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17 05/12

Advent, Advent – Bianka Piringer über Filmszenen, die mit Leere und Langsamkeit provozieren

Klagen über Reizüberflutung und Hektik sind nichts Neues mehr, nicht im Alltag, nicht im Kino. Dabei ist die Aufmerksamkeitsspanne des modernen Menschen bekanntlich kurz, sein Auge daran gewöhnt, ständig nach weiteren Informationen zu schielen. In diesem Kinojahr haben sich mir allerdings ein paar Filmszenen besonders eingeprägt, weil sie die Erwartung, dass etwas passieren muss, bewusst und provokant frustrieren.


Trailer zu Helle Nächte

In Thomas Arslans Roadmovie Helle Nächte zum Beispiel sieht man einmal vier Minuten lang mit Vater und Sohn während der Autofahrt durch die Windschutzscheibe. Das Ziel liegt abgelegen in den norwegischen Bergen und soll als Ausgangspunkt für eine Wanderung dienen. Aber das Wetter ist so trübe wie die Stimmung im Auto, die Landschaft versinkt immer mehr in einer grauen Suppe, die auch den Verlauf der Straße verschluckt. Die Fahrt geht weiter mit nihilistischer Verbissenheit. Die Realität fragt zurück, welche abstruse Vorstellung einer Quality time Vater und Sohn hierher geführt hat. Die sinnlich spürbare Irritation fordert auch die Zuschauer heraus, denn die Entscheidung, ob die Situation kippt oder noch zu retten ist, liegt im Auge des Betrachters.

In A Ghost Story von David Lowery steht ein Gespenst im Raum. Wieder und immer wieder steht es einfach nur da, wird von Menschen, die kommen und gehen, weder gesehen noch gehört. Für ein Gespenst fühlt sich Zeit möglicherweise so an, aber darf ein Film die Zuschauer dermaßen frech mit Reglosigkeit, Bedeutungslosigkeit konfrontieren? Die Szenen, in denen der Stillstand lange und noch länger regiert, schüren die Spannung: Jetzt muss gleich etwas Schreckliches passieren, ein Knall, ein Tusch!

Ich war überrascht, als das nicht passierte. Unweigerlich wendet sich der Blick nach innen, wenn er sich an nichts festhalten kann. Wie viele Möglichkeiten hat ein Mensch, Freiräume zu füllen, wie viele lässt er unbeachtet, bis es zu spät ist? Ein Film läuft tendenziell Gefahr, sich selbst ad absurdum zu führen, wenn er die Leere als Reizfaktor einsetzt. Die Bereitschaft der Zuschauer, sich auf ein solches Experiment einzulassen, muss sich am Ende lohnen. Meiner Meinung nach ist das hier der Fall.

Was ist Achtsamkeit, was ist Achtsamkeitsmeditation? Ich hatte manchmal den Verdacht, dass diese Begriffe und Konzepte irgendwie hohl sind, Schaumschlägerei. Aber dann bekam ich den Beweis, dass sie reale, wunderbare Entdeckungen verheißen. Und zwar in einem Film von Marc Francis und Max Pugh mit dem Titel Walk With Me, der das Leben im französischen Kloster des Zen-Meisters Thich Nhat Hanh beobachtet. Auch hier diese endlosen Szenen, in denen die Entschleunigung die Zeit beinahe rückwärts laufen lässt. Wenn die Mönche schweigend spazieren gehen, dann wirkt ihre Langsamkeit geradezu aufreizend, lächerlich. Der Blick des Betrachters wird förmlich zur Ruhe gezwungen - und was passiert? Die Sinne öffnen sich.


Trailer zu Walk With Me

Der Baum, auf dem die Kamera ruht, erwacht zum Leben, er führt einen intensiven Dialog mit der Natur und ihren Elementen. Dabei steht er natürlich nur da, aber das eigene Auge hat die Reglosigkeit der Bäume bislang offenbar überinterpretiert. In einer langen Szene steht der Meister selbst vollkommen reglos da, hinter ihm reihen sich die Novizen, die es ihm gleichtun wollen. Ein junger Mann reagiert irritiert, lässt die Augen unruhig wandern, hat Mühe, seine Ungeduld und Langeweile zu kontrollieren. Man hört ihn im Geiste förmlich fragen, ob das hier ein Witz sein soll. Diese Frage aber ist auch in diesem starken, sinnlichen Film der Wendepunkt, an dem sich eingeschliffene Seh- und Denkgewohnheiten als Scheuklappen erweisen.

(Bianka Piringer)