Berlinale 2006 - Der zweite Tag des Wettbewerbs: En Soap, Syriana und Slumming
Kinostart:
11.02.2006
Tag zwei der Filmfestspiele. Während sich die ersten Journalisten von ihrem ausgiebigen Partyleben erholen, sitzen andere schon in aller Herrgottsfrühe im Kino. Der Wettbewerbstag startete mit En Soap /Soap.
En Soap von Pernille Fischer Christensen
Seife ist im Gemeingebrauch ein Stoff zum Lösen von Fetten. Sie dient dabei nicht nur der Reinigung von Kleidern und Oberflächen, sondern auch zur Säuberung des Körpers. Da der Haushalt zumeist von den Frauen geführt wird und diese vormittags ihre Lieblingsserien gern am heimischen Herd verfolgten, wurde der Begriff Soap Opera geprägt, entstanden aus der Dominanz von Waschmittelwerbung in den Werbepausen. Eine solche Soap Opera über bedingungslose Liebe, Hingabe und Romantik in nahezu unerträglicher Form ist auch der Angelpunkt im Leben des Transsexuellen Veronika. Er lebt, zusammen mit Hündin Miss Daisy, in einer tristen Neubaugegend und wartet auf die staatliche Erlaubnis für seine Geschlechtsumwandlung. Eines Tages klingelt Charlotte an seiner Tür. Die Besitzerin einer Schönheitsklinik hat, frustriert von Alltag, Partner und der eigenen Festgefahrenheit, ihre Koffer gepackt und ist in die erstbeste Wohnung gezogen. Nun wohnt sie über Veronika, der eigentlich Ulrik heißt, und möchte dessen Hilfe beim Verrücken des Bettes. Zwischen den beiden entwickelt sich eine ungewöhnliche Beziehung. Beide finden sich am Tiefpunkt ihres Lebens, in einer niemals enden wollenden Warteschleife. Zwei einsame Herzen, die sich im Wechselbad der Gefühle an keine Konventionen mehr halten und deren Wege sich auf geheimnisvolle weise erst vereinen müssen, um sich wieder trennen zu lassen. In sechs Episoden erzählt Pernille Fischer Christensen das tragischkomische Verhältnis zwischen Charlotte und Veronika. Fast wie ein Kammerspiel sieht er aus, ihr erster Spielfilm. Die einzelnen Episoden werden durch trashige Cliffhanger verbunden, was dem Film eine gewissen Authentizität verleiht. Auch der fast durchgängige Gebrauch der Handkamera passt ins Sujet. Die dänisch-schwedische Co-Produktion, hervorragend besetzt mit den Schauspielern Trine Dyrholm und David Dencik, erinnert im Ganzen trotzdem mehr an Seife als an eine Soap Opera. Ein Film wie Seife? Gut riechend, aber nicht enden wollend. Wie das letzte Stück Seifenrest, dass sich immer noch mal und noch mal benutzen lässt, bevor es plötzlich auseinander bricht.
