Charaktere sind en vogue. Vier portraitähnliche und sehenswerte Beiträge des Panoramas:
Absolute Wilson von Katharina Otto-Bernstein
Der Dokumentarfilm Absolute Wilson zeichnet ein umfassendes Bild über Leben und Werk des 65-jährigen Amerikaners Robert Wilson. Der Regisseur, Theaterautor, Maler, Bühnenbilder und Architekt ist ein international gefeierter und kontrovers diskutierter Künstler, der mit seinen Grenzüberschreitungen und mysteriösen Stücken polarisiert. Wilson machte in den 60er Jahren mit innovativen Theaterperformances auf sich aufmerksam. Er inszenierte in einer völlig neuen Bühnensprache aus Licht, Farbe, Form und Bewegung. Die Oper Einstein on the Beach mit Musik von Philip Glass zählt zu seinen größten Erfolgen. In den letzten Jahren war Wilson als Maler, Zeichner und Designer tätig. Der Theaterregisseur ist ruhelos und ständig mit der Umsetzung neuer Projekte beschäftigt. Während der Sommermonate zieht er sich mit mehreren Dutzend anderen Künstlern aus aller Welt in das von ihm gegründete Watermill Center auf Long Island, New York, zurück. Im multidisziplinären Projektzentrum entstehen regelmäßig neue Arbeiten aus den Bereichen Theater, Musik, Tanz und Bildene Kunst. Aktuell arbeitet Robert Wilson an einer Dauerausstellung in Salzburg. Anlässlich des Mozartjahres 2006 werden in dessen Geburtshaus originale Ausstellungsstücke mit Arbeiten Wilsons kombiniert.
Der Film von Regisseurin Katharina Otto-Bernstein, der in der Reihe Panorma Dokumente zu sehen ist, entwickelt sich zu mehr als einer reinen Biografie. Er erkundet das Werk Wilsons und begleitet ihn auf seinem Weg vom lernbehinderten Südtstaatenkind hin zu einem der größten Künstler der Moderne. Dabei kommen auch Bewunderer, Kritiker, Freunde und Familie zu Wort, darunter sind so illustre Namen wie Philip Glass, Jessye Norman, David Byrne und Susan Sontag. Ein ungeschminkter Blick in die visionäre, bewegende und einmalige Welt von Robert Wilson. Dazu begleitete die Regisseurin den Künstler über fünf Jahre um die ganze Welt. Begleitet zu ihrem Film bringt sie ein Buch über Leben und Werk Wilsons heraus.
Love Other – The Story of Claude Cahun and Marcel Moore von Barbara Hammer
Claude Cahun und Marcel Moore waren Schwestern, Vordenkerinnen des Denkens und der Emanzipation des Individuums – und Geliebte. Ein Künstlerpaar des Surrealismus, dessen Werke bis heute Höchstpreise erzielen.
Claude Cahun wurde 1894 als Lucy Schwob geboren. Ihr Vater heiratete nach dem Tod der Mutter ein zweites Mal; die Frau brachte Tochter Suzanne Malherbe mit in die Ehe. Die beiden Mädchen begannen einen Briefwechsel und wurden später ein Liebespaar. Die Grafikerin und Künstlerin Suzanne änderte 1913 ihren Namen in Marcel Moore, sieben Jahre später benannte sich auch Lucy Schwob in Claude Cahun um. Ab 1917 wohnten die zwei Frauen zusammen in Paris. Claude Cahun begann an der Sorbonne Philosophie und Philologie zu studieren und beschäftigte sich zunehmend mit dem Schreiben und Fotografieren. Sie veröffentlichte erste Arbeiten und suchte nach künstlerischen Widerstandsformen gegen den erstarkenden Faschismus. Ab 1937 lebten sie auf dem Landgut La Rocquaise auf der Kanalinsel Jersey, auf dem Cahun seit 1915 ihre Ferien verbracht hatte. Im Juli 1940 marschierten die Deutschen auf Jersey ein. Die Frauen erhoben sich mit Flugblättern, Plakaten und Fotos gegen die Besetzer und bereiten Widerstandsaktionen vor. Sie weigerten sich, als Jüdinnen registriert zu werden und wurden 1944 von der Gestapo verhaftet. Im Februar 1945 wurden die Frauen begnadigt und wenig später aus der Haft entlassen. Während unzähliger Hausdurchsuchungen gingen Unmengen von Arbeiten verloren. Nach dem Krieg planten Cahun und Moore die Rückkehr nach Paris, doch Cahuns Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehens. Sie starb 1954. Suzanne Malherbe verkaufte das Landgut und lebte bis zu ihrem Tod 1972 auf Jersey.
