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15 21/12

Advent, Advent: Martin Beck über "Victoria"

..., bei dem er wieder ein bisschen glauben gelernt hat.


(Martin Beck)

Was soll ich sagen: So ungefähr ab dem Moment, als in Die Sieger die drehende Nachttischlampe eingeschaltet wurde und ein trauriger Monolog einer traurigen Frau erschallte, war's bei mir mit dem deutschen Film aus. Ganz pauschal, genreübergreifend, exklusive versprengter Ausnahmen, exklusive der Bahnhofskino-Exploitation der 1960er und 1970er Jahre. Sowas wie Zinksärge für die Goldjungen, das zieht immer, doch ansonsten geht mir das alles völlig am Hemdkragen vorbei. Man stellt bei einem "Actionfilm" einfach keine drehende Nachttischlampe an und hält dann einen traurigen Monolog. Das ist ein Widerspruch in sich.

Was Die Sieger mit mir angerichtet hat, muss etwas Schlimmes gewesen sein, denn erst dieses Jahr wurde ich davon geheilt. Also jetzt nicht wirklich geheilt, aber immerhin in eine Stimmung versetzt, die nicht mehr pauschal den Hammer schwingen lässt. Victoria hat mich wirklich fasziniert, auf eine neugierig machende Weise, die einzig der spektakulären Form zu verdanken ist. Was wäre gewesen, wenn ganz am Ende, als es wieder Morgen wird, ein torkelnder Fußgänger ins Bild eiert und "ey, dreht ihr einen FILM!?" lallt? Was wäre gewesen, wenn der Kameramann mal aufs Klo oder niesen muss. Was wäre gewesen, wenn nur ein Satz verhaspelt wird?

Der nächste Take wäre dann gewesen, und alleine diese Vorstellung, dass mit zunehmender Laufzeit alle Beteiligten immer nervöser geworden sind, hat mich völlig in den Bann gezogen. Auf so ein Konzept kann doch normalerweise nur ein ambitionierter Frischling oder eine SFX-Bude kommen, die dann nachträglich nochmal "glättet", aber doch nicht ein halbwegs arrivierter deutscher Regisseur, der zuvor unter anderem Mitte Ende August gedreht hat. Ich saß im Kino und staunte. Das fühlte sich einfach frisch an, anders ... und leider auch wieder Deutsch. Dieses Drehbuch und diese Dialoge, gerade in der furchtbar zerdehnten ersten Hälfte – Hilfe. Wie gut nur, dass der formale Stunt spektakulär genug für alles andere ist.


(Trailer zu Victoria von Sebastian Schipper)

Was von Victoria bei mir bleibt, ist ein gutes Bauchgefühl und Neugierde auf weitere deutsche Filme ohne drehende Nachttischlampen. Ich bin ein bisschen versöhnt, Halleluja! Was doch eine Freikarte und ewiges, e-w-i-g-e-s Zureden lieber Freunde so bewirken können ...

(Martin Beck schreibt. Wo und was steht unter www.atomik-films.de.)