Ein Interview mit Agnès Jaoui und Jean-Pierre Bacri über ihren Film Schau Mich An!
Kinostart:
01.01.2004
Einer der schönsten Filme des diesjährigen Festivals von Cannes, Schau Mich An! von Agnès Jaoui kommt demnächst in die deutschen Kinos. Grund genug für uns, Euch ein Interview mit der Regisseur und dem Hauptdarsteller sowie Co-Autorin vorzustellen, das die Hintergründe zu diesem Film beleuchtet.
Agnès Jaoui, Schau Mich An! ist Ihre zweite Regiearbeit. Wie sind Sie an diesen Film herangegangen?
Agnès Jaoui: Auf Grund der Erfahrungen meines ersten Films habe ich stärker auf bestimmte Dinge geachtet. Aber der Film ist eine seltsame Kunstform. Da bereitet man monatelang alles bis ins letzte Detail vor, und plötzlich zählt nur der Augenblick, das Gespür dafür, die Dinge zum richtigen Zeitpunkt einzufangen, oder dass man Schauspieler auch mal ohne ihr Wissen filmt. Wie bei Lust Auf Anderes hatte ich einen genauen Drehplan entwickelt. Das hielt Stéphane Fontaine, meinen Kameramann, allerdings nicht davon ab, mir seine Vorschläge zu unterbreiten. Und ich war selbstsicher genug, mir die Zeit zu nehmen, um mit ihm darüber zu sprechen. Als Schauspielerin habe ich in Low-Budget-Produktionen mitgewirkt, die einem den Luxus boten, spontan zu sein. Das führte mitunter zu großartigen Ergebnissen. Darauf wollte ich diesmal nicht verzichten.
Was war der Ausgangspunkt für das Drehbuch?
Agnès Jaoui: Eine Vater-Tochter-Beziehung sowie die Tatsache, dass der Vater eine Freundin im Alter seiner Tochter hat. So etwas habe ich in meinem Bekanntenkreis selbst erlebt, und wir wollten das Thema schon lange fürs Theater aufbereiten. Außerdem wollten wir über Macht sprechen, aber dabei die Macht aus dem Blickwinkel derer zeigen, die sie erleiden, nicht aus dem Blickwinkel desjenigen, der sie ausübt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht beobachte, wie Menschen mit sich reden lassen, wie sie es hinnehmen, dass man sie schlecht behandelt oder sich über sie lustig macht. Aber die wenigsten lehnen sich dagegen auf – obwohl weder die Gefahr besteht, im Gefängnis, noch vor einem Erschießungskommando zu enden. Als ich über dieses Phänomen nachdachte, wurde mir klar, dass man gelernt haben muss, zu seinem Vater nein zu sagen. Sonst wird es einem später nicht gelingen, zu anderen Menschen nein zu sagen, egal ob zu einem Vorgesetzten oder zu seinesgleichen.
Jean-Pierre Bacri: Eine Zeit lang wollten wir den Film Les bonnes raisons (etwa: Perfekte Ausreden) nennen. Denn wir finden immer einen Grund, mit dem wir rechtfertigen, dass wir Kompromisse eingegangen sind. Jemand, der von seinem Boss gemobbt wird, wird Ihnen erzählen, dass er eine Familie hat, die er ernähren muss, und dass er deshalb alles schluckt. Lolitas Entschuldigung ist, dass Etienne ihr Vater ist. Vincent lässt sich von Etienne als Diener missbrauchen, weil er ihm mal vor 25 Jahren einen Gefallen getan hat. Wir alle haben stets eine Ausrede parat, wenn wir kleinbeigeben. Auf der anderen Seite gibt es aber durchaus Arbeitnehmer, die "Leck mich am Arsch" sagen und kündigen, obwohl sie eine Familie ernähren müssen. Alles eine Frage der Ehre und des Charakters.
Agnès Jaoui: Die meisten Menschen brauchen einen Chef, einen König, einen Gott oder einen Vater, der ihnen sagt, was sie tun oder lassen sollen. Aber Chefs sind auch dazu da, dass man sie für alles verantwortlich machen kann. Lieber das, als Reife zu zeigen und Eigenverantwortung zu übernehmen.
Warum haben Sie Schau Mich An! im Schriftsteller- und Verlagsmilieu angesiedelt?
