Zhang Yimou hat es nicht leicht in diesen Tagen. Der sonst von der Kritik hochgelobte und allseits gefeierte chinesische Regisseur, handelt sich mit seinem neuen Martial-Arts-Epos Der Fluch der goldenen Blume / Man cheng jin dai huang jin jia fast nur Verrisse ein. Von der deutschen Kritik wird der Film fast einstimmig als maßloses, überladenes Spektakel unter Beschuss genommen, das in der Schwere seiner künstlichen Bilder und Kostüme erstickt und das seine Figuren nur stiefmütterlich behandelt. Der 1951 in Xian geborene Regisseur sei auf dem Tiefpunkt seiner Karriere angekommen und längst nicht mehr der rebellische Filmemacher, der in den achtziger Jahren einen kritischen Blick auf die Realität und Repression in China geworfen hat. Ihm wird vorgeworfen, vor der Zensur der chinesischen Regierung in die Knie gegangen zu sein und sich immer mehr von seinen eigenen Idealen und Ursprüngen entfernt zu haben. Doch hat Zhang wirklich eine 180-Grad-Drehung gemacht? Hat er tatsächlich sein früheres filmisches Schaffen über den Haufen geworfen? Ein Rückblick auf die Anfänge und Entwicklung seines Kinos soll einen differenzierteren Bezug zu seinem neuen Film herstellen.
Fast in Vergessenheit geraten und nur selten erwähnt – zumal er nicht in den hiesigen Kinos lief – ist Zhangs voriger Film Riding Alone for 1000 Miles (2005), ein stilles und einfühlsames Drama über eine zerrüttete Vater-Sohn-Beziehung, die der Vater kurz vor dem Tod seines Sohnes mit dem Dreh einer Oper wieder in Ordnung bringen möchte. Ein Film mit der Einfachheit und Ruhe gedreht, die in Zhangs Martial-Arts-Kino, zu denen neben dem aktuellen Film auch Hero (2002) und House of the Flying Daggers (2004) zählen, vermisst wird. Und ein Indiz dafür, dass ihm an dieser Art von Kino immer noch etwas liegt. Doch Zhang Yimous Oeuvre ist voller Brüche - und das war schon immer so. Denn er ist fortwährend auf der Suche nach etwas Neuen, nach einem anderen Stil und anderem Inhalt. Das Credo, sich von seinen bisherigen Filmen abgrenzen zu wollen, gilt auch als Prinzip für die Auswahl seiner Filme.
Als er 1987 mit Das Rote Kornfeld / Red Sorghum seine Laufbahn als Regisseur startete, hatte er bereits als Kameramann an wegweisenden Filmen von Regisseuren der so genannten "Fünften Generation" mitgewirkt. One and Eight (1983) von Zhang Junzhao gilt als erster Film dieser Generation, deren Produktionen wegen ihrer kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Chinas und ihrer stark symbolischen und ästhetischen Bildsprache berühmt geworden sind. Dazu zählt ebenso Chen Kaige, für dessen Yellow Earth (1984) Zhang Yimou die Kamera führte. Zhang weigert sich gegen solch eine Kategorisierung, aber es steht fest, dass es die "Fünfte Generation" ist, die das chinesische Kino nach den dunklen Jahren der Kulturrevolution (1966-1976) wieder ans Licht und auf die internationalen Leinwände gebracht hat. Beeinflusst wurden Chen Kaige, Zhang Yimou und die anderen Kommilitonen, die von 1979 bis 1982 an der Pekinger Filmhochschule studierten, von der traditionellen chinesischen Literatur und der Zeit, die sie unter Bauern auf dem Land während der Kulturrevolution verbringen mussten. Natürlich waren sie auch dem Einfluss des westlichen Kinos der französischen Nouvelle Vague und des italienischen Neorealismus ausgesetzt, aber vordergründig waren es die Erfahrungen, die sie in ihrem eigenen Land machten.
