Der vierte Tag im Forum und im Panorama steht ganz im Zeichen der Familie: auf der Suche nach Familienersatz – ein 15jähriger Junge aus Neukölln, ein moderner Vater-Sohn-Konflikt aus Argentinien und ein freundschaftlich-familiäres Roadmovie aus dem amerikanischen Westen.
Knallhart (Panorama): Mean Streets
In eine Situation, in der es keinen Ausweg gibt und erst recht keinen, der sauber ist – in die möchte man nur ungern hineingeraten. In solch eine verhängnisvolle Sackgasse gerät der 15jährige Michael Polischka in Detlev Bucks gnadenlosem Berliner Großstadtfilm Knallhart.
Nachdem der reiche Liebhaber seiner Mutter die beiden vor die Tür seiner schicken Villa im aufgeräumten Zehlendorf gesetzt hat, müssen sie mit einer heruntergekommenen Bleibe in Neukölln, eines der sozial schwächsten Stadtteile Berlins, vorlieb nehmen. Dort erlebt Michael (bemerkenswert realistisch: Newcomer David Kross), der lieber Polischka genannt werden will, den bitteren Sumpf der Großstadt. Prügeleien, Beschimpfungen und Kriminalität stehen auf der Tagesordnung. In der neuen Schule haben ihn schnell der türkischstämmige Erol und seine Schlägergang auf dem Kieker. Hilflos lässt er sich verprügeln, seine Turnschuhe und sein Geld abnehmen. Zuhause bei seiner total versagenden Mutter, die damit beschäftigt ist, einen Lover nach dem anderen an Land zu ziehen, geht es auch nicht rosiger zu. Halt findet er bei Crille und Matze, die ihn jedoch vor den demütigenden Schlägen der Erols-Bande auch nicht schützen können. Genau zum richtigen Zeitpunkt begegnet Polischka Hamals Leuten, einer arabische Drogenbande, die ihn vor Erols Schlägern rettet. Als Gegenleistung begibt sich Polischka in deren Dienste und vertickt erst weiche, später harte Drogen. Von Hamals Truppe erfährt und empfindet Polischka genau die familiäre Zugehörigkeit, die er sowohl zuhause als auch unter seinen vermeintlichen Kumpels so sehr vermisst. Durch die neue Aufgabe und sein gewonnenes Selbstbewusstsein sieht er wieder einen Sinn in seinem Leben – bis er eines Tages einen irreversiblen Fehler begeht und ihm Hamals Familie zum Verhängnis wird. Bucks neuer Film, dem der gleichnamige Roman von Gregor Tessnow zugrunde liegt, ist eine präzise Studie von Gewalt in Großstädten verbunden mit der Suche nach familiärer Bindung. Obwohl der Film wie auch das Buch im Berliner Problembezirk Neukölln spielen, ließe sich das Geschehen auch in jede beliebige andere Großstadt verlagern. Buck zeigt ein hier Neukölln, das sicher so manchem Zuschauer die Augen öffnet, das von ihm jedoch so realistisch abgebildet wird als arbeite er im Dokumentarfilm-Genre. Klug konstruiert und dramaturgisch durchdacht ist ihm mit Knallhart ein Meisterwerk gelungen, das im Wettbewerb um den Goldenen Bären große Chancen gehabt hätte.
Derecho de Familia / Family Law (Panorama): In die Fußstapfen des Vaters
Wesentlich geordnetere Verhältnisse herrschen in Daniel Burmans fünfter Regiearbeit Derecho de Familia / Family Law. Der gerade mal 32jährige argentinische Regisseur war bereits 1998 mit seinem Debütfilm Un crisantemo estalla en Cincoesquinas“ in Cincoesquinas im Berlinale-Panorama vertreten. Vor zwei Jahren gewann er gleich zwei Silberne Berlinale-Bären für seine humorvolle Familiengeschichte El abrazo partido. Den Faden innerfamiliärer Angelegenheiten nimmt er auch seinem neuen Film wieder auf und beleuchtet die Vater-Sohn-Konstellation der Perelmänner. Perelman junior ist ebenso wie sein Vater Anwalt von Beruf, wenn auch nicht ganz so gewieft. Beide gehen sich weitestgehend aus dem Weg, verunsichert wie sie im Zusammensein miteinander umgehen sollen. Ariel, der eher emotional verschlossene Sohn zieht es vor, sein juristisches Wissen an Universitätsstudenten weiterzugeben. Ganz im Gegenteil zum aufgeschlossenen Vater, einem Lebemann, der sich im juristischen Territorium auch gerne mal die Hände schmutzig macht. So verschieden beide sind, so ähnlich sind ihre gewählten Lebensentwürfe. Dass der junge Perelman längst in die Fußstapfen seines Vaters getreten ist, wird ihm nur ganz allmählich, dafür aber umso schmerzvoller bewusst. Derecho de Familia ist ein ausgesprochen charmantes Generationen-Portrait, das von den Freuden und Wehen zwischen einem Vater und einem Sohn erzählt.
