Sommersturm - Interview mit Regisseur Marco Kreuzpaintner

Kinostart: 01.01.2004
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Am 9. 9. 2004 startet Sommersturm das sommerliche Verwicklungs- und Coming-of-Age Drama von Marco Kreuzpaintner. Marco Kreuzpaintner spricht über die Entstehungsgeschichte des Films und die Schwiergkeiten beim Dreh.

Wie ist das Drehbuch zu Sommersturm entstanden?
Ich hatte mich oft darüber geärgert, dass im kommerziellen deutschen Kino immer nur über Schwule gelacht wird, aber nicht mit ihnen. Ich wollte einen Film machen, der Homosexualität so darstellt, dass sie auch von einem breiten Publikum verstanden wird – keinen Randgruppen-Film über einen schwulen Stricher oder einen Familienvater, der sein Coming-Out erlebt. Ich wollte mit einem Außenseiterthema direkt in die Mitte der Gesellschaft treffen. Thomas Wöbke und ich hatten unabhängig voneinander diese Idee, und wir wollten sie unbedingt gemeinsam realisieren. Wir überlegten, inwiefern und in welcher Form das Coming-Out thematisiert werden könnte. Es sollte ein ehrlicher Film werden über die Zeit der Jugend, der Unentschlossenheit. Keine Hau-Drauf-Komödie, keine platte sexuelle Farce, sondern ein Film, der Jugendliche, ihre Gefühlswelt und ihre Melancholie ernst nimmt. Ich habe dann ein Exposé geschrieben, auf dessen Grundlage das Drehbuch entstanden ist. Und dieses Exposé erzählte meine eigene Geschichte.

Ist Sommersturm damit auch für Dich ein persönliches Coming-Out?
Natürlich stimmt die Geschichte von Tobi nicht genau mit meinem Coming-Out überein. Aber es gibt viele Anklänge zu meiner Biographie, die ich natürlich dramatisiert habe. Und die Figuren tragen die Charakterzüge der Menschen, die mich damals umgeben haben. Ich habe damals auch selber gerudert. Aber ich war nie mit meiner Rudergruppe im Zeltlager – sondern als Messdiener. Aber auch für mich war diese Zeltlager-Atmosphäre eine unsichere Zeit, besonders in sexueller Hinsicht. Das ist so eine Phase, in der man aus dem gesellschaftlichen Kontext gelöst, in freier Natur und tagelang auf engstem Raum mit anderen Menschen zusammen ist. Richtig klar wurde mir meine eigene Homosexualität aber erst mit 18. Seitdem ich dazu stehe, habe ich es nie bereut und mich vor allem auch in meinem Selbstverständnis stärker gefühlt. Das ist ein Schritt, der einem sehr viel Kraft gibt.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Thomas Bahmann, Deinem Ko-Autoren?
Thomas Bahmann ist ein Autor, mit dem Claussen+Wöbke bereits zusammengearbeitet hatte. Als wir überlegten, wer auf der Gefühls- und Humorebene zu mir passen könnte, kamen wir auf ihn. Thomas schrieb die erste Drehbuchfassung aufgrund meiner Vorlage, alle weiteren Fassungen sind dann gemeinsam entstanden. Die Dreharbeiten haben Mitte August begonnen, und seit dem ersten Exposé im Januar vergingen vielleicht sechs Monate, bis wir das Drehbuch fertig gestellt hatten. Wir wollten aber auch unbedingt sofort drehen – das Thema brannte uns zu sehr unter den Nägeln. Es lag einfach auf der Hand, gerade jetzt einen Film darüber zu machen.

Wie kam die Besetzung zustande?
Wir waren anfangs von einem komplett unbekannten Cast ausgegangen. Bei den Probeaufnahmen stellten wir fest, dass der Protagonist einen erfahrenen Darsteller brauchte, der eine gewisse Reife besitzt. Ich traf mich also mit Robert, und wir verstanden uns auf Anhieb. Er ist ein wahnsinnig intelligenter, ganz politisch denkender, engagierter Mensch, der als Schauspieler eine wahnsinnige Feinfühligkeit und Professionalität besitzt, aber im Spiel immer spontan und authentisch wirkt.

Die übrigen Schauspieler fanden wir mit Hilfe von Simone Bär, die ein umfangreiches Casting für uns durchführte. Dadurch, dass wir so viele junge Schauspieler benötigten, war das Casting relativ schwierig – insbesondere bei den Mädchen hat man in Deutschland keine große Auswahl in der Altersgruppe. Alicja Bachleda-Curus, die in Polen bereits ein Star ist, passt perfekt auf diese Rolle. Hanno Koffler stand sehr schnell fest. Hanno hat bereits zweimal mit mir zusammen gearbeitet, bei Ganz und Gar (2002) und auch bei dem „Jetzt“-Film. Wir haben sozusagen gemeinsam angefangen, und aus der Zusammenarbeit ist eine echte Freundschaft entstanden.

Wie war das Verhältnis von schwulen und Hetero-Darstellern am Set?
Bekennend schwul war eigentlich nur einer der Schauspieler. Aber natürlich war die sexuelle Orientierung auch bei der Arbeit immer wieder Thema. Es war schön zu sehen, wie offen alle über ihre eigenen homoerotischen Erlebnisse erzählen konnten, die teilweise wirklich vorhanden waren. Es gab unter den Schauspielern zwei oder drei, die nach den Dreharbeiten ganz neue Seiten an sich zugelassen haben – allerdings hat bis jetzt niemand durch Sommersturm sein Coming-Out erlebt.

