Berlinale 2006 – Tag Fünf: Asiatische Filme im Internationalen Forum und im Panorama

Kinostart: 14.02.2006
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Asiatisches Kino mit lauter Koreanern: einsame Nächte in Singapore, läuternde Gespräche in Seoul, Vergangenheitsbewältigung in Pjöngjang.

4:30 (Panorama): Eine Meditation über die Einsamkeit
Singapore, 4:30 Uhr Morgens. Ein Mann liegt schlafend auf dem Bett. Gleichzeitig schleicht ein kleiner Junge durch das Zimmer. Es ist noch dunkel. Akribisch inspiziert der Junge die herumliegenden Dinge des Mannes. Ein leuchtendes Handy-Display hilft ihm dabei. Besondere Aufmerksamkeit lässt er einem benutzten Paar hölzerner Essstäbchen zukommen. Zurück in seinem Zimmer untersucht er diese nach Gerüchen und Speiseresten. Seinen Befund vermerkt er in einem kleinen Büchlein. Alles verläuft ganz still, ohne Musik, ohne Kamerabewegungen und ohne die leiseste Ahnung, was das Kerlchen da im Schilde führt. Mit diesen Szenen eröffnet der Regisseur Royston Tan seinen neuen Film 4:30, ein Panorama-Beitrag aus Singapore und damit der Erste, der jemals aus dem Stadtstaat auf der Berlinale gezeigt wurde. Die Essstäbchen gehören einem Koreaner, Anfang 30, mit dem sich der elfjährige Xiao Wu irgendwo in Singapore ein Appartement teilt. Die Anfangsszene ist charakteristisch für das, was der Junge fast den ganzen Film lang unternimmt: abenteuerliche Entdeckungstouren, immer 4:30 Uhr, immer im Zimmer seines Mitbewohners. Die beiden pflegen offenbar ein Stillhalteabkommen, sich nur nicht zu nahe kommen und erst recht nicht miteinander zu reden. Der Kleine bricht es, jeden Morgen, zur blauen Stunde, in einem Versuch, dem Fremdling auf seine Weise näher zu kommen. Eine ziemlich traurige Geschichte ist es, in die Royston Tan seine eigenen Kindheitserfahrungen einfließen lassen hat und durch die Augen des kleinen Jungen erzählt. Denn was nebenbei zu erfahren ist, scheint in asiatischen Tigerstädten wie Singapore heutzutage gang und gebe zu sein: Eltern haben keine Zeit für ihre Kinder, lassen sie zurück, so dass sie monatelang auf sich allein gestellt sind. Einzelkinder, die unter dem großen Druck ihrer Eltern stehen, es durch ausgezeichnete Schulbildung auf eine der begehrten Elite-Universitäten zu schaffen. Die sich daraus ergebenden Kommunikationsprobleme und Schwierigkeiten, menschliche Beziehungen aufbauen, führen in vielen Fällen zum Selbstmord. 4:30 Uhr ist laut Regisseur Royston Tan genau die Zeit, in der die meisten Selbstmorde in Singapore passieren. Diesen erspart er uns zum Glück. Mit der stilvollen Meditation über die tiefe Einsamkeit des kleinen Jungen ist ihm ein kleines Meisterwerk gelungen.

Host & Guest / Bangmunja (Forum): Bündnis der Außenseiter
Seoul, Südkorea: Wieder wird ein Film mit der Szene eines schlafenden Mannes eröffnet. Wieder ist ein Koreaner in den Mittdreißigern zu sehen. Nur stromert kein kleiner Junge durchs Zimmer und die Tageszeit ist auch eine andere. In dem koreanischen Forum-Film Host & Guest / Bangmunja dreht sich die Geschichte um Ho-jun, einen abgeklärten, arbeitslosen Intellektuellen, der seine freie Zeit meist allein im Kino oder mit ausgedehnten Spaziergängen verbringt. Als er sich versehentlich in sein eigenes Badezimmer einschließt, kommt ihm Gye-sang zu Hilfe, ein zehn Jahre jüngerer Missionar, der auf Hausbesuchen, Leute zum christlichen Glauben bekehren will. Obwohl Ho-jun kein Interesse an dem ungebetenen Eindringling hat und erst recht nicht an seiner religiösen Gesinnung, bleibt Gye-sang an seiner Seite. Ho-jun ist kein angenehmer Gefährte, Wutausbrüche münden nicht selten in Handgreiflichkeiten. Doch auf seine eigene subtile Art und Weise schafft Gye-sang, Ho-jun von den christlichen Werten zu überzeugen, für die er so stark eintritt. Als Ho-jun seine dicke, emotionale Mauer endlich aufbricht und sein Leben sich dadurch längst verändert hat, sitzt Gye-sang im Gefängnis - als Strafe für verweigerten Militärdienst. Mit seinem ersten abendfüllender Spielfilm Host & Guest / Bangmunja hat Shin Dong-il ein ausgesprochen realistisches Werk inszeniert.

Dear Pyongyang (Forum): Aus dem Leben der Zainichi
Osaka, Japan ist der Ausgangsort des Dokumentarfilms Dear Pyongyang von der in Japan geborenen und aufgewachsenen Koreanerin Yang Yong-hi. Sie erzählt die Geschichte ihres Vaters, seine starke Zuneigung zu Nordkorea und seinen unermüdlichen Einsatz für die Rechte der in Japan lebenden Koreaner, den so genannten „Zainichi“. Einst emigrierte er von Südkorea nach Japan, wo er mit seiner Familie sein ganzes Leben verbrachte. Aus Überzeugung zum koreanischen Kommunismus und tiefen Verehrung Kim Il-Sungs schickt er seine drei Söhne Anfang der 1970er Jahre zurück nach Pjöngjang. Seine Tochter blieb mit ihren Eltern zurück in Japan. Drei Jahrzehnte später rollt sie diese Vergangenheit auf und bietet aufschlussreiche Einblicke in das Alltagsleben der Nordkoreaner und die schmerzhafte Vergangenheit ihrer eigenen Familie.

(Katrin Knauth)

Die Filme sind noch in folgenden Vorstellungen zu sehen:

4:30
Di 14.02., 18:00 Uhr, CineStar 3
So 19.02., 11:00 Uhr, Zoo Palast 4

Host & Guest / Bangmunja
Mi 15.02., 21:45 Uhr, CineStar 8
Do 16.02., 15:00 Uhr, Arsenal 1
Fr 17.02., 21:30 Uhr, Delphi Filmpalast
Sa 18.02., 20:00 Uhr, Colosseum 1

Dear Pyongyang
Mi 15.02., 16:00 Uhr, Delphi Filmpalast
Do 16.02. 12:45 Uhr, CinemaxX 3
Sa 18.02., 22:45 Uhr, Arsenal 1
   
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