Der Baader Meinhof Komplex - Zeitgeschichte als Spektakel
Im Jahre 1967 beschrieb der Anarchist und Schriftsteller Guy Debord, einer der wichtigsten Vordenker der 68er-Bewegung, die Gesellschaft, gegen die es zu revoltieren gilt, als eine des Spektakels. Hinter dem allgegenwärtigen Schauspiel, das sich uns bietet und in dem jeder von uns die ihm zugewiesene Rolle spielt, verschwinden die Realität, die Geschichte und die Ideologien. In dieser Gesellschaft des Spektakels verschmelzen Fiktionen, Mythen und Fakten zu einer Hyperrealität, die zur einzigen, alleingültigen Wirklichkeit wird.
Mit Der Baader Meinhof Komplex ist es Uli Edel, Bernd Eichinger und Stefan Aust gelungen, die "bleierne Zeit" des RAF-Terrorismus mit grausiger Detailverliebtheit wiederauferstehen zu lassen. Doch statt einer Entmythologisierung, von der immer wieder die Rede ist, haben sie die Geschichte der RAF in ein Kinospektakel verwandelt, dem man sich kaum entziehen kann. Das liegt aber weniger an der Faszination des Themas oder am Erkenntnisgewinn als vielmehr an der Umsetzung, die den Zuschauer wie ein Sog ins Geschehen hineinzieht.
Die Illusion des Dabeiseins, die Simulation von Geschichte als unmittelbar Erlebtem ist allgegenwärtig: Sie führt von den Unruhen anlässlich des Schah-Besuchs und der Ermordung Benno Ohnesorgs über kuschlige und erotisch aufgeladene Badestündchen mit Gudrun Ensslin ("Ey, willst du meine Alte ficken?") und einem terroristischen Clash of Cultures zwischen den sexuell befreiten Stadtguerilleros und arabischen Kämpfern bis hin zu einer minutiös abgearbeiteten Chronologie der Anschläge, dem Prozess und zur Selbstzerfleischung des harten Kerns im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim. Der Zuschauer wird so zum Zeitzeugen, zum Mittäter, zum Polizisten, zur Geisel, zum Opfer. Doch während dieses Abholen und Mitnehmen des Zuschauers am Anfang bestens funktioniert und den Einstieg in den Untergrund nachvollziehbar erscheinen lässt, nutzt sich die Erzählhaltung mit der Zeit ab und lässt den Zuschauer aufgepeitscht und desorientiert zurück. Statt auf „Action directe“ setzt der Film vor allem auf „Äktschn pur“ und zieht alle Register der Überwältigung. Wer dabei auf die kathartische Wirkung von (Kunst)Blut und vielfachem Tod vertraut und so hofft, der Mythen- und Legendenbildung endgültig den Garaus machen zu können, wie dies Edel, Eichinger und Aust tun, ist entweder entsetzlich naiv oder unglaublich verlogen. Als hätte ein Actionfilm die Menschheit jemals zu einem friedlicheren und gewaltfreieren Miteinander bekehrt.
Ob Schlagstöcke und Wasserwerfer, Brandsätze, Banküberfälle, Sprengstoffattentate oder wilde Schießereien, immer ist die Kamera dabei, zeigt die Gesichter, die Wunden, lässt die Kugeln um die Köpfe zischen und zielt direkt auf den Zuschauer. Kriegsberichterstattung als Live-Action zum Miterleben, als cineastischer Themenpark RAF, in dem sich wohliger Grusel, Erstaunen über die Echtheit des Dargestellten und der "Atem der Geschichte" die Hand reichen. Die Protestbewegung und Brutalität, mit der gegen sie vorgegangen wird, die Radikalisierung, der bewaffnete Kampf und die staatlichen Gegenmaßnahmen, die Spirale aus Gewalt und Gegengewalt wird zum Spektakel, zur reinen Nummernrevue, die sich brav an der Chronologie entlang hangelt und kaum etwas Neues zu erzählen weiß: Andreas Baader (Moritz Bleibtreu), der Macho-Desperado zwischen Spaß- und Stadtguerilla und Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek), die vormals brave Pfarrerstochter, die zur Hardlinerin und Scharfmacherin der Bewegung wird, sind ein Pärchen wie damals Bonnie und Clyde, nur der Kitzel des Echten und Authentischen macht hier den Unterschied.
