Francois Ozon im Gespräch über seinen Film 5x2

Kinostart: 24.09.2004
Film Rezension anzeigen Kein Trailer vorhanden Galerie anzeigen
5x2 erzählt die Beziehungsgeschichte eines Paares rückwärts. War diese ungewöhnliche Form der Ausgangspunkt für den Film?

Nein, die Grundidee war, einen etwas anderen Film über ein Paar zu machen. Ich habe dieses Thema schon in Tropfen auf heiße Steine (Gouttes D'Eau Sur Pierres Brulantes) behandelt, auf der Basis eines Textes von Fassbinder. Er hat ihn mit 19 Jahren geschrieben, und diese Sicht eines Heranwachsenden auf ein Paar, grausam und schon voller Desillusion, hat mir irgendwie gefallen. Mit 5x2 wollte ich auf das Thema mit meiner Erfahrung von heute zurückzukommen, aber ohne zuviel Erklärungen zu geben. Ich habe den Eindruck, es ist leicht zu sagen, dass der Alltag die Zweisamkeit tötet: Er kann dazu beitragen, aber oft ist dieses Argument nur wie eine Lackschicht, um die wahren Divergenzen zwischen zwei Personen zu verbergen. Die Gründe liegen tiefer, und das ist es, was mich interessiert: die starken Momente im Leben eines Paares wiederzugeben, ohne das Alltägliche als Leitfaden für den Film zu benutzen.

Wie entstand die Idee, die Geschichte vom Ende her zu erzählen?
Das TV-Drama Zwei Gute Freundinnen (Two Friends) von Jane Campion hat mich stark beeindruckt, die Geschichte einer Freundschaft, die rückwärts erzählt wird von der Trennung der beiden Freundinnen bis zum Moment ihres ersten Zusammentreffens. Oft erzeugen umgekehrt erzählte Geschichten eine bestimmte Spannung: Man erwartet die finale Auflösung. Und hier war diese schlicht, dass die beiden Freundinnen nicht aus demselben sozialen Milieu kamen. Ich war berührt durch diese Annäherung an das Thema Freundschaft, die den Zuschauer die Geschichte einer Beziehung äußerst nah erleben lässt. Am Schluss des Films vergisst er fast, dass die Personen sich nichts mehr zu sagen haben. Man war versucht, aufs Neue an ihre Beziehung zu glauben. Diese Art von Erzählung erschien mir sofort ideal, um sie auf eine Liebesgeschichte zu übertragen.

Warum?
Wenn eine Liebesgeschichte zu Ende geht, und man versucht, sie sich wieder in Erinnerung zu rufen, denkt man zuerst und vor allem an die letzten Momente, die man erlebt hat und die zu dem Bruch geführt haben. Es schien mir also, um mit einem gerechten und klaren Blick die Geschichte einer Partnerschaft zu erzählen, müsste man am Ende anfangen und nach und nach zur ersten Begegnung kommen. Je weiter man in der Zeit zurückgeht, desto mehr nähert man sich einer Leichtigkeit, fast einer Idealisierung. Ich wollte das Publikum teilhaben lassen an den verschiedenen Gefühlen, die ein Paar im Laufe seiner Geschichte durchlebt: Gleichgültigkeit, Aversion, Furcht, Eifersucht, Rivalität, Mitschuld, Anziehungskraft... Ferner habe ich versucht, in jedem Kapitel an eine unterschiedliche Strömung des Kinos anzuknüpfen. Der Film beginnt mit einem dramatisch-psychologischen Kammerspiel und geht im zweiten Teil, dem mehr gesellschaftlich orientierten, in eine Art klassischen französischen Film über. Für die Hochzeit habe ich mich an gewissen amerikanischen Filmen orientiert, und das Kennen lernen sollte in etwa die Atmosphäre der Sommer-Filme von Eric Rohmer widerspiegeln. Ich wollte außerdem, dass der Film sich in seinem 90minütigen Verlauf auf der Leinwand verändert, indem Themen und Stimmungen in den einzelnen Parts variieren. Ich fand es außerdem spannend zu versuchen, den Film mit den stärksten Szenen zu beginnen und zu sehen, ob diese dramaturgische Vorgehensweise auch in der Praxis funktionieren würde. Während des Drehs hat mich der Gedanke zum Lachen gebracht, dass wir anfingen wie Bergman und aufhören würden wie Lelouch.

