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16 25/01

37. Filmfestival Max Ophüls Preis – Don’t look back in anger

Kehraus in Saarbrücken: Die 37. Ausgabe des Filmfestivals Max Ophüls Preis ist zu Ende gegangen. Samstagnacht wurden die Sieger geehrt – und nun wird wieder Ruhe im beschaulichen Saarland einkehren ... Nein, Moment! Etwas Entscheidendes war dann diesmal doch noch anders bei der wichtigsten Leistungsschau der jungen, sehr vitalen deutschsprachigen Filmszene.

 
(Copyright: Sebastian Woithe)

Am Tag eins nach der Preisverleihung kam mir Noel Gallagher in den Sinn. Ob er jemals die Festivalmacherin Gabrielle Bandel kennnengelernt hat, weiß ich nicht, aber seine Worte "Slip inside the eye of your mind / Don't you know you might find / A better place to play?" passen sowohl auf die ausgelassene Abschlussfeierei wie den zart-bitteren Abschied der Festivalleiterin. Die 37. Ausgabe des Max Ophüls Preis' ist nun wirklich die letzte der Frau, die schon vor dem Beginn des traditionell gemütlichen Festivalreigens im Saarland als Siegerin der Herzen feststand: Gabriella Bandel. Mit ihrem Zwangsabschied, auch wenn es die heimische Lokalpolitik des nicht gerade kulturell sprudelnden Saarlandes an dieser Stelle sicherlich gerne anders lesen würde, endet eine Ära – und hoffentlich damit nicht gleich das gesamte Festival. "Für ihren weiteren Lebensweg wünsche ich ihr alles Gute", schreibt da beispielsweise Saarlands Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer in ihrem so genannten Grußwort des Festivalkatalogs. Natürlich betont nüchtern – und in reinstem Bürokratendeutsch. Anstatt ihr den seit Jahren konstant niedrigen Etat von gut einer Million Euro weiter aufzustocken und so dafür Sorge zu tragen, dass auch in den nächsten 17 Jahren die Zukunft des Festivals gesichert ist. Genau so lange währte Bandels Amtszeit zusammen mit Philipp Bräuer und zuletzt alleiniger Verantwortung für das vergangene Festivaljahr (2015) sowie den aktuellen Jahrgang. Auffallend ähnlich klingt dies auch aus dem Munde der Hauptveranstalterin Charlotte Britz (OB Saarbrücken) an selbiger Stelle: "Ich wünsche Frau Bandel alles Gute für ihre Zukunft", was sich – nicht nur klausuliert – wie eine standardisierte Bewerbungsabsage liest.

Es war also kein Wunder – und mehr als gemeinsamer Trotz der anwesenden Branchenvertreter –, dass während einer spontanen einberufenen Pressekonferenz am Freitag zum Abschied Bandels noch einmal kurz die Emotionen hochkochten, Zwischenrufe, breiterer Diskussion im Pressebereich des Cinéstar-Centers sowie unter den wartendenden Besuchern vor den Kinosälen inklusive. Lediglich Wehmut war es beileibe nicht, sondern auch weiterhin offenes Unverständnis einiger Festivalgäste, gepaart mit Kritik an der eigenen, dann doch manchmal provinziell verqueren Kulturpolitik des kleinen Saarlands, das finanziell sicherlich nicht aus dem Vollem schöpfen kann. Aber ist das alleine ein Argument? 

Längst hat sich das Filmfestival Max Ophüls Preis innerhalb der Filmrepublik Deutschland als Spitzenfestival etabliert: Können – oder wollen – das die politisch Verantwortlichen, komplettiert um Thomas Brück (Dezernent für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Umwelt), nicht (ein-)sehen? Da bleibt ein kleiner, fader Beigeschmack, der an sich so gar nicht zur erneut insgesamt sehr heimeligen Grundstimmung passte. 

Auch ein Blick in die Social-Media-Welten von Facebook und Twitter, wo gleich mehrere Festivalbesucher ihre Unfreude – via Videos und manch herber Kommentare – über den nicht verlängerten Vertrag Bandels kundtaten, unterstreicht im Gesamtblick auf die zu Ende gegangenen Festivaltage vor allem eines: elegantere Amtsgeschäftsübergaben sind möglich – und im Sinne dieser bedeutenden Nachwuchsplattform zwingend erforderlich. Schließlich haben von hier aus beispielsweise erst im letzten Jahr gleich drei junge Filmemacher (Patrick Vollrath, Dustin Loose, Ilker Çatak) den ersten Sprung nach Hollywood zu den Studenten-Oscars nach Los Angeles geschafft. Bei der Rückreise nach Deutschland hatten sie gleich zwei Preise im Gepäck. Das sollen andere Festivals (wie z.B. Hof) erst einmal nachmachen! 

