Lost in Translation - Ein Interview mit Sofia Coppla

Kinostart: 08.01.2004
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Mit ihrem hinreißenden zweiten Film Lost in Translation hat sich Sofia Coppola aus endgültig aus dem Schatten ihres Vaters gelöst und erweist sich als eine der vielversprechendsten Regisseurinnen Hollywood.

Wie entstand die Idee zu LOST IN TRANSLATION? War der Auslöser dafür eine ganz bestimmte Reise?

Inspiriert wurde ich dazu von meinen Aufenthalten in Japan. Ich war Anfang zwanzig und besuchte Japan vielleicht sechs- oder siebenmal über die nächsten paar Jahre. Durch diese Reisen, durch meine Aufenthalte im Park Hyatt Hotel von Tokio wollte ich irgendetwas machen, das Tokio zum Schauplatz hatte. Mir gefiel der Gedanke, dass man in Hotels immer wieder den gleichen Leuten begegnet. Es entsteht so eine Art Gemeinschaftsgefühl, obwohl man sich nicht kennt oder miteinander spricht. Und als Ausländer in Japan erlebt man alles verzerrt und übersteigert. Man leidet unter dem Jetlag und reflektiert mitten in der Nacht sein Leben.

Ist das Park Hyatt, in dem Sie selbst abgestiegen sind, auch das Hotel, das im Film zu sehen ist?

Ja, obwohl ich, als ich jünger war, dort noch nicht wohnte, weil es teuer war (lacht)... Ich habe dort später ein paar Mal gewohnt. Dieses Hotel hat eine ganz spezifische und schräge Eigenart. Wie eine ruhige schwimmende Insel mitten im Chaos von Tokio. Man findet dort eine „New York“-Bar und ein französisches Restaurant, aber eben in einer japanischen Ausgabe.“

Sofia, sind Sie nach Japan geflogen, um weitere Inspiration zu suchen oder um dort das Drehbuch zu schreiben?

Das Drehbuch entstand nicht in Japan. Dort bin ich schon oft gewesen und hatte von diesen Reisen Fotos gemacht. Viele der Orte im Film kenne ich selbst. Mein Freund Charlie Brown spielt immer den Reiseführer. Das ist natürlich sein Spitzname, in Wirklichkeit heißt er Fumihiro Hayashi. Er besitzt in Tokio ein Modemagazin, und ich kenne ihn schon sehr lange.
Charlie ist auch im Film zu sehen, singt „God Save the Queen“. Das singt er immer, und das war eines der ersten Bilder, um die herum ich meinen Film aufbauen wollte.
Ein Jahr vor Beginn der Dreharbeiten besuchte ich mit Freunden noch einmal Japan, nahm mit der Videokamera alles auf, was mir interessant schien. Danach habe ich mich dem Drehbuch zugewandt. Einiges von dem, was ich auf dieser Reise gesehen habe, findet sich dort wieder. Zum Beispiel das Aqua-Aerobic im Pool oder das Shabu-Shabu im Restaurant. Und dann gibt es natürlich diese Werbekampagnen in Japan. Amerikanische Schauspieler promoten ein Produkt und finden das etwas peinlich. Ich mache mich auf liebenswerte Art darüber ein bisschen lustig, finde nichts Heuchlerisches daran. Es ist einfach bizarr, in Japan zu sein, nach oben zu schauen und Brad Pitt auf einem Billboard zu sehen, wie er Kaffee anpreist oder wie sein Konterfei in einem Automaten schwebt. Das gehört zu den Dingen, die man in Japan eben nicht erwartet, wie etwa auch den Nachbau eines französischen Cafes.“

LOST IN TRANSLATION wurde ausschließlich an Originalschauplätzen in Japan gedreht. Wie bereitet man sich als amerikanisches Team auf eine so exotische Herausforderung vor – ganz besonders bei einem unabhängig produzierten Projekt mit einem bescheidenen Budget?

Es war ein großes Abenteuer. Was ich an Tokio ganz besonders liebe, ist der große Unterschied zu Europa. In Kultur und Sprache wirkt dort alles viel fremdartiger. Alles ist anders dort, sogar der Einkauf von Lebensmitteln. Es gibt unterschiedliche Regeln und Traditionen, die man im Laufe der Zeit lernt. Wir konnten uns darauf einstellen. Acht von uns waren Amerikaner, der Rest Japaner.
Respekt und Ehre gehören zu den Säulen der japanischen Kultur. Wir wollten beim Drehen eher den nationalen Traditionen folgen. Im Shabu-Shabu-Restaurant aber durften wir zum Beispiel nur bis vier Uhr nachmittags drehen. Als wir nur zehn bis fünfzehn Minuten überzogen, machte der Besitzer die Lichter aus. Weil wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht fertig waren, waren wir respektlos gegenüber dem Eigentümer gewesen. So empfand es auch unser 2. Aufnahmeleiter.

Sie hatten nur 27 Drehtage zur Verfügung, arbeiteten sechs Tage die Woche.