Lediglich zwei Personen ragen ein wenig aus der bunten Bilderflut heraus: Der BKA-Chef Horst Herold (Bruno Ganz) als erstaunlich pragmatischer und einfühlender oberster Terroristenjäger und Ulrike Meinhof (brillant gespielt von Martina Gedeck), die zwischen Theorie und Praxis zerrissene Intellektuelle – sie bilden so etwas wie das narrative Gegensatzpaar, in dem sich die beiden unterschiedlichen Perspektiven auf die Zeit verdichten. Das liegt auch daran, dass sich der Film von Anfang an auf Meinhofs Werdegang konzentriert und neben Andreas Baader und Gudrun Ensslin, den beiden beherrschenden Personen der ersten Generation die Akteure so schnell wechseln, dass man vollends die Orientierung zu verlieren droht. Einzig in Ulrike Meinhof findet der Film eine Figur, die über das rein Plakative hinausgeht und die zur näheren Beschäftigung einlädt. Allein in ihr offenbart sich etwas von der Tragik des Lebens im Untergrund, von der immer größer werdenden Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der RAF. Für eine Aufarbeitung ist dies zu wenig.
Mit Sicherheit ist Der Baader Meinhof Komplex kein schlechter Film, zumal Stefan Aust als besessener Chronist der RAF für die Richtigkeit der Fakten (zumindest so, wie sie sich für ihn darstellen) sorgen dürfte. Und Maske, Ausstattung sowie die illustre Schauspielercrew unternehmen wirklich alles dafür, die Zeit zwischen 1967 und 1977 wiederauferstehen zu lassen. Doch in der Atemlosigkeit der Geschichte, im Springen von Ereignis zu Ereignis bleibt kaum je ein Moment des Innehaltens und der Reflektion all der Ungeheuerlichkeiten, die man da auf der Leinwand sieht. Gewalt und Gegengewalt folgen Schlag auf Schlag. Wahrscheinlich gibt das sogar den Zeitgeist der Siebziger und die Paranoia auf beiden Seiten treffend wieder. Die Entzauberung des Mythos RAF, wie von Horst Herold immer wieder angemahnt, und die wirkliche Auseinandersetzung mit den Ereignissen wagen weder die Öffentlichkeit der Siebziger noch der Film an sich.
Spät erst und sehr zaghaft – man glaubt kaum mehr daran - erfolgt dann doch der Versuch einer Entmythologisierung: "Hört auf, sie so zu sehen, wie sie nicht waren." Wenn Brigitte Mohnhaupt (Nadja Uhl) am Ende des Films ihre Zweifel an der Mordtheorie mit diesen Worten äußert, dann wirkt das angesichts der kalten und atemlosen Routine des Films wie ein schüchterner Versuch, all die Autojagden, den Kugelhagel und das Blut vergessen zu machen.
Nicht nur angesichts des spektakulären Schauspiels ist es fraglich, ob der Film tatsächlich das Bewusstsein von der RAF verändert und eine neue Ära in der Bewältigung dieses Traumas einläutet. Die Fakten liegen seit Jahren auf dem Tisch und wurden lediglich noch durch Erkenntnisse aus den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit ergänzt; Stefan Austs Buch, das erstmals im Jahre 1985 erschien und bis heute als Standardwerk gilt, dürfte weiten Teilen der interessierten Bevölkerung bekannt sein.
Da der Film nichts weiter leistet, als eine illustrierte Fassung des Buchs zu sein, stellt sich die Frage, welcher Impuls nun von der Verfilmung ausgehen soll. Vielleicht dieser, dass wir zukünftig die Bilder im Kopf haben werden, wenn wir mal wieder zu Stefan Austs Buch greifen werden. Damit würde die Deutungshoheit über die Geschichte der RAF endgültig zum Deutungsmonopol; andere, alternative Interpretationen wären somit überflüssig geworden. Für die Geschäfte um Buch und Film und Buch zum Film und Film zum Buch nebst Hörbuch-Fassung dürfte dies kein Schaden sein.
Als Eventkino zum 30-jährigen Jubiläum des "Deutschen Herbstes" kommt dieser Film jedenfalls ein Jahr zu spät. Und für eine gründliche Aufarbeitung der RAF, die nicht nur die Schauwerte eines dokumentarisierten Actionkinos feiert, ist es offensichtlich noch zu früh. Dass der Film trotzdem ein Erfolg in den Kinos werden wird, steht außer Zweifel. Und das liegt nicht allein an der medialen Allgegenwart des Films und der Marketing-Maschinerie, sondern auch daran, dass die Lust am Spektakel nach wie vor ungebrochen ist.
