Pornografie oder Meisterwerk? – Betrachtungen zu Ken Park von Larry Clark

Kinostart: 01.01.2004
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Kaum ein Film polarisiert zur Zeit dermaßen heftig das Publikum wie das neue Werk des Regisseurs Larry Clark. Nachdem schon in den USA konservative Kritiker Sturm gelaufen waren, hat nun die Welle der Auseinandersetzungen um Ken Park auch Deutschland erfasst - eine öffentliche Erregung, die ihresgleichen sucht. Hier sind es allerdings nicht nur Experten aus dem bürgerlichen Lager, die den Film stark kritisieren, auch progressive Kritiker ziehen ordentlich vom Leder und verfallen oftmals in einen Ton, der von Häme und beißendem Spott geprägt ist. Da wird Larry Clarks "Hauptdarstellerin wie eine Gauguinsche Südseeschöne inszeniert" (Urs Richter in filmtext.org) und die Welt befindet: "Der Vorwurf der Pornografie ist, nicht nur bei prüden Definitionen, nicht von der Hand zu weisen. Tatsächlich bleibt auch Clarks Kamera immer wieder auf Details hängen." Huch, wie schockierend!

Angesichts der Realitäten in der Presse- und Fernsehlandschaft fragt man sich allerdings schon, auf welche Weise der Begriff der Pornografie heute gehandhabt wird. Kann es sein, dass es im Bezug auf sexuelle Zeichen eine Doppelmoral gibt, die nackte Brüste längst als etwas Alltägliches ansieht, während der Blick auf ein männliches Genital, zumal ein erregtes, pornografisch ist? Die Sexszenen, die Ken Park zeigt, fallen heute allenfalls unter die Kategorie Softcore, die ganze öffentliche Erregung ist also umsonst. Wer es explizit haben will, findet auf den Fernsehkanälen oder in den Videotheken ungleich Schärferes. So liegt denn die Vermutung nahe, dass hier mediale Stellvertreterkriege geführt werden und dass die Kritik eigentlich auf etwas ganz anderes zielt.

Ist nicht vielleicht die Art und Weise, wie Sex hier gezeigt wird, das Problem? Wo bitteschön bleibt bei Ken Park die "Romantik", die "Unschuld" des Sex, falls es so etwas gibt. Bei Larry Clark ist Sex zugleich eine Flucht aus dem Alltag, eine Kommunikationsform – vielleicht die einzige, die noch funktioniert – und ein Dilemma. Allzeit verfügbar und ohne Tabus wird Sex, beliebig, austauschbar, eine kleine, achtlos hingeworfene Alltagsdroge, die ebenso bedenkenlos konsumiert wird wie Drinks oder Zigaretten. Liebe? Fehlanzeige! Respekt und Achtung? Nicht vorhanden! Treue? Ein Fremdwort!

Natürlich ist diese Diagnose Clarks niederschmetternd und ein Generalangriff auf die Grundfeste der Gesellschaft, insbesondere die amerikanische, die immer noch die Familie als Keimzelle des Staates ansieht. Nur sei die Frage erlaubt, ob wir mit unserem Wissen über die gesellschaftlichen Zustände, die Vereinsamung, die exorbitanten Scheidungsraten, die allgegenwärtige Bedrohung durch sexuellen Missbrauch nicht Clark Recht geben müssen mit seiner Sicht der Dinge? Ist Ken Park in dieser Hinsicht nicht einfach ein unglaublich aufrichtiger Film, der die Dinge so zeigt wie sie eben auch sind? Der nicht wegschaut, wenn es "zur Sache" geht? Der keine romantische Soße über die Beziehungsunfähigkeit vieler Menschen gießt?

Die Konsequenz, mit der in Ken Park eine Ausweglosigkeit der Gesellschaft gepredigt wird, macht allerdings die oftmals bemängelte "Utopie" am Ende des Films, die mancher erkannt haben will, mehr als fragwürdig. Mit Sicherheit stellt die Schlussszene, in der drei Kids miteinander Sex haben, einen Moment großer Zärtlichkeit dar, eine Geste, die sonst quasi nicht vorhanden ist. Doch was veranlasst uns zu glauben, dass die Utopie Bestand haben könne, dass sie nicht nur ein kurzer Moment des Friedens in einem Meer von Chaos, Hass und Gewalt ist? Wer glaubt nach diesem Film wirklich noch, dass die darin gezeigten Kids es wirklich schaffen, alles anders zu machen als ihrer Eltern?
   
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Quelle: AG Kino
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