In seinem neuen Film Holy Lola (Kino-Start 18.8.2005) behandelt der französische Filmemacher das Thema Adoption und beschreibt die aufreibende Reise eines Paares nach Kambodscha, das hofft in Südostasien sein Wunschkind zu finden. In einem Interview im Presseheft des Films erläutert Tavernier die Hintergünde des Films.
Ist Holy Lola ein Film zum Thema Adoption oder über Kambodscha?
Ich hatte nicht die Absicht einen Thesen-Film zu machen. Es ist kein Film zum Thema Adoption, sondern über ein Paar, das ein Kind adoptieren möchte – was ein entscheidender Unterschied ist. Und wer sich dann einmal entschieden hat, ein Kind in einem anderen Land zu adoptieren, sieht sich natürlich der Notwendigkeit gegenüber, mit diesem Land vertraut zu werden. Einerseits, um sich dort zurecht zu finden. Andererseits, weil sie über ihr zukünftiges Kind zwangsläufig einen engen Kontakt mit diesem Land haben werden. Um mit ihrem Kind kommunizieren zu können ist es geradezu eine Notwendigkeit, zu wissen, wo es herkommt, was seine Eltern und Großeltern erlebt haben. Dies umso mehr, wenn es sich um Länder handelt, die so sehr geschunden wurden, wie es in Kambodscha oder Vietnam der Fall war.
Warum Kambodscha?
Südostasien bedeutet sehr viel für mich. Ein persönliches Erlebnis in Vietnam hat mich sehr geprägt, und die Geschichte von Kambodscha übte einen großen Reiz auf mich aus. Anfangs hatten wir übrigens auch an Mali gedacht, aber die Genehmigungsverfahren in diesem Land haben sich als so kompliziert dargestellt, dass ich befürchtete, mehr Zeit mit dem Warten vor dem Telefon zu verbringen, als dass ich mich mit meinen eigentlichen Aufgaben beschäftigt hätte… Man muss auch sagen, dass mich zu Beginn, bevor es überhaupt um Adoption ging, am meisten interessierte, einen Film über Menschen zu machen, die sich in ein Land katapultiert finden, von dem sie keinen blassen Schimmer haben. Der größte Teil der künftigen Adoptiveltern ist ja alles andere als reisefreudig. Als ich mit den beiden Drehbuchautoren, Tiffany, meiner Tochter, und Dominique Sampiero, nach Kambodscha gefahren bin, sind wir überwiegend auf Franzosen gestoßen, die das erste Mal überhaupt ins Ausland gereist sind. Ich fand es eine aufregende Idee, die Hoffnungen, Verletzungen und Kränkungen, denen sich diese Menschen ausgesetzt sehen, mit den Hoffnungen, Verletzungen und Kränkungen eines ganzen Landes zu kontrastieren.
Die Bühne für diese Kränkungen und Hoffnungen ist das Hotel in Phnom-Penh, wo sich all die potentiellen Adoptiveltern treffen…
Ich bin sicher, dass man mir vorwerfen wird, wir hätten dieses Moment übertrieben und zu sehr zugespitzt. Es ist aber wirklich so: die Interessenten aus einem bestimmten Land kommen tatsächlich auch in bestimmten Hotels zusammen. Stellen Sie sich vor, sie wohnen irgendwo in der Provinz, und Sie sind noch nie groß in der Welt herum gekommen. Plötzlich brechen Sie auf zu diesem unglaublichen Abenteuer einer Adoption in einem wildfremden Land. Sie informieren sich übers Internet und stoßen irgendwann zwangsläufig auf eine Site, wo Adoptiveltern erklären, dass sie in Phnom-Penh ein Guest House gefunden haben, wo man französisch spricht, wo man französisch kocht und der Besitzer ein Ohr für Sie hat. Es ist doch klar, dass Sie sich zuerst dorthin wenden, oder? Natürlich kommen die Leute da zusammen, wo sie den Eindruck haben, da würde ihnen geholfen. Dieses Miteinander, das ich da schildere, das ist tatsächlich so. Das kann natürlich auch ganz schnell unangenehm werden. Da liegt auch Neid, Engstirnigkeit und Eifersüchtelei in der Luft. Ich habe festgestellt, dass in der Welt der Adoption, ebenso wie in der Welt des Kinos, das Gerücht König ist. Der und der hat ein Kind gefunden und adoptiert, der und der hat seine Papiere wahnsinnig schnell erhalten, der und der soll einen Vermittler bestochen haben… Jedes gerade herrschende Gefühlsklima kann übrigens urplötzlich in sein absolutes Gegenteil umschlagen. Dafür genügt es, dass eine oder zwei Personen nicht mehr da sind.
