Die Faszination des Bösen - Über Vincent Cassel
Welcher Auftritt macht mich zum Star? Diese Frage stellen sich viele junge Schauspieler. Doch die eine große Rolle ist nicht leicht zu ergattern. Vom geeigneten Drehbuch über einen einfühlsamen Regisseur bis zum richtigen Timing. Alles muss zusammenpassen.
Hass / La Haine erfüllte vor 14 Jahren für alle drei Hauptdarsteller diese Bedingungen. Doch nur Vincent Cassel brachte der authentische, schwarz-weiß Schocker über den Alltag in einer tristen Pariser Banlieu den ganz großen Ruhm. Vielleicht lag alles an diesen dreißig Sekunden Filmgeschichte: Die Kamera fährt langsam auf Vinz` kahlrasierten Schädel zu. Vor einem Spiegel in einem schäbigen Bad geifert er in bester Taxi Driver-Manier: "Laberst du mich an." Vinz klatscht sich Wasser ins Gesicht, spuckt aus. Dann zeigt die Kamera nur noch seinen kantigen, vor purer Energie zuckenden Schädel: "Was willst du, du Pisser!" schnauzt Vinz sich selbst und letztlich auch den Zuschauer an. Er kratzt sich an der Nase, beginnt zu tänzeln, schüttelt sich und brüllt: "Was glaubst du, wer du bist!!" Plötzlich beruhigt er sich, entsichert eine imaginäre Waffe und drückt ab, während im Waschbecken gurgelnd das abfließende Wasser zu hören ist.
Eine gespenstische, ungemein überzeugende Szene, die das zerrüttete Innenleben von Cassels Figur kongenial auf den Punkt bringt. Bis heute wird Cassels Ruf von diesem Ausbruch bestimmt. Er ist und bleibt der unberechenbarste Bösewicht des europäischen Kinos.
Cassels Leistung in ist umso höher einzustufen, da er sich keineswegs selbst spielte. Der gebürtige Pariser stammt aus gutbürgerlichen Verhältnissen, sein Vater war der berühmte, vor zwei Jahren verstorbene französische Komiker Jean-Pierre Cassel, seine Mutter die Journalistin Anne Célérier. Promis wie die Operndiva Maria Callas verkehrten in ihren Kreisen. Doch Vincent war kein Musterschüler, sondern ein schwer zu zähmender Rebell. Er wechselte ein Internat aufs andere, schrieb katastrophale Noten und kam plötzlich auf die Idee in einer Zirkusschule mitzumachen. Schließlich entschied er sich gegen den Willen des Vaters Schauspieler zu werden.
Im "Actor's Institute of New York" erwarb er sich dafür die handwerkliche Grundausbildung. Cassel kehrte Mitte der 80er Jahre nach Paris zurück, um sich dem Ensemble des großen Theaterregisseurs Jean-Louis Barrault (Die Kinder des Olymp) anzuschließen. Nach einigen kleineren Filmrollen lernte Cassel den Schauspieler und Regisseur Mathieu Kassovitz kennen. Die beiden teilten eine Liebe für Hiphop, Kampfsport und provokante Filme. Nach der Dreieckskomödie Lola liebt's schwarzweiß (1993) gelang ihnen ein Jahr später mit Hass ihr Meisterstück. Vincent bekam dafür eine César-Filmpreis-Nominierung und war quasi über Nacht ein gefragter Schauspieler. Doch der Franzose mit der großen Nase, dem maliziösen Lächeln, den fies funkelnden Knopfaugen und der unbändigen Energie wollte in seinem Beruf nie auf Nummer sicher gehen. Seit Ende der 90er Jahre pendelt er erfolgreich zwischen seinem Heimatland und den USA hin und her. Ob Nebenrollen in Historienfilmen wie Elizabeth (1998) oder Hauptrollen, wie in der stilisierten Gewaltorgie Dobermann (1997) – Cassel hinterließ stets einen bleibenden Eindruck.