Jean-Pierre Bacri: Aus einem ganz einfachen Grund - wir suchten nach einem Milieu, in dem Macht ausgeübt wird, wollten die Geschichte aber nicht in dem Milieu ansiedeln, das wir am besten kennen. Etienne Cassard könnte auch ein berühmter Architekt oder Konzernchef sein, sein Beruf spielt eigentlich keine Rolle. Wir wissen ja, dass sich die Menschen überall gleich verhalten.
Gesang und Musik spielen in Ihrem Film ebenfalls eine wichtige Rolle...
Agnès Jaoui: Ich musiziere, seit ich 17 bin. Schon seit längerem wollte ich meine Liebe zur Musik mit anderen teilen. Mit 15 habe ich beim Theater begonnen, und mir wurde sehr schnell klar, was für eine schreiende Ungerechtigkeit es ist, nach seinem Äußeren beurteilt zu werden. Oder dass man mit 17 bereits ein Star sein kann und mit 22 schon wieder ein Niemand. In der Musik ist es genau umgekehrt: Erst mit 16, 17 Jahren kann man seine Stimme wirklich schulen. Und je mehr man an ihr arbeitet, desto besser wird sie; selbst mit 60 kann man noch singen. Andererseits habe ich erst kürzlich erfahren, dass sie keine Mädchen in die Gesangsklassen der Pariser Oper aufnehmen, die zu dick sind. Nichtsdestotrotz: Beim Gesang ist nicht die äußere Erscheinung ausschlaggebend, sondern die geleistete Arbeit.
Lolita, Ihre Heldin, ist 20 Jahre alt. Mit einer so jungen Figur beschäftigen Sie sich zum ersten Mal...
Agnès Jaoui: Wir waren es leid, ständig gefragt zu werden, weshalb in unseren Filmen keine jungen Menschen vorkommen. Da passte es natürlich wunderbar, dass wir ohnehin von einer Vater-Tochter-Beziehung erzählen wollten. Lolita ist in dem Alter, in dem man auf der Suche nach sich selbst ist. Und sie ist jemand, dem Größe 36 nicht passt - was mit 20 viel schlimmer ist als in jedem anderen Alter. Denn es herrscht die Diktatur der Schönheit, und die wird heutzutage als völlig normal empfunden. Wir dürfen zwar keine Rassisten sein – völlig zu Recht! –, aber an dem Körper-Rassismus scheint sich niemand zu stören. Man braucht sich nur in der Werbebranche umzusehen, die dem Kult von Jugend und Schönheit frönt. Wobei es sich um ein ganz bestimmtes Schönheitsideal handelt, das immer stärker eingegrenzt wird. Im Grunde gibt es heute nur noch ein Ideal, und mit dem können sich die wenigstens identifizieren, was wiederum viele unglücklich macht. Sobald wir uns mit etwas vergleichen, machen wir uns unglücklich, aber in diesem Fall ist es besonders schlimm. Es gibt so viele Mädchen, die anorektisch sind und an ihrer Krankheit sterben; selbst die Intelligenteren scheinen den Verstand zu verlieren, wenn sie über ihr Gewicht und ihr Aussehen reden. Ich kenne kaum jemanden, der diesbezüglich normal wäre.
Anderes Thema: Können Sie etwas zum Casting sagen?
Agnès Jaoui: Wir wussten zunächst nur, dass Sylvia von mir und Etienne von Jean-Pierre gespielt werden würde. Am wichtigsten war logischerweise die Besetzung der Lolita. Gemeinsam mit Brigitte Moidon, der Casting-Agentin, fingen wir ein Jahr im Voraus mit der Suche an. Es ist kaum zu glauben, aber an den Schauspielschulen gibt es einfach keine "dicken" jungen Frauen. Na ja, vielleicht eine unter Tausend. Brigitte zeigte mir allerdings schon bald eine Kassette und meinte: "Ich sage dir nicht, um wen es sich handelt. Schau sie dir erst einmal an." Es war Marilou Berry, und sie gefiel mir auf Anhieb. Einerseits sah man, dass sie sich in ihrer Haut nicht besonders wohl fühlt, andererseits drückte ihr Gesicht so etwas wie "Ihr könnt mich alle mal!" aus. Ihre Ausstrahlung entsprach genau unserer Lolita. Als Brigitte mir dann verriet, dass Marilou die Tochter von Josiane Balasko ist, habe ich kurz gezögert. Soll ich wirklich die Tochter einer Schauspielerin engagieren? Aber dann sagte ich mir: Warum sollte ich mich selbst bestrafen?