Syriana von Stephen Gaghan
Und dann kam er: George Clooney is back und die Berlinale steht Kopf. Die nach der Pressevorführung zum Film Syriana terminierte Pressekonferenz wurde zum Nahkampf und Bewährungsprobe in Sachen Körperkontakt und Geduld. Alle wollten sehen, ob der "sexiest man alive" seine 35 für den Film angefutterten Pfund wieder abtrainiert hatte. Ohne zu übertreiben sah George Clooney aus wie immer: blendend, sportlich schlank und vor allem sexy. Dabei sollte es eigentlich um den Wettbewerbsfilm Syriana gehen, der freilich außerhalb der Konkurrenz läuft. Der Film von Drehbuchschreiber und Regisseur Stephen Gaghan hat viel mehr zu bieten als nur den Frauenschwarm. Namenhafte Kolleginnen und Kollegen Clooneys wie Matt Damon, Amanda Peet, Michelle Monaghan, Luke Barnett, Chris Cooper oder William Hurt sind nur ein Teil des Ensembles des Politthrillers über Intrigen und Korruption im weltweiten Ölgeschäft. Gaghan portraitiert das intrigante Netz von globalen Playern, die in den Hinterzimmern von Washington, Genf und Arabien ihre millionschweren Deals einfädeln. Daneben zeigt er die einfachen Arbeiter auf den Ölfeldern am Persischen Golf, die für einen Hungerlohn die halbe Welt mit Öl versorgen. Ein politisches Statement, dass gekonnt und durchweg spannend die Konsequenzen für die Menschen in einer Welt zeigt, in der es ausschließlich im Geld, Korruption und Macht geht. Dabei entzieht er sich gekonnt jeglicher Wertung und nimmt bewusst Abstand vom Gut-Böse-Schema. Und auch George dem Großen ist die Komplexität und Vielschichtigkeit des Films bewusst. Ihm wäre es sowieso nur um einen Film zur richtigen Zeit gegangen, mit dem man prima Geld verdienen kann. Sein nicht ganz ernst gemeintes Statement trifft es genau, der der Film ist vor allem eins: aktuell. Der Dialog zwischen den Kulturen und das Erkennen weltweiter politischer und wirtschaftlicher Vernetzung sind zeitgemäß wie nie. Ein bisschen Spaß hatte er dann auch noch, als sich bei der Pressekonferenz eine Journalistin als exklusive Stadtführerin anbot. Es war alles wie immer.
Slumming von Michael Glawogger
Als dritter Wettbewerbsbeitrag spaltete Slumming die Gemüter. Herausragend sagen die einen, katastrophal die anderen. Tatsächlich ist die Geschichte um zwei durchgeknallte Yuppies, die Mädchen im Internet kennen lernen, sich verabreden und ihnen unter den Rock fotografieren, grotesk. Mehr als seltsam und ungewöhnlich. Auch die Parallelgeschichte, in der die beiden Jungs einen Penner aus Wien in die tschechische Provinz verschleppen, ist irgendwie lustig und nervend zugleich. Ein Film, über den sich jeder sein eigenes Bild machen muss.
(Gesine Grassel)
Die Filme sind noch in folgenden Vorstellungen zu sehen:
En Soap
Sa 11.02., 09:30 Uhr, Urania
Sa 11.02., 21:00 Uhr, Urania
So 19.02., 21:00 Uhr, Urania
Syriana
Sa, 11.02., 12:00 Uhr, Urania
Sa, 11.02., 18:30 Uhr, Urania
So, 12.02., 20:00 Uhr, International
Slumming
Sa 11.02., 15:00 Uhr, Urania
Sa 11.02., 20:00 Uhr, International
Sa 11.02., 23:30 Uhr, Urania
En Soap von Pernille Fischer Christensen
Seife ist im Gemeingebrauch ein Stoff zum Lösen von Fetten. Sie dient dabei nicht nur der Reinigung von Kleidern und Oberflächen, sondern auch zur Säuberung des Körpers. Da der Haushalt zumeist von den Frauen geführt wird und diese vormittags ihre Lieblingsserien gern am heimischen Herd verfolgten, wurde der Begriff Soap Opera geprägt, entstanden aus der Dominanz von Waschmittelwerbung in den Werbepausen. Eine solche Soap Opera über bedingungslose Liebe, Hingabe und Romantik in nahezu unerträglicher Form ist auch der Angelpunkt im Leben des Transsexuellen Veronika. Er lebt, zusammen mit Hündin Miss Daisy, in einer tristen Neubaugegend und wartet auf die staatliche Erlaubnis für seine Geschlechtsumwandlung. Eines Tages klingelt Charlotte an seiner Tür. Die Besitzerin einer Schönheitsklinik hat, frustriert von Alltag, Partner und der eigenen Festgefahrenheit, ihre Koffer gepackt und ist in die erstbeste Wohnung gezogen. Nun wohnt sie über Veronika, der eigentlich Ulrik heißt, und möchte dessen Hilfe beim Verrücken des Bettes. Zwischen den beiden entwickelt sich eine ungewöhnliche Beziehung. Beide finden sich am Tiefpunkt ihres Lebens, in einer niemals enden wollenden Warteschleife. Zwei einsame Herzen, die sich im Wechselbad der Gefühle an keine Konventionen mehr halten und deren Wege sich auf geheimnisvolle weise erst vereinen müssen, um sich wieder trennen zu lassen. In sechs Episoden erzählt Pernille Fischer Christensen das tragischkomische Verhältnis zwischen Charlotte und Veronika. Fast wie ein Kammerspiel sieht er aus, ihr erster Spielfilm. Die einzelnen Episoden werden durch trashige Cliffhanger verbunden, was dem Film eine gewissen Authentizität verleiht. Auch der fast durchgängige Gebrauch der Handkamera passt ins Sujet. Die dänisch-schwedische Co-Produktion, hervorragend besetzt mit den Schauspielern Trine Dyrholm und David Dencik, erinnert im Ganzen trotzdem mehr an Seife als an eine Soap Opera. Ein Film wie Seife? Gut riechend, aber nicht enden wollend. Wie das letzte Stück Seifenrest, dass sich immer noch mal und noch mal benutzen lässt, bevor es plötzlich auseinander bricht.
