Als Kinoereignis des vergangenen Sommers war Krieg der Welten im Vorfeld bezeichnet worden: Eine Zusammenarbeit von Tom Cruise und Steven Spielberg könne – so glaubte man - unmöglich an der Kinokasse scheitern. Durch das Presseembargo des Verleihs konnte jedoch zuerst einmal keine Kritik bis zum Starttag erscheinen. Die Folge war ein großes Rätselraten über die Qualität des neuesten Spielberg-Films. Als der Film dann endlich in die Kinos kam und die ersten Kritiken erschienen, ahnten manche den Grund des Kritik-„Verbots“, denn die Rezensionen beurteilten den Film weitgehend negativ. Auch beim Publikum kam der Film nicht gut an: „Krieg der Welten besteht aus einer schnöden, inhaltsleeren Aneinanderreihung von Actionszenen“ und „Krieg der Welten ist total sinnlos und überflüssig, und man kapiert einfach nicht, was der Spielberg mit diesem Film erreichen möchte!“ urteilten die Besucher auf www.kino-zeit.de.
Tatsächlich muss man sich die Frage stellen, wie der größte Filmstar und der größte Regisseur der Gegenwart einen derartigen Flop produzieren können. Die Antwort ist verblüffend einfach und scheinbar widersinnig: Cruise und Spielberg wussten genau, was sie taten. Jede Szene hat ihren Sinn, jede Textzeile ist gut überlegt, und der Film sollte genau so sein, wie er dann auf die Leinwand gekommen ist. Daher hat der Film es verdient, genauer betrachtet und anders, vielleicht sogar besser beurteilt zu werden. Denn Krieg der Welten ist ein großer Film, der auf erschütternde Weise die politische Situation der USA auf der einen Seite und auch Steven Spielbergs Versuch einer Vergangenheitsbewältigung erahnen lässt.
Krieg der Welten – seit 1898 eine aktuelle Geschichte
Bereits 1898 schrieb der Science Fiction-Fan H.G. Wells seine Geschichte über den Angriff Außerirdischer auf die Erde. Die Tripods (im Film „Dreibeiner“ genannt) beschrieb er schon damals so, wie sie nun auf der Leinwand zu sehen sind und nahm damit Bezug auf die damalige Industrialisierung. Die Geschichte war eine Satire auf die Kolonialpolitik des britischen Königreiches und kritisierte die Ausrottung der Ureinwohner und Eingeborenen durch die technologische Übermacht der britischen Eroberer. Vierzig Jahre später, im Oktober 1938 machte Orson Welles aus der Story ein Hörspiel im Stil einer in die Gegenwart transportierten Live-Reportage. Die fiktive Nachricht, dass Marsmenschen die US-Bevölkerung angriffen, löste eine Massenpanik aus – die Hörer hielten die Sendung für authentisch und sogar die Nationalgarde soll mobil gemacht worden sein. Der Zeitpunkt der Ausstrahlung war kein Zufall: 1938 standen die Nationen kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, und auch die Amerikaner blickten mit Sorge auf Nazideutschland. Die Angst vor einem Angriff auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten wuchs. Nur mit dieser Angst im Nacken konnte Krieg der Welten die Menschen erschrecken – in Friedenszeiten hätte wohl kaum jemand die Ausstrahlung ernst genommen.
Nachdem der Zweite Weltkrieg überstanden war, wuchs für die USA mit dem Kalten Krieg die nächste Bedrohung heran: Die Amerikaner wurden von der Angst vor dem Kommunismus ergriffen, die in Schwarzen Listen, Verhaftungen und fast in einer Hexenjagd auf Verdächtige endete. Wie in den 30er Jahren war diese Stimmung der ideale Nährboden des Wells-Stoffes: Erneut hatten die Menschen Angst vor einem Angriff von Fremden, und die Filmfassung von Krieg der Welten zeigte erneut, wie unbekannte Wesen die USA angriffen. Tricktechnisch ist die Fassung von 1953 ein Meilenstein. Farbenprächtig zeigt der Film die urplötzliche Attacke aus dem Nichts und schürten die Angst vor den fremden Sowjets und ihrer Atombombe.