Haben Sie sich viele Gedanken darüber gemacht, wie Sie Lolita und ihre Komplexe inszenieren würden?
Agnès Jaoui: Ja und nein. Ich finde wirklich, dass Lolita schön ist und dazu ein ganz normaler Mensch. Ich machte mir eher Gedanken über banale Dinge. Zum Beispiel sollte Marilou hauptsächlich schwarze Kleidung tragen, denn die meisten Jugendlichen, die ich kenne, verstecken sich hinter ihrer Kleidung. Ich wollte sie nicht attraktiver machen, aber es lag mir sehr daran, dass sie bei ihrem Gesangsauftritt richtig schön aussieht, und darüber habe ich mit dem Kameramann und der Maskenbildnerin gesprochen. Ich mag wandelbare Gesichter. Marilou Berrys Gesicht erinnert mich an Modigliani-Porträts, es wirkt beinahe wie gemalt, ist ausdrucksstark und interessant. Im Übrigen liebt die Kamera ihr Gesicht.
Warum haben Sie mit dem Kameramann Stéphane Fontaine zusammen gearbeitet?
Agnès Jaoui: Ich wusste, dass es bei diesem Film zahlreiche Nacht- und Innenaufnahmen geben würde. Und ich war auf der Suche nach bestimmten Kinobildern, die nicht zu stark ausgeleuchtet sind und Tiefenschärfe besitzen, so dass man vieles nur erahnt. Ich war sehr zufrieden damit, wie Laurent Daillant Lust Auf Anderes gefilmt hatte, aber ich wollte diesmal eine andere Atmosphäre erzeugen. Ich sprach mit verschiedenen Kameramännern, doch letztlich waren es Noémie Lwovsky und der Cutter François Gédigier, die mich auf Stéphane Fontaine aufmerksam machten. Er hatte als Assistent von Eric Gauthier gearbeitet, dessen Arbeit ich sehr schätze. Gleich bei unserem ersten Treffen hatte ich das Gefühl, dass Stéphane und ich die gleiche cinematographische Sprache sprachen.
Es scheint so, als gingen Sie mit Ihren Figuren nicht mehr so streng ins Gericht, als würden Sie deren Fehler nicht mehr stigmatisieren.
Jean-Pierre Bacri: Um so besser! Das bedeutet, dass wir Fortschritte machen. Uns ist klar, dass wir dazu neigen, bestimmte Figuren richtig fertig zu machen und ihre Fehler quasi mit dem Megaphon herauszuposaunen. Doch inzwischen bemühen wir uns, auf diesen oberlehrerhaften Ton zu verzichten. Wir versuchen, unsere Figuren mehr zu mögen und uns auf ihre Seite zu schlagen. Alles hat menschliche Ursachen, selbst die Tyrannei. Wir haben begriffen, dass sich Toleranz und ein deutlicher Standpunkt nicht zwangsläufig ausschließen.
Agnès Jaoui: Ja, wir wollen künftig auf krasse Schwarzweiß-Malerei verzichten. Obwohl ich immer noch Filme mit Botschaft mag, Filme, die etwas zu sagen haben. Filme ohne eine präzise Aussage könnte ich vermutlich gar nicht drehen. Aber es stimmt schon, dass wir früher dazu neigten, vieles mit dem Holzhammer zu erklären.
Entwickelt jeder von Ihnen beim Schreiben eine Vorliebe für bestimmte Figuren?
Jean-Pierre Bacri: Nein, wir schreiben alles gemeinsam. Vom ersten jungfräulichen Blatt Papier bis zur endgültigen Fassung hören wir nicht auf, miteinander zu diskutieren. Wir gehen in kleinen Schritten vor, präzisieren dabei unsere Vorstellungen und Einfälle. Oft ist es so, dass einer den Anstoß gibt für eine Idee oder ein Thema, und es ist der andere, der sie ausarbeitet, mit dem nötigen Abstand und seiner persönlichen Sichtweise.
Agnès Jaoui, dachten Sie beim Schreiben bereits an die Inszenierung?