Gibt es reale Vorbilder für Ihre beiden Hauptdarsteller?
Ich habe ein Paar aus Annecy getroffen, das den beiden ähnelt. Sie waren die ersten, die ich in Phnom-Penh kennen gelernt habe. Mit ihnen war ich zum Beispiel auf der Müllkippe, die Pierre (Jacques Gamblin) und Géraldine (Isabelle Carré) "besichtigen". Wir haben uns von ihrer Art und Lebensweise inspirieren lassen. Als sie an einem Punkt waren, wo nichts mehr weiter ging, war es ihnen dennoch möglich für einen Moment abzuschalten und sich das Land anzuschauen.
Längst nicht alle Ihrer Charaktere sind sympathisch.
Ich habe eine Schwäche für etwas unsympathische Figuren. Monsieur Fontaine (Gilles Gaston-Dreyfus) zum Beispiel, der sture Pedant in der Gruppe. Er ist der einzige, der mit seiner Frau auch ein älteres Kind adoptieren will. Wer sie nicht mag, wird möglicherweise sagen, naja sie wollen sich nicht mit einem Säugling herum schlagen. Aber es ist komplizierter. Im Prinzip hat er mit vielem Recht, was er sagt, aber mit seinem Tonfall des Überlegenen, Sarkastikers und Besserwissers provoziert er schon in dem Moment, da er den Mund aufmacht, Widerspruch. Ich empfinde eine gewisse Zärtlichkeit für diesen Menschenschlag, der nie versteht, warum man ihn eigentlich nicht mag.
Sie sprechen von Ihren Personen, als wären sie real.
Ich schlafe mit diesen Personen ein, ich esse mit ihnen, ich lebe mit ihnen. Wie sollten sie also nicht real sein? Ich habe sie kennen gelernt und mich mit ihnen vertraut gemacht. Mir gefällt, wie Marco (Bruno Putzulu) sich sehr als typischer Italiener gebärdet, wenn es um seine Frau geht. Und ich mag es auch, wenn Pierre (Jacques Gamblin) beim Kartenspiel schummelt. Man muss ihn doch nicht besser machen als er ist, er ist einfach ein Typ, der gern schummelt.
Ihr Film handelt von Problemen, aber er ist kein Problemfilm.
Die Anspannung, in der sich diese Menschen befinden ist unglaublich. Aber ohne Momente des Luftholens und Durchatmens würde man ja gar nicht leben können. Natürlich werden Witze gemacht, natürlich geht einer Bier holen, wenn sie zusammen sitzen.
Ihre Augen leuchten immer noch, wenn Sie von Kambodscha sprechen.
Der Film konnte nur entstehen, weil dieses Land "mitgespielt" hat. Dieses Mitspielen und Fortwirken bleibt bestehen. Ich habe gerade von unserem kambodschanischen Aufnahmeleiter einen Brief bekommen: er unterrichtet jetzt Französisch in einem der Kinderheime, in dem wir gedreht haben.
Im Moment bemühen wir uns – Jacques, Tiffany, Isabelle und andere – eine Patenschaft für Lola zu übernehmen.
Hat die wirkliche Lola Ihres Films eine Mutter?
Keines der Kinder, mit denen wir gedreht haben, ist ein tatsächliches Waisenkind. Die Mütter waren immer bei den Dreharbeiten dabei. Das hat natürlich großen Einfluss auf die Organisation der Dreharbeiten gehabt. Unser Drehplan war alles andere als ein normaler Drehplan. Sobald eines der Kinder Hunger hatte, kamen die Arbeiten zum Erliegen. Und da wir meist mit drei oder mehr Kindern gedreht, und nicht immer alle zur gleichen Zeit Hunger bekamen, mussten wir ganz schön unsere Geduld trainieren…
Glauben Sie, dass dieser Film hilft, einige der Probleme zu beheben, die Sie schildern?
Wir haben uns umgeschaut und festgestellt, dass es einige sehr einfache und schnell zu realisierende Reformen gäbe: zum Beispiel die Ernennung einer verantwortlichen Person, die bei den entsprechenden Botschaften dafür da ist, sich um die Unterlagen der Adoptiveltern zu kümmern: Jemand, der einfach dafür zuständig ist, diesen Menschen zuzuhören und ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Vorschläge dieser Art würden gar keiner großen internationalen Konvention bedürfen…
Ist Holy Lola ein Film zum Thema Adoption oder über Kambodscha?
