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16 19/01

Cracked Actor: Show Me You‘re Real/Show Me Your Reel

Zum Filmschauspiel von David Bowie

Von David Bowie als Schauspieler zu sprechen, ist eine doppelbödige Angelegenheit. Denn zum einen ist das Lebenswerk des vergangene Woche im Alter von 69 Jahren verstorbenen Künstlers ein einziges Spiel mit dem Schauspiel und zum anderen folgte er einer tatsächlichen Karriere als Filmschauspieler. Dieser Text versucht sich mit letzterer zu beschäftigen, obwohl die Übergänge bei Bowie immer fließend sind.


(Bild aus Der Mann, der vom Himmel fiel von Nicolas Roeg; Copyright: Studio Canal)

Allein die Rollenwahl des Briten zeigt, dass er das Filmschauspiel nicht zwangsläufig als einen von seiner Musikkarriere abgetrennten Bereich betrachtet hat, sondern das sein Lebensstil der Fragmentierung sich auch in seinen Rollen widerspiegelte, die immer wieder mit dem Image und der Persona des Stars spielten. Fast könnte man meinen, dass Holy Motors von Leos Carax, der aus seiner Liebe zur Musik Bowies keinen Hehl in seinen Filmen macht, in Wahrheit nichts anderes ist, als ein geheimes Biopic über die Leben von David Bowie. So finden sich viele Fremde und Außenseiter in seinem Repertoire, wobei seine Rolle als Alien Thomas Newton in Nicolas Roegs großartigem The Man Who Fell to Earth wohl heraussticht aus einer Ansammlung von Kuriositäten und Schönheiten.


(Trailer zu Holy Motors von Leos Carax)

Dennoch ist die Vibration in der Schauspielkarriere von Bowie ganz im Gegensatz zu seiner Musik weniger eine Frage der Performance als des Castings. Damit soll gesagt sein, dass sich der Effekt eines überraschenden Akkords, einer für die Ewigkeit bewegenden Textzeile auf Film übertragen oft nur in der Feststellung hält, dass Bowie diese oder jene Entscheidung getroffen hat. Seine Rollenauswahl ist so schlau, dass sich die größere Freude häufig über die Vorstellung von ihm in diesem Film findet, als ihn dann tatsächlich zu sehen. Ein sehr gutes Beispiel wäre seine Rolle als Andy Warhol in Julian Schnabels Basquiat. Das hat nichts damit zu tun, dass er ein schlechter Schauspieler wäre, wohl aber damit, dass Bowie im Schauspiel tatsächlich an dem scheitert, was ihm sonst so vortrefflich gelungen ist: der Flucht aus seiner eigenen Haut. Denn sieht man Bowie, sieht man immer Bowie. Vor allem hört man auch Bowie, dessen Stimme in ihrer klaren Überlegenheit oft aus seinen Figuren springt wie eine falsche Geste. Nie konnte er wirklich in einer Rolle verschwinden, weshalb es auch logisch ist, dass er fast immer Rollen auswählte oder prägte, die mit dem kommunizieren, was wir glauben, dass Bowie sein könnte.

In einer Reihe mit anderen berühmten Pop- und Rockstars sticht Bowie dennoch heraus in seinem Filmschauspiel, weil er mehrere gelungene Versuche unternahm, den Grenzen dieser Fame-Belastung zu entrinnen. In Filmen wie Merry Christmas Mr. Lawrence von Nagisa Ōshima oder The Hunger von Tony Scott gelangen ihm kraftvolle Performances. Das war immer dann möglich, wenn sich Regisseure nicht zu sehr auf die Meta-Ebene von Bowie als Bowie stürzten, sondern Brüche, Abhängigkeiten und Sinnlichkeiten in den Figuren des Popstars offenlegten. Ōshima war über Bowies Performance in der Broadway-Version von The Elephant Man auf ihn aufmerksam geworden. In Ōshimas Film offenbart Bowie ein transzendentes Charisma, das sich wohl am einfachsten mit seiner Fähigkeit zu Leuchten umschreiben lässt. Als Gefangener Major Jack Celliers besticht Bowie vor allem auch in einer Einfachheit, Direktheit und Bescheidenheit seines Spiels. Seine Art der Selbstdarstellung involviert das Zurücknehmen, das Understatement. Eigentlich kann man in allen Filmen mit Bowie diese Tendenz beobachten. Er variiert sich selbst in Nuancen und je mehr seine Figur in den Mittelpunkt rückt, desto mehr zieht er sich in seinem Spiel zurück. So geschehen große Liebeserklärungen wie in The Linguini Incident fast beiläufig, und in Momenten großer Stärke blitzt – da reicht der Schauspieler doch an den Musiker heran – eine nicht geahnte Verwundbarkeit auf.


