Glauben, eine aufrichtige, die immer mit großem Leiden verbunden ist – im Kleinen in Who’s That Knocking At My Door? und im Großen in The Last Temptation of Christ. Am liebsten zeigt Scorsese Leid und Sünde, also sozusagen das Scheitern nicht des Glaubens, sondern das Scheitern am Glauben.


(Trailer zu The Last Temptation of Christ)

An was glauben eigentlich die Figuren bei Scorsese? Auf den ersten Blick glauben sie vor allem an sich selbst. Oft ist es ein Weg heraus, aus dem was sie sind, damit sie "etwas werden können". Es ist bezeichnend, dass Scorsese selbst sagt, dass diese Wege für ihn immer nur in zwei Dingen lagen: in der Religion und im Kino. Sie glauben immer auch an ein Bild, ein Image, sei es von sich selbst, von einer Welt, die sich ihnen darbietet, oder eben von Gott. Die Nähe zwischen den Illusionen dieser Bilder, den Zweifeln an ihnen und ihrer Manifestation in der Wirklichkeit variiert. Das liegt auch daran, dass Scorsese gerne mit symbolträchtigen Bildern arbeitet. Man denke an die Reinigungszeremonie der Mutter, die er an den Anfang von The Aviator stellt, oder die "Kreuzigung" im Bett bei Who’s That Knocking On My Door?. Das Oszillieren zwischen den Idealen des Glaubens und ihrem Ausleben in einer Wirklichkeit führt meist zu Leid bei Scorsese. Die Leidensbilder durchziehen sein Kino. Er versucht innere Kämpfe durch extreme Kamerapositionen, Lichter und sich wild bewegende Menschen greifbar zu machen. Das ultimative christliche Leidensbild von Jesus am Kreuz tritt dabei immer wieder in Erscheinung. So wie in den Bildern der Sünde in seinem Kino liegt auch in den Bildern des Leidens immer ein Spektakel. Es sind bewusst große Bilder, bei denen man nur in Ausnahmen hinter die Freude ihrer Inszenierung blicken kann. Das könnte daran liegen, dass Leiden für Scorsese neben einer Erscheinung von Glauben auch eine Erscheinung von Kino ermöglicht. Es führt kein Weg vorbei, man muss diese beiden Elemente zugleich berücksichtigen. Zumal Scorsese Religion und Film gleichermaßen über einen Bilderglauben zu definieren vermag, eine Hinwendung an die Illusion, ein Eintauchen in eine Erfahrung mit Bildern, die innerhalb und außerhalb der Kadrierungen leben. Wenn das Bild von Jesus am Kreuz ein Motiv der Repräsentation des christlichen Glaubens ist, dann ist es bei Scorsese auch ein Kinobild. Dadurch entsteht eine Gleichzeitigkeit von affirmativen und distanziert-kritischen Glaubensbekenntnissen, von einem Spektakel und einem Zweifel.

(Patrick Holzapfel)