Big River / Funahasi Atsushi (Forum): Amerika en miniature
Seine Familie kann man sich nicht aussuchen, die Freunde aber schon. Die schwierige Freundschaft dreier Menschen, die unterschiedlicher nicht sein können, beleuchtet der japanische Regisseur Funahashi Atsushi in seinem Roadmovie Big River. Ali, ein muslimischer Pakistani auf der Suche nach seiner entlaufenen Frau, Teppie, ein japanischer Rucksachtourist und Sarah, eine amerikanische Blondine treffen unter höchst kuriosen Umständen mitten in der westamerikanischen Wüste aufeinander. Obwohl das Miteinander durch kulturelle und sprachliche Barrieren reichlich erschwert wird, schließen sie sich für eine Weile zusammen und streifen durch die traditionelle Heimat der Westernfilme. Big River ist als Metapher für Amerika zu sehen: aus vielen verschiedenen, kleinen Partikeln entsteht ein großes Ganzes, der Rio Grande, der Big River. Funahashi Atsushi pflegt eine angenehme, fließende Bildsprache, lässt sich genügend Zeit für epische Landschaftsaufnahmen und präzise Charakterstudien. Ein ruhiger, aber ausgesprochen schöner Forum-Film.
(Katrin Knauth)
Die Filme sind noch in folgenden Vorstellungen zu sehen:
Knallhart
Mo 13.02., 13:30 Uhr, CinemaxX 7
Di 14.02., 14:30 Uhr, International (E)
Derecho de Familia / Family Law
So 19.02., 19:00 Uhr, Zoo Palast
Big River
Mo 13.02., 18:45 Uhr, CineStar 8
Di 14.02., 20:00 Uhr, Colosseum 1
Mi 15.02., 12:30 Uhr, Arsenal 1
So 19.02., 21:30 Uhr, Delphi Filmpalast
Knallhart (Panorama): Mean Streets
In eine Situation, in der es keinen Ausweg gibt und erst recht keinen, der sauber ist – in die möchte man nur ungern hineingeraten. In solch eine verhängnisvolle Sackgasse gerät der 15jährige Michael Polischka in Detlev Bucks gnadenlosem Berliner Großstadtfilm Knallhart.
Nachdem der reiche Liebhaber seiner Mutter die beiden vor die Tür seiner schicken Villa im aufgeräumten Zehlendorf gesetzt hat, müssen sie mit einer heruntergekommenen Bleibe in Neukölln, eines der sozial schwächsten Stadtteile Berlins, vorlieb nehmen. Dort erlebt Michael (bemerkenswert realistisch: Newcomer David Kross), der lieber Polischka genannt werden will, den bitteren Sumpf der Großstadt. Prügeleien, Beschimpfungen und Kriminalität stehen auf der Tagesordnung. In der neuen Schule haben ihn schnell der türkischstämmige Erol und seine Schlägergang auf dem Kieker. Hilflos lässt er sich verprügeln, seine Turnschuhe und sein Geld abnehmen. Zuhause bei seiner total versagenden Mutter, die damit beschäftigt ist, einen Lover nach dem anderen an Land zu ziehen, geht es auch nicht rosiger zu. Halt findet er bei Crille und Matze, die ihn jedoch vor den demütigenden Schlägen der Erols-Bande auch nicht schützen können. Genau zum richtigen Zeitpunkt begegnet Polischka Hamals Leuten, einer arabische Drogenbande, die ihn vor Erols Schlägern rettet. Als Gegenleistung begibt sich Polischka in deren Dienste und vertickt erst weiche, später harte Drogen. Von Hamals Truppe erfährt und empfindet Polischka genau die familiäre Zugehörigkeit, die er sowohl zuhause als auch unter seinen vermeintlichen Kumpels so sehr vermisst. Durch die neue Aufgabe und sein gewonnenes Selbstbewusstsein sieht er wieder einen Sinn in seinem Leben – bis er eines Tages einen irreversiblen Fehler begeht und ihm Hamals Familie zum Verhängnis wird. Bucks neuer Film, dem der gleichnamige Roman von Gregor Tessnow zugrunde liegt, ist eine präzise Studie von Gewalt in Großstädten verbunden mit der Suche nach familiärer Bindung. Obwohl der Film wie auch das Buch im Berliner Problembezirk Neukölln spielen, ließe sich das Geschehen auch in jede beliebige andere Großstadt verlagern. Buck zeigt ein hier Neukölln, das sicher so manchem Zuschauer die Augen öffnet, das von ihm jedoch so realistisch abgebildet wird als arbeite er im Dokumentarfilm-Genre. Klug konstruiert und dramaturgisch durchdacht ist ihm mit Knallhart ein Meisterwerk gelungen, das im Wettbewerb um den Goldenen Bären große Chancen gehabt hätte.
