Die weiße Massai - Ein Interview mit Corinne Hofmann über die Verfilmung ihres Buchs
Kinostart:
01.01.2005
Während die Kinobesucher den Film genau wie das Buch gut aufnehmen, beurteilt die Presse Die weiße Massai teilweise als trivial und fragwürdig in seiner Aussage.
Auf www.kino-zeit.de ist von den Lesern ungewöhnlich intensiv über die Qualität und den Unterhaltungswert diskutiert worden. Die Meinung gehen extrem auseinander. www.kino-zeit.de - Mitarbeiter Holger Lodahl hat Corinne Hofmann getroffen und die Gelegenheit ergriffen, mit ihr über Die weiße Massai und die Meinungen der Leser von www.kino-zeit.de zu sprechen.
Frau Hofmann, ich beglückwünsche Sie zu dem großen Erfolg. Haben Sie damit gerechnet, dass der Film sich so sehr durchsetzt?
Das habe ich tatsächlich gewusst, so selbstherrlich kann ich mal sein! Ich habe das immer gesagt, ich weiß ja schließlich, wie viel Leser ich hab’! Ich krieg seit Jahren Mails mit der Frage: „Frau Hofmann, wann kommt der Film?“ Das Feedback von den Lesern und Leserinnen war so groß, es war klar, dass viele sich den Film ansehen würden.
Seitdem das erste Buch veröffentlicht wurde, sind Sie fast durchweg unterwegs in Talkshows und mit Lesungen. Haben Sie seit Ihrer Rückkehr von den Massai je wieder einen Beruf ergriffen, zum Beispiel ein Geschäft eröffnet?
Nach dem ersten Buch hatte ich eine Pause. Zwei oder drei Jahre habe ich nicht viel gemacht, was mit dem Buch zu tun hatte. Ich habe eine Weiterbildung absolviert und versucht, ein Hotel zu eröffnen. Noch während ich in dieser Planung war, habe ich wieder angefangen zu schreiben. Schließlich musste ich meine Hotel-Idee aufgeben, weil das Objekt zu teuer war – Renovierung und dergleichen. Dann kam mein zweites Buch heraus und es ging es wieder mit Lesetourneen los. Das Buch wurde dann ja auch in viele Sprachen übersetzt, und seitdem bin ich beschäftigt! Ich tue das sehr gern, weil die Leser und Leserinnen sich sehr freuen, es ist ein beidseitiges Geben und Nehmen. Wenn eine Leserin mit sagt, es war einer meiner schönsten Abende, dann ist das doch wunderbar!
Eine Kino-Zeit.de-Leserin ist der Meinung, Carola im Film habe die Rituale der Massai bis zur Selbstaufgabe akzeptiert und fragt, warum sich Carola so sehr erniedrigen lässt.
Ich habe es nicht so empfunden, dass ich erniedrigt wurde. Hier merkt man den Unterschied zwischen Film und Buch. Die Carola bin ich nicht ganz, der Film dauert zwei Stunden, ich war aber vier Jahre dort. Zum Ende, als mein Mann immer eifersüchtiger wurde, kann man der Meinung vielleicht zustimmen. Aber das kann einen doch auch mit einem Deutschen oder Schweizer passieren. Aber ich konnte ja auch nicht mal einfach die Tür zuschlagen und alleine sein, wie hier in Europa. Ich habe immer versucht, mich mit seine Augen zu sehen. Daher wusste ich immer, wie er seine Welt erlebt, sein Dorf und die Gegend. Ich bin mit meiner Schulbildung und den Medien aufgewachsen, durch das man schon Einblick in fremde Länder bekommt. Diese Möglichkeit haben die Massai ja nicht. Mit meiner internationaler Sicht saß ich oft da und dachte bei großen Problemen: Cool down, warum passiert das jetzt? Und dann habe ich vieles verstanden. Ich wusste, dass ein Massai eine Frau mit ganz anderen Kriterien aussucht als es in Europa der Fall ist. Das hat meinen Mann doch verwirrt, - er war noch nie so intensiv mit einer Frau zusammen, und im Film sieht man das sehr schön. Die Berührungen, Küssen, Haarewaschen – das war alles etwas ganz Neues für ihn, und das kann auch Angst machen, weil man es nicht verlieren möchte. Daher die Eifersucht und man reagiert zum Teil falsch. Ich hatte viel Verständnis.
Andere kritisieren, Carola hätte sich zu sehr in das Leben der Massai eingemischt.