Lance [Alcord, der Kameramann] und ich haben einige Zeit in Tokio verbracht, und beide mochten wir den Look dieser Stadt. Eine gewisse Spontanität wollten wir vermitteln, eine informelle Herangehensweise, als würde man durch die Stadt laufen und Schnappschüsse machen. In Schnappschüssen sind meine Erinnerungen an Tokio festgehalten. Wir wollten schnell und unaufdringlich sein, nichts übermäßig beleuchten müssen. Wir drehten heimlich, benutzten die Leute auf der Straße als Statisten. Die Kamera war klein und handlich. Im U-Bahnbereich darf man überhaupt nicht drehen. Wir mussten ständig in Bewegung bleiben, damit uns niemand aufhalten konnte. Nur ich, Scarlett, Lance und ein zwei andere waren dabei.
Wir haben viele Szenen ohne spezielle Genehmigung spontan auf der Straße gedreht. Eines Tages stieß mein Bruder Roman, der mit dem zweiten Aufnahmeteam drehte, dabei auf einige Yakuza. Sie forderten Geld von uns, denn das sei ihr Revier. Dort brachen wir sofort unsere Zelte ab. Unsere Crew half dabei, uns von anderen Yakuza-Gebieten fernzuhalten.


Welche Kommunikationsmittel gab es, um sich mit den vielen japanischen Mitarbeitern verständigen zu können?

Wie es auch bei uns ablief, sieht man in der Szene, in der Bill den Werbespot dreht, und wegen der Übersetzung alles zehnmal länger dauert als üblich. Wir waren immer in Eile. Wenn man also auch nur mit einem Statisten im Hintergrund reden wollte, wurde das ein richtiges Projekt.

Wie war die Zusammenarbeit mit Bill Murray?

Genauso, wie ich es mir erhofft hatte: Spaß in Tokio. Er ist sehr enthusiastisch, kann großartig mit der Crew umgehen und war für jeden ansprechbar. Er ist wunderbar im Improvisieren, und das hat viele Szenen sehr bereichert.

Und wie genau sehen die Parameter für die Beziehung zwischen Bob und Charlotte aus. Ist es nur eine Freundschaft?

Eine romantische Aura soll spürbar sein, aber nur am Rande. Wie diese Beziehungen, die man im wirklichen Leben hat: etwas mehr als Freundschaft, aber keine echte Romanze. Es ist ein Flirt. Beide wissen, dass ihre Beziehung zu nichts führt. In meinen Augen hat das mit Sex wenig zu tun. Es ist unschuldig, romantisch, mehr eine Freundschaft.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Karaoke-Titel, die sehr deskriptiv wirken, ausgewählt?

Brian Reitzell und ich haben sie gemeinsam ausgesucht. Es war schwer, Songs für Bob zu finden, gerade, weil er zum ersten Mal wirklich aus sich herausgeht. Bei einem Karaokestand unterhielt ich mich mit Bill über Roxy Music und bat ihn, ’More Than This’ zu singen. Er tat es, und ich hielt das für so süß, dass ich ihn bat, es auch im Film so zu singen. Glücklicherweise haben wir auch die Rechte für den Song bekommen.

Die Originalmusik für den Film ist eher ungewöhnlich, denn nur zwei Musiker sind dafür verantwortlich. Wie haben Sie zusammengearbeitet?

Wir hatten nicht wirklich einen Komponisten. Brian Reitzell ist Schlagzeuger, unter anderem bei Air, und hat mit mir schon bei THE VIRGIN SUICIDES – VERLORENE JUGEND zusammengearbeitet. Er hat mir einiges an Tokio-Dreampop zusammengestellt, das ich mir anhören konnte, während ich über meinem Drehbuch saß. Davon haben wir letztlich eine Menge für den Film benutzt.

Mit LOST IN TRANSLATION machen Sie den Zuschauer auf eine sehr persönliche Art und Weise mit einer exotischen und vor Menschen wimmelnden Stadt bekannt. Trotz Lärm und Hektik gibt es viele leise und intime Momente. Konnten Sie solche Momente in der Produktionsphase auch für sich selbst finden?

Freunde führten uns in kleine versteckte Kneipen und Gassen. So macht Tokio Spaß, wenn man jemanden kennt, der dort lebt. Es gibt viele versteckte Orte, die sich ständig verändern. Es macht mir großen Spaß, neue Plätze zu entdecken und mich umzusehen. Seit dem Ende der Dreharbeiten bin ich nicht mehr in Tokio gewesen. Wenn ich jetzt den Film sehe, verspüre ich Sehnsucht, dorthin zurückzugehen.

Was soll ein Zuschauer für sich mitnehmen, wenn er den Film sieht. Eine bestimmte Atmosphäre, einen bestimmten Augenblick oder ein bestimmtes Gefühl?

Ich kann eigentlich nur sagen, warum ich diesen Film machen wollte. Ich wollte zeigen, was ich an Tokio liebe, was ich bei einem Besuch dieser Stadt empfinde. Es geht um großartige, aber flüchtige Momente in unserem Leben. Sie sind nicht von Dauer, aber man erinnert sich daran, sie beeinflussen uns. Daran habe ich gedacht, darum genau ging es mir.
   
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