Mennan Yapo über seinen Thriller Lautlos

Kinostart: 15.04.2004
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Die Zukunft des deutschen Films ist türkisch, hat ein schlauer Filmkritiker vor kurzem einmal behauptet. Und tatsächlich deutet einiges darauf hin, dass die zweite und dritte Generation der Einwanderer tatsächlich den Sprung auf die Kinoleinwände schafft und der Filmlandschaft neue Impulse gibt. Fatih Akins Erfolg ist dabei nur die Spitze des Eisberges, auch Regisseure wie Buket Alakus und Mennan Yapo schaffen es, altebekannten Genres neue Wendungen zu geben. In einem Interview äußert sich Yapo zu den Hintergründen seines Thrillers Lautlos.

Welche Grundidee steckt hinter LAUTLOS?
Der Ausgangspunkt der Geschichte war, dass ich mich gefragt habe, ob es möglich wäre, dass die Liebe für jemanden lebensgefährlich ist. Was müsste das für ein Mensch sein? Sicher kein Banker. Aber wie wäre es mit einem Killer? Einem Auftragsmörder, der auf keinen Fall Emotionen zulassen darf, weil er sonst physisch und psychisch in größte Gefahr gerät? So ist in mir die Idee gereift, einen Thriller über einen Auftragskiller zu machen, der in die Jahre kommt, ein wenig nachlässt – und sich verliebt.

Besteht nicht die Gefahr, in Klischees zu verfallen, wenn man einen Killer auf der Leinwand porträtiert?
Nicht zwangsläufig. Dass Killer in Filmen oft klischiert daherkommen, hängt damit zusammen, dass sie meistens nur Nebenfiguren sind, die schnell funktionieren müssen und deshalb etwa mit Trenchcoat und tief ins Gesicht gezogenem Hut rumlaufen. Kaum einer nimmt sich die Zeit, einen Killer vernünftig einzuführen. Selten legt ihm jemand gute Dialogsätze in den Mund. Und so gut wie nie erfährt man etwas über den Hintergrund einer solchen Figur.

Nun haben Killer ja auch nicht unbedingt den besten Ruf...
Stimmt, ein Killer ist prinzipiell negativ behaftet – und das ist auch der Grund, weshalb es bisher noch kaum jemand gewagt hat, eine solche Figur zum Protagonisten eines Films zu machen: Es gibt höchstens ein Dutzend Filme, die aus Sicht eines Killers geschildert werden. Das fand ich aber gerade eine schöne Herausforderung: Einerseits durfte unser Killer nicht unsympathisch sein, andererseits sollte er auf keinen Fall glorifiziert werden – ich wollte nicht behaupten, dass dieser Mann einen tollen Job hat oder ein tolles Leben führt.

Die Faszination des Tötens hat Sie nicht interessiert?
Nein. Ich wollte die Geschichte eines Mannes erzählen, der von einer fast unerträglichen Einsamkeit und Stille umgeben ist.

Womit wir beim Titel des Films wären...
Ja, der Titel funktioniert auf mehreren Ebenen: Zum einen tötet der Killer ohne jedes Geräusch. Zum anderen sind alle drei Hauptfiguren emotional gedämpft, agieren wie unter einer Glocke, aus der sie am liebsten ausbrechen wollen. Vor allem der Killer: Sein Inneres schreit förmlich nach Liebe und Geborgenheit, äußerlich bleibt er aber stumm. Als Kind erlebt er, wie seine Eltern umgebracht werden – doch er kann nicht schreien, bringt keinen Ton heraus. Ab diesem Zeitpunkt verstummt er. Da bricht plötzlich die Liebe in seine Stille ein: zunächst in Form eines Liedes, das Nina im Schlaf summt. Und wir beobachten, wie sich dieser Mann völlig verändert. Schließlich, sozusagen am lautesten Punkt der Geschichte, befreien sich die beiden mit einer Explosion aus der Realität, um wieder eine Stille zu finden – nur diesmal gemeinsam.

Mit dem Profiler haben Sie dem Killer eine Figur gegenübergestellt, die sich tief in seine Vergangenheit bohrt…
So ist es. Ich wollte ja keine Milieustudie drehen, sondern einen spannenden Thriller – und dazu brauchte ich Jäger und Gejagten. Darum haben wir dem Killer eine starke Gegenfigur zur Seite gestellt: einen Profiler, der ihn gnadenlos verfolgt, sich mit enormem Gespür in ihn hineinversetzt und alles über seine Vergangenheit herausfindet. Das ist wohl etwas typisch Deutsches an unserem Thriller: dass wir die Figur des Auftragsmörders so gründlich durchleuchten. Dass wir ganz genau wissen wollen, warum der Mann so geworden ist.