Und weiter geht’s mit Gallagher im Ohr: "She knows it's too late / Take me to the place where you go / Where nobody knows". Bisher konnte Gabriella Bandel noch nicht eindeutig erklären, wie und wo es mit ihr weitergehe. "Es ist schon eine emotionale Achterbahnfahrt", äußerte sie sich unter der Woche bei den Kollegen vom SR – und das glaubt man ihr aufs Wort. 

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Doch Was Bleibt, um einen passenden Filmtitel Hans-Christian Schmids heranzuziehen, nach einer Woche Filmzauber in "Saaaaahrbrügge", wie die Einheimischen ihre Heimatstadt stets zu nennen pflegen? Saarbrücken diente auch in diesem Jahr – vielleicht wenig überraschend, aber in der Retrospektive zu den letzten Jahrgängen erstaunlich konstant – erneut als zuverlässiges Sprungbrett vieler Filmemacher für höhere Aufgaben, soviel steht heute schon fest. Selten ging’s vielseitiger zu in der fein kuratierten Programmschau von Oliver Baumgarten im Verbund mit der Festivalleiterin. Hier wurde nach einem eher müd-mauen Auftaktfilm (Isabell Stevers Das Wetter in geschlossenen Räumen) vielfach Mut zu konsequenten, geradlinig erzählten Geschichten bewiesen. 


(Trailer zu Das Wetter in geschlossenen Räumen)

Zudem gab es narrativ ausgefeilten Erzählexperimente (wie in Johannes Schmids Agnes) und die äußerst leinwandpräsente wie schauspielerisch hochemotionale Entdeckung des Festivals: Odine Johne, die am Ende völlig zurecht den Preis für die Beste Nachwuchsdarstellerin erhielt – aus den Händen von Ehrengast Maria Schrader, deren Karriere 1992 ebenfalls in Saarbrücken mit dem gleichen Preis begann. Die junge (Jahrgang 1987), gebürtige Stuttgarterin Johne, die mit ihrer Performance als Kati in Edward Bergers Jack (Berlinale 2014) bereits kurz, aber absolut positiv in Erscheinung getreten war, wird in den nächsten Jahren noch öfter zu sehen sein. Ihr ist eine große Zukunft gewiss.


(Trailer zu Agnes)

Auch die anderen Hauptpreise sind verdient: Der Max-Ophüls-Preis 2016 für Einer von uns (Regie: Stephan Richter) geht an einen gekonnt inszenierten Film, dessen gleichzeitig stark monotone wie emotionale Supermarktatmosphäre mit jungen Helden und tragischen Ausgängen man tatsächlich nicht alle Tage sieht. Zugleich untermauert der Beschluss der Spielfilm-Jury (u.a mit Gustav Peter Wöhler, Désirée Nosbusch und Vorjahressieger Simon Jaquemet), der "einstimmig war", so wurde es zumindest offiziell bei der Preisverleihung im E-Werk verkündet, dass im jungen österreichischen Kino weiterhin echte Entdeckungen zu machen sind. Besonders Jack Hofer, der den vierzehnjährigen Julian verkörpert, konnte sich an der Seite von Andreas Lust und Markus Schleinzer bestens behaupten: sein Blick, wahllos in die äußerliche Trostlosigkeit schweifend, wird bleiben. 


(Trailer zu Einer von uns)

Und wie stand es um Ausflüge ins Genrekino? Waren narrativ aufwühlende, visuell bestechende Handschriften auszumachen? Absolut, mitunter sogar in Serie wie in Michael Krummenachers Omnibusfilm Heimatland, der den Preis für den gesellschaftlich relevanten Film einheimsen konnte. Speziell dessen Auftakt (Berg – Schlucht – Sex – Abgrund, genauso geschnitten) gehörte zum bildtechnisch stärksten, was das gesamte Max-Ophüls-Festival zu bieten hatte. Und jene neuen Handschriften mit Fokus auf bildstarke, eindringliche Inszenierung setzten sich mit wenigen Ausnahmen (u.a. Rockabilly Requiem, Her Composition oder Sex & Crime) gerade auch in der Hauptwettbewerbsreihe nahtlos fort: Da wäre zum Beispiel Der Nachtmahr (Regie: AKIZ), der nach seiner fulminanten Premiere auf dem letztjährigen Filmfest München auch das Saarland frühzeitig rockte. Er war während der Festivalwoche – nicht nur im Kollegenkreis, sondern auch beim breiten, wieder einmal überwiegend jungen Publikum – talk of the town. Zum Dank gab’s für den Skulpteur und Künstler AKIZ, einem Regieabsolventen der Filmakademie Ludwigsburg, auch im Saarland zwei Auszeichnungen (Preis der Jugendjury, Preis der Ökumenischen Jury) und brechend volle Vorstellungen.


