Meisterwerk oder aufgebretzeltes Geschichts-Fernsehspiel?

Kinostart: 01.01.2004
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Bereits vor seinem Start in den deutschen Kinos mit rund 400 Kopien ist Oliver Hirschbiegels Film Der Untergang Gegenstand lang anhaltender und teils erbitterter Diskussionen in den deutschen (und ausländischen) Feuilletons. Und das nicht nur aus ästhetischen, sondern auch und vor allem aus moralischen Gründen. Auch innerhalb unserer Redaktion hatten wir lange und ausführliche Diskussionen darüber, ob eine solche Darstellung der historischen Person Adolf Hitlers legitim ist oder nicht. Wir waren – wie ein Großteil der öffentlichen Meinung – vollkommen unterschiedlicher Ansicht, was zunächst einmal nichts über den künstlerischen Wert des Films an sich aussagt, sondern vielmehr etwas über deutsche Befindlichkeiten. Denn der Aufschrei, der durch die Lande geht, verrät viel über den Umgang mit der eigenen Geschichte.

Zwar ist die Erkenntnis, dass Adolf Hitler AUCH ein menschliches Wesen war, reichlich banal, doch stellt sie offensichtlich einen Tabubruch dar, der so einfach nicht hingenommen werden kann. Doch die Frage muss erlaubt sein, ob eine dauerhafte Dämonisierung der Person Adolf Hitlers nicht jenen Vorschub leistet, die seit jeher Meister des Verdrängens sind. Bietet eine „menschliche“ Darstellung dieses Monsters in Menschengestalt nicht auch die Chance zu erkennen, wie sehr diese Monströsität in jedem von uns steckt? Dass das deutsche Volk eben nicht nur verführt und verblendet war, sondern dass ganz normale Menschen vom System und von der Person der „Führers“ zu Monstern umfunktioniert wurden? Dies sind die Fragen, die der Film implizit auch stellt, und sie sollten in der Diskussion nicht verloren gehen.

Das Problem ist dabei nur, dass man mit dieser Ansicht leicht Beifall aus dem falschen Lager bekommt, so dass sich manche Kritiker lieber in schroffer Ablehnung üben, als auf der falschen Seite zu stehen. Ob der Film nun ein "Meisterwerk" ist, wie Frank Schirrmacher in der FAZ behauptet, oder ein „aufgebretzeltes Geschichts-Fernsehspiel“ (Diedrich Diederichsen), darüber kann man gerne streiten, wenn die Argumente stimmen. Doch eine Vorverurteilung alleine aufgrund des unausgesprochenen Tabus, so etwas nicht zu zeigen, ist das denkbar schlechteste Argument. Zumal das Gedankenspiel an dieser Stelle durchaus mal erlaubt sei, ob der gleiche Film die gleichen heftigen Diskussionen hervorgerufen hätte, wenn sich eine ausländische Produktion dieses „Stoffes“ bemächtigt hätte.

Tabubrüche hat es in der Filmgeschichte immer wieder gegeben und es wird sie immer wieder geben. Und solange sie aus künstlerischen Aspekten heraus geschehen, mit der Absicht, einen Prozess anzustoßen und den Dialog zu fördern, so sollte dies auch gestattet sein.

Wie dem auch sei, eines steht fest: Die Diskussionen im Vorfeld haben dem Film wohl kaum geschadet, sondern sie haben die Erwartungen bis zum Kinostart ins Unermessliche steigen lassen. Es wäre wünschenswert, dass diese Diskussionen auch nach dem Kinobesuch nicht aufhören, sondern weitergehen, gerade im Hinblick auf das, was wir aus der Schreckensherrschaft des Dritten Reiches lernen müssen – dass das abgrundtief Böse (auch) in jedem von uns steckt.
   
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