Dominanz, Kontrolle, Ironie - Betrachtungen zum Werk des dänischen Filmregisseurs Lars von Trier

Kinostart: 01.01.2005
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Kaum einer der aktuellen Filmemacher erfindet sich selbst und seine Filme so radikal immer wieder neu, wie Lars von Trier dies tut. Von der somnambulen Schwere seines Erstlingswerkes The Element of Crime (1984) über die artifizielle Künstlichkeit von Europa (1991), die naturalistische Nähe zum Objekt der Beobachtung in Breaking The Waves (1996), die radikale Einfachheit in Idioten (1998) bis hin zu der theaterhaften Inszenierung in Dogville (2003) gibt es kaum einen kinematographischen Stil und kaum eine Geschichte, die der Regisseur noch nicht ausprobiert hätte – was von vielen Kritikern dann auch immer wieder als ästhetische Unentschlossenheit und moralische Indifferenz ausgelegt wird.

Überhaupt hat der Regisseur, der das Kino der letzten zwanzig Jahre erneuert hat wie kaum ein anderer, immer wieder seine liebe Mühe mit den Herrschaften der schreibenden Zunft. Seine Exzentrik und die sorgsam gepflegten Neurosen wie beispielsweise die fast schon legendäre Flug- und Reiseangst, aber auch der Umgang mit Schauspielern – vor allem Schauspielerinnen – die bei den Dreharbeiten stets am Rande des Nervenzusammenbruchs wandeln, sind weitere Bausteine in der Legende um den "Bösewicht" und "Scharlatan" Lars von Trier, ebenso wie die fast schon permanente Kritik an dem Frauenbild des Regisseurs. Der Hang zur märtyrerhaften Frauengestalten, die sich aufopfern, ist zum einen dem großen Lehrmeister Carl Theodor Dreyer geschuldet, zum anderen aber auch ein Hinweis auf einen deutlichen Zug im Werk, der bislang wenig Beachtung fand – den Topos der Dominanz und der Kontrolle.

Denn Lars von Triers Kino ist ein Kino der Beherrschung, auf ganz unterschiedlichen Ebenen: Zum einen sind es immer wieder die Figuren selbst, die beherrscht werden, oftmals von einer rigiden Gesellschaftsstruktur, in der sie leben (in Breaking The Waves, Dancer in the Dark und Dogville), häufig auch von einzelnen Menschen, die zum Schicksal werden (Europa, Breaking The Waves) und manchmal von der eigenen Vergangenheit (The Element of Crime) Zum anderen aber spiegelt das Thema der Dominanz auch immer wieder das Verhältnis des Filmemachers zu seinem Medium wieder. Denn auch hier macht Lars von Trier immer wieder, und zwar mit höchst unterschiedlichen Ansätzen klar, wer der HERR einer Geschichte und eines Films ist – der Regisseur.

Kein Wunder, dass für seine ersten drei Filme The Element of Crime, Epidemic (1987) und Europa, die deutlich als Trilogie angelegt sind, die Hypnose das verbindende Element sind. Denn die Hypnose garantiert dem Hypnotiseur (also Regisseur) die absolute Kontrolle über den Hypnotisierten (den Zuschauer einerseits und die Figuren der Geschichte andererseits). So beginnt The Element of Crime damit, dass der Erzähler, der Polizist Fisher in Trance versetzt wird und in diesem Zustand den Film als Ausgeburt von Erinnerung und erlittenem Trauma erzählt. Auch in Epidemic ist es die Hypnose, die der Story schließlich die entscheidende Wendung gibt, die aus der Phantasie einer Seuche schließlich blutige Realität werden lässt.

Am deutlichsten ist der Aspekt der Beherrschung in Europa, denn hier findet sich ein auktorialer und autoritärer Erzähler, der sich als absoluter Beherrscher der Geschichte, der handelnden Personen und des Zuschauers erweist, er bestimmt mit seinen "Countdowns" Anfang und Ende der Geschichte, seine Anweisungen verlangsamen oder beschleunigen die Zeit, bestimmen den Raum und die Wendungen der Geschichte Wenn je ein Ton und eine Erzählform den Wunschtraum eines Regisseurs nach absoluter Kontrolle ausgedrückt hat, dann die Stimme von Max von Sydow, der als Alter Ego von Trier die furchterregenden Worte spricht: "Wenn ich bis zehn gezählt habe, bist du tot."

Zwar werden die Strategien der Beherrschung mit der Zeit subtiler und nicht mehr so durchschaubar wie bei diesen frühen Filmen von Triers, doch die Absicht ist immer noch die gleiche. Die Art der Schauspielerarbeit in Breaking The Waves, das starre Regelwerk von Dogma95, die lediglich mit Kreidestrichen angedeuteten Kulissen in Dogville, sie alle dienen dazu, Kontrolle zu sichern und sich das eigene Werk zum Untertan zu machen. Auch in dem neuen Film, dem Gemeinschaftswerk mit seinem Mentor Jørgen Leth The Five Obstructions ist abermals der Aspekt der Kontrolle und der Beherrschung von zentraler Bedeutung, dieses Mal allerdings weniger verklausuliert als bislang. Neu ist ebenfalls, dass sich von Trier nun einen Standeskollegen an die Seite geholt hat und diesem Aufgaben stellt, Regeln aufzwängt und Hindernisse in den Weg legt. Dies ist nicht mehr und nicht weniger als ein Ausloten der Leidensfähigkeit des anderen, des Regisseurs-Alter-Egos, und die Erhöhung zum Meta-Regisseur – die ultimative Kontrolle sozusagen.

Die dem Thema innewohnende Angst vor dem Kontrollverlust über das eigene Werk spiegelt sich ausgerechnet in dem Film Lars von Trier wieder, der kaum den Weg in die Kinos fand – Epidemic aus dem Jahre 1987. Hier entgleitet der Film, den ein junger Regisseur plant (Lars von Trier spielt sich selbst!), seinen Händen und dringt wie eine Seuche in das reale Leben ein, um es zu zerstören und zu infizieren. Es endet, wie es enden muss: mit dem Tod der Regisseurs. Ein Geständnis, das allerdings nicht stehen bleiben kann, ohne sofort ironisiert zu werden – der "tote" Lars von Trier hebt am Ende des Films den Kopf und zwinkert in die Kamera.

So bleibt am Ende wie so häufig das Gefühl, dass das Kino des Lars von Trier ein ironisches Spiel um Macht und Kontrolle ist, aber eben ein SPIEL.
   
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