Spielbergs Version als Bewältigung eines Traumas
Jede Generation hat ihre eigenen Ängste und ihr eigenes Trauma. Die Katastrophe vom 11. September 2001 und deren Folgen wirken heute in alle Bereiche der USA hinein, und erst recht auf die Produkte Hollywoods, das ständig auf der Suche ist nach Themen ist, die zu einer kruden Mischung von Fiction und Wahrheit verarbeitet werden können. Daher griff Spielberg auf diesen Stoff zurück, der zu diesem Zeitpunkt mindestens genau so aktuell wie kurz vor dem Zweiten Weltkrieg oder während es Kalten Krieges war. Und die aktuelle Fassung der über hundert Jahre alten Geschichte, beinhaltet so viele Bezüge, Hinweise und Symbole auf das 9/11 Trauma, dass man als Zuschauer auf eine filmische Reise geht, die bestürzt.
Schon der Beginn des Filmes macht schnell klar, dass in den USA die Verhältnisse nicht mehr das sind, was sie einmal waren. Der Nukleus einer nach amerikanischem Verständnis intakten Gesellschaft, die Familie, befindet sich in Auflösung. Nachdem Ray (Tom Cruise) seine Kinder bei sich zu Hause hat, ist erst einmal klar: Er kann mit ihnen nicht viel anfangen und vernachlässigt sie. Aber mit einer großen Rahmenhandlung hält sich der Film nicht lange auf: Schon schlägt der erste Blitz hinter dem mit US-Flaggen geschmückten Haus ein, und noch denkt jeder an einen Zufall, ein Unwetter. Aber es ist genauso wenig ein Gewitter, wie der erste Einschlag eines Flugzeugs ins World Trade Center ein Unfall war. Die Einschläge setzen die zerstörerischen Tripods frei, die jahrelang in der Erde schlummerten, um im richtigen Augenblick hervorzubrechen und das Angriffsziel, die USA, von innen heraus anzugreifen. Ähnlich wie heute wähnten sich die Bürger in ihrem Land in Sicherheit, bis ihnen klar wurde, dass der Feind als Schläfer bereits und im wahrsten Sinne des Wortes unter ihnen war.
In der nächsten Szene mögen im Zuschauer Zweifel an der Qualität des Filmes aufgekommen sein: Obwohl die technische Welt außer Gefecht gesetzt ist und kein Instrument funktioniert, kann ein Passant die Tripods mit der Handkamera filmen. Eine logische Lücke im Drehbuch, aber auch ein Hinweis auf die Einschläge ins World Trade Center: Trotz Panik, Todesangst und Kriegsbeginn können Dutzende Hobbyfilmer die Katastrophe festhalten. Nur auf diese Weise konnten die brennenden Türme ihren Weg ins kollektive Gedächtnis finden. Die Kamera hält die in Panik wegrennenden Menschen fest. Dass die am Boden liegende Kamera weiter funktioniert, zeigt die Wichtigkeit der Medien in Zeiten des Terrors – am 11. September 2001 genauso wie beim Angriff der Außerirdischen.
Später steht Ray geschockt vor dem Spiegel, über und über mit Staub bedeckt – von den Toten ist nichts weiter übrig geblieben. Dieses Bild erinnert an die Menschen, die nach dem Einsturz des WTC über und über mit weißem Staub durch die Straßen irrten. Ray mit Menschenstaub bedeckt gedenkt auch den Opfern der Krematorien des Holocausts – auch in Schindlers Liste (USA 1993) musste die Hauptfigur menschliche Asche auf sich regnen lassen. Wenn Ray unter Schock in den Spiegel blickt und sich das Gesicht sauber wischt, sieht er nicht nur in seine Gegenwart und erkennt den Ernst der Lage, sondern blickt auch in die Gesichter der namenlosen pulverisierten Toten der Vergangenheit.