Im Film kommt das tatsächlich krasser rüber, und die Schilderung der Veränderung wird ganz durch die Beziehung dargestellt. Carola erscheint unsympathisch, als sie den Laden plant. Man könnte durch den Film glauben, dass beispielsweise der Shop nur meine Idee war, die ich durchgesetzt habe. Tatsächlich aber war mein Mann begeistert. Es gab zwar später Probleme durch den Shop, aber als der Shop entstand, war er begeistert! Die Probleme später im Film sind dann wieder authentisch dargestellt. Im Film sieht es nach Macht aus, die Carola erlangt, aber mir ging es ja nicht um Macht oder Einmischung. Ich wurde Ansprechpartner für alle.
Unsere Leser schreiben, dass Carola durch ihren Mann entwürdigt wurde, und der Shop gab ihr die Würde wieder zurück.
Neenee, nein nein! Das war überhaupt nicht so. Der Shop entstand aus der Not, aus der Hungersnot, die herrschte! Wir hatten ja manchmal wochenlang nichts zu essen, weil wir abgeschnitten waren! Die Leute kamen zu mir und sagten: „Hey, Du hast doch ein Auto, bring doch Lebensmittel mit zu uns!“ Mir wurde immer Geld angeboten, damit ich ihnen etwas mitbringe. Aber wenn ich einem was mitbringe ist jemand anderer beleidigt! Ich dachte, warum soll ich das Geld durch die Gegend tragen und einkaufen? So entstand die Idee, ich bringe alles mit und jeder kann kaufen, was er braucht. Ich brauchte ja auch Geld, der Wagen war ja dreimal teurer als hier im Vergleich zu dem, was man verdient. Der Shop hatte also mit einer verlorener Würde nichts zu tun.
Durch den Film glaubt man, dass Carola keinerlei Selbstzweifel hat, als sie Lemalian folgt.
Das stimmt. Ich hatte tatsächlich keinerlei Selbstzweifel. Für mich war das absolut klar, ich folge dem Mann, und wo der Mann lebt, das lebe ich auch.
Ein andere meint, Carola befindet sich auf einem Egotrip.
Diese oder ähnliche Kritik habe ich schon oft gehört. Dieser Eindruck könnte entstehen, wenn man nur den Film kennt. Es ist so vieles für das Drehbuch zum Opfer gefallen. Und wenn jemand alles Negative auf die Carola schiebt, dann muss ich sagen: Lesen Sie das Buch, dann ruf’ mich an und wir sprechen darüber! Ich bin doch meinem Herzen gefolgt. Es war eine Obsession, diesen Weg musste ich gehen.
Wenn man sich in der westlichen Welt kennen lernt, fragt man nach Job, Wohnung, Besitztümern. Nach diesen Kriterien wird heute ausgesucht. Ich finde das so traurig! Das hat doch nichts mehr mit Liebe zu tun! Diejenigen, die dann sagen, die Hofmann befindet sich auf `nem Egotrip sind die, die sich dann lächerlich machen. Ich frage dann: Was ist besser? Ich wusste, der Mann hat nichts außer sich, seinem Stolz und dem Mut, eine Weiße zu heiraten. Das war für mich Liebe genug, und wir haben es probiert. Wir haben es beide nicht bereut. Wie viele Ehepaare gibt es hier, die nach einem Streit nie wieder miteinander sprechen und Feinde sind. Ich hingegen bin nach vierzehn Jahren nach all dem, was passiert ist, wieder mit offenen Herzen aufgenommen worden!
Wie geht es Ihrer Tochter? Schließlich sind nach Ihrer Flucht alleinerziehend gewesen, Ihre Tochter ist ohne Vater aufgewachsen.
Meine Tochter lebt zur Zeit in Amerika, ihr geht es sehr gut. Sie hat den Film noch nicht gesehen und ist sehr neugierig. Immer will sie wissen, was ihr Vater gesagt hat, wie er ist. Aber ich glaube, sie ist auch froh, dass sie nun in der Schweiz aufgewachsen ist. Sie ist bald volljährig und wird selber entscheiden, Barsaloi zu besuchen oder nicht.
Im Film gibt es einige Szenen, die für sich allein zu stehen scheinen – beispielsweise die Beschneidung. Es ist nicht zu erkennen, das Carola intensiv darauf reagiert oder ihr Handeln beeinflusst wird. Die Erlebnisse finden keine Erwähnung mehr. Wie wurden Sie von solchen Erlebnissen geprägt?