Den Opfern des Terrorismus wird am Ende nicht einmal mit einer Texttafel gedacht. Das hinterlässt mehr als nur ein schales Gefühl.
(Joachim Kurz)
Mit Der Baader Meinhof Komplex ist es Uli Edel, Bernd Eichinger und Stefan Aust gelungen, die "bleierne Zeit" des RAF-Terrorismus mit grausiger Detailverliebtheit wiederauferstehen zu lassen. Doch statt einer Entmythologisierung, von der immer wieder die Rede ist, haben sie die Geschichte der RAF in ein Kinospektakel verwandelt, dem man sich kaum entziehen kann. Das liegt aber weniger an der Faszination des Themas oder am Erkenntnisgewinn als vielmehr an der Umsetzung, die den Zuschauer wie ein Sog ins Geschehen hineinzieht.
Die Illusion des Dabeiseins, die Simulation von Geschichte als unmittelbar Erlebtem ist allgegenwärtig: Sie führt von den Unruhen anlässlich des Schah-Besuchs und der Ermordung Benno Ohnesorgs über kuschlige und erotisch aufgeladene Badestündchen mit Gudrun Ensslin ("Ey, willst du meine Alte ficken?") und einem terroristischen Clash of Cultures zwischen den sexuell befreiten Stadtguerilleros und arabischen Kämpfern bis hin zu einer minutiös abgearbeiteten Chronologie der Anschläge, dem Prozess und zur Selbstzerfleischung des harten Kerns im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim. Der Zuschauer wird so zum Zeitzeugen, zum Mittäter, zum Polizisten, zur Geisel, zum Opfer. Doch während dieses Abholen und Mitnehmen des Zuschauers am Anfang bestens funktioniert und den Einstieg in den Untergrund nachvollziehbar erscheinen lässt, nutzt sich die Erzählhaltung mit der Zeit ab und lässt den Zuschauer aufgepeitscht und desorientiert zurück. Statt auf „Action directe“ setzt der Film vor allem auf „Äktschn pur“ und zieht alle Register der Überwältigung. Wer dabei auf die kathartische Wirkung von (Kunst)Blut und vielfachem Tod vertraut und so hofft, der Mythen- und Legendenbildung endgültig den Garaus machen zu können, wie dies Edel, Eichinger und Aust tun, ist entweder entsetzlich naiv oder unglaublich verlogen. Als hätte ein Actionfilm die Menschheit jemals zu einem friedlicheren und gewaltfreieren Miteinander bekehrt.
Ob Schlagstöcke und Wasserwerfer, Brandsätze, Banküberfälle, Sprengstoffattentate oder wilde Schießereien, immer ist die Kamera dabei, zeigt die Gesichter, die Wunden, lässt die Kugeln um die Köpfe zischen und zielt direkt auf den Zuschauer. Kriegsberichterstattung als Live-Action zum Miterleben, als cineastischer Themenpark RAF, in dem sich wohliger Grusel, Erstaunen über die Echtheit des Dargestellten und der "Atem der Geschichte" die Hand reichen. Die Protestbewegung und Brutalität, mit der gegen sie vorgegangen wird, die Radikalisierung, der bewaffnete Kampf und die staatlichen Gegenmaßnahmen, die Spirale aus Gewalt und Gegengewalt wird zum Spektakel, zur reinen Nummernrevue, die sich brav an der Chronologie entlang hangelt und kaum etwas Neues zu erzählen weiß: Andreas Baader (Moritz Bleibtreu), der Macho-Desperado zwischen Spaß- und Stadtguerilla und Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek), die vormals brave Pfarrerstochter, die zur Hardlinerin und Scharfmacherin der Bewegung wird, sind ein Pärchen wie damals Bonnie und Clyde, nur der Kitzel des Echten und Authentischen macht hier den Unterschied.