Besonders Claude Cahuns künstlerisches Schaffen ist bis heute faszinierend. Als Schriftstellerin veröffentlichte sie Artikel und Bücher, immer inspiriert vom Einfluss des Surrealismus. Ihre Selbstprotraits verarbeitete sie in Montagen, Collagen und Tableux. Ihre Arbeit wird aufgrund der angewandten Techniken und emanzipierten, feministischen Haltung als visionär angesehen. Jedes Foto ist eine vollendete Komposition. Als Französin auf Jersey, Jüdin, Lesbe, Schriftstellerin, Fotografin, Performance-Künstlerin, Kommunistin und Résistance-Kämpferin fiel sie aus allen erdenklichen Stereotypen. Ohne Haare war sogar das klassisch Weibliche kaum sichtbar. Besonders in ihren Selbstportraits befragt ihr starker, direkter Blick in die Kamera die BetrachterInnen nach dem Charakter ihrer Blicke auf sie. Was suchen wir als Betrachtende in ihren Bildern?
Regisseurin Barbara Hammer machte durch eine Reihe lesbischer Filme auf sich aufmerksam. Sie vermischt Ebenen und Sinne, spricht das Publikum visuell, akkustisch und vor allem intellektuell an. Sie dokumentiert Moores und Cahuns Spiel mit dem Geschlecht, befragt Zeitzeugen zu deren Erinnerungen an das Künstlerinnenpaar. Wie die Arbeit der beiden Frauen setzt sie in ihrem Dokumentarfilm Love Other Eindrücke, Töne und Bilder zu einer Collage zusammen. Ein eigenwilliger, aber faszinierender Film über zwei Frauen, die sich in keine Schubladen stecken ließen und lassen.
WAL-MART: The High Cost of Low Price von Robert Greenwald
Filme sollen aufrütteln, motivieren, polarisieren und vor allem eins: Missstände aufdecken oder zumindest auf sie aufmerksam machen. Zuletzt erfolgreich umgesetzt hat diese Strategie Michael Moore mit seinen Anti-Bush-Kampagnen, die nicht nur im Weißen Haus für einigen Unmut gesorgt haben dürften. Nun folgt Robert Greenwald mit seinem ehrgeizigen Aufschrei gegen Wal-Mart.
Greenwald, der mit seiner Dokumentation über das Medienimperium Rupert Murdochs mehrere Preise abräumte, führt einen Kampf David gegen Goliath. In seiner Investigativdoku über die Zustände und Verhältnisse bei Wal-Mart, einem weltweit agierenden Supermarkt-Riesen ohne erkennbare Moral oder Fürsorgepflicht für die Mitarbeiter, kämpft er an allen Fronten gegen die grauen Betonklötze hunderter amerikanischer Gemeinden und Städte.