Ich hatte nicht die Absicht einen Thesen-Film zu machen. Es ist kein Film zum Thema Adoption, sondern über ein Paar, das ein Kind adoptieren möchte – was ein entscheidender Unterschied ist. Und wer sich dann einmal entschieden hat, ein Kind in einem anderen Land zu adoptieren, sieht sich natürlich der Notwendigkeit gegenüber, mit diesem Land vertraut zu werden. Einerseits, um sich dort zurecht zu finden. Andererseits, weil sie über ihr zukünftiges Kind zwangsläufig einen engen Kontakt mit diesem Land haben werden. Um mit ihrem Kind kommunizieren zu können ist es geradezu eine Notwendigkeit, zu wissen, wo es herkommt, was seine Eltern und Großeltern erlebt haben. Dies umso mehr, wenn es sich um Länder handelt, die so sehr geschunden wurden, wie es in Kambodscha oder Vietnam der Fall war.
Warum Kambodscha?
Südostasien bedeutet sehr viel für mich. Ein persönliches Erlebnis in Vietnam hat mich sehr geprägt, und die Geschichte von Kambodscha übte einen großen Reiz auf mich aus. Anfangs hatten wir übrigens auch an Mali gedacht, aber die Genehmigungsverfahren in diesem Land haben sich als so kompliziert dargestellt, dass ich befürchtete, mehr Zeit mit dem Warten vor dem Telefon zu verbringen, als dass ich mich mit meinen eigentlichen Aufgaben beschäftigt hätte… Man muss auch sagen, dass mich zu Beginn, bevor es überhaupt um Adoption ging, am meisten interessierte, einen Film über Menschen zu machen, die sich in ein Land katapultiert finden, von dem sie keinen blassen Schimmer haben. Der größte Teil der künftigen Adoptiveltern ist ja alles andere als reisefreudig. Als ich mit den beiden Drehbuchautoren, Tiffany, meiner Tochter, und Dominique Sampiero, nach Kambodscha gefahren bin, sind wir überwiegend auf Franzosen gestoßen, die das erste Mal überhaupt ins Ausland gereist sind. Ich fand es eine aufregende Idee, die Hoffnungen, Verletzungen und Kränkungen, denen sich diese Menschen ausgesetzt sehen, mit den Hoffnungen, Verletzungen und Kränkungen eines ganzen Landes zu kontrastieren.
Die Bühne für diese Kränkungen und Hoffnungen ist das Hotel in Phnom-Penh, wo sich all die potentiellen Adoptiveltern treffen…
Ich bin sicher, dass man mir vorwerfen wird, wir hätten dieses Moment übertrieben und zu sehr zugespitzt. Es ist aber wirklich so: die Interessenten aus einem bestimmten Land kommen tatsächlich auch in bestimmten Hotels zusammen. Stellen Sie sich vor, sie wohnen irgendwo in der Provinz, und Sie sind noch nie groß in der Welt herum gekommen. Plötzlich brechen Sie auf zu diesem unglaublichen Abenteuer einer Adoption in einem wildfremden Land. Sie informieren sich übers Internet und stoßen irgendwann zwangsläufig auf eine Site, wo Adoptiveltern erklären, dass sie in Phnom-Penh ein Guest House gefunden haben, wo man französisch spricht, wo man französisch kocht und der Besitzer ein Ohr für Sie hat. Es ist doch klar, dass Sie sich zuerst dorthin wenden, oder? Natürlich kommen die Leute da zusammen, wo sie den Eindruck haben, da würde ihnen geholfen. Dieses Miteinander, das ich da schildere, das ist tatsächlich so. Das kann natürlich auch ganz schnell unangenehm werden. Da liegt auch Neid, Engstirnigkeit und Eifersüchtelei in der Luft. Ich habe festgestellt, dass in der Welt der Adoption, ebenso wie in der Welt des Kinos, das Gerücht König ist. Der und der hat ein Kind gefunden und adoptiert, der und der hat seine Papiere wahnsinnig schnell erhalten, der und der soll einen Vermittler bestochen haben… Jedes gerade herrschende Gefühlsklima kann übrigens urplötzlich in sein absolutes Gegenteil umschlagen. Dafür genügt es, dass eine oder zwei Personen nicht mehr da sind.
