Berlinale 2006: Der zweite Tag im Internationalen Forum und im Panorama

Kinostart: 11.02.2006
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Aus den Nebenreihen Forum und Panorama Filme von drei Kontinenten: jenseits des Glamours - ein italienischer Wanderzirkus, Streifzüge eines jungen Schriftstellers durch ein multikulturelles Johannesburg und ein abstrakter Gefängnisfilm aus Japan.

Babooska von Tizza Covi und Rainer Frimmel (Forum): Die Odyssee eines Wanderzirkus’
Pfiffige Jonglierkunst, elegante Pferdedressuren, scherzende Clowns, akrobatische Darbietungen: das bunte Spektakel einer Zirkusmanege ist allseits bekannt. Diese visuellen Assoziationen sind immerhin fest in unseren Köpfen verankert. Daran rütteln nun die beiden Filmemacher Tizza Covi und Rainer Frimmel mit ihrem zweiten gemeinsamen Film Babooska. Ein Jahr lang haben sie die Familie eines Wanderzirkus’ begleitet und verzichten dabei fast vollständig auf bunte Zirkusbilder. Vielmehr werfen sie einen ungeschminkten Blick hinter die Kulissen, wo es alles andere als glamourös aussieht. An der Seite von Babooska, der 20jährigen Artistin, folgen wir der ärmlichen Zirkusfamilie kreuz und quer durch die italienische Provinz. Doch nicht überall sind ihre Darbietungen gefragt. Oftmals ziehen sie unverrichteter Dinge weiter in den nächsten Ort. Wir können sie ausgiebig dabei beobachten, wie sie in den Auszeiten ihre Zeit totschlagen, an einsamen Stränden entlang spazieren, durch ausgestorbene Straßen laufen. Unweigerlich denkt man an Federico Fellini und Lucchino Visconti und die Anfänge des frühen Neorealismus in Italien - an die damalige Geburt eines nüchternen Kinos, das die illusionslose Wirklichkeit des armen Volkes zeigte. Die gebürtige Italienerin Tizza Covi und der Österreicher Rainer Frimmel fordern eine Menge Geduld von uns ab, wenn sie in epischer Langatmigkeit den Alltag der Künstlerfamilie zeigen, der hauptsächlich von essen, schlafen, fernsehen bestimmt ist. Als Babooska ihren 21. Geburtstag feiert, wissen wir, dass ein Jahr vergangen ist. Wohin die Reise weitergeht, steht längst noch in den Sternen. Ehe sie ins Ungewisse weiter wandern und wir zum nächsten Kinosaal pilgern, erleben wir Babooska endlich einmal von ihrer schönsten Seite.

Conversations on a Sunday Afternoon von Khalo Matabane (Forum): Streifzüge durch Johannesburg
Auch in dem halb dokumentarischen, halb fiktionalem Werk Conversations on a Sunday Afternoon heftet sich die Kamera an die Fersen eines einzelnen Protagonisten. Keniloe, ein junger Dichter, verbringt seine Sonntage in einem kleinen Park irgendwo in Johannesburg. Dort trifft er auf Fatima, die ihm kurz von ihrer traurigen Vergangenheit in Somalia erzählt. Berührt von ihren schmerzhaften Erlebnissen will Keniloe mehr über sie erfahren. Im Kopf spinnt er sich bereits den Anfang seines neuen Buches zusammen. Doch am nächsten Sonntag scheint Fatima wie vom Erdboden verschluckt. Niemand will sie im Park gesehen haben. So macht Keniloe sich auf die Suche außerhalb des Parkgeländes. Er streift durch die Straßen von Johannesburg, fragt einem nach dem anderen nach der verschwundenen Somalierin. Und begegnet dabei Menschen aus den verschiedensten Teilen der Welt, die genau das teilen, was ihn so an Fatima interessiert: die Flucht aus einer kriegsgebeutelten Region. Aus einer Geschichte werden auf einmal viele. Afghanen, Palästinenser, Kenianer sind unter ihnen, die ihre alte Heimat zurückgelassen und im südafrikanischen Johannesburg Exil gefunden haben. Die Erlebnisse, die unser Geschichtensammler fleißig auf seinem Diktiergerät aufzeichnet, bringen nicht nur erschütternde Kriegszustände zutage, sondern enthüllen nach und nach den Zustand und die Malaise der größten Metropole Südafrikas: Armut, Rassismus, illegale Einwanderer. Conversations on a Sunday Afternoon ist ein unaufgeregter, kurzweiliger Film mit einem reizenden Ende, das man hier ausnahmsweise mal vorweg nehmen darf: als Keniloe endlich Fatima findet, dann blickt sie ihm erstaunt und verständnislos in die Augen – nach Konversation ist ihr nicht zumute. Gut, dass er all die interessanten Geschichten längst im Gepäck hat.

Big Bang Love, Juvenile A / 46 oku nen no koi von Takashi Miike (Panorama): Tabubrechende Gewaltorgie
Wer fiktionale und abstrakte Filme dem realistischen Kino vorzieht, sollte sich den abgedrehten, rätselhaften Film Big Bang Love, Juvenile A / 46 oku nen no koi von Altmeister Takashi Miike im Panorama ansehen. Der 1960 geborene japanische Regisseur Takashi Miike, bekannt durch Audition (1999) und seinen unglaublich hohen, filmischen Output, schockiert und fasziniert auch mit seinem neuen Werk. Alles beginnt damit, dass Gay-Barkeeper Ariyoshi Jun von einem seiner Kunden sexuell missbraucht wird. Ein grausamer Rachakt folgt, für den Jun bestraft und inhaftiert wird. Im Knast trifft er den auffallend tätowierten Kozuki Shiro, von dessen Männlichkeit und Stärke er sich angezogen fühlt. „I was trapped before I knew“, sagt Jun an einer Stelle, sein tyrannischer Mord wird uns immer wieder neu vor Augen geführt. Doch das wird im nicht zum Verhängnis. Die intime Beziehung zu Kozuki Shiro mündet in eine brutale Tour de Force, in der Vergangenheit und Gegenwart der beiden Männer immer wieder vermischt werden. Big Bang Love, Juvenile A / 46 oku nen no koi ist ein extrem verdichtet inszeniertes Kammerspiel, das sich zu großen Teilen im Inneren des Gefängnisses abspielt im Wechsel mit surrealen Außenaufnahmen. Nach Schuld und Sühne folgt die Erlösung, die uns Takashi Miike mit einem beschaulichen Ende vergönnt.

(Katrin Knauth)

Die Filme sind noch in folgenden Vorstellungen zu sehen:

Babooska
Sa 11.02., 15:30 Uhr, CinemaxX 3
So 12.02., 16:30 Uhr, CineStar 8
Mo 13.02., 20:00 Uhr, Arsenal 1
Mi 15.02., 18:15 Uhr, CinemaxX 3

Conversations on a Sunday Afternoon
Sa 11.02., 18:15 Uhr CinemaxX 3
Mo 13.02., 16:30 Uhr, Delphi Filmpalast
Di 14.02., 12:30 Uhr, Arsenal 1

Big Bang Love, Juvenile A / 46 oku nen no koi
Sa 11.02., 17:00 Uhr, International
So 19.02., 14:00 Uhr, CinemaxX 7
   
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