Lediglich zwei Personen ragen ein wenig aus der bunten Bilderflut heraus: Der BKA-Chef Horst Herold (Bruno Ganz) als erstaunlich pragmatischer und einfühlender oberster Terroristenjäger und Ulrike Meinhof (brillant gespielt von Martina Gedeck), die zwischen Theorie und Praxis zerrissene Intellektuelle – sie bilden so etwas wie das narrative Gegensatzpaar, in dem sich die beiden unterschiedlichen Perspektiven auf die Zeit verdichten. Das liegt auch daran, dass sich der Film von Anfang an auf Meinhofs Werdegang konzentriert und neben Andreas Baader und Gudrun Ensslin, den beiden beherrschenden Personen der ersten Generation die Akteure so schnell wechseln, dass man vollends die Orientierung zu verlieren droht. Einzig in Ulrike Meinhof findet der Film eine Figur, die über das rein Plakative hinausgeht und die zur näheren Beschäftigung einlädt. Allein in ihr offenbart sich etwas von der Tragik des Lebens im Untergrund, von der immer größer werdenden Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der RAF. Für eine Aufarbeitung ist dies zu wenig.
Mit Sicherheit ist Der Baader Meinhof Komplex kein schlechter Film, zumal Stefan Aust als besessener Chronist der RAF für die Richtigkeit der Fakten (zumindest so, wie sie sich für ihn darstellen) sorgen dürfte. Und Maske, Ausstattung sowie die illustre Schauspielercrew unternehmen wirklich alles dafür, die Zeit zwischen 1967 und 1977 wiederauferstehen zu lassen. Doch in der Atemlosigkeit der Geschichte, im Springen von Ereignis zu Ereignis bleibt kaum je ein Moment des Innehaltens und der Reflektion all der Ungeheuerlichkeiten, die man da auf der Leinwand sieht. Gewalt und Gegengewalt folgen Schlag auf Schlag. Wahrscheinlich gibt das sogar den Zeitgeist der Siebziger und die Paranoia auf beiden Seiten treffend wieder. Die Entzauberung des Mythos RAF, wie von Horst Herold immer wieder angemahnt, und die wirkliche Auseinandersetzung mit den Ereignissen wagen weder die Öffentlichkeit der Siebziger noch der Film an sich.
Spät erst und sehr zaghaft – man glaubt kaum mehr daran - erfolgt dann doch der Versuch einer Entmythologisierung: "Hört auf, sie so zu sehen, wie sie nicht waren." Wenn Brigitte Mohnhaupt (Nadja Uhl) am Ende des Films ihre Zweifel an der Mordtheorie mit diesen Worten äußert, dann wirkt das angesichts der kalten und atemlosen Routine des Films wie ein schüchterner Versuch, all die Autojagden, den Kugelhagel und das Blut vergessen zu machen.
Nicht nur angesichts des spektakulären Schauspiels ist es fraglich, ob der Film tatsächlich das Bewusstsein von der RAF verändert und eine neue Ära in der Bewältigung dieses Traumas einläutet. Die Fakten liegen seit Jahren auf dem Tisch und wurden lediglich noch durch Erkenntnisse aus den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit ergänzt; Stefan Austs Buch, das erstmals im Jahre 1985 erschien und bis heute als Standardwerk gilt, dürfte weiten Teilen der interessierten Bevölkerung bekannt sein.
Da der Film nichts weiter leistet, als eine illustrierte Fassung des Buchs zu sein, stellt sich die Frage, welcher Impuls nun von der Verfilmung ausgehen soll. Vielleicht dieser, dass wir zukünftig die Bilder im Kopf haben werden, wenn wir mal wieder zu Stefan Austs Buch greifen werden. Damit würde die Deutungshoheit über die Geschichte der RAF endgültig zum Deutungsmonopol; andere, alternative Interpretationen wären somit überflüssig geworden. Für die Geschäfte um Buch und Film und Buch zum Film und Film zum Buch nebst Hörbuch-Fassung dürfte dies kein Schaden sein.
Als Eventkino zum 30-jährigen Jubiläum des "Deutschen Herbstes" kommt dieser Film jedenfalls ein Jahr zu spät. Und für eine gründliche Aufarbeitung der RAF, die nicht nur die Schauwerte eines dokumentarisierten Actionkinos feiert, ist es offensichtlich noch zu früh. Dass der Film trotzdem ein Erfolg in den Kinos werden wird, steht außer Zweifel. Und das liegt nicht allein an der medialen Allgegenwart des Films und der Marketing-Maschinerie, sondern auch daran, dass die Lust am Spektakel nach wie vor ungebrochen ist.
Den Opfern des Terrorismus wird am Ende nicht einmal mit einer Texttafel gedacht. Das hinterlässt mehr als nur ein schales Gefühl.
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