Ich finde es wichtig, dass die Beschneidungs-Szene im Film ist. Und die Szene ist auch sehr gut, es wird alles angedeutet, aber nicht gezeigt. Wer eine echte Beschneidung sieht, muss brechen, da dreht man durch. Ich war tief schockiert. Carola geht dann doch noch zum Pater und versucht zu diskutieren, aber er sagt ihr: „Entweder bist du hier und akzeptierst es oder du gehst.“
Man kann nicht einfach kommen und mit Gewalt alles ändern. Im Buch beschreibe ich ja noch, dass ich mich bei dem Chief dagegen aufgewendet habe, aber auch dort wurde mir gesagt: „Wir kommen auch nicht zu Euch und sage, dass Eure Mädchen schlecht sind, weil sie nicht beschnitten werden. Ihr kommt immer nur zu uns und wollt alles ändern. Das funktioniert bei uns aber gut, so wie es ist. Lasst uns in Ruhe!“
Ich hatte viele Diskussionen mit dem Chief, und zum Schluss hieß es: „Entweder akzeptierst Du es oder ich sorge dafür, dass Du zurück in die Schweiz gehst.“ Ich weiß nicht, wie man das Thema behandeln kann. Wenn eine Frau, die selber beschnitten ist, darüber spricht, das ist das Beste. Wir Weißen können ja nur theoretisch sprechen.
Sie haben sich entschlossen, bei Ihrer Hochzeit das weiße Kleid zu tragen, obwohl die Hochzeit eine traditionelle Massai-Hochzeit war. Wie haben die Massai reagiert? Wirkten Sie in dem Weiß nicht störend?
Die Kinder haben gekichert und wollten mich anfassen, aber mein Mann hat es Ihnen verboten. Er hätte nie gewollt, dass ich barbusig, mit roter Farbe und Massai-Schmuck rumlaufe. Ich wollte mir mal die Ohrläppchen einschlitzen lassen, für diese großen Massai-Ohrringe. Mein Mann wollte das überhaupt nicht. Sogar meine Schwiegermutter hatte mich zum Zeitpunkt der Hochzeit längst akzeptiert, wie ich war – deswegen hatte sie auch gegen das Hochzeitskleid nichts einzuwenden. Und was die Alten entscheiden, das zählt dort. Ohne die Zustimmung der Alten hätte ich gar nichts machen dürfen!
Im Film allein kann man das tatsächlich weniger gut erkennen. Alle noch Bücher kaufen! Ein Urteil über die Frau kann man nicht allein vom Film her machen. Das Bild ist ein bisschen schiefer – es fehlt im Film so viel, was man nur im Buch erfahren kann!
Frau Hofmann, vielen Dank für Ihre Zeit!
Das Interview führte Holger Lodahl am 04.10.05
Copyright des Bildes A1-Verlag, München
Auf www.kino-zeit.de ist von den Lesern ungewöhnlich intensiv über die Qualität und den Unterhaltungswert diskutiert worden. Die Meinung gehen extrem auseinander. www.kino-zeit.de - Mitarbeiter Holger Lodahl hat Corinne Hofmann getroffen und die Gelegenheit ergriffen, mit ihr über Die weiße Massai und die Meinungen der Leser von www.kino-zeit.de zu sprechen.
Frau Hofmann, ich beglückwünsche Sie zu dem großen Erfolg. Haben Sie damit gerechnet, dass der Film sich so sehr durchsetzt?
Das habe ich tatsächlich gewusst, so selbstherrlich kann ich mal sein! Ich habe das immer gesagt, ich weiß ja schließlich, wie viel Leser ich hab’! Ich krieg seit Jahren Mails mit der Frage: „Frau Hofmann, wann kommt der Film?“ Das Feedback von den Lesern und Leserinnen war so groß, es war klar, dass viele sich den Film ansehen würden.
Seitdem das erste Buch veröffentlicht wurde, sind Sie fast durchweg unterwegs in Talkshows und mit Lesungen. Haben Sie seit Ihrer Rückkehr von den Massai je wieder einen Beruf ergriffen, zum Beispiel ein Geschäft eröffnet?
Nach dem ersten Buch hatte ich eine Pause. Zwei oder drei Jahre habe ich nicht viel gemacht, was mit dem Buch zu tun hatte. Ich habe eine Weiterbildung absolviert und versucht, ein Hotel zu eröffnen. Noch während ich in dieser Planung war, habe ich wieder angefangen zu schreiben. Schließlich musste ich meine Hotel-Idee aufgeben, weil das Objekt zu teuer war – Renovierung und dergleichen. Dann kam mein zweites Buch heraus und es ging es wieder mit Lesetourneen los. Das Buch wurde dann ja auch in viele Sprachen übersetzt, und seitdem bin ich beschäftigt! Ich tue das sehr gern, weil die Leser und Leserinnen sich sehr freuen, es ist ein beidseitiges Geben und Nehmen. Wenn eine Leserin mit sagt, es war einer meiner schönsten Abende, dann ist das doch wunderbar!
