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15 02/12

Advent, Advent: Maria Wiesner über "Wild Tales"

..., der sie zum Lachen brachte


(Maria Wiesner)

Es gibt diese Wochen, da kommt man montags ins Büro und hofft schon auf den Freitag. Für gewöhnlich sind das die Tage, an denen obendrein irgendein Idiot den Reifen am Fahrrad platt macht, die Schlange im Supermarkt die längste ist (auch wenn die anfangs überhaupt nicht danach aussah!), der Kellner die Bestellung verkehrt aufnimmt und das Kino das Programm geändert hat, sodass der Film, den Sie eigentlich sehen wollten, um diesen ganzen furchtbaren Tag zu vergessen, schon angefangen hat. An einem solchen Tag sah ich deshalb durch einen glücklichen Zufall Wild Tales – die bitterböse argentinische Komödie von Regisseur Damián Szifron.

Sechs Episoden thematisieren all die Widrigkeiten des Alltags, die uns an den Rand des Wahnsinns treiben. Doch Szifron lässt seine Darsteller mit Anlauf über diesen Rand springen. Da ist zum Beispiel Simón (Ricardo Darín), ein Sprengstoffexperte, der zum Geburtstag seiner Tochter eine Torte abholen soll. Fünf Minuten hat er das Auto stehen gelassen. Als er mit der Torte im Arm zurückkommt, ist es bereits abgeschleppt. Er habe die gelbe "Parken-Verboten-Markierung" missachtet, heißt es. Dass die bereits so verwaschen war, dass Simón sie gar nicht sehen konnte, interessiert niemand. (Na, kommt Ihnen das bereits bekannt vor? Es wird noch besser!) Natürlich schraubt sich das Drama noch weiter hinab in die uns allen bekannte Hölle, die ja laut Sartre immer die anderen sind: Simón schreit den Kassierer der Abschleppfirma an, wird verhaftet, kommt in die Schlagzeilen, seine Firma feuert ihn, die Frau will die Scheidung und das Sorgerecht für die Tochter, Simóns Auto wird abermals abgeschleppt. Und das bringt das Fass zum Überlaufen. Simón springt mit Anlauf über den Rand, der uns vom Wahnsinn trennt; soll heißen: Er sprengt die Abschleppfirma in die Luft. (Spätestens an dieser Stelle habe nicht nur ich laut gelacht, der halbe Kinosaal johlte. Hat sich insgeheim jeder hier schon einmal ausgemalt, wie es wäre, wenn man ähnlich reagieren könnte?)


(Trailer zu Wild Tales von Regisseur Damián Szifron)

Und genauso tiefschwarz geht Wild Tales weiter: ein Drängeln zwischen zwei Autofahrern wird zum tödlichen Rennen, eine Kellnerin nimmt Rache an dem Immobilienhai, der ihre Familie in den Ruin trieb, eine Affäre wird ausgerechnet auf der Hochzeit des Liebhabers aufgedeckt, die Braut rastet aus, großes Drama (Braut schläft mit Kellner, stößt die Liebhaberin in einen Spiegel, rauft sich mit Schwiegermuttern) und am Ende große Versöhnung (mit Sex auf der Tanzfläche) – Sie wollen das sehen! Dieser Film hat mich nicht nur mit dem lateinamerikanischen Kino versöhnt (jaja, das hat eigentlich schon Pablo Larraín mit Post Mortem getan, aber außer ihm konnte mich da lange nichts vom Hocker reißen). Nein, er hat mir obendrein einen jener furchtbaren Montage gerettet. Manchmal sehnen wir uns doch nach Eskapismus aus diesen nichtigen Problemen, die sich Alltag nennen. Und dann brauchen wir bitterbösen Humor, der uns von all der Achtsamkeitsrhetorik erlöst, die uns einbläuen möchte, dass wir jede Widrigkeit mit buddhistischem Lächeln hinnehmen müssten. Nehmen Sie es nicht hin! Regen Sie sich auf! Seien Sie mal ein bisschen wütend, und schauen Sie dann Wild Tales, dann überstehen Sie auch die restliche Woche.

(Maria Wiesner ist für gewöhnlich mit sich und ihrem Beruf sehr zufrieden. Sie arbeitet als freie Redakteurin und Autorin unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und reist als Reporterin durch die Welt. Am liebsten ist sie in Italien und dem Balkan unterwegs – und wenn sie sonst Zeit hat, geht sie ins Kino.)