Kein Krieg, nur Flucht
Hier beginnt der Hauptteil des Filmes: Die Flucht der Familie vor den Tripods, die so übermächtig scheinen, dass den Bürgern in Panik nichts anderes übrig bleibt, als die übergroßen fremden Maschinen staunend anzusehen oder wegzurennen. Ganz ähnlich war die Situation am 11. September: Auch in New York blickten die Menschen erschüttert auf die brennenden Türme, bis ihnen klar wurde, dass sie erst mal zur Handlungsunfähigkeit verdammt waren und nur ihr Leben retten konnten. Noch war nicht klar, wer die Feinde sind, noch konnte nur spekuliert werden, und auch die Regierung war hinsichtlich des anonymen Feindes überfordert, was durch einen wirr blickenden Präsidenten Bush und seinen ziellosen Flug in der Air Force One zum Ausdruck kam.
„Sind das Terroristen?“ fragt Rachel, der Sohn fügt hinzu: „Wer greift uns an? Wer steckt dahinter? Europa?“ „Nein“, brüllt Ray als Antwort, „die kommen von ganz woanders her! ... Nein, ich meine NICHT Europa!“ Wer wusste schon mit Sicherheit, wer die USA angreift? Bis heute bleiben die Feinde unsichtbar und ortlos, und Bush wusste nichts Besseres als den Feind im Irak zu vermuten und ins Blaue hinein zu handeln. Die Familie trifft am abgestürzten Flugzeug erneut auf die Medien: Die Aufnahmen der Reporterin können in Zeitlupe zeigen, wie die Angriffe der Fremden koordiniert wurden: Einmal mehr wird deutlich, dass die Tripods als Schläfer im Innern des Landes auf ihren Einsatz gewartet haben, aber die Piloten mit den Blitzen kamen, um sie zu bedienen – wie auch die Todespiloten sich in den USA als Bürger aufgehalten haben, aber dennoch von außen ihren Befehl erhielten und gesteuert wurden.
Die Reise geht weiter, und Ray kann sein Kind nicht mehr vor einem Blick auf das Grauen bewahren: Rachel sieht in einem Fluss Dutzende Leichen treiben. Ein für die „Arbeitsweise“ der Tripods unlogisches Bild: Die Dreibeine hinterlassen keine Leichen. Vielmehr erinnert dieses Bild an ein Massaker während des Holocaust. Im Film Babij Jar (Deutschland/Russland 2002) entdecken Kinder beim Spielen Leichen im Fluss - die ersten Hinweise auf die herannahende Katastrophe und der Beginn einer Handlung über eine Massenerschießung und dessen Vertuschen in der Ukraine.
Noch gehören Ray und seine Kinder zu den Privilegierten der USA, denn sie besitzen ein Auto, mit dem sie fliehen können – eine Situation, die nach der Flutkatastrophe in New Orleans ebenfalls frappierend an reale Ereignisse denken lässt, doch die Segnungen der Zivilisation sind in einem Ausnahmezustand wie diesem flüchtig: Ray und seine Kinder werden von der Menschenmeute überfallen und des Wagens beraubt: Hier wird einerseits deutlich, dass in der Not alle Menschen gleich sein müssen, auf der anderen Seite wird das Monster im Menschen gezeigt, das um sein Leben kämpft. Von nun an geht die Reise zu Fuß weiter, was neue Blickwinkel zulässt: Auf dem Weg zu Fähre kommt Ray an einer Mauer vorbei, die über und über mit Zetteln bedeckt ist, auf denen Hinterbliebene nach ihren Angehörigen suchen. Diese Vermisstenanzeigen gleichen den Klagemauern in New York, auf denen auch auf diese Weise nach Opfern des Anschlages gesucht wurden.