Eine Kino-Zeit.de-Leserin ist der Meinung, Carola im Film habe die Rituale der Massai bis zur Selbstaufgabe akzeptiert und fragt, warum sich Carola so sehr erniedrigen lässt.
Ich habe es nicht so empfunden, dass ich erniedrigt wurde. Hier merkt man den Unterschied zwischen Film und Buch. Die Carola bin ich nicht ganz, der Film dauert zwei Stunden, ich war aber vier Jahre dort. Zum Ende, als mein Mann immer eifersüchtiger wurde, kann man der Meinung vielleicht zustimmen. Aber das kann einen doch auch mit einem Deutschen oder Schweizer passieren. Aber ich konnte ja auch nicht mal einfach die Tür zuschlagen und alleine sein, wie hier in Europa. Ich habe immer versucht, mich mit seine Augen zu sehen. Daher wusste ich immer, wie er seine Welt erlebt, sein Dorf und die Gegend. Ich bin mit meiner Schulbildung und den Medien aufgewachsen, durch das man schon Einblick in fremde Länder bekommt. Diese Möglichkeit haben die Massai ja nicht. Mit meiner internationaler Sicht saß ich oft da und dachte bei großen Problemen: Cool down, warum passiert das jetzt? Und dann habe ich vieles verstanden. Ich wusste, dass ein Massai eine Frau mit ganz anderen Kriterien aussucht als es in Europa der Fall ist. Das hat meinen Mann doch verwirrt, - er war noch nie so intensiv mit einer Frau zusammen, und im Film sieht man das sehr schön. Die Berührungen, Küssen, Haarewaschen – das war alles etwas ganz Neues für ihn, und das kann auch Angst machen, weil man es nicht verlieren möchte. Daher die Eifersucht und man reagiert zum Teil falsch. Ich hatte viel Verständnis.
Andere kritisieren, Carola hätte sich zu sehr in das Leben der Massai eingemischt.
Im Film kommt das tatsächlich krasser rüber, und die Schilderung der Veränderung wird ganz durch die Beziehung dargestellt. Carola erscheint unsympathisch, als sie den Laden plant. Man könnte durch den Film glauben, dass beispielsweise der Shop nur meine Idee war, die ich durchgesetzt habe. Tatsächlich aber war mein Mann begeistert. Es gab zwar später Probleme durch den Shop, aber als der Shop entstand, war er begeistert! Die Probleme später im Film sind dann wieder authentisch dargestellt. Im Film sieht es nach Macht aus, die Carola erlangt, aber mir ging es ja nicht um Macht oder Einmischung. Ich wurde Ansprechpartner für alle.
Unsere Leser schreiben, dass Carola durch ihren Mann entwürdigt wurde, und der Shop gab ihr die Würde wieder zurück.
Neenee, nein nein! Das war überhaupt nicht so. Der Shop entstand aus der Not, aus der Hungersnot, die herrschte! Wir hatten ja manchmal wochenlang nichts zu essen, weil wir abgeschnitten waren! Die Leute kamen zu mir und sagten: „Hey, Du hast doch ein Auto, bring doch Lebensmittel mit zu uns!“ Mir wurde immer Geld angeboten, damit ich ihnen etwas mitbringe. Aber wenn ich einem was mitbringe ist jemand anderer beleidigt! Ich dachte, warum soll ich das Geld durch die Gegend tragen und einkaufen? So entstand die Idee, ich bringe alles mit und jeder kann kaufen, was er braucht. Ich brauchte ja auch Geld, der Wagen war ja dreimal teurer als hier im Vergleich zu dem, was man verdient. Der Shop hatte also mit einer verlorener Würde nichts zu tun.
Durch den Film glaubt man, dass Carola keinerlei Selbstzweifel hat, als sie Lemalian folgt.
Das stimmt. Ich hatte tatsächlich keinerlei Selbstzweifel. Für mich war das absolut klar, ich folge dem Mann, und wo der Mann lebt, das lebe ich auch.
Ein andere meint, Carola befindet sich auf einem Egotrip.
Diese oder ähnliche Kritik habe ich schon oft gehört. Dieser Eindruck könnte entstehen, wenn man nur den Film kennt. Es ist so vieles für das Drehbuch zum Opfer gefallen. Und wenn jemand alles Negative auf die Carola schiebt, dann muss ich sagen: Lesen Sie das Buch, dann ruf’ mich an und wir sprechen darüber! Ich bin doch meinem Herzen gefolgt. Es war eine Obsession, diesen Weg musste ich gehen.