Die Strategie des Discounters, nämlich Produkte unschlagbar günstig anzubieten und dafür Mitarbeiter in aller Welt rücksichtslos auszubeuten, geht auf. Wal-Mart ist ein Imperium, die Besitzer zählen zu den reichsten US-Amerikanern. Greenwald portraitiert unzählige ehemalige oder aktuelle Mitarbeiter des Unternehmens, spricht mit ihnen über die Arbeit bei Wal-Mart und deren Auswirkungen auf den Rest des Lebens. Gestresste und unter Druck gesetzte Angestellte klagen über unbezahlte Überstunden, keinerlei Absicherung über ihren Arbeitgeber und den alternativ notwenigen Gang zu staatlichen Hilfestellen. Unternehmer berichten, wie die Eröffnung eines Marktes fast alle alt eingesessenen Händler verdrängte und der Supermarktriese dafür auch noch staatliche Zuwendungen erhielt. Der Supermarkt wird als großer Feind der Gesellschaft aufgebaut. Als ein Unternehmen, das den Profit vor das Wohl von Menschen stellt. Ein Monopolist, der Politiker schmiert, die Umwelt verschmutzt, gegen gewaltsame Übergriffe auf den eigenen Parkplätzen nicht vorgeht und das Leben ganzer Familien zerstört. Bei aller Resignation und Wut – Am Ende der Doku erhebt sich eine Gemeinde in Kalifornien erfolgreich gegen den Konzern. Dutzend andere folgen.
Greenwalds Appell an den Menschenverstand und das Mitgefühl der Zuschauer ist teilweise ein wenig zu kämpferisch und motiviert, aber seine Botschaft kommt an. Aber wie das so ist mit politischen und einseitig gezeigten Filmen – man hätte gerne noch die Gegenseite gehört.
Brothers Of The Head von Keith Fulton und Louis Pepe
Vier Jahre nach ihrem filmischen Debüt Lost in La Mancha auf der Berlinale sind die beiden Filmemacher zurück. Ihr Beitrag im diesjähigen Panorama ist Brothers Of The Head, eine pulsierende Geschichte über ein Paar Siamesischer Zwillinge und ihrem Aufstieg zu Punkrock Phänomenen in der englischen Rock’n’Roll-Welt.
Die Brüder Tom und Barry Howe sind seit ihrer Geburt am Bauch zusammengewachsen. Da sie sich eine Leber teilen und Barry mit einer Herzschwäche auf die Welt kam, lehnen die Eltern eine Trennung der Jungen ab. Sie wachsen im England der Sechziger auf und kommen eines Tages mit der neuen Beatmusik in Kontakt. Ein ehrgeiziger Musikmanager versucht daraufhin die beiden als Rock’n’Roll-Musiker aufzubauen. Das Publikum ist zunächst geschockt, lässt sich aber schnell vom Können der Brüder überzeugen. Ihre Band „Bang Bang“ tourt erfolgreich durch die Clubs des Landes und sie genießen ihr Leben. Doch die Spannungen zwischen den Zwillingen verschärfen sich, als Tom sich verliebt. Ihre künstlerische Rivalität und unterschiedlichen inneren Gemütszustände führen immer öfter zum Streit. Sie kompensieren ihre Probleme und Verrücktheit und wandeln ihr Potential um in großartigen Punkrock.
Die Regisseure inszenierten die Geschichte des Zwillingspaares auf Grundlage einer Novelle von Brian Aldiss. Ohne künstlerische Grenzen zu setzen vermischen sie Spielfilm, Dokumentation und Musikvideo. Klassische Filmregeln oder Erwartungshaltungen umgehen sie dabei völlig. Besonders die Musik von Clive Langer ist herausragend, aber auch die Schauspieler verleihen dem Film starke Ausstrahlungskraft. Der filmische Beweis, dass man nicht nur mit den Augen Filme sieht.
