Berlinale 2006 – Der vierte Tag des Wettbewerbs: Grbavica, A Prairie Home Companion und Wu Ji
Originaltitel:
The Promise
Kinostart:
13.02.2006
Für gewöhnlich ist Platz 4 eine undankbare Position. Während den ersten drei Wettbewerbern die Medaillen umgehängt und Blumen überreicht werden, ist der Vierte immer der knappe Verlierer. Nicht so im Wettbewerb der Berlinale. Tag vier war, besonders nach den eher enttäuschenden Beiträgen der Tage zuvor, glänzend.
Grbavica von Jasmila Zbanic
Gleich richtig zur Sache ging es in Grbavica, dem Spielfilmdebüt der bosnischen Dokumentarfilmerin Jasmila Zbanic, die nach ihren Filmen Rote Gummistiefel und Do you remember Sarajevo erneut das Thema ihrer Heimat und Vergangenheit aufgreift. Die allein erziehende Mutter Esma lebt mit ihrer 12-jährigen Tochter Sara in Grbavica, einem Stadtteil von Sarajewo. Der Krieg ist seit einigen Jahren vorbei und der Wiederaufbau weit fortgeschritten. Die Menschen aber leiden noch immer. Weil Esma mit der staatlichen finanziellen Unterstützung nicht über die Runden kommt, nimmt sie einen Job als Kellnerin in einem Nachtclub an. Traumatisiert vom Krieg lernt sie mit ihrem Kollegen Pelda einen verständnisvollen und mitfühlenden Freund kennen. Schnell kommen sich die beiden näher, was Tochter Sara überhaupt nicht gefällt. Es kommt zum Streit, als Esma ihrer Tochter von der wahren Existenz ihres Vaters erzählt. Die jahrelange Lüge, dass er als Märtyrer für das geliebte Land gestorben sei, kann Esma nicht länger aufrecht erhalten. Die Wahrheit bringt Angst und Vergangenheit ans Licht, die besser hätte ruhen sollen. Grbavica ist großes Sozialkino. Eine Milieustudie, die eine zerrissene und vom Krieg gezeichnete Generation portraitiert. Die Zeit und ihre Veränderungen haben sich wie ein Schleier auf alte Wunden gelegt. Die Jugend hört Popmusik aus Amerika, die Kleidung steht dem Westen in nichts nach und die kriminelle Unterwelt floriert. Die seelischen Verletzungen und Ängste aber sind nach wie vor groß. Ein schonungsloser und packender Blick der Regisseurin auf ihre Heimat und eine Idylle, in der jeder nur ums Überleben kämpft und sich mit kleinen, schönen Momenten über Wasser hält.
A Prairie Home Companion von Robert Altman
Nach dem Debüt ein Veteran: Robert Altman und A Prairie Home Companion. Ein für den Meisterregisseur so typisches Ensemblestück, das weder Drama noch Komödie ist. Das Aufgebot an Spitzenschauspielern – angefangen von Meryl Streep über Woody Harrelson bis hin zu John C. Reilly – vergnügt sich in den Rollen bekannter Country-Stars. Die Geschichte handelt von der legendären Radioshow A Prairie Home Companion, die nach 30 erfolgreichen Jahren plötzlich eingestellt werden soll. Der Kapitalismus und die Fusionswelle haben zugeschlagen und das Theater verkauft. Nun bereitet sich die Crew auf den letzten Abend vor. Dabei kommen Abgründe ans Licht, mit denen niemand gerechnet hätte: Affären, Eifersüchtelein und Intrigen gehörten jahrelang genauso zum Ensemble wie die Künstler selbst. Nach Vorbild der real existierenden Radioshow inszeniert Altmeister Altman eine fiktive Adaption und wagt den Blick hinter die Kulissen von Amerikas gefeierter Radioshow, in der nicht zuletzt Musik eine zentrale Rolle spielt. Dabei passen subtile Gemeinheiten genauso ins Programm wie der ständige nostalgische Blick zurück in die Vergangenheit, in der alles besser war. Ein unterhaltsamer und klassischer Altman – ein Genuss für Augen und Ohren.