Agnès Jaoui: Ja, und zwar häufiger als beim ersten Film. Ich stellte mir zum Beispiel vor, wie schön es sein würde, die Szene in der Kirche zu filmen. Aber allzu sehr habe ich mich nicht damit beschäftigt. Mir sind die Figuren am wichtigsten. Die Inszenierung muss ganz in ihrem Dienst stehen. Um ein Beispiel zu nennen: Bei 'Lust auf anderes' habe ich gelernt, dass Szenen in einem Auto nicht leicht zu drehen sind. Das hat uns trotzdem nicht daran gehindert, für den neuen Film drei Szenen mit Schauplatz Auto zu schreiben.
Jean-Pierre Bacri: Ich glaube, dass es von Vorteil ist, beim Schreiben keinen Gedanken an die weiteren Etappen zu verschwenden. Ein Regisseur, in diesem Fall Agnès, nimmt sich unseres Drehbuchs an und macht es zu seinem eigenen. Erst daraus entsteht doch Kunst. Wenn alles im Hinblick auf die spätere Inszenierung geschrieben wird, besteht die Gefahr, dass man sich am Set zu sehr an dem orientiert, was vor vielen Monaten geschrieben wurde, und es sich verkneift zu improvisieren oder Änderungen vorzunehmen. Dabei macht das die Arbeit eines Regisseurs doch erst interessant. Na ja, zumindest bilde ich mir das ein...
Was können Sie zur Schnitt-Phase sagen?
Agnès Jaoui: Das Drehbuch war von Anfang zu lang, aber es gelang uns nicht, es zu kürzen. Erst während der Montage habe ich das getan. Zum ersten Mal ist einer unserer Filme nicht die exakte Kopie des Drehbuchs. Trotzdem vermisse ich keine der Szenen, die es nicht in den fertigen Film geschafft haben.
In Ihrem ersten Film Lust Auf Anderes waren es soziale und kulturelle Schranken, die die Figuren voneinander trennen. In Schau Mich An! scheint die Einsamkeit Teil der menschlichen Natur zu sein...
Agnès Jaoui: Als wir wussten, das Macht das zentrale Thema unseren neuen Films sein würde, wurde uns auch klar, dass es vermutlich nicht viel zu lachen gibt. Häufig sagt man uns, dass unsere Filme von Einsamkeit handeln und davon, dass wir nicht zuhören. Aber für mich sind es schlicht Filme über Menschen und zwischenmenschliche Beziehungen.
Agnès Jaoui, Schau Mich An! ist Ihre zweite Regiearbeit. Wie sind Sie an diesen Film herangegangen?
Agnès Jaoui: Auf Grund der Erfahrungen meines ersten Films habe ich stärker auf bestimmte Dinge geachtet. Aber der Film ist eine seltsame Kunstform. Da bereitet man monatelang alles bis ins letzte Detail vor, und plötzlich zählt nur der Augenblick, das Gespür dafür, die Dinge zum richtigen Zeitpunkt einzufangen, oder dass man Schauspieler auch mal ohne ihr Wissen filmt. Wie bei Lust Auf Anderes hatte ich einen genauen Drehplan entwickelt. Das hielt Stéphane Fontaine, meinen Kameramann, allerdings nicht davon ab, mir seine Vorschläge zu unterbreiten. Und ich war selbstsicher genug, mir die Zeit zu nehmen, um mit ihm darüber zu sprechen. Als Schauspielerin habe ich in Low-Budget-Produktionen mitgewirkt, die einem den Luxus boten, spontan zu sein. Das führte mitunter zu großartigen Ergebnissen. Darauf wollte ich diesmal nicht verzichten.
Was war der Ausgangspunkt für das Drehbuch?
Agnès Jaoui: Eine Vater-Tochter-Beziehung sowie die Tatsache, dass der Vater eine Freundin im Alter seiner Tochter hat. So etwas habe ich in meinem Bekanntenkreis selbst erlebt, und wir wollten das Thema schon lange fürs Theater aufbereiten. Außerdem wollten wir über Macht sprechen, aber dabei die Macht aus dem Blickwinkel derer zeigen, die sie erleiden, nicht aus dem Blickwinkel desjenigen, der sie ausübt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht beobachte, wie Menschen mit sich reden lassen, wie sie es hinnehmen, dass man sie schlecht behandelt oder sich über sie lustig macht. Aber die wenigsten lehnen sich dagegen auf – obwohl weder die Gefahr besteht, im Gefängnis, noch vor einem Erschießungskommando zu enden. Als ich über dieses Phänomen nachdachte, wurde mir klar, dass man gelernt haben muss, zu seinem Vater nein zu sagen. Sonst wird es einem später nicht gelingen, zu anderen Menschen nein zu sagen, egal ob zu einem Vorgesetzten oder zu seinesgleichen.