Auch das italienische Modell Monica Bellucci, in das er sich am Set des Psychothrillers Liebe und Lügen (1996) verliebte und mit der er seit 2004 eine gemeinsame Tochter hat, konnte Vincent nicht zähmen, im Gegenteil. Das Ehepaar sorgte mit Irréversible (2002) für einen handfesten Skandal bei den Filmfestspielen in Cannes. Die zehn Minuten andauernde Vergewaltigungsszene von Bellucci gehört bis heute zu den grausamsten und umstrittensten Szenen der Filmgeschichte.
Auch wenn Charakterkopf Cassel stets zugibt "es zu lieben Bösewichter zu spielen", gönnt sich der Franzose hin und wieder Ausflüge ins Komödienmetier. Besonders als Synchronsprecher macht er mit seiner markant-scharfen Stimme auf sich aufmerksam. Unter anderem spricht er Figuren in Animationsfilmen wie Ice Age und Shrek. Nach seinem größten Hollywood-Erfolg als lässiger Gourmet-Gauner in Ocean’s 12 (2004) gelang ihm nun mit der Rolle des Jacques Mesrine Public Enemy No. 1 - Mordinstinkt sein Meisterstück. "Es war der längste Dreh, an dem ich jemals beteiligt war – neun Monate ohne Pause. Es war ein Marathon." Einer, der sich für Cassel gelohnt hat. Für seine Rolle nahm der 42-jährige innerhalb kürzester Zeit 20 Kilo zu, wechselte Bärte und Haarschnitte im Minutentakt und hielt am Ende zum ersten Mal in seiner Karriere Frankreichs bedeutendsten Filmpreis, den César in seinen Händen. Lohn für einen, der in Filmen nicht mit Schönheit, sondern mit diabolischem Charme und unheimlichem Talent glänzt.
Jüngst unterschrieb Cassel einen üppig dotierten Werbevertrag für Yves Saint Laurent. Der dazugehörige Schwarz-weiß-Clip La Nuit de L'Homme wirkt wie eine späte Antwort auf Cassels Hass-Auftritt: Im feinen Zwirn und mit adrett sitzender Frisur sieht er den Zuschauer am Ende abermals tief in die Augen. Und siehe da, der unverschämt aufreizende, raubtierhafte Blick ist der gleiche geblieben.
(Florian Koch)
Hass / La Haine erfüllte vor 14 Jahren für alle drei Hauptdarsteller diese Bedingungen. Doch nur Vincent Cassel brachte der authentische, schwarz-weiß Schocker über den Alltag in einer tristen Pariser Banlieu den ganz großen Ruhm. Vielleicht lag alles an diesen dreißig Sekunden Filmgeschichte: Die Kamera fährt langsam auf Vinz` kahlrasierten Schädel zu. Vor einem Spiegel in einem schäbigen Bad geifert er in bester Taxi Driver-Manier: "Laberst du mich an." Vinz klatscht sich Wasser ins Gesicht, spuckt aus. Dann zeigt die Kamera nur noch seinen kantigen, vor purer Energie zuckenden Schädel: "Was willst du, du Pisser!" schnauzt Vinz sich selbst und letztlich auch den Zuschauer an. Er kratzt sich an der Nase, beginnt zu tänzeln, schüttelt sich und brüllt: "Was glaubst du, wer du bist!!" Plötzlich beruhigt er sich, entsichert eine imaginäre Waffe und drückt ab, während im Waschbecken gurgelnd das abfließende Wasser zu hören ist.
Eine gespenstische, ungemein überzeugende Szene, die das zerrüttete Innenleben von Cassels Figur kongenial auf den Punkt bringt. Bis heute wird Cassels Ruf von diesem Ausbruch bestimmt. Er ist und bleibt der unberechenbarste Bösewicht des europäischen Kinos.