Gibt es bei Ihrer Herangehensweise an das Thriller-Genre noch andere Dinge, die man als spezifisch deutsch bezeichnen könnte?
Durchaus. Zum Beispiel die Tatsache, dass wir von Anfang an strenge Regeln aufgestellt haben. Regeln, die dafür sorgen sollten, dass wir nicht in die üblichen Killer-Thriller-Klischees verfallen. So haben wir etwa beschlossen, dass es bei uns auf keinen Fall auf der Bildebene zum obligatorischen Aufeinandertreffen zwischen Jäger und Gejagtem kommen darf: Die beiden begegnen sich nur im Ton. Und wir haben vereinbart, grundsätzlich eher zu stilisieren als abzufilmen, um einem platten Krimi-Realismus entgegenzuwirken. Solche Regeln finde ich gut, weil sie helfen, die Gefahr der Beliebigkeit zu umgehen – und weil sie fast automatisch etwas Neues provozieren.

Sie haben am Set im Wesentlichen wieder mit denselben Leuten gearbeitet wie bei Ihrem Kurzfilm FRAMED...
Ja, und ich möchte auch in Zukunft wieder mit ihnen arbeiten, weil ich sie schätze und ihnen vertraue – und weil wir schon fast wie eine Familie sind. Hut ab, wie die sich alle reingehängt und bis zum Schluss gekämpft haben! Ständig kamen sie mit eigenen Anregungen – und ich habe das massiv ermutigt, denn ich kann nicht auf allen Gebieten Bescheid wissen: Ich brauche Leute, die mitmachen, keine Befehlsempfänger. Meine Maskenbildnerin hat zum Beispiel kleine Booklets mit Zeichnungen und Texten angefertigt, in denen sie dokumentiert hat, wie die einzelnen Figuren ihrer Meinung nach aussehen müssen und warum. Irre!

Es fällt auf, dass nicht nur Joachim Król sein Aussehen für diesen Film verändert hat...
Stimmt: Nadja Uhl haben wir viel heller gemacht, Lisa Martinek sieht dafür wesentlich dunkler aus als sonst, Mehmet Kurtulus haben wir von einem Türken in einen Inder mit Turban verwandelt und so weiter. Bei jedem Schauspieler wollte ich etwas Neues finden. Es interessiert mich einfach nicht, etwas zu machen, was schon hundert Mal da war.

Was war für Sie die schönste Erfahrung bei den Dreharbeiten?
Der schönste Moment war für mich, als mein Kameramann Torsten Lippstock und ich vor der ersten Klappe aufeinander zugegangen sind und uns umarmt haben – ganz automatisch, ohne uns abzusprechen. Da wusste ich: Ich stehe da mit einem Bruder im Geiste, der mit mir am selben Strang zieht und mit dem ich mich seit meinem Kurzfilm einfach blind verstehe. Aber es gab viele schöne Momente: Eigentlich war jeder Tag wie ein Traum. Und es sind auch viele witzige Sachen passiert.

Zum Beispiel?
Joachim Król, in körperlicher Top-Form, trifft eine alte Bekannte, die zu ihm sagt: „Wow, du siehst ja toll aus. Was ist denn der Grund dafür?“ Und Joachim, dieser Schlawiner, zieht ein Standfoto vom Set aus der Tasche, auf dem er mit Nadja Uhl in inniger Umarmung im Wasser zu sehen ist, und sagt: „Das ist der Grund!“ Die Bekannte, die auch Joachims Frau gut kennt, wird bleich und weiß gar nicht, was sie sagen soll. Joachim lässt sie noch eine Weile zappeln, bevor er sie aufklärt...

Das Element Wasser zieht sich fast leitmotivisch durch Ihren gesamten Film. Haben Sie einen persönlichen Bezug dazu?
In der Tat. Ich bin als Kind, als ich noch nicht richtig schwimmen konnte, in Italien einmal fast ertrunken. Ein Mann hat mich an den Haaren aus dem Wasser gezogen – und anschließend dafür gesorgt, dass ich sofort wieder reingehe, um meine Scheu zu verlieren. Seitdem liebe ich dieses Element. Im Film ergab sich der Einsatz des Leitmotivs aus einer Notwendigkeit heraus, sozusagen direkt aus den Charakteren: Wasser bedeutet Leben, und sowohl Viktor als auch Nina versuchen, sich darin das Leben zu nehmen, was beiden misslingt. Man könnte sagen: Sie sind beide verdammt zum Leben.
   
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