FERIDUN ZAIMOGLU:
Als allererstes muss ich sagen, dein neuester Film Gegen die Wand ist in meinen Augen ein großartiger Film. Der Film hat mich fertig gemacht. Es ist ein Film, der mich nicht losgelassen hat, obwohl ich ihn viermal gesehen habe. Wieso ist so ein Film entstanden, was ist das überhaupt für eine wahnsinnige Geschichte?
FATIH AKIN:
Dieser Film hat mich sehr lange durch mein Leben begleitet. Ich hatte mal eine türkische Freundin, die hatte mich mal gefragt, ob ich Bock hätte, sie zum Schein zu heiraten. Ich hatte gesagt, das würde ich nicht machen, aber diese Idee hat mich nicht losgelassen. Ich dachte, das ist schon ein geiler Plot für eine Geschichte. Als erstes Konzept vor vielen Jahren hatte ich es dann als Komödie geschrieben. Die Ausgangssituation ist ja eine klassische Komödiensituation: man gaukelt dem anderen etwas vor.
Dann kam Birol Ünel in mein Leben. Das war bei Kurz und Schmerzlos. Ich war total fasziniert von dem Typen, ähnlich wie du fasziniert bist von Typen wie Kurt Cobain, James Dean oder Brando. Typen, die sich selbst zerstören, Typen, die so genial sind, so talentiert, dass ihnen alles andere scheißegal ist. Und vor allem, der Typ ist Türke, der hat also denselben Background wie ich, er scheißt aber auf die Tradition. Das war eine ganz große Inspiration für den Film. Und als drittes, hauptsächliches Element kam das türkische Kino und die Stadt Istanbul hinzu. Ich habe immer mehr Zeit in Istanbul verbracht, habe da Leute kennen gelernt, habe die Szene, die Musik und das türkische Kino für mich entdeckt. Es gibt dort Meisterwerke, die hier kein Mensch kennt, in denen Tragödie und Komödie ganz eng beieinander liegen. Die Tragödie ist ja viel schmerzhafter, wenn etwas Komödiantisches dabei ist. Dann hab ich auch eine Faszination für die ganzen türkischen Mädels entwickelt, die hier so rumlaufen. Für mich viel sexier als viele deutsche Frauen. Und ich wollte wissen, wie das geht, auf der einen Seite die Tradition und auf der anderen...
FERIDUN ZAIMOGLU:
In vielen deutschen Filmen ist die Frau wie eine Cocktailkirsche. Man braucht sie, um eine Art von Liebesgeschichte zu erzählen. Bei deinem Film hab ich genau einen anderen Eindruck. Die Frau ist sehr stark. Jetzt möchte ich gerne wissen, woher kommt diese Frau? Ich finde sie wirklich sehr gut und hatte den Eindruck, dass sie nicht nur eine Rolle spielt, sie ist sehr, sehr präsent.
FATIH AKIN:
Das war eine ganz große Aufgabe, Sibel Kekilli, die ja auch im Film Sibel heißt, zu finden. Eine Frau zu finden, die die Eier hat, dem Exzentriker Birol zu widerstehen, die genau so viel Power hat wie er und die von der schauspielerischen Qualität nicht abfällt. Eigentlich suchten wir die Nadel im Heuhaufen. Als wir gemerkt haben, es gibt keine Schauspielerin dafür, haben wir angefangen, auf der Straße nach ihr zu suchen. Eine von denen, die wir dann gecastet haben, war Sibel. Ich hab sie mit 350 anderen Bewerberinnen eingeladen und sie hat sich durchgesetzt. Sie hatte die Eier, das mit Birol zu machen, sie hatte den Ehrgeiz, das zu machen. Sie hat ganz früh mal etwas gesagt: "Wenn ich was mache, dann mach ich das richtig". Ich dachte, das ist Schnack, das ist Pose. Heute weiß ich, das es kein Schnack war. Sie hat das richtig gemacht, ganz straight. Ich habe immer gesagt, sie ist ein Geschenk Gottes und so sehe ich sie halt auch.