(Gesine Grassel)
Die Filme sind noch in folgenden Vorstellungen zu sehen:
Absolute Wilson
Mi 15.02., 15:30 Uhr, Colosseum 1
So 19.02., 14:30 Uhr, CineStar 7
Love Other – The Story of Claude Cahun and Marcel Moore
Fr 17.02., 15:30 Uhr, Colosseum 1
WAL-MART: The High Cost of Low Price
Di 14.02., 14:30 Uhr, CineStar 7
So 19.02., 20:00 Uhr, CineStar 7
Brothers Of The Head
Fr 17.02., 22:30 Uhr, Colosseum 1
Absolute Wilson von Katharina Otto-Bernstein
Der Dokumentarfilm Absolute Wilson zeichnet ein umfassendes Bild über Leben und Werk des 65-jährigen Amerikaners Robert Wilson. Der Regisseur, Theaterautor, Maler, Bühnenbilder und Architekt ist ein international gefeierter und kontrovers diskutierter Künstler, der mit seinen Grenzüberschreitungen und mysteriösen Stücken polarisiert. Wilson machte in den 60er Jahren mit innovativen Theaterperformances auf sich aufmerksam. Er inszenierte in einer völlig neuen Bühnensprache aus Licht, Farbe, Form und Bewegung. Die Oper Einstein on the Beach mit Musik von Philip Glass zählt zu seinen größten Erfolgen. In den letzten Jahren war Wilson als Maler, Zeichner und Designer tätig. Der Theaterregisseur ist ruhelos und ständig mit der Umsetzung neuer Projekte beschäftigt. Während der Sommermonate zieht er sich mit mehreren Dutzend anderen Künstlern aus aller Welt in das von ihm gegründete Watermill Center auf Long Island, New York, zurück. Im multidisziplinären Projektzentrum entstehen regelmäßig neue Arbeiten aus den Bereichen Theater, Musik, Tanz und Bildene Kunst. Aktuell arbeitet Robert Wilson an einer Dauerausstellung in Salzburg. Anlässlich des Mozartjahres 2006 werden in dessen Geburtshaus originale Ausstellungsstücke mit Arbeiten Wilsons kombiniert.
Der Film von Regisseurin Katharina Otto-Bernstein, der in der Reihe Panorma Dokumente zu sehen ist, entwickelt sich zu mehr als einer reinen Biografie. Er erkundet das Werk Wilsons und begleitet ihn auf seinem Weg vom lernbehinderten Südtstaatenkind hin zu einem der größten Künstler der Moderne. Dabei kommen auch Bewunderer, Kritiker, Freunde und Familie zu Wort, darunter sind so illustre Namen wie Philip Glass, Jessye Norman, David Byrne und Susan Sontag. Ein ungeschminkter Blick in die visionäre, bewegende und einmalige Welt von Robert Wilson. Dazu begleitete die Regisseurin den Künstler über fünf Jahre um die ganze Welt. Begleitet zu ihrem Film bringt sie ein Buch über Leben und Werk Wilsons heraus.
Love Other – The Story of Claude Cahun and Marcel Moore von Barbara Hammer
Claude Cahun und Marcel Moore waren Schwestern, Vordenkerinnen des Denkens und der Emanzipation des Individuums – und Geliebte. Ein Künstlerpaar des Surrealismus, dessen Werke bis heute Höchstpreise erzielen.
Claude Cahun wurde 1894 als Lucy Schwob geboren. Ihr Vater heiratete nach dem Tod der Mutter ein zweites Mal; die Frau brachte Tochter Suzanne Malherbe mit in die Ehe. Die beiden Mädchen begannen einen Briefwechsel und wurden später ein Liebespaar. Die Grafikerin und Künstlerin Suzanne änderte 1913 ihren Namen in Marcel Moore, sieben Jahre später benannte sich auch Lucy Schwob in Claude Cahun um. Ab 1917 wohnten die zwei Frauen zusammen in Paris. Claude Cahun begann an der Sorbonne Philosophie und Philologie zu studieren und beschäftigte sich zunehmend mit dem Schreiben und Fotografieren. Sie veröffentlichte erste Arbeiten und suchte nach künstlerischen Widerstandsformen gegen den erstarkenden Faschismus. Ab 1937 lebten sie auf dem Landgut La Rocquaise auf der Kanalinsel Jersey, auf dem Cahun seit 1915 ihre Ferien verbracht hatte. Im Juli 1940 marschierten die Deutschen auf Jersey ein. Die Frauen erhoben sich mit Flugblättern, Plakaten und Fotos gegen die Besetzer und bereiten Widerstandsaktionen vor. Sie weigerten sich, als Jüdinnen registriert zu werden und wurden 1944 von der Gestapo verhaftet. Im Februar 1945 wurden die Frauen begnadigt und wenig später aus der Haft entlassen. Während unzähliger Hausdurchsuchungen gingen Unmengen von Arbeiten verloren. Nach dem Krieg planten Cahun und Moore die Rückkehr nach Paris, doch Cahuns Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehens. Sie starb 1954. Suzanne Malherbe verkaufte das Landgut und lebte bis zu ihrem Tod 1972 auf Jersey.