Syriana von Stephen Gaghan
Und dann kam er: George Clooney is back und die Berlinale steht Kopf. Die nach der Pressevorführung zum Film Syriana terminierte Pressekonferenz wurde zum Nahkampf und Bewährungsprobe in Sachen Körperkontakt und Geduld. Alle wollten sehen, ob der "sexiest man alive" seine 35 für den Film angefutterten Pfund wieder abtrainiert hatte. Ohne zu übertreiben sah George Clooney aus wie immer: blendend, sportlich schlank und vor allem sexy. Dabei sollte es eigentlich um den Wettbewerbsfilm Syriana gehen, der freilich außerhalb der Konkurrenz läuft. Der Film von Drehbuchschreiber und Regisseur Stephen Gaghan hat viel mehr zu bieten als nur den Frauenschwarm. Namenhafte Kolleginnen und Kollegen Clooneys wie Matt Damon, Amanda Peet, Michelle Monaghan, Luke Barnett, Chris Cooper oder William Hurt sind nur ein Teil des Ensembles des Politthrillers über Intrigen und Korruption im weltweiten Ölgeschäft. Gaghan portraitiert das intrigante Netz von globalen Playern, die in den Hinterzimmern von Washington, Genf und Arabien ihre millionschweren Deals einfädeln. Daneben zeigt er die einfachen Arbeiter auf den Ölfeldern am Persischen Golf, die für einen Hungerlohn die halbe Welt mit Öl versorgen. Ein politisches Statement, dass gekonnt und durchweg spannend die Konsequenzen für die Menschen in einer Welt zeigt, in der es ausschließlich im Geld, Korruption und Macht geht. Dabei entzieht er sich gekonnt jeglicher Wertung und nimmt bewusst Abstand vom Gut-Böse-Schema. Und auch George dem Großen ist die Komplexität und Vielschichtigkeit des Films bewusst. Ihm wäre es sowieso nur um einen Film zur richtigen Zeit gegangen, mit dem man prima Geld verdienen kann. Sein nicht ganz ernst gemeintes Statement trifft es genau, der der Film ist vor allem eins: aktuell. Der Dialog zwischen den Kulturen und das Erkennen weltweiter politischer und wirtschaftlicher Vernetzung sind zeitgemäß wie nie. Ein bisschen Spaß hatte er dann auch noch, als sich bei der Pressekonferenz eine Journalistin als exklusive Stadtführerin anbot. Es war alles wie immer.
Slumming von Michael Glawogger
Als dritter Wettbewerbsbeitrag spaltete Slumming die Gemüter. Herausragend sagen die einen, katastrophal die anderen. Tatsächlich ist die Geschichte um zwei durchgeknallte Yuppies, die Mädchen im Internet kennen lernen, sich verabreden und ihnen unter den Rock fotografieren, grotesk. Mehr als seltsam und ungewöhnlich. Auch die Parallelgeschichte, in der die beiden Jungs einen Penner aus Wien in die tschechische Provinz verschleppen, ist irgendwie lustig und nervend zugleich. Ein Film, über den sich jeder sein eigenes Bild machen muss.