Folglich spielen die ersten von Zhang Yimou inszenierten Filme wie Das Rote Kornfeld (1987), Ju Dou (1990) und Rote Laterne (1991) fernab vom großstädtischen Leben in der Provinz. Typisch für diese Filme ist, dass sie in der Vergangenheit spielen und nicht weiter in der Zeit als bis zu Mao Zedongs Tod (1976) vorangehen. Symbolisch aufgeladene Filme, die in ihrer Farbgestaltung mehr auf den visuellen Effekt als auf die Tiefe der Figuren und Geschichten fokussiert sind. Besonders auffällig die Farbe Rot, eine lebendige und das Bauernleben stark repräsentierende Farbe. Wenn man bedenkt, dass Zhang mit solch bildstarken Filmen angefangen hat, dann kann man seinen Fluch der goldenen Blume nur als Rückkehr zu den Ursprüngen und nicht als Abwendung davon ansehen.
Und warum so übertrieben und überladen, Gold statt Rot, Ausstattungswut statt simples Landleben? Eben weil das Leben in China heute anders ist als vor 15, 20 Jahren, weil ein starker Wandel der Gesellschaft stattgefunden hat und weil China immer mehr von Geldgier, Überfluss und Lust am Konsum geprägt ist. Auch wenn der Film in der Tang-Dynastie spielt, ist es doch die bildstarke Kritik Zhang Yimous an den Abgründen der heutigen Gesellschaft und ein Trick, durch das eng geschnürte Korsett der chinesischen Zensurbehörde zu schlüpfen. Denn historische Stoffe werden eher durchgewunken als zeitgenössische.
Wenn man bedenkt, dass viele seiner Filme, darunter Ju Dou, Rote Laterne und Leben (1994) von der Zensur verboten wurden und erst viel später in China offiziell gezeigt werden durften, kann man auch verstehen, dass Zhang versucht, einen Weg zu finden, mit dem er Kritik am System üben, aber dennoch grünes Licht von der Regierung dafür bekommen kann. Nichts ist frustrierender als Filme zu machen, die im eigenen Land nicht gezeigt werden dürfen.
In einem Interview hat Zhang von seinen Filmen einmal wie von seinen Kindern gesprochen. Er würde sie alle lieben und alle sorgsam behandeln. Sie sollen attraktiv sein und die traditionellen Werte seiner Kultur vermitteln. Sie sollen in unterschiedliche Richtungen gehen, anders aussehen. Auch mit Der Fluch der Goldenen Blume sollte das wohl so sein und dabei bleibt er ganz bei sich selbst: bei der Schönheit der Bilder, der Tradition, der Vergangenheit, der Farben, der Ästhetik - und schließlich bei der Kritik an der Gesellschaft und am System. Am Überfluss.
(Katrin Knauth)
Fast in Vergessenheit geraten und nur selten erwähnt – zumal er nicht in den hiesigen Kinos lief – ist Zhangs voriger Film Riding Alone for 1000 Miles (2005), ein stilles und einfühlsames Drama über eine zerrüttete Vater-Sohn-Beziehung, die der Vater kurz vor dem Tod seines Sohnes mit dem Dreh einer Oper wieder in Ordnung bringen möchte. Ein Film mit der Einfachheit und Ruhe gedreht, die in Zhangs Martial-Arts-Kino, zu denen neben dem aktuellen Film auch Hero (2002) und House of the Flying Daggers (2004) zählen, vermisst wird. Und ein Indiz dafür, dass ihm an dieser Art von Kino immer noch etwas liegt. Doch Zhang Yimous Oeuvre ist voller Brüche - und das war schon immer so. Denn er ist fortwährend auf der Suche nach etwas Neuen, nach einem anderen Stil und anderem Inhalt. Das Credo, sich von seinen bisherigen Filmen abgrenzen zu wollen, gilt auch als Prinzip für die Auswahl seiner Filme.