FERIDUN ZAIMOGLU:
Was ich sehe, ist eine verrückte Liebesgeschichte. Aber in dem Moment, wo ich das ausspreche, ist es zu wenig. Es ist eine Floskel. Der Film ist mehr als das. Ich hab mich gefragt, wieso nimmt mich das so mit, wieso ist das sozusagen ein intravenös verabreichter Film? Es ist kein chiffrierter Film. Ist das ein Liebesfilm, ist das ein Türkenfilm, ist das ein Punkfilm? Es ist ein sehr authentischer Film. Willst du mich bestärken darin, dass die ganz große Alternative, trotz der ganzen Unglücklichkeiten, die Liebe ist?
FATIH AKIN:
Also letztendlich ist er halt ein Liebesfilm, oder auch Teil der Trilogie Liebe, Tod und Teufel. Liebe nicht nur als etwas Konstruktives, sondern auch als etwas Destruktives. Es geht auch um Tod im Sinne von Metamorphose. Und es geht um den Teufel, um das Böse in einem, den Dämon, das Verlangen und um Verschiebung von Gut und Böse. Der Film ist meine Interpretation von Gut und Böse. Viele Leute setzen uns vor, was Gut und Böse sein soll, gerade mit der Religion. Also hab ich mich gefragt, wann ist etwas wirklich böse und wann ist etwas wirklich gut? Ich glaube, die Liebe hat eine helle und eine dunkle Seite. Und die dunkle Seite der Liebe kann uns sehr zerstörerisch machen. Birol ist zu Beginn des Films ja ein Toter, ein Zombie. Und er wird zum Leben erweckt, er wird freigeküsst von ihr, das gibt ihm dann solch eine Kraft. Aber jede Kraft, die etwas Positives hat, hat auch etwas Negatives, etwas Besitzergreifendes. Kriege wurden deswegen geführt. Für mich ist Krieg letztendlich immer sinnlos, aber ich denke, wenn es eine Form von sinnvollem Krieg gibt, dann ist es halt die Liebe. Das klingt jetzt sehr kitschig und pathetisch, aber letztendlich glaube ich daran. Liebe ist einfach eine Kraft, die dir entgegenkommt, und um diese Kraft geht es in diesem Film. Und deshalb ist es ein Liebesfilm.
FERIDUN ZAIMOGLU:
Stichwort Istanbul. Wofür steht diese Stadt? Du hast vorhin erwähnt, dass du es sehr reizvoll fandest, in dieser Stadt zu filmen. Wieso und was hat das mit der Liebesgeschichte der beiden zu tun?
FATIH AKIN:
Da in diesem Film sehr viele persönliche Sachen verarbeitet wurden, war mir immer klar, dass ich einen großen Teil des Films dort drehen will, weil Istanbul einen immer größeren Stellenwert in meinem Leben bekommt. Für mich ist es die Heilige Stadt und gleichzeitig auch Babylon. Es ist eine Stadt voller Widersprüche, es ist eine wahnsinnige Stadt, es ist eine gefährliche und sehr anstrengende Stadt. Es ist für mich DIE Stadt. Für mich auf jeden Fall der ultimative Schauplatz für so eine Geschichte.
FERIDUN ZAIMOGLU:
Der Film hat kein Happy End. Wie gerne hätte ich die Erfüllung des Märchens gehabt. Wie haben beide gelitten und kommen doch nicht zusammen. Er wirft ihr sein Leben hin. Und sie? Wieso fährt sie nicht mit ihm in seine Heimatstadt, wieso bleibt sie bei ihrer Familie?
FATIH AKIN:
Ich glaube es gibt 50 verschiedene Gründe, warum sie am Ende nicht mitgeht. Wenn sie mitgegangen wäre, fände ich das nicht ehrlich. Für Sibel ist der Krieg vorbei. Sie hat versucht, Frieden zu finden. Sie hat ihre Strafe bekommen, und Gott hat sie bestraft, aber sie hat überlebt. Als jemand, der begreift, dass vielleicht die Vernunft gesünder ist als die Leidenschaft. Vielleicht muss man manchmal einen Kompromiss finden. Der Leidenschaft zu folgen ist vielleicht nicht immer das Richtige.