Besonders Claude Cahuns künstlerisches Schaffen ist bis heute faszinierend. Als Schriftstellerin veröffentlichte sie Artikel und Bücher, immer inspiriert vom Einfluss des Surrealismus. Ihre Selbstprotraits verarbeitete sie in Montagen, Collagen und Tableux. Ihre Arbeit wird aufgrund der angewandten Techniken und emanzipierten, feministischen Haltung als visionär angesehen. Jedes Foto ist eine vollendete Komposition. Als Französin auf Jersey, Jüdin, Lesbe, Schriftstellerin, Fotografin, Performance-Künstlerin, Kommunistin und Résistance-Kämpferin fiel sie aus allen erdenklichen Stereotypen. Ohne Haare war sogar das klassisch Weibliche kaum sichtbar. Besonders in ihren Selbstportraits befragt ihr starker, direkter Blick in die Kamera die BetrachterInnen nach dem Charakter ihrer Blicke auf sie. Was suchen wir als Betrachtende in ihren Bildern?
Regisseurin Barbara Hammer machte durch eine Reihe lesbischer Filme auf sich aufmerksam. Sie vermischt Ebenen und Sinne, spricht das Publikum visuell, akkustisch und vor allem intellektuell an. Sie dokumentiert Moores und Cahuns Spiel mit dem Geschlecht, befragt Zeitzeugen zu deren Erinnerungen an das Künstlerinnenpaar. Wie die Arbeit der beiden Frauen setzt sie in ihrem Dokumentarfilm Love Other Eindrücke, Töne und Bilder zu einer Collage zusammen. Ein eigenwilliger, aber faszinierender Film über zwei Frauen, die sich in keine Schubladen stecken ließen und lassen.
WAL-MART: The High Cost of Low Price von Robert Greenwald
Filme sollen aufrütteln, motivieren, polarisieren und vor allem eins: Missstände aufdecken oder zumindest auf sie aufmerksam machen. Zuletzt erfolgreich umgesetzt hat diese Strategie Michael Moore mit seinen Anti-Bush-Kampagnen, die nicht nur im Weißen Haus für einigen Unmut gesorgt haben dürften. Nun folgt Robert Greenwald mit seinem ehrgeizigen Aufschrei gegen Wal-Mart.
Greenwald, der mit seiner Dokumentation über das Medienimperium Rupert Murdochs mehrere Preise abräumte, führt einen Kampf David gegen Goliath. In seiner Investigativdoku über die Zustände und Verhältnisse bei Wal-Mart, einem weltweit agierenden Supermarkt-Riesen ohne erkennbare Moral oder Fürsorgepflicht für die Mitarbeiter, kämpft er an allen Fronten gegen die grauen Betonklötze hunderter amerikanischer Gemeinden und Städte.