Wie in Irreversible (Irreversibel) gehen sie von einem Punkt des Auseinanderbrechens aus, um zum "ursprünglichen Glück" zurückzukehren. Bei Gaspard Noé wird dieses ursprüngliche Glück jedoch von einem äußeren Ereignis zerstört. Bei Ihnen dagegen scheint die Ursache im Verlauf der Dinge zu liegen...
Ja, deshalb habe ich die entscheidenden Momente nicht extra betont. Wenn sich im Sinne der Geschichte etwas Bedeutsames ereignet – wie wenn Marion mit dem Amerikaner schläft oder wenn Gilles während der Geburt seines Kindes nicht da ist – habe ich versucht, es möglichst schlicht zu behandeln, damit der Zuschauer nicht in diesem Moment denkt: "Das ist der Grund, weshalb sie sich trennen werden." Der Film sollte offen bleiben, trotz seiner Konstruktion jeden direkten Hinweis vermeiden, und den Leuten die Möglichkeit geben, die offenen Stellen auszufüllen, indem sie ihre eigene Geschichte hinein projizieren.

Es ging also darum, die Geschichte so detailliert zu erzählen, dass der Zuschauer dranbleibt, aber auch wieder nicht zu genau, damit sie ihre Allgemeingültigkeit nicht verliert. Wann haben Sie entschieden, was hinein sollte und was nicht?
Gleichermaßen während der Arbeit am Drehbuch, wie auch während des Drehs und im Schnitt. Es ging darum, die Momente, in denen die Beziehung zu dialoglastig war oder zu deutlich erklärt wurde, zu reduzieren. In der Szene während des Abendessens zum Beispiel begreift man, dass Gilles arbeitslos ist, während seine Frau einen Job hat, er sich also um das Kind kümmert. Das belastete die Figur etwas zu sehr und ließ Gilles depressiv erscheinen gegenüber der energischen und kämpferischen Seite seiner Frau. Das konnte ein Grund für ihre Trennung sein und war in diesem Moment spezifisch für die Situation der Personen. Die Herausforderung bei diesem Film bestand darin, die Form der umgekehrten Erzählweise zu benutzen, ohne zu psychologisieren. Das Publikum soll den Eindruck bekommen, dass es immer ein bisschen mehr über die Figuren lernt, obwohl ihre Beziehung tatsächlich immer ungreifbarer wird, fast abstrakt.
Des Weiteren wollte ich bei dieser Story die Beurteilung "Das konnte ja nur schlecht ausgehen" unbedingt vermeiden. Sicher, die Beziehung endet, aber meiner Meinung nach ist es im Grunde nicht schlimm. Das Wichtige dabei ist, die Geschichte gelebt zu haben. Ich wollte sogar, dass die letzte Aufnahme des Paares den Wunsch im Publikum weckt, es selbst noch einmal zu erleben, aufs Neue daran zu glauben. Ich habe besonders an dem Paradoxon festgehalten zwischen der Rückwärts-Konstruktion des Films, die eine sezierende und endgültige Wirkung hat, und der gleichzeitigen Entwicklung hin zu einem positiven und optimistischen Ende. Zumindest scheint es so.

Die Trennung, das Abendessen bei Freunden, die Geburt des Kindes, die Heirat und das Kennen lernen.... War für Sie die Anzahl und der Inhalt der Teile sofort klar?
In einem Moment habe ich mich gefragt, ob nicht ein sechster Part fehlt zwischen der Geburt und der Heirat, ein Moment des zweisamen Glücks, bevor das Kind kommt. Doch dann habe ich bemerkt, dass dieser Moment schon in der Hochzeits-Sequenz enthalten ist – repräsentiert durch das schöne Wetter und die Stimmung der Tanz-Szene. Außerdem muss ich zugeben, dass mich im Grunde das Glück eines Paares nicht wirklich inspiriert; es fällt mir schwer, eine solche Szene zu schreiben, ohne den Blick dahinter zu werfen.

Und die Idee, jedes Kapitel mit einem italienischen Song zu kombinieren?
Zu Beginn sollte der Film ironischerweise "Nous Deux" ("Wir Zwei") heißen, in Bezug auf eine bekannte Zeitschrift in Frankreich. Ich hatte schon Titelblätter davon für den Vorspann gefilmt, die Idee dann aber doch verworfen. Allerdings brauchte ich einen Gegenpol zu der Schwere gewisser Szenen, und schließlich sind mir italienische Chansons eingefallen, die ja geradezu der Inbegriff von Sentimentalität sind. Im Film leidet vor allem der Mann, und deshalb habe ich Männerstimmen ausgesucht. Die schönsten und bewegendsten italienischen Liebeslieder wurden oft von Männern gesungen, im Gegensatz zu französischen Chansons.