Gibt es reale Vorbilder für Ihre beiden Hauptdarsteller?
Ich habe ein Paar aus Annecy getroffen, das den beiden ähnelt. Sie waren die ersten, die ich in Phnom-Penh kennen gelernt habe. Mit ihnen war ich zum Beispiel auf der Müllkippe, die Pierre (Jacques Gamblin) und Géraldine (Isabelle Carré) "besichtigen". Wir haben uns von ihrer Art und Lebensweise inspirieren lassen. Als sie an einem Punkt waren, wo nichts mehr weiter ging, war es ihnen dennoch möglich für einen Moment abzuschalten und sich das Land anzuschauen.
Längst nicht alle Ihrer Charaktere sind sympathisch.
Ich habe eine Schwäche für etwas unsympathische Figuren. Monsieur Fontaine (Gilles Gaston-Dreyfus) zum Beispiel, der sture Pedant in der Gruppe. Er ist der einzige, der mit seiner Frau auch ein älteres Kind adoptieren will. Wer sie nicht mag, wird möglicherweise sagen, naja sie wollen sich nicht mit einem Säugling herum schlagen. Aber es ist komplizierter. Im Prinzip hat er mit vielem Recht, was er sagt, aber mit seinem Tonfall des Überlegenen, Sarkastikers und Besserwissers provoziert er schon in dem Moment, da er den Mund aufmacht, Widerspruch. Ich empfinde eine gewisse Zärtlichkeit für diesen Menschenschlag, der nie versteht, warum man ihn eigentlich nicht mag.
Sie sprechen von Ihren Personen, als wären sie real.
Ich schlafe mit diesen Personen ein, ich esse mit ihnen, ich lebe mit ihnen. Wie sollten sie also nicht real sein? Ich habe sie kennen gelernt und mich mit ihnen vertraut gemacht. Mir gefällt, wie Marco (Bruno Putzulu) sich sehr als typischer Italiener gebärdet, wenn es um seine Frau geht. Und ich mag es auch, wenn Pierre (Jacques Gamblin) beim Kartenspiel schummelt. Man muss ihn doch nicht besser machen als er ist, er ist einfach ein Typ, der gern schummelt.
Ihr Film handelt von Problemen, aber er ist kein Problemfilm.
Die Anspannung, in der sich diese Menschen befinden ist unglaublich. Aber ohne Momente des Luftholens und Durchatmens würde man ja gar nicht leben können. Natürlich werden Witze gemacht, natürlich geht einer Bier holen, wenn sie zusammen sitzen.
Ihre Augen leuchten immer noch, wenn Sie von Kambodscha sprechen.
Der Film konnte nur entstehen, weil dieses Land "mitgespielt" hat. Dieses Mitspielen und Fortwirken bleibt bestehen. Ich habe gerade von unserem kambodschanischen Aufnahmeleiter einen Brief bekommen: er unterrichtet jetzt Französisch in einem der Kinderheime, in dem wir gedreht haben.
Im Moment bemühen wir uns – Jacques, Tiffany, Isabelle und andere – eine Patenschaft für Lola zu übernehmen.
Hat die wirkliche Lola Ihres Films eine Mutter?
Keines der Kinder, mit denen wir gedreht haben, ist ein tatsächliches Waisenkind. Die Mütter waren immer bei den Dreharbeiten dabei. Das hat natürlich großen Einfluss auf die Organisation der Dreharbeiten gehabt. Unser Drehplan war alles andere als ein normaler Drehplan. Sobald eines der Kinder Hunger hatte, kamen die Arbeiten zum Erliegen. Und da wir meist mit drei oder mehr Kindern gedreht, und nicht immer alle zur gleichen Zeit Hunger bekamen, mussten wir ganz schön unsere Geduld trainieren…
Glauben Sie, dass dieser Film hilft, einige der Probleme zu beheben, die Sie schildern?
Wir haben uns umgeschaut und festgestellt, dass es einige sehr einfache und schnell zu realisierende Reformen gäbe: zum Beispiel die Ernennung einer verantwortlichen Person, die bei den entsprechenden Botschaften dafür da ist, sich um die Unterlagen der Adoptiveltern zu kümmern: Jemand, der einfach dafür zuständig ist, diesen Menschen zuzuhören und ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Vorschläge dieser Art würden gar keiner großen internationalen Konvention bedürfen…