Die Strategie des Discounters, nämlich Produkte unschlagbar günstig anzubieten und dafür Mitarbeiter in aller Welt rücksichtslos auszubeuten, geht auf. Wal-Mart ist ein Imperium, die Besitzer zählen zu den reichsten US-Amerikanern. Greenwald portraitiert unzählige ehemalige oder aktuelle Mitarbeiter des Unternehmens, spricht mit ihnen über die Arbeit bei Wal-Mart und deren Auswirkungen auf den Rest des Lebens. Gestresste und unter Druck gesetzte Angestellte klagen über unbezahlte Überstunden, keinerlei Absicherung über ihren Arbeitgeber und den alternativ notwenigen Gang zu staatlichen Hilfestellen. Unternehmer berichten, wie die Eröffnung eines Marktes fast alle alt eingesessenen Händler verdrängte und der Supermarktriese dafür auch noch staatliche Zuwendungen erhielt. Der Supermarkt wird als großer Feind der Gesellschaft aufgebaut. Als ein Unternehmen, das den Profit vor das Wohl von Menschen stellt. Ein Monopolist, der Politiker schmiert, die Umwelt verschmutzt, gegen gewaltsame Übergriffe auf den eigenen Parkplätzen nicht vorgeht und das Leben ganzer Familien zerstört. Bei aller Resignation und Wut – Am Ende der Doku erhebt sich eine Gemeinde in Kalifornien erfolgreich gegen den Konzern. Dutzend andere folgen.
Greenwalds Appell an den Menschenverstand und das Mitgefühl der Zuschauer ist teilweise ein wenig zu kämpferisch und motiviert, aber seine Botschaft kommt an. Aber wie das so ist mit politischen und einseitig gezeigten Filmen – man hätte gerne noch die Gegenseite gehört.
Brothers Of The Head von Keith Fulton und Louis Pepe
Vier Jahre nach ihrem filmischen Debüt Lost in La Mancha auf der Berlinale sind die beiden Filmemacher zurück. Ihr Beitrag im diesjähigen Panorama ist Brothers Of The Head, eine pulsierende Geschichte über ein Paar Siamesischer Zwillinge und ihrem Aufstieg zu Punkrock Phänomenen in der englischen Rock’n’Roll-Welt.
Die Brüder Tom und Barry Howe sind seit ihrer Geburt am Bauch zusammengewachsen. Da sie sich eine Leber teilen und Barry mit einer Herzschwäche auf die Welt kam, lehnen die Eltern eine Trennung der Jungen ab. Sie wachsen im England der Sechziger auf und kommen eines Tages mit der neuen Beatmusik in Kontakt. Ein ehrgeiziger Musikmanager versucht daraufhin die beiden als Rock’n’Roll-Musiker aufzubauen. Das Publikum ist zunächst geschockt, lässt sich aber schnell vom Können der Brüder überzeugen. Ihre Band „Bang Bang“ tourt erfolgreich durch die Clubs des Landes und sie genießen ihr Leben. Doch die Spannungen zwischen den Zwillingen verschärfen sich, als Tom sich verliebt. Ihre künstlerische Rivalität und unterschiedlichen inneren Gemütszustände führen immer öfter zum Streit. Sie kompensieren ihre Probleme und Verrücktheit und wandeln ihr Potential um in großartigen Punkrock.
Die Regisseure inszenierten die Geschichte des Zwillingspaares auf Grundlage einer Novelle von Brian Aldiss. Ohne künstlerische Grenzen zu setzen vermischen sie Spielfilm, Dokumentation und Musikvideo. Klassische Filmregeln oder Erwartungshaltungen umgehen sie dabei völlig. Besonders die Musik von Clive Langer ist herausragend, aber auch die Schauspieler verleihen dem Film starke Ausstrahlungskraft. Der filmische Beweis, dass man nicht nur mit den Augen Filme sieht.
(Gesine Grassel)
Die Filme sind noch in folgenden Vorstellungen zu sehen:
Absolute Wilson
Mi 15.02., 15:30 Uhr, Colosseum 1
So 19.02., 14:30 Uhr, CineStar 7
Love Other – The Story of Claude Cahun and Marcel Moore
Fr 17.02., 15:30 Uhr, Colosseum 1
WAL-MART: The High Cost of Low Price
Di 14.02., 14:30 Uhr, CineStar 7
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