(Bild aus Merry Christmas Mr. Lawrence von Nagisa Ōshima; Copyright: Arthaus)

Bowie hatte Tanz und Mimik bei Lindsay Kemp studiert. Wenn man genau auf seine Darstellungen achtet, dann kann man nicht nur in den offensichtlichen Tanzszenen wie in Jim Hensons Labyrinth, in dem Bowie als verlockender Verführer Jareth the Goblin King für Furore sorgte, eine Betonung der Körperlichkeit entdecken. Vor allem die Hände haben es in Bowies Spiel in sich. Die Art und Weise wie sich seine Finger in The Hunger in seinen Hut vergraben, trägt in sich die ganze Zerbrechlichkeit einer plötzlichen Sterblichkeit, der sich seine eigentlich unsterbliche Figur stellen muss. Ähnlich faszinierend, weil zugleich mächtig, enigmatisch und verschlossen, liegen seine beiden Hände ineinander, als er in der Rolle des Pontius Pilatus in Martin Scorseses The Last Temptation of Christ Jesus im überbordenden Licht einer hallenden Katakombe konfrontiert. Diese Körperlichkeit und Verwundbarkeit entsteht auch aus einer Spannung zwischen dem, was Filmemacher Julien Temple einmal als den normalen und den hell leuchtenden David Bowie bezeichnet hat. Dieses Phänomen wurde der Welt vergangene Woche in einem letzten Akt noch einmal in all seiner Poesie vorgeführt. Es mag ein wenig bizarr wirken, bei einem Ableben von Poesie zu sprechen, aber im Fall von Bowie ist selbst der Tod nicht vor dem Schauspiel sicher. Und plötzlich wurde uns bewusst, dass dieser helle, leuchtende Stern ein Mensch ist. Genau über diese Sensation in der Erscheinung von Bowie spricht Temple. Immer wieder spielte er Figuren, die übertragen oder tatsächlich von einem anderen Planeten kommen, völlig fremd und doch mit menschlichen Bedürfnissen, mit Verlangen und Ängsten. Und wenn diese zum Vorschein kommen, tritt ein Mensch aus dem Cracked Actor. Der Effekt funktioniert natürlich auch andersherum. Schließlich ist man oft überrascht ob der scheinbaren Normalität von Bowie, aus der plötzlich eine Merkwürdigkeit, etwas Übersinnliches treten kann. In The Man Who Fell to Earth verschwimmen diese Grenzen durchgehend. Es ist eine Performance, die heftig vom Drogenkonsum Bowies in jenen Tagen gekennzeichnet ist, die aber gerade deshalb etwas in sich trägt, was er nicht mit seinen Gedanken steuern konnte. Vor allem sein zerbrechlicher Körper drückt sich durch die Oberfläche des Films hindurch wie ein Reigen tödlicher Lust. Es ist eine Lust am Spiel mit dem eigenen Image. Bowie spielt in diesem Film wie vielleicht sonst nur ganz große Schauspieler wie Jean-Pierre Léaud oder Jimmy Stewart eine Imitation von sich selbst, die zugleich die Oberflächen seiner Starpersönlichkeit hinterfragt und tiefer in sie eindringt. Er war in diesem Film zugleich nicht-menschlich und völlig er selbst.


(Trailer zu Der Mann, der vom Himmel fiel von Nicolas Roeg)

Sein Starren aus diesen zwei unterschiedlichen Augen ist zugleich ein Blick in die Seele und die Deformation dieses Blicks. Folgerichtig ist sein Spiel auch oft zwischen dem Kuss und einer Waffe angesiedelt. Es gibt eine Verunsicherung, die verführt, und wenn man sich hingibt, wird man verunsichert. Es überrascht nicht, dass er wie in The Hunger dann besonders glänzt, wenn er beides zugleich machen darf, küssen und töten. Seine Interpretation von Andy Warhol in Basquiat ist zugleich eine Parodie und ein ernsthafter Versuch, etwas zu verstehen. Die dunklen Gestalten, jene mit Geheimnissen und dem anrüchigen und körperlichen Gestus einer Versuchung, lagen ihm letztlich am besten. Er spielte einige Bösewichte. Mit Schnauzer in einem Messerkampf mit Jeff Goldblum und Carl Perkins in Into the Night von John Landis oder mit einer geisterhaften Gesangseinlage ("Glory, glory hallelujah! And the soul keeps marching on.") in Il Mio West auf der Jagd nach Harvey Keitel.


(Bild aus Prestige - Die Meister der Magie von Christopher Nolan; Copyright: Warner Bros.)

Im Film war Bowie immer dann herausragend, wenn seine sichtbare Fremdheit mit dem Selbstvertrauen seiner Erfahrung mit dem Außenseitertum spielte. Das gilt für launige Geschäftsleute wie in Absolute Beginners genau wie für die bedauernde Nüchternheit seiner Interpretation von Nikola Tesla in Christopher Nolans The Prestige. Letzterer ist auch ein Film über das Schauspiel, über die Tricks, den Zauber, die es Bowie nicht nur in seiner Filmographie besonders angetan haben. Er spielte oft Rollen von Menschen, die Rollen spielen (mussten). Aber natürlich wäre Bowie nicht Bowie, wenn man manche Dinge doch nicht so einfach einordnen könnte. Sein Auftritt in David Lynchs Twin Peaks vermag selbst im Universum von Lynch noch bizarr zu wirken, und sein erster Auftritt in einem Film, nämlich jener im Kurzfilm The Image, in dem er aus einem Bild erwacht, um den Schöpfer zu jagen, sind kaum in Worte zu fassen. Deshalb sollte man am Ende wohl doch zuhören, was Bowie selbst gesungen hat, denn schließlich war seine Musik auch immer wieder eine Auseinandersetzung mit dem Schauspiel des täglichen Lebens und dem Schauspiel des Ruhms. "He could be dead, he could be not, he could be you. He's Chameleon, Comedian, Corinthian and Caricature."


(David Bowie in The Image von Michael Armstrong)

(Patrick Holzapfel)