Wie hast Du diese „unhomogene“ Truppe zusammenhalten können?
Aus den Schauspielern eine Gruppe zu machen, war wirklich eine anspruchsvolle Aufgabe – 38 Tage lang 18 Schauspieler von 15 bis 23 Jahren im Griff zu haben! Da gab es durch die Altersunterschiede eine richtige Kluft: Die Erfahrungen, was sie interessiert und über was sie sprechen wollen, lagen so weit auseinander, dass es zwangsläufig zu Spannungen kommen musste. Wichtig war mir, ihnen ein guter Freund zu sein. In dieser Situation als „Löwendompteur“ aufzutreten, wäre totaler Quatsch. Es gibt ja Leute, die behaupten, Film sei Krieg. Unser Prinzip am Set war Freundschaft, und ich glaube auch, dass Kreativität nur in einer so freien, freundschaftlichen Atmosphäre möglich ist. Angst verschließt dich, macht dich nervös.

Es waren viele dabei, die vorher nur fürs Fernsehen vor der Kamera gestanden hatten und gelernt hatten, auf Markierungen zu achten und genaue Anweisungen zu befolgen. Denen musste ich erst einmal beibringen: Traut Euch was vor der Kamera, seid mutig, seid authentisch! Sagt das, um was es geht, mit Euren eigenen Worten. Als Regisseur von so jungen Menschen trägt man eine große Verantwortung, man muss sie ermutigen, auch in ihrem Beruf selbständig zu werden. Viele sind aus ihrer eigenen Unsicherheit heraus in einem viel zu strengen Korsett gefangen. Ich denke, die „Zeltlager-Atmosphäre“ am Set hat allen geholfen, vor der Kamera authentisch agieren zu können. Wir waren alle im selben Hotel untergebracht und hockten quasi Tag und Nacht zusammen. Dadurch herrschte gelegentlich die Gefahr von „Lagerkoller“, aber es gab auch kreative Impulse: Zum Beispiel war mir sehr wichtig, den Soundtrack aus der Musik zusammenzustellen, die die Schauspieler am Set hörten. Alle hatten ihre Walkmen oder MP3-Player dabei und brachten sich damit in die richtige Stimmung. Die spätere Titelmusik zum Beispiel war ein Song von Nada Surf, der ständig am Set gehört wurde. Interessanterweise haben sich dann zu der Musik auch die Szenen ganz anders entwickelt. Für den Score wünschte ich mir allerdings nicht minimalistische, elektronische Klänge, wie man sie heute oft hört, sondern Kompositionen, die die Weite der Natur und das innere Drama der Hauptfiguren weiterführen. Das beherrscht Niki Reiser natürlich perfekt.

Wie seid Ihr an die freizügigeren Aufnahmen herangegangen?
Ich habe mir vor der Sexszene zwischen Leo und Tobi viel Mehr Sorgen gemacht, als die Schauspieler. Ich habe mir sehr viel Zeit genommen, mit Robert und Marlon im Vorfeld darüber zu sprechen, ihnen genau zu sagen, wie ich mir die Szene zwischen ihnen vorstelle, sehr pur und ehrlich, anders als die meisten Sexszenen, die so überästhetisiert und verkitscht sind. Ich wollte Sexualität in ihrer Natürlichkeit und Direktheit ernst nehmen. Das hier ist ja sowieso ein völlig harmloses sexuelles Erlebnis, für Tobi natürlich ein wichtiger Schritt, weil es sein erstes Mal ist und ihn in seinen Gefühlen bestätigt. Beim Drehen sind die Schauspieler sehr weit gegangen. Wir wollten aber nur bis an die Grenze gehen, die der Film dramaturgisch braucht, und nicht womöglich ins Voyeuristische abgleiten.

Ihr habt zu 80 Prozent in freier Natur gedreht ...
... was sehr anstrengend war. Es ist viel passiert beim Dreh. Unser Aufnahmeleiter hatte einen schweren Motorradunfall, das Wetter war eine Katastrophe ... Im Vergleich zu meinen anderen Filmen hat Sommersturm, was die Schauspielerführung und Technik angeht, ein viel höheres Niveau. Ganz und Gar war eine schöne menschliche Geschichte, die sich aber in einem kleinen Rahmen abspielte. Überschaubare Motive, wenige Darsteller. Sommersturm hat etwas viel Epischeres, allein durch die aufwändige Sturmszene, diese riesigen Windmaschinen und Blitzgeräte, die wir am Set benötigten. Für die Schauspieler war das physisch wie psychisch richtig anstrengend und hat auch mir viel abverlangt. Und dadurch, dass es meine eigene Geschichte ist, musste ich oft kompromisslos und stark sein und mich durchsetzen. Wir haben immens viel Material gedreht, teilweise mit unserer 35mm-Kamera so gearbeitet, wie andere DV einsetzen und die Kamera einfach laufen lassen. Zum Glück hatte ich mit Jakob Claussen, Thomas Wöbke und Uli Putz Produzenten an meiner Seite, die wirklich das Beste sind, was einem Regisseur in diesem Land passieren kann und die mich nie unter Druck setzten. Sie gaben mir den Raum, den ich als Regisseur brauchte. Und wenn es Schwierigkeiten gab, waren sie da, um mich zu unterstützen. Sie verstehen sich als gleichberechtigte Partner des Regisseurs. Letztlich kann ich trotz meiner wenigen Erfahrungen mit Sicherheit sagen, dass das der anstrengendste Dreh war, den ich bislang erlebt habe. Und für viele waren die Dreharbeiten, was ihre persönliche Entwicklung betrifft, tatsächlich ein persönlicher Sommersturm!
   
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