Cassels Leistung in ist umso höher einzustufen, da er sich keineswegs selbst spielte. Der gebürtige Pariser stammt aus gutbürgerlichen Verhältnissen, sein Vater war der berühmte, vor zwei Jahren verstorbene französische Komiker Jean-Pierre Cassel, seine Mutter die Journalistin Anne Célérier. Promis wie die Operndiva Maria Callas verkehrten in ihren Kreisen. Doch Vincent war kein Musterschüler, sondern ein schwer zu zähmender Rebell. Er wechselte ein Internat aufs andere, schrieb katastrophale Noten und kam plötzlich auf die Idee in einer Zirkusschule mitzumachen. Schließlich entschied er sich gegen den Willen des Vaters Schauspieler zu werden.
Im "Actor's Institute of New York" erwarb er sich dafür die handwerkliche Grundausbildung. Cassel kehrte Mitte der 80er Jahre nach Paris zurück, um sich dem Ensemble des großen Theaterregisseurs Jean-Louis Barrault (Die Kinder des Olymp) anzuschließen. Nach einigen kleineren Filmrollen lernte Cassel den Schauspieler und Regisseur Mathieu Kassovitz kennen. Die beiden teilten eine Liebe für Hiphop, Kampfsport und provokante Filme. Nach der Dreieckskomödie Lola liebt's schwarzweiß (1993) gelang ihnen ein Jahr später mit Hass ihr Meisterstück. Vincent bekam dafür eine César-Filmpreis-Nominierung und war quasi über Nacht ein gefragter Schauspieler. Doch der Franzose mit der großen Nase, dem maliziösen Lächeln, den fies funkelnden Knopfaugen und der unbändigen Energie wollte in seinem Beruf nie auf Nummer sicher gehen. Seit Ende der 90er Jahre pendelt er erfolgreich zwischen seinem Heimatland und den USA hin und her. Ob Nebenrollen in Historienfilmen wie Elizabeth (1998) oder Hauptrollen, wie in der stilisierten Gewaltorgie Dobermann (1997) – Cassel hinterließ stets einen bleibenden Eindruck.
Auch das italienische Modell Monica Bellucci, in das er sich am Set des Psychothrillers Liebe und Lügen (1996) verliebte und mit der er seit 2004 eine gemeinsame Tochter hat, konnte Vincent nicht zähmen, im Gegenteil. Das Ehepaar sorgte mit Irréversible (2002) für einen handfesten Skandal bei den Filmfestspielen in Cannes. Die zehn Minuten andauernde Vergewaltigungsszene von Bellucci gehört bis heute zu den grausamsten und umstrittensten Szenen der Filmgeschichte.
Auch wenn Charakterkopf Cassel stets zugibt "es zu lieben Bösewichter zu spielen", gönnt sich der Franzose hin und wieder Ausflüge ins Komödienmetier. Besonders als Synchronsprecher macht er mit seiner markant-scharfen Stimme auf sich aufmerksam. Unter anderem spricht er Figuren in Animationsfilmen wie Ice Age und Shrek. Nach seinem größten Hollywood-Erfolg als lässiger Gourmet-Gauner in Ocean’s 12 (2004) gelang ihm nun mit der Rolle des Jacques Mesrine Public Enemy No. 1 - Mordinstinkt sein Meisterstück. "Es war der längste Dreh, an dem ich jemals beteiligt war – neun Monate ohne Pause. Es war ein Marathon." Einer, der sich für Cassel gelohnt hat. Für seine Rolle nahm der 42-jährige innerhalb kürzester Zeit 20 Kilo zu, wechselte Bärte und Haarschnitte im Minutentakt und hielt am Ende zum ersten Mal in seiner Karriere Frankreichs bedeutendsten Filmpreis, den César in seinen Händen. Lohn für einen, der in Filmen nicht mit Schönheit, sondern mit diabolischem Charme und unheimlichem Talent glänzt.
Jüngst unterschrieb Cassel einen üppig dotierten Werbevertrag für Yves Saint Laurent. Der dazugehörige Schwarz-weiß-Clip La Nuit de L'Homme wirkt wie eine späte Antwort auf Cassels Hass-Auftritt: Im feinen Zwirn und mit adrett sitzender Frisur sieht er den Zuschauer am Ende abermals tief in die Augen. Und siehe da, der unverschämt aufreizende, raubtierhafte Blick ist der gleiche geblieben.
(Florian Koch)