Wenn man sich in der westlichen Welt kennen lernt, fragt man nach Job, Wohnung, Besitztümern. Nach diesen Kriterien wird heute ausgesucht. Ich finde das so traurig! Das hat doch nichts mehr mit Liebe zu tun! Diejenigen, die dann sagen, die Hofmann befindet sich auf `nem Egotrip sind die, die sich dann lächerlich machen. Ich frage dann: Was ist besser? Ich wusste, der Mann hat nichts außer sich, seinem Stolz und dem Mut, eine Weiße zu heiraten. Das war für mich Liebe genug, und wir haben es probiert. Wir haben es beide nicht bereut. Wie viele Ehepaare gibt es hier, die nach einem Streit nie wieder miteinander sprechen und Feinde sind. Ich hingegen bin nach vierzehn Jahren nach all dem, was passiert ist, wieder mit offenen Herzen aufgenommen worden!
Wie geht es Ihrer Tochter? Schließlich sind nach Ihrer Flucht alleinerziehend gewesen, Ihre Tochter ist ohne Vater aufgewachsen.
Meine Tochter lebt zur Zeit in Amerika, ihr geht es sehr gut. Sie hat den Film noch nicht gesehen und ist sehr neugierig. Immer will sie wissen, was ihr Vater gesagt hat, wie er ist. Aber ich glaube, sie ist auch froh, dass sie nun in der Schweiz aufgewachsen ist. Sie ist bald volljährig und wird selber entscheiden, Barsaloi zu besuchen oder nicht.
Im Film gibt es einige Szenen, die für sich allein zu stehen scheinen – beispielsweise die Beschneidung. Es ist nicht zu erkennen, das Carola intensiv darauf reagiert oder ihr Handeln beeinflusst wird. Die Erlebnisse finden keine Erwähnung mehr. Wie wurden Sie von solchen Erlebnissen geprägt?
Ich finde es wichtig, dass die Beschneidungs-Szene im Film ist. Und die Szene ist auch sehr gut, es wird alles angedeutet, aber nicht gezeigt. Wer eine echte Beschneidung sieht, muss brechen, da dreht man durch. Ich war tief schockiert. Carola geht dann doch noch zum Pater und versucht zu diskutieren, aber er sagt ihr: „Entweder bist du hier und akzeptierst es oder du gehst.“
Man kann nicht einfach kommen und mit Gewalt alles ändern. Im Buch beschreibe ich ja noch, dass ich mich bei dem Chief dagegen aufgewendet habe, aber auch dort wurde mir gesagt: „Wir kommen auch nicht zu Euch und sage, dass Eure Mädchen schlecht sind, weil sie nicht beschnitten werden. Ihr kommt immer nur zu uns und wollt alles ändern. Das funktioniert bei uns aber gut, so wie es ist. Lasst uns in Ruhe!“
Ich hatte viele Diskussionen mit dem Chief, und zum Schluss hieß es: „Entweder akzeptierst Du es oder ich sorge dafür, dass Du zurück in die Schweiz gehst.“ Ich weiß nicht, wie man das Thema behandeln kann. Wenn eine Frau, die selber beschnitten ist, darüber spricht, das ist das Beste. Wir Weißen können ja nur theoretisch sprechen.
Sie haben sich entschlossen, bei Ihrer Hochzeit das weiße Kleid zu tragen, obwohl die Hochzeit eine traditionelle Massai-Hochzeit war. Wie haben die Massai reagiert? Wirkten Sie in dem Weiß nicht störend?
Die Kinder haben gekichert und wollten mich anfassen, aber mein Mann hat es Ihnen verboten. Er hätte nie gewollt, dass ich barbusig, mit roter Farbe und Massai-Schmuck rumlaufe. Ich wollte mir mal die Ohrläppchen einschlitzen lassen, für diese großen Massai-Ohrringe. Mein Mann wollte das überhaupt nicht. Sogar meine Schwiegermutter hatte mich zum Zeitpunkt der Hochzeit längst akzeptiert, wie ich war – deswegen hatte sie auch gegen das Hochzeitskleid nichts einzuwenden. Und was die Alten entscheiden, das zählt dort. Ohne die Zustimmung der Alten hätte ich gar nichts machen dürfen!
Im Film allein kann man das tatsächlich weniger gut erkennen. Alle noch Bücher kaufen! Ein Urteil über die Frau kann man nicht allein vom Film her machen. Das Bild ist ein bisschen schiefer – es fehlt im Film so viel, was man nur im Buch erfahren kann!
Frau Hofmann, vielen Dank für Ihre Zeit!
Das Interview führte Holger Lodahl am 04.10.05
Copyright des Bildes A1-Verlag, München