Als er 1987 mit Das Rote Kornfeld / Red Sorghum seine Laufbahn als Regisseur startete, hatte er bereits als Kameramann an wegweisenden Filmen von Regisseuren der so genannten "Fünften Generation" mitgewirkt. One and Eight (1983) von Zhang Junzhao gilt als erster Film dieser Generation, deren Produktionen wegen ihrer kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Chinas und ihrer stark symbolischen und ästhetischen Bildsprache berühmt geworden sind. Dazu zählt ebenso Chen Kaige, für dessen Yellow Earth (1984) Zhang Yimou die Kamera führte. Zhang weigert sich gegen solch eine Kategorisierung, aber es steht fest, dass es die "Fünfte Generation" ist, die das chinesische Kino nach den dunklen Jahren der Kulturrevolution (1966-1976) wieder ans Licht und auf die internationalen Leinwände gebracht hat. Beeinflusst wurden Chen Kaige, Zhang Yimou und die anderen Kommilitonen, die von 1979 bis 1982 an der Pekinger Filmhochschule studierten, von der traditionellen chinesischen Literatur und der Zeit, die sie unter Bauern auf dem Land während der Kulturrevolution verbringen mussten. Natürlich waren sie auch dem Einfluss des westlichen Kinos der französischen Nouvelle Vague und des italienischen Neorealismus ausgesetzt, aber vordergründig waren es die Erfahrungen, die sie in ihrem eigenen Land machten.
Folglich spielen die ersten von Zhang Yimou inszenierten Filme wie Das Rote Kornfeld (1987), Ju Dou (1990) und Rote Laterne (1991) fernab vom großstädtischen Leben in der Provinz. Typisch für diese Filme ist, dass sie in der Vergangenheit spielen und nicht weiter in der Zeit als bis zu Mao Zedongs Tod (1976) vorangehen. Symbolisch aufgeladene Filme, die in ihrer Farbgestaltung mehr auf den visuellen Effekt als auf die Tiefe der Figuren und Geschichten fokussiert sind. Besonders auffällig die Farbe Rot, eine lebendige und das Bauernleben stark repräsentierende Farbe. Wenn man bedenkt, dass Zhang mit solch bildstarken Filmen angefangen hat, dann kann man seinen Fluch der goldenen Blume nur als Rückkehr zu den Ursprüngen und nicht als Abwendung davon ansehen.
Und warum so übertrieben und überladen, Gold statt Rot, Ausstattungswut statt simples Landleben? Eben weil das Leben in China heute anders ist als vor 15, 20 Jahren, weil ein starker Wandel der Gesellschaft stattgefunden hat und weil China immer mehr von Geldgier, Überfluss und Lust am Konsum geprägt ist. Auch wenn der Film in der Tang-Dynastie spielt, ist es doch die bildstarke Kritik Zhang Yimous an den Abgründen der heutigen Gesellschaft und ein Trick, durch das eng geschnürte Korsett der chinesischen Zensurbehörde zu schlüpfen. Denn historische Stoffe werden eher durchgewunken als zeitgenössische.
Wenn man bedenkt, dass viele seiner Filme, darunter Ju Dou, Rote Laterne und Leben (1994) von der Zensur verboten wurden und erst viel später in China offiziell gezeigt werden durften, kann man auch verstehen, dass Zhang versucht, einen Weg zu finden, mit dem er Kritik am System üben, aber dennoch grünes Licht von der Regierung dafür bekommen kann. Nichts ist frustrierender als Filme zu machen, die im eigenen Land nicht gezeigt werden dürfen.
In einem Interview hat Zhang von seinen Filmen einmal wie von seinen Kindern gesprochen. Er würde sie alle lieben und alle sorgsam behandeln. Sie sollen attraktiv sein und die traditionellen Werte seiner Kultur vermitteln. Sie sollen in unterschiedliche Richtungen gehen, anders aussehen. Auch mit Der Fluch der Goldenen Blume sollte das wohl so sein und dabei bleibt er ganz bei sich selbst: bei der Schönheit der Bilder, der Tradition, der Vergangenheit, der Farben, der Ästhetik - und schließlich bei der Kritik an der Gesellschaft und am System. Am Überfluss.
(Katrin Knauth)
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