Wu Ji / The Promise von Chen Kaige
Einziger enttäuschender Beitrag im heutigen Wettbewerb ist Chen Kaiges Martial-Arts-Epos Wu Ji / The Promise. Der 35-Millionen US-Dollar teure chinesische Blockbuster, und damit kostspieligste chinesische Film aller Zeiten, handelt von der Liebe zwischen der königlichen Konkubine Qingcheng und einem Sklaven, die gemeinsam in den Kampf gegen das ihnen vorherbestimmte Schicksal ziehen. Die Konkubine ging einst als armes, verwaistes Mädchen mit einer Zauberin den Handel ein, der beinhaltete, dass sie für ein Leben in Reichtum und Glanz nie mit dem Mann ihres Herzens vereint sein kann. Alle ihre Liebschaften endeten daraufhin in einer Tragödie. Als ein Sklave eines Tages ihr Leben rettet und sich in sie verliebt, muss der Bann des einstigen Zaubers gebrochen werden. Das aufwendig produzierte Fantasy-Spektakel strotzt nur so von grellen, herausgeputzten, geschmacklosen Bildern. Ausstattung und digitale Effekte geben sich derartig halbherzig und auch die Story an sich hat wenig Tiefgang. Leider ist Wu Ji / The Promise ein klarer Fall von Zelluloidverschwendung. Es ist anzunehmen, dass sich bei diesem Film die Geister scheiden – im Heimatland China war er immerhin überaus erfolgreich, und hat bislang 17,5-Millionen US-Dollar eingespielt.
(Gesine Grassel / Katrin Knauth)
Die Filme sind noch in folgenden Vorstellungen zu sehen:
Grbavica
Mo 13.02., 09:30 Uhr, Urania
Mo 13.02., 20:00 Uhr, International
Mo 13.02., 23:30 Uhr, Urania
A Prairie Home Companion
Mo 13.02., 12:00 Uhr, Urania
Mo 13.02., 18:30 Uhr, Urania
Mo 13.02., 22:30 Uhr, International
So 19.02., 10:00 Uhr Berlinale Palast
Wu Ji / The Promise
Mo 13.02.,15:00 Uhr, Urania
Mo 13.02., 21:00 Urania
Mi 15.02., 23:00 International
Grbavica von Jasmila Zbanic
Gleich richtig zur Sache ging es in Grbavica, dem Spielfilmdebüt der bosnischen Dokumentarfilmerin Jasmila Zbanic, die nach ihren Filmen Rote Gummistiefel und Do you remember Sarajevo erneut das Thema ihrer Heimat und Vergangenheit aufgreift. Die allein erziehende Mutter Esma lebt mit ihrer 12-jährigen Tochter Sara in Grbavica, einem Stadtteil von Sarajewo. Der Krieg ist seit einigen Jahren vorbei und der Wiederaufbau weit fortgeschritten. Die Menschen aber leiden noch immer. Weil Esma mit der staatlichen finanziellen Unterstützung nicht über die Runden kommt, nimmt sie einen Job als Kellnerin in einem Nachtclub an. Traumatisiert vom Krieg lernt sie mit ihrem Kollegen Pelda einen verständnisvollen und mitfühlenden Freund kennen. Schnell kommen sich die beiden näher, was Tochter Sara überhaupt nicht gefällt. Es kommt zum Streit, als Esma ihrer Tochter von der wahren Existenz ihres Vaters erzählt. Die jahrelange Lüge, dass er als Märtyrer für das geliebte Land gestorben sei, kann Esma nicht länger aufrecht erhalten. Die Wahrheit bringt Angst und Vergangenheit ans Licht, die besser hätte ruhen sollen. Grbavica ist großes Sozialkino. Eine Milieustudie, die eine zerrissene und vom Krieg gezeichnete Generation portraitiert. Die Zeit und ihre Veränderungen haben sich wie ein Schleier auf alte Wunden gelegt. Die Jugend hört Popmusik aus Amerika, die Kleidung steht dem Westen in nichts nach und die kriminelle Unterwelt floriert. Die seelischen Verletzungen und Ängste aber sind nach wie vor groß. Ein schonungsloser und packender Blick der Regisseurin auf ihre Heimat und eine Idylle, in der jeder nur ums Überleben kämpft und sich mit kleinen, schönen Momenten über Wasser hält.