FERIDUN ZAIMOGLU:
Es ist ein sehr spiritueller, archaischer Film. Was durchlaufen sie? Ist das die Hölle? Muss man, um wirklich zu leben, tatsächlich durch diese vielen Höllen gehen? Wie sieht ihre Liebe aus und wie entwickelt sie sich?
FATIH AKIN:
Sie beginnen beide als Ich und verschmelzen zu einem Wir. Dieses Wir ist letztendlich destruktiv. Es ist auch konstruktiv, weil sie diese Todessehnsucht nicht mehr haben. Sie geben sich gegenseitig Kraft, doch dann werden sie getrennt und werden wieder zu Ichs. Aber am Ende sind es andere Ichs als zu Anfang der Geschichte. Es ist Entwicklung, es ist das Leben. Ein Ausschnitt aus deren Biografie. Mir ging es vor allem darum, dass die Dramaturgie erzeugt wird durch die Entwicklung der Figuren. Ich wollte keinen klassischen Spannungsbogen mit irgendwelchen Hindernissen. Wir haben den Film
chronologisch gedreht, und dadurch konnten sich beide, sowohl die Figuren als auch die Schauspieler, entwickeln. Wenn Sibel am Anfang des Films als ein unsicheres Mädchen daherkommt, dann ist sie das irgendwie, auch als Schauspielerin. Aber dann gewinnt sie mit jedem weiteren Drehtag an Sicherheit. Und so geht es auch der Figur.
FERIDUN ZAIMOGLU:
Gegen die Wand ist radikal und hochinfektiös. Er wird in Deutschland großes Aufsehen erregen, aber ich sehe auch schon die Kritiker, die dich für verrückt erklären. Wieso glaubst du, sind die ganzen Szenen der deutschen Kultur so verängstigt? Teilst du mit mir diese Meinung oder glaubst du, dass ich da übertreibe?
FATIH AKIN:
Ich versuche mich, so weit es geht, davon freizumachen. Es muss mir einfach egal sein, wie die Urteile fallen. Es gibt hier eine Mentalität, mit der ich mich nicht so sehr identifizieren kann. Das ist die Vielleicht - Mentalität in Deutschland. Gerade beim Film hat die deutsche Industrie diese Vielleicht-Haltung. Ich bin dreißig, habe vier Kinofilme gemacht, und einen Haufen kleinerer Filme. Das kann man nicht mit "vielleicht" machen, man muss es einfach machen.
FERIDUN ZAIMOGLU:
Zum Abschluss würde ich Dich gerne fragen: Was kann man nach so einem Film machen? Nun kenne ich dich ja ein bisschen, du gehörst nicht zu denen, die sich wochen- und monatelang zurückziehen. Was kommt jetzt, was kommt danach?
FATIH AKIN:
Gegen die Wand war der anstrengendste Film, den ich je gemacht habe. Ich hatte geplant, mich nach dem Film zurückzuziehen. Ich hatte auch erstmals kein Folgeprojekt, da ich meine ganze Aufmerksamkeit und Kraft in diesen Film gesteckt hatte. Nur gab es einen ganz pragmatischen Grund, warum ich jetzt keine Pause mache: Ich war nach dem Film pleite.
Und somit habe ich gleich drei bis vier neue Projekte gleichzeitig angefangen. Ich habe vor allem meine eigene Produktionsfirma Corazon International gegründet und möchte mir damit eine vernünftige Struktur aufbauen, denn diese Struktur bedeutet Freiheit, auch für meine künftigen Produktionen. Der nächste Film, den ich machen werde, wird ein viel kleinerer, harmloserer Film. Ich glaube, es ist gefährlich, nach so einem Film zu versuchen, sich selbst zu überbieten. Das kommt, wenn die Zeit reif ist oder es kommt halt nicht mehr. Aber ich darf und kann mich nicht auf den Lorbeeren ausruhen, das wäre fatal!
FERIDUN ZAIMOGLU:
Fatih Akin, ich danke dir, es war geil. Bleib uns erhalten.
