The Five Obstructions - Der Feind, das ist die Geschichte

Kinostart: 01.01.2004
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Wer Lars von Trier kennt oder sich näher mit seinem Werk beschäftigt hat, weiß, dass der dänische Regie-Exzentriker zu Manifesten neigt, in denen er seine Glaubenshaltungen ausdrückt. Am bekanntesten dürfte hier mit Sicherheit sein Manifest zu Dogma95 sein, doch selbst bei seinen frühen Filmen wie The Element of Crime, Epidemic oder Europa gab es stets im Hintergrund ein künstlerisches Bekenntnis, eben ein Manifest.

Auch für seinen neuen Film The Five Obstrcutions, den er gemeinsam mit seinem Mentor Jørgen Leth realisiert hat, entstand ein Manifest - genauer sogar zwei, von jedem Regisseur ein eigenes - das die Intentionen und Prinzipien des Filmemachens begreifbar und nachvollziehbar machen soll. Prinzipien freilich, die der Provokateur des Films von Mal zu Mal, bei jedem neuen Film immer wieder verändert, manipuliert und auf den Kopf stellt. Denn nichts ist für die Ewigkeit im Kino des Lars von Trier.


Manifest von Lars von Trier
Entschärfen

Wir sind auf der Suche nach einer fiktionellen Sache, nicht nach einer faktischen. Die Fiktion ist begrenzt durch unsere Imagination und die Tatsachen durch unseren Scharfblick, der Teil der Welt, den wir suchen kann nicht von einer "Geschichte" umgeben sein, man nähert sich ihm nicht durch einen "Blickwinkel".

Das Thema, das wir suchen, findet sich in derselben Realität, die auch Fiktionsmacher inspiriert. Das ist die Realität, die die Journalisten zu beschreiben glauben. Aber sie schaffen es nicht, dieses kaum bekannte Thema zu finden, da ihre Technik sie verblendet. Es ist tatsächlich so, dass sie es gar nicht mehr suchen, da ihre Techniken zu einem Ziel per se geworden sind.

Wenn man eine Geschichte oder à fortiori ein Argument entdeckt oder sucht, dann beseitigt man diese Geschichte. Um das zu machen genügt es, den Schwerpunkt auf eine simple Regelmäßigkeit zu legen, eine reale oder künstliche, oder der Welt ein Bilderrätsel vorzulegen, bei dem die Lösung schon vorher bestimmt wurde.

Die Geschichte, das Argument, die Enthüllung und die Empfindung haben uns das Thema gestohlen: den Rest der Welt, der nicht so leicht zu übertragen ist, aber ohne den wir nicht leben können!

Der Feind, das ist die Geschichte. Das Thema allen Anstands zum Trotz. Aber es ist auch eine Tatsache, dass die Bedeutung eines Arguments angeblich der Bewertung der Betrachter unterworfen ist, enorm verstärkt durch den Blickwinkel und die Tatsachen, gegengewichtet durch ihre Antithesen. Das ist die Verehrung des Umrisses, der Kontur, allmächtig, auf Kosten des Themas, von dem sie kommt.

Das Thema, das vielleicht der wahre Schatz des Lebens ist, hat sich vor unseren Augen in Luft aufgelöst.
Wie es wiederfinden? Wie es übertragen, wie beschreiben? Das ist die letzte Herausforderung: zu sehen ohne hinzuschauen, unscharf machen! In einer Welt, in der sich die Medien vor dem Altar der Sauberkeit verneigen und das Leben von allem Leben entleeren, wird der Unscharfmacher zum Kommunikateur unserer Zeit – nicht mehr und nicht weniger!

Lars von Trier – Rageleje, 22. März 2000



Manifest von Jørgen Leth
Der Moment kommt

Das, was ich an einem Film vorziehe, ist es zu spüren, wie die Zeit über eine Szene fließt. Es muß dort immer einen Platz für die Zeit geben. Ein Film muß natürlich atmen. Wenn man hinausgeht, stellt man der Realität eine Falle, derart, dass man versucht, sie an den Geisteszustand anzupassen, auf den man vorbereitet ist. Man ist entspannt, aufmerksam, nicht eingespannt. Die Sachen passieren, wenn sie passieren. Wir sind genauso schlau und dumm wie die Fische. Man kann ausgehen, wann man möchte, in jedwede Richtung, und manchmal stolpert man über einen magischen Moment. Das ist es, was man sucht, aber man sollte nicht zu gourmethaft oder sich seiner selbst zu sicher sein. Die Erfahrung sagt uns, dass es diese Momente gibt. Bei unserer Arbeit ist man mit seinen Instinkten ausgerüstet, mit seinen Augen und Ohren. Man konzentriert sich eher auf den leeren Raum als auf den vollen. Man beobachtet die Stille und den Lärm. Man vertraut den unbegrenzten Geschenken des Zufalls. Und dennoch ist der Ort, an dem man sich findet, nicht notwendigerweise die Frucht des Zufalls. Der Augenblick taucht so unvermittelt auf, dass man nicht über seine Erscheinung überrascht ist. Jetzt geht’s los. Man ist bereit, ihn einzufangen und zu akzeptieren. Man weiß nicht, wohin er uns mitnehmen wird. Man folgt der Strömung, man betrachtet, wohin sie geht und was sie mit uns machen will. Man beobachtet sie während sie Formen annimmt und sich zusammensetzt, aber man muß sie fangen noch während sie fließt, bevor sie zu stark definiert ist. Man ist verliebt. Ein Gefühl hat uns gefangen, das man während des oberflächlichen Aufenthalts wahrzunehmen versucht, aber das man zu verlieren fürchtet, wenn man es zu gut versteht.

Jørgen Leth – Paris, 11. April 2000
   
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