Sie haben die ersten drei Abschnitte des Films gedreht, d.h. mit der Trennung begonnen, und dann für fünf Monate bis zur Fertigstellung der beiden letzten unterbrochen. Warum?
Es ist ein Luxus, so arbeiten zu können. Anfangen zu drehen, unterbrechen, das Drehbuch weiter schreiben auf der Basis dessen, was der erste Drehabschnitt liefert, anfangen zu schneiden und wieder drehen. Es ist eine sehr fruchtbare Arbeitsweise, und für diesen Film schien sie mir umso wichtiger, da ich die ersten drei Teile sehr schnell geschrieben hatte, aber gegen Ende irgendwie blockiert war, vor allem in Bezug auf die erste Begegnung.
Beim Dreh der ersten Sequenz stellte ich mir verschwommen vor, dass Marion über den Tod ihres Freundes trauern könnte. Aber etwas so Starkes am Ende hätte die Geschichte völlig anders aussehen lassen. In zwei Phasen zu drehen, hat mir erlaubt, solche leichtfertigen szenischen Entscheidungen zu vermeiden. Außerdem hat es den Schauspielern die Zeit gegeben, sich physisch zu verändern und ihre "Verjüngung" vorzubereiten.

Sie haben diese Vorgehensweise, in zwei Produktionsphasen zu drehen, schon einmal bei Unter dem Sand (Sous Le Sable) ausprobiert.....
Im zweiten Teil von Unter dem Sand (Sous Le Sable) dachte ich zu Anfang, ich müsste das Verschwinden von Bruno Cremer aufklären. Aber als ich den ersten Teil drehte, fiel mir auf, dass Charlotte Rampling eine so starke fiktionale Präsenz besaß, dass ich es wagen konnte, keine Antwort zu geben. Es genügte, Spuren zu legen, ohne ihnen ganz zu folgen und es so dem Zuschauer zu überlassen, eine eigene Lösung zu finden – im Mysterium von Charlottes Gesicht.
5x2 funktioniert ein bisschen nach dem gleichen Prinzip: Von dem Moment an, in dem das Paar glaubhaft wird, das Valeria Bruni-Tedeschi und Stéphane Freiss darstellen, sieht man die beiden nur in ziemlich alltäglichen Situationen. Diese glaubhafte Verkörperung war wesentlich; es war notwendig, dass die Schauspieler den Film tragen, damit ich den zweiten Teil in einer leichteren Atmosphäre und mit weniger detaillierten Szenen gestalten konnte.

Wie lief das Casting ab?
Am Anfang wollte ich eigentlich mit Stars drehen, aber es ist mir klar geworden, dass ich Schauspieler brauchte, die vor allem in der Wahrnehmung des Zuschauers sozusagen jungfräulich sein mussten, damit er sich mit ihnen leichter identifizieren kann. Was mich interessierte, war, ein Paar zu finden, und nicht einen Schauspieler und dazu einen zweiten. Man musste auf Anhieb an ihr gemeinsames Leben glauben können, an Vertrautheit und Zweisamkeit. Das ist eigentlich ganz einfach: Man stellt zwei Personen nebeneinander und denkt: "Ja, das ist möglich." Für die Probeaufnahmen habe ich eine Sequenz aus Szenen einer Ehe (Scener Ur Ett Äktenskap) von Ingmar Bergman spielen lassen, in der Liv Ullmann zu ihrem Mann kommt, um die Scheidungspapiere unterzeichnen zu lassen. Bei der Güterteilung streiten sie sich um eine Pendeluhr. Jeder von ihnen hat eine Affäre, er ist krank, sie hat sich bereit gemacht zu verreisen, aber sie lieben sich erneut. Die Vertrautheit kommt wieder, und sie spüren immer noch eine starke Anziehung. Diese Szene ist faszinierend, weil sie den Schauspielern die Möglichkeit gibt, eine Abfolge verschiedenster tiefer Gefühle zu zeigen.
   
KINOSTARTS
09.02 Für immer Liebe Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Michael Sucsy
09.02 Hugo Cabret Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Martin Scorsese
09.02 Die Unsichtbare Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Christian Schwochow
09.02 Black Gold Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Jean-Jacques Annaud
09.02 In Darkness - Eine wahre Geschichte Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Agnieszka Holland
09.02 Fucking Different XXX Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Todd Verow, Maria Beatty, Bruce LaBruce, Courtney Trouble, ...
BERLINALE 2012
14.02.12 Berlinale Tagebuch Tag …. äh, welcher Tag ist heute?
14.02.12 Was bleibt
14.02.12 Words of Witness
14.02.12 Revision
14.02.12 Parada
ARTHOUSE TOP 10
Quelle: AG Kino
1. Ziemlich beste Freunde Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 6
2. The Artist Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 3
3. Dame, König, As, Spion Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 2
4. The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 3
5. Hugo Cabret Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 1
6. Der Junge mit dem Fahrrad Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 1
7. Kriegerin Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 4
8. Die Summe meiner einzelnen Teile Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 2
9. Der Gott des Gemetzels Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 12
10. Die Unsichtbare Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 1
Lesercharts TOP 5
1. Tage, die bleiben Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Pia Strietmann
2. Drive Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Nicolas Winding Refn
3. Ziemlich beste Freunde Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Eric Toledano, Olivier Nakache
4. The Help Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Tate Taylor
5. Meek´s Cutoff Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Kelly Reichardt
PARTNER