Als allererstes muss ich sagen, dein neuester Film Gegen die Wand ist in meinen Augen ein großartiger Film. Der Film hat mich fertig gemacht. Es ist ein Film, der mich nicht losgelassen hat, obwohl ich ihn viermal gesehen habe. Wieso ist so ein Film entstanden, was ist das überhaupt für eine wahnsinnige Geschichte?
FATIH AKIN:
Dieser Film hat mich sehr lange durch mein Leben begleitet. Ich hatte mal eine türkische Freundin, die hatte mich mal gefragt, ob ich Bock hätte, sie zum Schein zu heiraten. Ich hatte gesagt, das würde ich nicht machen, aber diese Idee hat mich nicht losgelassen. Ich dachte, das ist schon ein geiler Plot für eine Geschichte. Als erstes Konzept vor vielen Jahren hatte ich es dann als Komödie geschrieben. Die Ausgangssituation ist ja eine klassische Komödiensituation: man gaukelt dem anderen etwas vor.
Dann kam Birol Ünel in mein Leben. Das war bei Kurz und Schmerzlos. Ich war total fasziniert von dem Typen, ähnlich wie du fasziniert bist von Typen wie Kurt Cobain, James Dean oder Brando. Typen, die sich selbst zerstören, Typen, die so genial sind, so talentiert, dass ihnen alles andere scheißegal ist. Und vor allem, der Typ ist Türke, der hat also denselben Background wie ich, er scheißt aber auf die Tradition. Das war eine ganz große Inspiration für den Film. Und als drittes, hauptsächliches Element kam das türkische Kino und die Stadt Istanbul hinzu. Ich habe immer mehr Zeit in Istanbul verbracht, habe da Leute kennen gelernt, habe die Szene, die Musik und das türkische Kino für mich entdeckt. Es gibt dort Meisterwerke, die hier kein Mensch kennt, in denen Tragödie und Komödie ganz eng beieinander liegen. Die Tragödie ist ja viel schmerzhafter, wenn etwas Komödiantisches dabei ist. Dann hab ich auch eine Faszination für die ganzen türkischen Mädels entwickelt, die hier so rumlaufen. Für mich viel sexier als viele deutsche Frauen. Und ich wollte wissen, wie das geht, auf der einen Seite die Tradition und auf der anderen...
FERIDUN ZAIMOGLU:
In vielen deutschen Filmen ist die Frau wie eine Cocktailkirsche. Man braucht sie, um eine Art von Liebesgeschichte zu erzählen. Bei deinem Film hab ich genau einen anderen Eindruck. Die Frau ist sehr stark. Jetzt möchte ich gerne wissen, woher kommt diese Frau? Ich finde sie wirklich sehr gut und hatte den Eindruck, dass sie nicht nur eine Rolle spielt, sie ist sehr, sehr präsent.
FATIH AKIN:
Das war eine ganz große Aufgabe, Sibel Kekilli, die ja auch im Film Sibel heißt, zu finden. Eine Frau zu finden, die die Eier hat, dem Exzentriker Birol zu widerstehen, die genau so viel Power hat wie er und die von der schauspielerischen Qualität nicht abfällt. Eigentlich suchten wir die Nadel im Heuhaufen. Als wir gemerkt haben, es gibt keine Schauspielerin dafür, haben wir angefangen, auf der Straße nach ihr zu suchen. Eine von denen, die wir dann gecastet haben, war Sibel. Ich hab sie mit 350 anderen Bewerberinnen eingeladen und sie hat sich durchgesetzt. Sie hatte die Eier, das mit Birol zu machen, sie hatte den Ehrgeiz, das zu machen. Sie hat ganz früh mal etwas gesagt: "Wenn ich was mache, dann mach ich das richtig". Ich dachte, das ist Schnack, das ist Pose. Heute weiß ich, das es kein Schnack war. Sie hat das richtig gemacht, ganz straight. Ich habe immer gesagt, sie ist ein Geschenk Gottes und so sehe ich sie halt auch.
