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14 29/04

Das 21. Internationale Trickfilmfestival in Stuttgart - eine Schlussbetrachtung

Dem Animationsfilm geht es gut. Dieses Eindrucks kann man sich nach fünf Tagen auf einem Trickfilmfestival nicht verwehren. Zumindest wenn man sich vor allem für Langfilme interessiert, die irgendwann den Weg ins Kino oder wenigstens auf den Heimvideomarkt finden, sieht man sich heute einer Auswahl gegenüber, von der man noch vor zehn bis 15 Jahren nur träumen konnte. Das ist auch gut für die Branche, weil viel Produktion natürlich auch zu mehr Arbeitsplätzen führt. Fast jeder, mit dem ich im Laufe des ITFS gesprochen habe, hat mir diese Ansicht bestätigt - von den Geschäftsführern des Festivals - die natürlich von Amts her verpflichtet sind, Dergleiches zu sagen - bis zum Animationshistoriker Paul Wells.

Regisseur Ben Stassen mag grummeln, dass die Hollywood-Studios ihm für Familienfilme alle guten Starttermine wegschnappen, aber das ist dann schon Jammern auf hohem Niveau. Der belgische 3D-Mogul, der seit Jahren versucht, mit Filmen wie Fly Me to the Moon und Sammys Abenteuer eben diesen Studios Konkurrenz zu machen, war in Stuttgart um sein neuestes Werk Das magische Haus vorzustellen. Der Film, der auf dem ITFS Deutschlandpremiere feierte, kommt am 22. Mai regulär in die Kinos.

(Filmbild aus Das magische Haus, Copyright: StudioCanal)

Und er ist, das muss ich anerkennend (und nach einem grausam schlechten Trailer auch überrascht) feststellen, gar nicht schlecht geworden. Keine tiefgreifende Charakterstudie natürlich, aber eine 3D-Rutschfahrt, die wirklich Spaß macht und der es gelingt, den Zuschauer in den Film hineinzuziehen. In einer Art Neu-Interpretation von Kevin - Allein zu Haus verteidigen in Das magische Haus ein paar Tiere und die mechanischen Erfindungen eines Bühnenzauberers dessen altes Haus gegen einen fiesen Immobilienmakler. Animation und Effekte müssen sich nicht verstecken und weil die prominenten Sprecher - Matthias Schweighöfer, Didi Hallervorden und Karoline Herfurth - dieses Mal tatsächlich alle schauspielern können, ist auch die deutsche Fassung keine Fremdschämveranstaltung geworden. Vielleicht auch ein Zeichen dafür, wie arriviert der große, europäische Trickfilm, von StudioCanal immerhin mit einem 25 Mio-Euro-Budget ausgestattet, inzwischen ist.

Gut genug für einen Preis ist Das magische Haus damit natürlich noch nicht. Den Langfilmpreis gab die Jury gestern abend The Garden of Words von Makoto Shinkai. Eine absehbare Wahl, wenn auch The Art of Happiness und Giovanni's Island sicherlich ebenso geeignete Kandidaten gewesen wären. Der wahre Gewinner ist aber tatsächlich der Zuschauer, der dieses Jahr ganze zwölf statt wie sonst acht Langfilme anschauen konnte.

(FIlmbild aus The Garden of Words, Copyright: Copyright: CoMix Wave Films)

Und überhaupt gibt es für den besten Langfilm ja nur 2.500 Euro - vielleicht kann Shinkai-san sich von dem Preisgeld ja nächstes Jahr mal eine Reise nach Stuttgart gönnen. Das richtig große Geld wird auf dem ITFS im Kurzfilmwettbewerb ausgeschüttet. Und dort entschieden sich Dänemarks Animationslegende Jannik Hastrup, Produzent Peter Rommel und Ex-Warner-Bros.-Animationschef Max Howard ausgerechnet für zwei vergleichsweise abstrakte Werke. Through the Hawthorn (Grand Prix, 15.000 Euro) erinnert mit seiner Triptychon-Struktur eher an eine Installation denn an einen Kinofilm und Home (Förderpreis, 10.000 Euro) ist eine Art Dada-Poetry-Slam. Gerade weil diese Wahl angesichts der vielen aufwändig erzählten Konkurrenten so überrascht, wünsche ich mir mehr solch subversive Jurys und weniger, die es allen recht machen wollen.

(Filmbild aus Through the Hawthorn..., Courtesy: ITFS 2014)

Dem Publikum kann man so viel Subversion natürlich nicht zumuten. Das nämlich schüttete sein Preisgeld verlässlich auf den größten Haufen - den der luxemburgischen Produktion Mr. Hublot über einen mechanischen Neurotiker und seinen Hund, die im März bereits den Oscar gewonnen hatte. Mehr Abstraktion dafür wieder beim "Young Animation"-Preis für den besten Studentenfilm. Der ging an The Shirley Temple von Daniela Sherer, den ich leider ebenso verpasst habe wie den "Tricks for Kids"-Gewinner L`Automne de Pougne. Die volle Liste der Preisträger findet sich (irgendwann) auf der Festival-Website.

(Filmbild aus Mr. Hublot, Courtesy: ITFS 2014)

Für Trickfilm-Enthusiasten wie mich befindet sich der Animationsfilm derzeit in einem Sweet Spot. Die Gattung ist erfolgreich genug und hat mit ihren Verknüpfungen zur VFX- und Videospiel-Branche genug Relevanz gewonnen, dass ein Festival wie das ITFS ausreichend Gelder und Zuschauer einsammeln kann, um die kritische Wahrnehmungsschwelle zu erreichen. Gleichzeitig ist Animation als Interessensfeld aber immer noch so speziell, dass ein ihr ausschließlich gewidmetes Festival authentisch und publikumsnah daher kommen kann, ohne Dünkel und unterhalb des Radars von Prominenz-Berichterstattung und High-Society-Glamour.

Man teilt sich den Kinosaal also in Stuttgart nach wie vor fünf Tage lang mit Nerds, Kindern und nicht-diskriminierenden Filmliebhabern. Eine bessere Erfahrung kann man sich kaum wünschen.

(Alex Matzkeit)

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: ITFS am: 29.04.14
Wunderbarer Bericht! Die ITFS-Preisträger stehen übrigens seit gestern online! www.itfs.de/start/festival/preistraeger-des-itfs-2014/