Den Höhepunkt des Grauens muss man jedoch mit ansehen, als die Wartenden sich vor dem Bahnübergang versammeln. Ein brennender Zug rast vorbei und zieht einen Ascheschleier hinter sich her. Der Zug als fahrendes Krematorium ist ein intaktes Produkt der Zivilisation und tödliche Falle für die Insassen zugleich. In dieser Szene sind die brennenden Etagen der Zwillingstürme ebenso enthalten wie die Transportwaggons nach Auschwitz.
Die Episode, in der Ray und Rachel in dem Keller des Farmers (Tim Robbins) festsitzen, ist eine enge Darstellung der Verhältnisse: Der Vater, der seine Familie retten will und der Mann, der sein Land verteidigen möchte und darüber wahnsinnig wird. Er bringt die Situation auf den Punkt: „Das hier ist genauso wenig ein Krieg wie zwischen Mensch und Made. Das ist eine komplette Ausrottung.“ Er hat recht, und daher bleibt die Befreiung Rachels aus den Klauen der Tripods auch ohne weitere Konsequenzen auf die dramatische Situation. Am Ende sterben die Dreibeine schneller als erwartet und ohne kriegerisches Zutun: Wie schon in dem Film aus den 1950er Jahren gehen sie an der für sie nicht geeigneten Erde und deren Bewohner zugrunde. Dramaturgisch ist dies enttäuschend, aber die Aussage ist klar: „Durch zahllose Todesopfer hat der Mensch seine Immunität erkauft, sein Recht, weiter zu leben. ... und allen Herausforderungen zum Trotz gehört das Recht uns.“ Das bedeutet nicht nur, dass der Mensch über allen anderen Lebewesen steht. Aus dem Blickwinkel der USA werden die Amerikaner über alle anderen Nationen erhoben. Das Ende der Story ist in seiner übertriebene Familienzusammenführung so kitschig, dass es zumindest aus europäischer Sicht kaum ernst zu nehmen ist. Dennoch verweist es auf das US-Heiligtum der Familie und auf die Familie als Ursprung aller Kraft.
Die Kinoauswertung von Krieg der Welten ist mit 2,6 Millionen Besuchern recht enttäuschend beendet. Als spannendes Popkorn-Kino hat der Film nicht überzeugen können, es fehlt zu sehr an großen Schlachten, spannenden Action-Szenen und einem großen, strahlenden Helden. Emmerich hat dies in Independence Day (USA 1996) erfolgreich inszeniert. Mit einer anderen Erwartungshaltung kann der Film aber dennoch funktionieren und einen interessanten Film-Abend bringen. Im November erscheint Krieg der Welten auf DVD – und das ist die beste Möglichkeit, dem Film noch einmal eine Chance zu geben.
(Holger Lodahl)
Tatsächlich muss man sich die Frage stellen, wie der größte Filmstar und der größte Regisseur der Gegenwart einen derartigen Flop produzieren können. Die Antwort ist verblüffend einfach und scheinbar widersinnig: Cruise und Spielberg wussten genau, was sie taten. Jede Szene hat ihren Sinn, jede Textzeile ist gut überlegt, und der Film sollte genau so sein, wie er dann auf die Leinwand gekommen ist. Daher hat der Film es verdient, genauer betrachtet und anders, vielleicht sogar besser beurteilt zu werden. Denn Krieg der Welten ist ein großer Film, der auf erschütternde Weise die politische Situation der USA auf der einen Seite und auch Steven Spielbergs Versuch einer Vergangenheitsbewältigung erahnen lässt.