Derecho de Familia / Family Law (Panorama): In die Fußstapfen des Vaters
Wesentlich geordnetere Verhältnisse herrschen in Daniel Burmans fünfter Regiearbeit Derecho de Familia / Family Law. Der gerade mal 32jährige argentinische Regisseur war bereits 1998 mit seinem Debütfilm Un crisantemo estalla en Cincoesquinas“ in Cincoesquinas im Berlinale-Panorama vertreten. Vor zwei Jahren gewann er gleich zwei Silberne Berlinale-Bären für seine humorvolle Familiengeschichte El abrazo partido. Den Faden innerfamiliärer Angelegenheiten nimmt er auch seinem neuen Film wieder auf und beleuchtet die Vater-Sohn-Konstellation der Perelmänner. Perelman junior ist ebenso wie sein Vater Anwalt von Beruf, wenn auch nicht ganz so gewieft. Beide gehen sich weitestgehend aus dem Weg, verunsichert wie sie im Zusammensein miteinander umgehen sollen. Ariel, der eher emotional verschlossene Sohn zieht es vor, sein juristisches Wissen an Universitätsstudenten weiterzugeben. Ganz im Gegenteil zum aufgeschlossenen Vater, einem Lebemann, der sich im juristischen Territorium auch gerne mal die Hände schmutzig macht. So verschieden beide sind, so ähnlich sind ihre gewählten Lebensentwürfe. Dass der junge Perelman längst in die Fußstapfen seines Vaters getreten ist, wird ihm nur ganz allmählich, dafür aber umso schmerzvoller bewusst. Derecho de Familia ist ein ausgesprochen charmantes Generationen-Portrait, das von den Freuden und Wehen zwischen einem Vater und einem Sohn erzählt.
Big River / Funahasi Atsushi (Forum): Amerika en miniature
Seine Familie kann man sich nicht aussuchen, die Freunde aber schon. Die schwierige Freundschaft dreier Menschen, die unterschiedlicher nicht sein können, beleuchtet der japanische Regisseur Funahashi Atsushi in seinem Roadmovie Big River. Ali, ein muslimischer Pakistani auf der Suche nach seiner entlaufenen Frau, Teppie, ein japanischer Rucksachtourist und Sarah, eine amerikanische Blondine treffen unter höchst kuriosen Umständen mitten in der westamerikanischen Wüste aufeinander. Obwohl das Miteinander durch kulturelle und sprachliche Barrieren reichlich erschwert wird, schließen sie sich für eine Weile zusammen und streifen durch die traditionelle Heimat der Westernfilme. Big River ist als Metapher für Amerika zu sehen: aus vielen verschiedenen, kleinen Partikeln entsteht ein großes Ganzes, der Rio Grande, der Big River. Funahashi Atsushi pflegt eine angenehme, fließende Bildsprache, lässt sich genügend Zeit für epische Landschaftsaufnahmen und präzise Charakterstudien. Ein ruhiger, aber ausgesprochen schöner Forum-Film.
(Katrin Knauth)
Die Filme sind noch in folgenden Vorstellungen zu sehen:
Knallhart
Mo 13.02., 13:30 Uhr, CinemaxX 7
Di 14.02., 14:30 Uhr, International (E)
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So 19.02., 19:00 Uhr, Zoo Palast
Big River
Mo 13.02., 18:45 Uhr, CineStar 8
Di 14.02., 20:00 Uhr, Colosseum 1
Mi 15.02., 12:30 Uhr, Arsenal 1
So 19.02., 21:30 Uhr, Delphi Filmpalast
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