A Prairie Home Companion von Robert Altman
Nach dem Debüt ein Veteran: Robert Altman und A Prairie Home Companion. Ein für den Meisterregisseur so typisches Ensemblestück, das weder Drama noch Komödie ist. Das Aufgebot an Spitzenschauspielern – angefangen von Meryl Streep über Woody Harrelson bis hin zu John C. Reilly – vergnügt sich in den Rollen bekannter Country-Stars. Die Geschichte handelt von der legendären Radioshow A Prairie Home Companion, die nach 30 erfolgreichen Jahren plötzlich eingestellt werden soll. Der Kapitalismus und die Fusionswelle haben zugeschlagen und das Theater verkauft. Nun bereitet sich die Crew auf den letzten Abend vor. Dabei kommen Abgründe ans Licht, mit denen niemand gerechnet hätte: Affären, Eifersüchtelein und Intrigen gehörten jahrelang genauso zum Ensemble wie die Künstler selbst. Nach Vorbild der real existierenden Radioshow inszeniert Altmeister Altman eine fiktive Adaption und wagt den Blick hinter die Kulissen von Amerikas gefeierter Radioshow, in der nicht zuletzt Musik eine zentrale Rolle spielt. Dabei passen subtile Gemeinheiten genauso ins Programm wie der ständige nostalgische Blick zurück in die Vergangenheit, in der alles besser war. Ein unterhaltsamer und klassischer Altman – ein Genuss für Augen und Ohren.
Wu Ji / The Promise von Chen Kaige
Einziger enttäuschender Beitrag im heutigen Wettbewerb ist Chen Kaiges Martial-Arts-Epos Wu Ji / The Promise. Der 35-Millionen US-Dollar teure chinesische Blockbuster, und damit kostspieligste chinesische Film aller Zeiten, handelt von der Liebe zwischen der königlichen Konkubine Qingcheng und einem Sklaven, die gemeinsam in den Kampf gegen das ihnen vorherbestimmte Schicksal ziehen. Die Konkubine ging einst als armes, verwaistes Mädchen mit einer Zauberin den Handel ein, der beinhaltete, dass sie für ein Leben in Reichtum und Glanz nie mit dem Mann ihres Herzens vereint sein kann. Alle ihre Liebschaften endeten daraufhin in einer Tragödie. Als ein Sklave eines Tages ihr Leben rettet und sich in sie verliebt, muss der Bann des einstigen Zaubers gebrochen werden. Das aufwendig produzierte Fantasy-Spektakel strotzt nur so von grellen, herausgeputzten, geschmacklosen Bildern. Ausstattung und digitale Effekte geben sich derartig halbherzig und auch die Story an sich hat wenig Tiefgang. Leider ist Wu Ji / The Promise ein klarer Fall von Zelluloidverschwendung. Es ist anzunehmen, dass sich bei diesem Film die Geister scheiden – im Heimatland China war er immerhin überaus erfolgreich, und hat bislang 17,5-Millionen US-Dollar eingespielt.
(Gesine Grassel / Katrin Knauth)
Die Filme sind noch in folgenden Vorstellungen zu sehen:
Grbavica
Mo 13.02., 09:30 Uhr, Urania
Mo 13.02., 20:00 Uhr, International
Mo 13.02., 23:30 Uhr, Urania
A Prairie Home Companion
Mo 13.02., 12:00 Uhr, Urania
Mo 13.02., 18:30 Uhr, Urania
Mo 13.02., 22:30 Uhr, International
So 19.02., 10:00 Uhr Berlinale Palast
Wu Ji / The Promise
Mo 13.02.,15:00 Uhr, Urania
Mo 13.02., 21:00 Urania
Mi 15.02., 23:00 International
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