Krieg der Welten – seit 1898 eine aktuelle Geschichte
Bereits 1898 schrieb der Science Fiction-Fan H.G. Wells seine Geschichte über den Angriff Außerirdischer auf die Erde. Die Tripods (im Film „Dreibeiner“ genannt) beschrieb er schon damals so, wie sie nun auf der Leinwand zu sehen sind und nahm damit Bezug auf die damalige Industrialisierung. Die Geschichte war eine Satire auf die Kolonialpolitik des britischen Königreiches und kritisierte die Ausrottung der Ureinwohner und Eingeborenen durch die technologische Übermacht der britischen Eroberer. Vierzig Jahre später, im Oktober 1938 machte Orson Welles aus der Story ein Hörspiel im Stil einer in die Gegenwart transportierten Live-Reportage. Die fiktive Nachricht, dass Marsmenschen die US-Bevölkerung angriffen, löste eine Massenpanik aus – die Hörer hielten die Sendung für authentisch und sogar die Nationalgarde soll mobil gemacht worden sein. Der Zeitpunkt der Ausstrahlung war kein Zufall: 1938 standen die Nationen kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, und auch die Amerikaner blickten mit Sorge auf Nazideutschland. Die Angst vor einem Angriff auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten wuchs. Nur mit dieser Angst im Nacken konnte Krieg der Welten die Menschen erschrecken – in Friedenszeiten hätte wohl kaum jemand die Ausstrahlung ernst genommen.
Nachdem der Zweite Weltkrieg überstanden war, wuchs für die USA mit dem Kalten Krieg die nächste Bedrohung heran: Die Amerikaner wurden von der Angst vor dem Kommunismus ergriffen, die in Schwarzen Listen, Verhaftungen und fast in einer Hexenjagd auf Verdächtige endete. Wie in den 30er Jahren war diese Stimmung der ideale Nährboden des Wells-Stoffes: Erneut hatten die Menschen Angst vor einem Angriff von Fremden, und die Filmfassung von Krieg der Welten zeigte erneut, wie unbekannte Wesen die USA angriffen. Tricktechnisch ist die Fassung von 1953 ein Meilenstein. Farbenprächtig zeigt der Film die urplötzliche Attacke aus dem Nichts und schürten die Angst vor den fremden Sowjets und ihrer Atombombe.
Spielbergs Version als Bewältigung eines Traumas
Jede Generation hat ihre eigenen Ängste und ihr eigenes Trauma. Die Katastrophe vom 11. September 2001 und deren Folgen wirken heute in alle Bereiche der USA hinein, und erst recht auf die Produkte Hollywoods, das ständig auf der Suche ist nach Themen ist, die zu einer kruden Mischung von Fiction und Wahrheit verarbeitet werden können. Daher griff Spielberg auf diesen Stoff zurück, der zu diesem Zeitpunkt mindestens genau so aktuell wie kurz vor dem Zweiten Weltkrieg oder während es Kalten Krieges war. Und die aktuelle Fassung der über hundert Jahre alten Geschichte, beinhaltet so viele Bezüge, Hinweise und Symbole auf das 9/11 Trauma, dass man als Zuschauer auf eine filmische Reise geht, die bestürzt.
Schon der Beginn des Filmes macht schnell klar, dass in den USA die Verhältnisse nicht mehr das sind, was sie einmal waren. Der Nukleus einer nach amerikanischem Verständnis intakten Gesellschaft, die Familie, befindet sich in Auflösung. Nachdem Ray (Tom Cruise) seine Kinder bei sich zu Hause hat, ist erst einmal klar: Er kann mit ihnen nicht viel anfangen und vernachlässigt sie. Aber mit einer großen Rahmenhandlung hält sich der Film nicht lange auf: Schon schlägt der erste Blitz hinter dem mit US-Flaggen geschmückten Haus ein, und noch denkt jeder an einen Zufall, ein Unwetter. Aber es ist genauso wenig ein Gewitter, wie der erste Einschlag eines Flugzeugs ins World Trade Center ein Unfall war. Die Einschläge setzen die zerstörerischen Tripods frei, die jahrelang in der Erde schlummerten, um im richtigen Augenblick hervorzubrechen und das Angriffsziel, die USA, von innen heraus anzugreifen. Ähnlich wie heute wähnten sich die Bürger in ihrem Land in Sicherheit, bis ihnen klar wurde, dass der Feind als Schläfer bereits und im wahrsten Sinne des Wortes unter ihnen war.