FERIDUN ZAIMOGLU:
Was ich sehe, ist eine verrückte Liebesgeschichte. Aber in dem Moment, wo ich das ausspreche, ist es zu wenig. Es ist eine Floskel. Der Film ist mehr als das. Ich hab mich gefragt, wieso nimmt mich das so mit, wieso ist das sozusagen ein intravenös verabreichter Film? Es ist kein chiffrierter Film. Ist das ein Liebesfilm, ist das ein Türkenfilm, ist das ein Punkfilm? Es ist ein sehr authentischer Film. Willst du mich bestärken darin, dass die ganz große Alternative, trotz der ganzen Unglücklichkeiten, die Liebe ist?
FATIH AKIN:
Also letztendlich ist er halt ein Liebesfilm, oder auch Teil der Trilogie Liebe, Tod und Teufel. Liebe nicht nur als etwas Konstruktives, sondern auch als etwas Destruktives. Es geht auch um Tod im Sinne von Metamorphose. Und es geht um den Teufel, um das Böse in einem, den Dämon, das Verlangen und um Verschiebung von Gut und Böse. Der Film ist meine Interpretation von Gut und Böse. Viele Leute setzen uns vor, was Gut und Böse sein soll, gerade mit der Religion. Also hab ich mich gefragt, wann ist etwas wirklich böse und wann ist etwas wirklich gut? Ich glaube, die Liebe hat eine helle und eine dunkle Seite. Und die dunkle Seite der Liebe kann uns sehr zerstörerisch machen. Birol ist zu Beginn des Films ja ein Toter, ein Zombie. Und er wird zum Leben erweckt, er wird freigeküsst von ihr, das gibt ihm dann solch eine Kraft. Aber jede Kraft, die etwas Positives hat, hat auch etwas Negatives, etwas Besitzergreifendes. Kriege wurden deswegen geführt. Für mich ist Krieg letztendlich immer sinnlos, aber ich denke, wenn es eine Form von sinnvollem Krieg gibt, dann ist es halt die Liebe. Das klingt jetzt sehr kitschig und pathetisch, aber letztendlich glaube ich daran. Liebe ist einfach eine Kraft, die dir entgegenkommt, und um diese Kraft geht es in diesem Film. Und deshalb ist es ein Liebesfilm.
FERIDUN ZAIMOGLU:
Stichwort Istanbul. Wofür steht diese Stadt? Du hast vorhin erwähnt, dass du es sehr reizvoll fandest, in dieser Stadt zu filmen. Wieso und was hat das mit der Liebesgeschichte der beiden zu tun?
FATIH AKIN:
Da in diesem Film sehr viele persönliche Sachen verarbeitet wurden, war mir immer klar, dass ich einen großen Teil des Films dort drehen will, weil Istanbul einen immer größeren Stellenwert in meinem Leben bekommt. Für mich ist es die Heilige Stadt und gleichzeitig auch Babylon. Es ist eine Stadt voller Widersprüche, es ist eine wahnsinnige Stadt, es ist eine gefährliche und sehr anstrengende Stadt. Es ist für mich DIE Stadt. Für mich auf jeden Fall der ultimative Schauplatz für so eine Geschichte.
FERIDUN ZAIMOGLU:
Der Film hat kein Happy End. Wie gerne hätte ich die Erfüllung des Märchens gehabt. Wie haben beide gelitten und kommen doch nicht zusammen. Er wirft ihr sein Leben hin. Und sie? Wieso fährt sie nicht mit ihm in seine Heimatstadt, wieso bleibt sie bei ihrer Familie?
FATIH AKIN:
Ich glaube es gibt 50 verschiedene Gründe, warum sie am Ende nicht mitgeht. Wenn sie mitgegangen wäre, fände ich das nicht ehrlich. Für Sibel ist der Krieg vorbei. Sie hat versucht, Frieden zu finden. Sie hat ihre Strafe bekommen, und Gott hat sie bestraft, aber sie hat überlebt. Als jemand, der begreift, dass vielleicht die Vernunft gesünder ist als die Leidenschaft. Vielleicht muss man manchmal einen Kompromiss finden. Der Leidenschaft zu folgen ist vielleicht nicht immer das Richtige.