(Trailer zu Der Nachtmahr)

Überhaupt konnten gerade im Spielfilmsegment gleich mehrere Debütanten markante Duftnoten setzen: Jonas Rothlaenders erstmals fiktionaler Langfilm Fado, entstanden als Abschlussfilm an der Berliner dffb, fühlte sich bereits während des ersten Sehens wie ein sicherer Sieger an. So ausgelassen–aufwühlend habe ich lange kein junges Hauptdarsteller-Pärchen (Golo Euler versus Luise Heyer) mehr in einem deutschen Film agieren gesehen. Dass der ehemalige Sturm der Liebe-Akteur Euler, in der Branche seit Felicitas Korns Auftauchen (2006) kein Unbekannter, längst zu einem der auffälligsten Nachwuchsschauspieler seiner Generation gereift ist, hat er im glänzenden Fado (Preis der Saarländischen Ministerpräsidentin) nun auch einem größeren Publikum bewiesen. Mit Nachdruck, obwohl am Ende – und mir unverständlich – Ben Münchow als Bester Nachwuchsdarsteller in Rockabilly Requiem prämiert wurde. Dem Bayern Euler kann’s egal sein, seine Rolle als Fabian wird ihm gewisse noch manch andere Türe öffnen: Viele Caster umzingelten ihn regelrecht während der insgesamt heiteren, inhaltlich wie atmosphärisch dichten Festivaltage in Saarbrücken. Ein gutes Zeichen, er wird bald auf die Kinoleinwand zurückkehren. Da bin ich mir sicher! 

Ähnliche Anfragen könnten nun auch vermehrt auf Dimitrij Schaad zukommen, der sich bereits als moderner Bühnenheroe am Maxim-Gorki-Theater in Berlin einen Namen erarbeitet hatte. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Alex Schaad, der an der HFF München Regie studiert, hat er ein fulminantes Drehbuch über Persönlichkeitsrechte und Erpressungsmaßnahmen durch Datenkraken-Konzerne aus der weiten, wilden Welt des Internets geschrieben. Belohnt wurde das ganze Projekt (Invention of trust) mit der Auszeichnung für den Besten Mittelangen Film. Alex Schaads spartanisch inszenierter, mehr auf eigene Faust entwickelter und trotzdem mit einer aufsehenerregenden Kranfahrt endende 30-Minüter dominierte diese Reihe von Beginn an. Eigentlich wenig verwunderlich: Schließlich hat oder hatte beinahe jeder Festivalbesucher schon einmal im Leben abseits der Kinoprojektionen mit unseriösen Angeboten aus dem Netz zu tun. Er bleibt ein besonders wichtiger Film, entstanden zur richtigen Zeit. Auf das Langfilmdebüt der beiden Schaad-Brüder darf man auf jeden Fall schon jetzt gespannt sein. 

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Gespannt sein muss man – zuletzt eher zwangsmäßig – auch auf den oder die Nachfolger_in, von Gabriella Bandel sein. Gleich mehrere Grußbotschaften, die zum Abschluss der Preisverleihung präsentiert wurden, endeten im Tenor der Anmoderation: Gabriella Bandel sei die "Mutter der Herzen" gewesen. Ihre Frühverrentung sei "aus politischen Gründen" erfolgt, meinte beispielsweise auch noch mal in aller Öffentlichkeit einer der früheren Festivaldirektoren (Boris Penth) vor den Augen der Saarbrücker Oberbürgermeisterin Charlotte Britz (SPD), die vom Publikum in erster Linie Buhrufe und Pfiffe erhielt. Völlig konträr zu Bandel: Schon zu Anfang der Veranstaltung hatten sich ihretwegen spontan alle im Saal Sitzenden zu minutenlangen Standing Ovations erhoben. Bandels Stimme stockte, sie konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Und es bleibt ein bitterer Abschied für sie, trotz eines famosen Programms, vielfach spürbarer Entdeckerlaune und gut aufgelegten Ehrenpreisträgern (mit dem großen Marcel Ophüls neben Nico Hofmann und Maria Schrader) während der letzten Tage in Saarbrücken. 

"Glück auf" hieß es unter den Bergmännern früher im Saarland allerorts, das lange im Zeichen der Schwerindustrie und des Kohleabbaus stand. Dem ist zum Ende des Festivals hin nur ausdrücklich zuzustimmen. Denn das Festival Max Ophüls Preis ist schon seit jeher ein starker Impulsgeber für den deutschsprachigen Film gewesen. Aber auch in Zukunft? 

"But don't look back in anger, don't look back in anger – I heard you say: At least not today." (Oasis) 

Simon Hauck