In der nächsten Szene mögen im Zuschauer Zweifel an der Qualität des Filmes aufgekommen sein: Obwohl die technische Welt außer Gefecht gesetzt ist und kein Instrument funktioniert, kann ein Passant die Tripods mit der Handkamera filmen. Eine logische Lücke im Drehbuch, aber auch ein Hinweis auf die Einschläge ins World Trade Center: Trotz Panik, Todesangst und Kriegsbeginn können Dutzende Hobbyfilmer die Katastrophe festhalten. Nur auf diese Weise konnten die brennenden Türme ihren Weg ins kollektive Gedächtnis finden. Die Kamera hält die in Panik wegrennenden Menschen fest. Dass die am Boden liegende Kamera weiter funktioniert, zeigt die Wichtigkeit der Medien in Zeiten des Terrors – am 11. September 2001 genauso wie beim Angriff der Außerirdischen.
Später steht Ray geschockt vor dem Spiegel, über und über mit Staub bedeckt – von den Toten ist nichts weiter übrig geblieben. Dieses Bild erinnert an die Menschen, die nach dem Einsturz des WTC über und über mit weißem Staub durch die Straßen irrten. Ray mit Menschenstaub bedeckt gedenkt auch den Opfern der Krematorien des Holocausts – auch in Schindlers Liste (USA 1993) musste die Hauptfigur menschliche Asche auf sich regnen lassen. Wenn Ray unter Schock in den Spiegel blickt und sich das Gesicht sauber wischt, sieht er nicht nur in seine Gegenwart und erkennt den Ernst der Lage, sondern blickt auch in die Gesichter der namenlosen pulverisierten Toten der Vergangenheit.
Kein Krieg, nur Flucht
Hier beginnt der Hauptteil des Filmes: Die Flucht der Familie vor den Tripods, die so übermächtig scheinen, dass den Bürgern in Panik nichts anderes übrig bleibt, als die übergroßen fremden Maschinen staunend anzusehen oder wegzurennen. Ganz ähnlich war die Situation am 11. September: Auch in New York blickten die Menschen erschüttert auf die brennenden Türme, bis ihnen klar wurde, dass sie erst mal zur Handlungsunfähigkeit verdammt waren und nur ihr Leben retten konnten. Noch war nicht klar, wer die Feinde sind, noch konnte nur spekuliert werden, und auch die Regierung war hinsichtlich des anonymen Feindes überfordert, was durch einen wirr blickenden Präsidenten Bush und seinen ziellosen Flug in der Air Force One zum Ausdruck kam.
„Sind das Terroristen?“ fragt Rachel, der Sohn fügt hinzu: „Wer greift uns an? Wer steckt dahinter? Europa?“ „Nein“, brüllt Ray als Antwort, „die kommen von ganz woanders her! ... Nein, ich meine NICHT Europa!“ Wer wusste schon mit Sicherheit, wer die USA angreift? Bis heute bleiben die Feinde unsichtbar und ortlos, und Bush wusste nichts Besseres als den Feind im Irak zu vermuten und ins Blaue hinein zu handeln. Die Familie trifft am abgestürzten Flugzeug erneut auf die Medien: Die Aufnahmen der Reporterin können in Zeitlupe zeigen, wie die Angriffe der Fremden koordiniert wurden: Einmal mehr wird deutlich, dass die Tripods als Schläfer im Innern des Landes auf ihren Einsatz gewartet haben, aber die Piloten mit den Blitzen kamen, um sie zu bedienen – wie auch die Todespiloten sich in den USA als Bürger aufgehalten haben, aber dennoch von außen ihren Befehl erhielten und gesteuert wurden.
Die Reise geht weiter, und Ray kann sein Kind nicht mehr vor einem Blick auf das Grauen bewahren: Rachel sieht in einem Fluss Dutzende Leichen treiben. Ein für die „Arbeitsweise“ der Tripods unlogisches Bild: Die Dreibeine hinterlassen keine Leichen. Vielmehr erinnert dieses Bild an ein Massaker während des Holocaust. Im Film Babij Jar (Deutschland/Russland 2002) entdecken Kinder beim Spielen Leichen im Fluss - die ersten Hinweise auf die herannahende Katastrophe und der Beginn einer Handlung über eine Massenerschießung und dessen Vertuschen in der Ukraine.