Jean-Pierre Bacri: Eine Zeit lang wollten wir den Film Les bonnes raisons (etwa: Perfekte Ausreden) nennen. Denn wir finden immer einen Grund, mit dem wir rechtfertigen, dass wir Kompromisse eingegangen sind. Jemand, der von seinem Boss gemobbt wird, wird Ihnen erzählen, dass er eine Familie hat, die er ernähren muss, und dass er deshalb alles schluckt. Lolitas Entschuldigung ist, dass Etienne ihr Vater ist. Vincent lässt sich von Etienne als Diener missbrauchen, weil er ihm mal vor 25 Jahren einen Gefallen getan hat. Wir alle haben stets eine Ausrede parat, wenn wir kleinbeigeben. Auf der anderen Seite gibt es aber durchaus Arbeitnehmer, die "Leck mich am Arsch" sagen und kündigen, obwohl sie eine Familie ernähren müssen. Alles eine Frage der Ehre und des Charakters.
Agnès Jaoui: Die meisten Menschen brauchen einen Chef, einen König, einen Gott oder einen Vater, der ihnen sagt, was sie tun oder lassen sollen. Aber Chefs sind auch dazu da, dass man sie für alles verantwortlich machen kann. Lieber das, als Reife zu zeigen und Eigenverantwortung zu übernehmen.
Warum haben Sie Schau Mich An! im Schriftsteller- und Verlagsmilieu angesiedelt?
Jean-Pierre Bacri: Aus einem ganz einfachen Grund - wir suchten nach einem Milieu, in dem Macht ausgeübt wird, wollten die Geschichte aber nicht in dem Milieu ansiedeln, das wir am besten kennen. Etienne Cassard könnte auch ein berühmter Architekt oder Konzernchef sein, sein Beruf spielt eigentlich keine Rolle. Wir wissen ja, dass sich die Menschen überall gleich verhalten.
Gesang und Musik spielen in Ihrem Film ebenfalls eine wichtige Rolle...
Agnès Jaoui: Ich musiziere, seit ich 17 bin. Schon seit längerem wollte ich meine Liebe zur Musik mit anderen teilen. Mit 15 habe ich beim Theater begonnen, und mir wurde sehr schnell klar, was für eine schreiende Ungerechtigkeit es ist, nach seinem Äußeren beurteilt zu werden. Oder dass man mit 17 bereits ein Star sein kann und mit 22 schon wieder ein Niemand. In der Musik ist es genau umgekehrt: Erst mit 16, 17 Jahren kann man seine Stimme wirklich schulen. Und je mehr man an ihr arbeitet, desto besser wird sie; selbst mit 60 kann man noch singen. Andererseits habe ich erst kürzlich erfahren, dass sie keine Mädchen in die Gesangsklassen der Pariser Oper aufnehmen, die zu dick sind. Nichtsdestotrotz: Beim Gesang ist nicht die äußere Erscheinung ausschlaggebend, sondern die geleistete Arbeit.
Lolita, Ihre Heldin, ist 20 Jahre alt. Mit einer so jungen Figur beschäftigen Sie sich zum ersten Mal...