FERIDUN ZAIMOGLU:
Es ist ein sehr spiritueller, archaischer Film. Was durchlaufen sie? Ist das die Hölle? Muss man, um wirklich zu leben, tatsächlich durch diese vielen Höllen gehen? Wie sieht ihre Liebe aus und wie entwickelt sie sich?
FATIH AKIN:
Sie beginnen beide als Ich und verschmelzen zu einem Wir. Dieses Wir ist letztendlich destruktiv. Es ist auch konstruktiv, weil sie diese Todessehnsucht nicht mehr haben. Sie geben sich gegenseitig Kraft, doch dann werden sie getrennt und werden wieder zu Ichs. Aber am Ende sind es andere Ichs als zu Anfang der Geschichte. Es ist Entwicklung, es ist das Leben. Ein Ausschnitt aus deren Biografie. Mir ging es vor allem darum, dass die Dramaturgie erzeugt wird durch die Entwicklung der Figuren. Ich wollte keinen klassischen Spannungsbogen mit irgendwelchen Hindernissen. Wir haben den Film
chronologisch gedreht, und dadurch konnten sich beide, sowohl die Figuren als auch die Schauspieler, entwickeln. Wenn Sibel am Anfang des Films als ein unsicheres Mädchen daherkommt, dann ist sie das irgendwie, auch als Schauspielerin. Aber dann gewinnt sie mit jedem weiteren Drehtag an Sicherheit. Und so geht es auch der Figur.
FERIDUN ZAIMOGLU:
Gegen die Wand ist radikal und hochinfektiös. Er wird in Deutschland großes Aufsehen erregen, aber ich sehe auch schon die Kritiker, die dich für verrückt erklären. Wieso glaubst du, sind die ganzen Szenen der deutschen Kultur so verängstigt? Teilst du mit mir diese Meinung oder glaubst du, dass ich da übertreibe?
FATIH AKIN:
Ich versuche mich, so weit es geht, davon freizumachen. Es muss mir einfach egal sein, wie die Urteile fallen. Es gibt hier eine Mentalität, mit der ich mich nicht so sehr identifizieren kann. Das ist die Vielleicht - Mentalität in Deutschland. Gerade beim Film hat die deutsche Industrie diese Vielleicht-Haltung. Ich bin dreißig, habe vier Kinofilme gemacht, und einen Haufen kleinerer Filme. Das kann man nicht mit "vielleicht" machen, man muss es einfach machen.
FERIDUN ZAIMOGLU:
Zum Abschluss würde ich Dich gerne fragen: Was kann man nach so einem Film machen? Nun kenne ich dich ja ein bisschen, du gehörst nicht zu denen, die sich wochen- und monatelang zurückziehen. Was kommt jetzt, was kommt danach?
FATIH AKIN:
Gegen die Wand war der anstrengendste Film, den ich je gemacht habe. Ich hatte geplant, mich nach dem Film zurückzuziehen. Ich hatte auch erstmals kein Folgeprojekt, da ich meine ganze Aufmerksamkeit und Kraft in diesen Film gesteckt hatte. Nur gab es einen ganz pragmatischen Grund, warum ich jetzt keine Pause mache: Ich war nach dem Film pleite.
Und somit habe ich gleich drei bis vier neue Projekte gleichzeitig angefangen. Ich habe vor allem meine eigene Produktionsfirma Corazon International gegründet und möchte mir damit eine vernünftige Struktur aufbauen, denn diese Struktur bedeutet Freiheit, auch für meine künftigen Produktionen. Der nächste Film, den ich machen werde, wird ein viel kleinerer, harmloserer Film. Ich glaube, es ist gefährlich, nach so einem Film zu versuchen, sich selbst zu überbieten. Das kommt, wenn die Zeit reif ist oder es kommt halt nicht mehr. Aber ich darf und kann mich nicht auf den Lorbeeren ausruhen, das wäre fatal!
FERIDUN ZAIMOGLU:
Fatih Akin, ich danke dir, es war geil. Bleib uns erhalten.
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