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16 16/12

Advent, Advent – Björn Helbig über "X-Men: Apocalypse"

1944: Ein Junge mit besonderen Fähigkeiten verliert durch die Nazis seine Eltern und ist seitdem vom Wunsch nach Rache beseelt. Doch keine Vergeltung heilt die ihm zugefügten Wunden - zu groß sind die Narben, die auf seiner Seele liegen. Der Grundstein für den Krieg zwischen Mensch und Mutant ist gelegt. 

So beginnt im Jahr 2000 die X-Men-Filmreihe, die ich seitdem mit großer Faszination verfolge. Und schon in diesen ersten Momenten wird klar: Das Böse, das sind immer die Anderen. Ein Blick in die Zeitung reicht, um festzustellen, dass dieser Satz auch außerhalb von Comic-Verfilmungen Gültigkeit hat. Wohin werden die Konflikte zwischen Menschen führen, die unterschiedlich aussehen, unterschiedliche Fähigkeiten haben oder unterschiedlich glauben? 

Je mächtiger die Menschheit, desto näher führt jeder Konflikt an den Rand der Apokalypse. Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet "Enthüllung", "Entschleierung". Gemeint ist damit der tatsächliche Welt-Untergang, das Ende der Geschichte. Und genau das steht im nunmehr sechsten Film X-Men: Apocalypse bevor. Weil jedem Ende auch ein Anfang innewohnt und der titelgebende, gottgleiche Mutant der Meinung ist, ein Neustart täte dieser verkommenen Welt ganz gut. Dass dieser Gedanke durchaus seinen Reiz hat, findet nicht nur besagter Junge, der seine Eltern verlor. Nein, der Film ist gut, weil man diese Sicht, auch wenn man sie nicht teilt, zumindest verstehen kann.

Für mich gehört der Film (sowie seine Vorgänger X-Men: Erste Entscheidung und X-Men: Zukunft ist Vergangenheit) mit Sicherheit zum Besten, was das Genre derzeit zu bieten hat, nicht nur, weil er innerhalb der engen Genre-Grenzen funktioniert, sondern auch als Drama, als Liebesgeschichte, als Sinnsuche, Science-Fiction und moralisch-philosophisches Lehrstück. In den X-Men-Filmen zeigt sich, dass wir unsere Geschichte selbst entwerfen. Auch wenn nicht jedes Detail des Films hundertprozentig gelungen ist, ändert es nichts daran, dass mich der Film zu Tränen gerührt, mir eine Gänsehaut beschert und mich zum Schmunzeln und - bestes Indiz dafür, dass er zu meinen schönsten Kinoerlebnissen 2016 gehört - zum Nachdenken gebracht hat. Es geht um elementare Konflikte, Krieg, Frieden, Macht, Verantwortung, Einsamkeit und Freundschaft, Schuld und Vergebung ... Da wird einem fast etwas weihnachtlich zumute. 

Um die Brillanz von X-Men: Apocalypse zu verstehen, blicke ich noch einmal zurück: Ab X-Men: Erste Entscheidung, dem ersten Teil der Prequel-Trilogie, die chronologisch vor den zuerst gedrehten drei Teilen X-Men, X-Men 2 und X-Men: Der letzte Widerstand angesiedelt ist, wird eine raffinierte alternative Realität zu dem bis dahin existierenden X-Men-Universum aufbaut. Diese alternative Zukunftslinie ermöglicht, sich von den ersten drei Filmen zu distanzieren, ohne sie zu leugnen. Das eröffnet nicht nur erzählerisch interessante Chancen, auch philosophisch ist dieser Zugang faszinierend. Um  noch mal eine Verbindung zur realen Welt zu schaffen: das Denken in Möglichkeit oder Szenarien gehört zu den Hauptwerkzeugen der modernen Zukunftsforschung, die sich mit der Frage beschäftigt, was sein könnte, wie wir leben wollen und angesichts der zunehmenden geopolitischen Herausforderungen überhaupt überleben können. Das tut auch der Film, allerdings nicht auf eine wissenschaftlich abgehobene Weise, sondern ganz nah an seinen Figuren, in deren Vielzahl wir auch immer ein Stück unserer selbst wiederfinden. Damit werden nicht nur die Konflikte nachvollziehbar, sondern auch die Lösungen lassen sich am Horizont erahnen. Das Böse, das sind die Anderen, oder um mit den Worten des eingangs erwähnten Jungen, der sich später Magneto nennen wird, zu sprechen: "Peace was never an option." Oder doch? Müssen wir die Apokalypse erst durchleiden, bis wir in unserer unverwechselbaren Einzigartigkeit zusammen Frieden finden oder gibt es noch eine andere Möglichkeit? Vielleicht können uns Filme wie X-Men: Apocalypse dabei helfen, den Vorhang ein wenig zur Seite zu ziehen, um den Blick durch das Fenster auf eine mögliche Zukunft zu werfen und zu überlegen, wie wir leben wollen. Ich jedenfalls denke mir jetzt ein paar Neujahrsvorsätze aus!

(Björn Helbig)

 

Björn Helbig hat in den späten 1970er Jahren angefangen, Filme zu schauen - und bisher nicht damit aufgehört. Seine Nachbarn bezeichnen ihn als liebenswürdigen, freundlichen und zurückhaltenden Menschen. Trinkt Tee.