Agnès Jaoui: Wir waren es leid, ständig gefragt zu werden, weshalb in unseren Filmen keine jungen Menschen vorkommen. Da passte es natürlich wunderbar, dass wir ohnehin von einer Vater-Tochter-Beziehung erzählen wollten. Lolita ist in dem Alter, in dem man auf der Suche nach sich selbst ist. Und sie ist jemand, dem Größe 36 nicht passt - was mit 20 viel schlimmer ist als in jedem anderen Alter. Denn es herrscht die Diktatur der Schönheit, und die wird heutzutage als völlig normal empfunden. Wir dürfen zwar keine Rassisten sein – völlig zu Recht! –, aber an dem Körper-Rassismus scheint sich niemand zu stören. Man braucht sich nur in der Werbebranche umzusehen, die dem Kult von Jugend und Schönheit frönt. Wobei es sich um ein ganz bestimmtes Schönheitsideal handelt, das immer stärker eingegrenzt wird. Im Grunde gibt es heute nur noch ein Ideal, und mit dem können sich die wenigstens identifizieren, was wiederum viele unglücklich macht. Sobald wir uns mit etwas vergleichen, machen wir uns unglücklich, aber in diesem Fall ist es besonders schlimm. Es gibt so viele Mädchen, die anorektisch sind und an ihrer Krankheit sterben; selbst die Intelligenteren scheinen den Verstand zu verlieren, wenn sie über ihr Gewicht und ihr Aussehen reden. Ich kenne kaum jemanden, der diesbezüglich normal wäre.
Anderes Thema: Können Sie etwas zum Casting sagen?
Agnès Jaoui: Wir wussten zunächst nur, dass Sylvia von mir und Etienne von Jean-Pierre gespielt werden würde. Am wichtigsten war logischerweise die Besetzung der Lolita. Gemeinsam mit Brigitte Moidon, der Casting-Agentin, fingen wir ein Jahr im Voraus mit der Suche an. Es ist kaum zu glauben, aber an den Schauspielschulen gibt es einfach keine "dicken" jungen Frauen. Na ja, vielleicht eine unter Tausend. Brigitte zeigte mir allerdings schon bald eine Kassette und meinte: "Ich sage dir nicht, um wen es sich handelt. Schau sie dir erst einmal an." Es war Marilou Berry, und sie gefiel mir auf Anhieb. Einerseits sah man, dass sie sich in ihrer Haut nicht besonders wohl fühlt, andererseits drückte ihr Gesicht so etwas wie "Ihr könnt mich alle mal!" aus. Ihre Ausstrahlung entsprach genau unserer Lolita. Als Brigitte mir dann verriet, dass Marilou die Tochter von Josiane Balasko ist, habe ich kurz gezögert. Soll ich wirklich die Tochter einer Schauspielerin engagieren? Aber dann sagte ich mir: Warum sollte ich mich selbst bestrafen?
Haben Sie sich viele Gedanken darüber gemacht, wie Sie Lolita und ihre Komplexe inszenieren würden?
Agnès Jaoui: Ja und nein. Ich finde wirklich, dass Lolita schön ist und dazu ein ganz normaler Mensch. Ich machte mir eher Gedanken über banale Dinge. Zum Beispiel sollte Marilou hauptsächlich schwarze Kleidung tragen, denn die meisten Jugendlichen, die ich kenne, verstecken sich hinter ihrer Kleidung. Ich wollte sie nicht attraktiver machen, aber es lag mir sehr daran, dass sie bei ihrem Gesangsauftritt richtig schön aussieht, und darüber habe ich mit dem Kameramann und der Maskenbildnerin gesprochen. Ich mag wandelbare Gesichter. Marilou Berrys Gesicht erinnert mich an Modigliani-Porträts, es wirkt beinahe wie gemalt, ist ausdrucksstark und interessant. Im Übrigen liebt die Kamera ihr Gesicht.
Warum haben Sie mit dem Kameramann Stéphane Fontaine zusammen gearbeitet?
Agnès Jaoui: Ich wusste, dass es bei diesem Film zahlreiche Nacht- und Innenaufnahmen geben würde. Und ich war auf der Suche nach bestimmten Kinobildern, die nicht zu stark ausgeleuchtet sind und Tiefenschärfe besitzen, so dass man vieles nur erahnt. Ich war sehr zufrieden damit, wie Laurent Daillant Lust Auf Anderes gefilmt hatte, aber ich wollte diesmal eine andere Atmosphäre erzeugen. Ich sprach mit verschiedenen Kameramännern, doch letztlich waren es Noémie Lwovsky und der Cutter François Gédigier, die mich auf Stéphane Fontaine aufmerksam machten. Er hatte als Assistent von Eric Gauthier gearbeitet, dessen Arbeit ich sehr schätze. Gleich bei unserem ersten Treffen hatte ich das Gefühl, dass Stéphane und ich die gleiche cinematographische Sprache sprachen.
Es scheint so, als gingen Sie mit Ihren Figuren nicht mehr so streng ins Gericht, als würden Sie deren Fehler nicht mehr stigmatisieren.