(Gesine Grassel)
Die Filme sind noch in folgenden Vorstellungen zu sehen:
En Soap
Sa 11.02., 09:30 Uhr, Urania
Sa 11.02., 21:00 Uhr, Urania
So 19.02., 21:00 Uhr, Urania
Syriana
Sa, 11.02., 12:00 Uhr, Urania
Sa, 11.02., 18:30 Uhr, Urania
So, 12.02., 20:00 Uhr, International
Slumming
Sa 11.02., 15:00 Uhr, Urania
Sa 11.02., 20:00 Uhr, International
Sa 11.02., 23:30 Uhr, Urania
Artikel zum Thema
Berlinale 2006: Goldener Bär für Grbavica
Berlinale 2006: Der neunte Tag im Panorama
Berlinale 2006 - Der neunte und letzte Tage des Wettbewerbs: Offside, Requiem und Capote
Berlinale 2006 - Der achte Tag des Wettbewerbs: Isabella, L’ivresse Du Pouvoir
Berlinale 2006 - Alle Filmkritiken im Überblick
Berlinale 2006 - Der siebte Tag im Internationalen Forum und im Panorama
Berlinale 2006 - Der siebte Tag des Wettbewerbs: Sehnsucht, Romanzo Criminale und Candy
Berlinale vergibt Kurzfilmpreise
Berlinale 2006 - Der sechste Tag des Wettbewerbs: Invisible Waves, The Road To Guantánamo, Zemestan
Berlinale 2006 – Der fünfte Tag des Wettbewerbs: Der Freie Wille, El Custodio
Berlinale 2006: Highlights aus dem Panorama
Berlinale 2006 – Tag Fünf: Asiatische Filme im Internationalen Forum und im Panorama
Berlinale 2006: Der vierte Tag im Internationalen Forum und im Panorama
Berlinale 2006 – Der vierte Tag des Wettbewerbs: Grbavica, A Prairie Home Companion und Wu Ji
Berlinale 2006 - Der dritte Tag im Internationalen Forum und im Panorama
Berlinale 2006 - Der dritte Tag des Wettbewerbs: The New World, Elementarteilchen und The Silence of Sleep
"BerlinBall" gewinnt dritten Berlin Today Award
Berlinale 2006: Der zweite Tag im Internationalen Forum und im Panorama
Deutsch-französischer Dialog auf der Berlinale
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Kulturstaatsminister Bernd Neumann eröffnen European Film Market im Rahmen der Berlinale
Berlinale 2006: Das Internationale Forum des jungen Films
Berlinale 2006: Der erste Tag des Wettbewerbs: Snow Cake
Katja Riemann und Christopher Lee präsentieren "Alle Kinder dieser Welt"
Berlinale: Berlinale Kamera für Ballhaus, Böttcher und Kardish
MFG vergibt Drehbuchpreis während der Berlinale
Berlinale 2006: Ehrenbären für Andrzej Wajda und Ian McKellen
Zwei Nachzügler im Wettbewerb der Berlinale
Berlinale 2006: "Brothers Of The Head" eröffnet Panorama
Femina-Film-Preis auf der Berlinale 2006
Detlev Buck und Dominik Graf bei der Berlinale 2006
Berlinale 2006: Vier deutsche Filme im Wettbewerb
Berlinale 2006: Jurymitglieder stehen fest
Berlinale 2006: Perspektive Deutsches Kino mit Regie-Debüt von Franka Potente
Panorama der Berlinale 2006 gibt erste Filme bekannt
Mystery-Klassiker von Nakagawa Nobuo bei der Berlinale
"Elementarteilchen" und "Requiem" im Wettbewerb der Berlinale 2006
Regisseur Dominik Moll wird Präsident der Dialogue-En-Perspective-Jury bei der Berlinale 2006
Berlinale-Preisverleihung erstmals im TV
Jury-Mitglieder für Berlinale gesucht
Dieter Kosslick: Mehr Filme auf der Berlinale
Dieter Kosslick bleibt der Berlinale treu
Berlinale 2006 findet vom 9. bis 19. Februar statt