Noch gehören Ray und seine Kinder zu den Privilegierten der USA, denn sie besitzen ein Auto, mit dem sie fliehen können – eine Situation, die nach der Flutkatastrophe in New Orleans ebenfalls frappierend an reale Ereignisse denken lässt, doch die Segnungen der Zivilisation sind in einem Ausnahmezustand wie diesem flüchtig: Ray und seine Kinder werden von der Menschenmeute überfallen und des Wagens beraubt: Hier wird einerseits deutlich, dass in der Not alle Menschen gleich sein müssen, auf der anderen Seite wird das Monster im Menschen gezeigt, das um sein Leben kämpft. Von nun an geht die Reise zu Fuß weiter, was neue Blickwinkel zulässt: Auf dem Weg zu Fähre kommt Ray an einer Mauer vorbei, die über und über mit Zetteln bedeckt ist, auf denen Hinterbliebene nach ihren Angehörigen suchen. Diese Vermisstenanzeigen gleichen den Klagemauern in New York, auf denen auch auf diese Weise nach Opfern des Anschlages gesucht wurden.
Den Höhepunkt des Grauens muss man jedoch mit ansehen, als die Wartenden sich vor dem Bahnübergang versammeln. Ein brennender Zug rast vorbei und zieht einen Ascheschleier hinter sich her. Der Zug als fahrendes Krematorium ist ein intaktes Produkt der Zivilisation und tödliche Falle für die Insassen zugleich. In dieser Szene sind die brennenden Etagen der Zwillingstürme ebenso enthalten wie die Transportwaggons nach Auschwitz.
Die Episode, in der Ray und Rachel in dem Keller des Farmers (Tim Robbins) festsitzen, ist eine enge Darstellung der Verhältnisse: Der Vater, der seine Familie retten will und der Mann, der sein Land verteidigen möchte und darüber wahnsinnig wird. Er bringt die Situation auf den Punkt: „Das hier ist genauso wenig ein Krieg wie zwischen Mensch und Made. Das ist eine komplette Ausrottung.“ Er hat recht, und daher bleibt die Befreiung Rachels aus den Klauen der Tripods auch ohne weitere Konsequenzen auf die dramatische Situation. Am Ende sterben die Dreibeine schneller als erwartet und ohne kriegerisches Zutun: Wie schon in dem Film aus den 1950er Jahren gehen sie an der für sie nicht geeigneten Erde und deren Bewohner zugrunde. Dramaturgisch ist dies enttäuschend, aber die Aussage ist klar: „Durch zahllose Todesopfer hat der Mensch seine Immunität erkauft, sein Recht, weiter zu leben. ... und allen Herausforderungen zum Trotz gehört das Recht uns.“ Das bedeutet nicht nur, dass der Mensch über allen anderen Lebewesen steht. Aus dem Blickwinkel der USA werden die Amerikaner über alle anderen Nationen erhoben. Das Ende der Story ist in seiner übertriebene Familienzusammenführung so kitschig, dass es zumindest aus europäischer Sicht kaum ernst zu nehmen ist. Dennoch verweist es auf das US-Heiligtum der Familie und auf die Familie als Ursprung aller Kraft.
Die Kinoauswertung von Krieg der Welten ist mit 2,6 Millionen Besuchern recht enttäuschend beendet. Als spannendes Popkorn-Kino hat der Film nicht überzeugen können, es fehlt zu sehr an großen Schlachten, spannenden Action-Szenen und einem großen, strahlenden Helden. Emmerich hat dies in Independence Day (USA 1996) erfolgreich inszeniert. Mit einer anderen Erwartungshaltung kann der Film aber dennoch funktionieren und einen interessanten Film-Abend bringen. Im November erscheint Krieg der Welten auf DVD – und das ist die beste Möglichkeit, dem Film noch einmal eine Chance zu geben.
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