Jean-Pierre Bacri: Um so besser! Das bedeutet, dass wir Fortschritte machen. Uns ist klar, dass wir dazu neigen, bestimmte Figuren richtig fertig zu machen und ihre Fehler quasi mit dem Megaphon herauszuposaunen. Doch inzwischen bemühen wir uns, auf diesen oberlehrerhaften Ton zu verzichten. Wir versuchen, unsere Figuren mehr zu mögen und uns auf ihre Seite zu schlagen. Alles hat menschliche Ursachen, selbst die Tyrannei. Wir haben begriffen, dass sich Toleranz und ein deutlicher Standpunkt nicht zwangsläufig ausschließen.
Agnès Jaoui: Ja, wir wollen künftig auf krasse Schwarzweiß-Malerei verzichten. Obwohl ich immer noch Filme mit Botschaft mag, Filme, die etwas zu sagen haben. Filme ohne eine präzise Aussage könnte ich vermutlich gar nicht drehen. Aber es stimmt schon, dass wir früher dazu neigten, vieles mit dem Holzhammer zu erklären.
Entwickelt jeder von Ihnen beim Schreiben eine Vorliebe für bestimmte Figuren?
Jean-Pierre Bacri: Nein, wir schreiben alles gemeinsam. Vom ersten jungfräulichen Blatt Papier bis zur endgültigen Fassung hören wir nicht auf, miteinander zu diskutieren. Wir gehen in kleinen Schritten vor, präzisieren dabei unsere Vorstellungen und Einfälle. Oft ist es so, dass einer den Anstoß gibt für eine Idee oder ein Thema, und es ist der andere, der sie ausarbeitet, mit dem nötigen Abstand und seiner persönlichen Sichtweise.
Agnès Jaoui, dachten Sie beim Schreiben bereits an die Inszenierung?
Agnès Jaoui: Ja, und zwar häufiger als beim ersten Film. Ich stellte mir zum Beispiel vor, wie schön es sein würde, die Szene in der Kirche zu filmen. Aber allzu sehr habe ich mich nicht damit beschäftigt. Mir sind die Figuren am wichtigsten. Die Inszenierung muss ganz in ihrem Dienst stehen. Um ein Beispiel zu nennen: Bei 'Lust auf anderes' habe ich gelernt, dass Szenen in einem Auto nicht leicht zu drehen sind. Das hat uns trotzdem nicht daran gehindert, für den neuen Film drei Szenen mit Schauplatz Auto zu schreiben.
Jean-Pierre Bacri: Ich glaube, dass es von Vorteil ist, beim Schreiben keinen Gedanken an die weiteren Etappen zu verschwenden. Ein Regisseur, in diesem Fall Agnès, nimmt sich unseres Drehbuchs an und macht es zu seinem eigenen. Erst daraus entsteht doch Kunst. Wenn alles im Hinblick auf die spätere Inszenierung geschrieben wird, besteht die Gefahr, dass man sich am Set zu sehr an dem orientiert, was vor vielen Monaten geschrieben wurde, und es sich verkneift zu improvisieren oder Änderungen vorzunehmen. Dabei macht das die Arbeit eines Regisseurs doch erst interessant. Na ja, zumindest bilde ich mir das ein...
Was können Sie zur Schnitt-Phase sagen?
Agnès Jaoui: Das Drehbuch war von Anfang zu lang, aber es gelang uns nicht, es zu kürzen. Erst während der Montage habe ich das getan. Zum ersten Mal ist einer unserer Filme nicht die exakte Kopie des Drehbuchs. Trotzdem vermisse ich keine der Szenen, die es nicht in den fertigen Film geschafft haben.
In Ihrem ersten Film Lust Auf Anderes waren es soziale und kulturelle Schranken, die die Figuren voneinander trennen. In Schau Mich An! scheint die Einsamkeit Teil der menschlichen Natur zu sein...
Agnès Jaoui: Als wir wussten, das Macht das zentrale Thema unseren neuen Films sein würde, wurde uns auch klar, dass es vermutlich nicht viel zu lachen gibt. Häufig sagt man uns, dass unsere Filme von Einsamkeit handeln und davon, dass wir nicht zuhören. Aber für mich sind es schlicht Filme über Menschen und zwischenmenschliche Beziehungen.




