Berlinale 2006 - Der siebte Tag im Internationalen Forum und im Panorama
Kinostart:
01.01.2006
Little Red Flowers / Kan Shang Qu Hen Mei von Zhang Yuan (Panorama)
Ein kleiner Junge tritt splitternackt in einer eiskalten Nacht in den Schnee und pinkelt. Das darf er nicht. Schließlich ist er ein kleines Kerlchen von gerade mal vier Jahren, das in einem streng organisierten Pekinger Kindergarten untergebracht ist und sich an gewisse Regeln halten muss. Das tut er aber nicht. Wir befinden uns hier in Zhang Yuans Panorama-Beitrag Little Red Flowers / Kan Shang Qu Hen Mei – einer Tragikomödie, die im China der 1940er Jahre spielt, nachdem die kommunistische Revolution vorüber war. Doch der zeitliche Rahmen ist nicht wirklich von Bedeutung, die Geschichte um den jungen Qiang hätte auch gut in der heutigen Zeit spielen können. Heute wie auch schon damals orientiert sich die Kindererziehung an konfuzianischen Ritualen und den Erhalt der Gruppenharmonie. Im Vordergrund steht nicht die Entfaltung des Einzelnen, denn dieser hat sich reibungslos in das Ganze, die Gesellschaft einzufügen. Querdenker haben es in China besonders schwer. Qiang geht diese Art von Gruppenerziehung jedenfalls völlig gegen den Strich. Gemeinsam mit den anderen aufs Töpfchen gehen – da kann er sich noch die größte Mühe geben, er kann es einfach nicht. Folglich bekommt er auch keine dieser begehrten titelgebenden roten Krepppapierblümchen, die für gutes Betragen vergeben werden. Die Kinder, die immer ordnungsgemäß ihre Hände waschen, keine Bettnässer sind und sich selbständig anziehen haben schon mehrere dieser Blümchen gesammelt. In den Augen seiner Kameraden entpuppt sich Qiang schnell als „Freak“ und auch die leitende Erzieherin behandelt ihn nicht gerade mit Samthandschuhen. Wer nicht hören will, muss fühlen, aber nicht mal Strafe, wie Isolierung, helfen ihn umzuerziehen. Folglich wird er immer offensiver von der Gruppe ausgegrenzt, solange bis er schließlich mutterseelenallein gelassen wird und damit die härteste Strafe überhaupt erleiden muss. Die auf dem halbdokumentarischen Roman Could Be Beautiful von Wang Shuo basierende 14. Regiearbeit von Independent-Filmemacher Zhang Yuan ist trotz dramaturgischer Schwächen eine gelungene Studie über die komplexe Gefühlswelt und den militärisch anmutenden Drill chinesischer Kindererziehung.
We can’t go home again / Bokura wa mo kaerenai von Fujiwara Toshi (Forum)
Ein schönes Kontrastprogramm zum chinesischen Panorama-Film bietet Fujiwara Toshis Debütspielfilm We can’t go home again / Bokura wa mo kaerenai. Der in der Nachbarsektion Forum gezeigte japanische Beitrag ist reine Improvisation. Vollständig mit Laienschauspielern inszeniert, ist ein fast zweistündiges Fragment urbaner Realität entstanden. Tokio, Anfang des 21. Jahrhunderts. Der Zuschauer darf dem Alltagsleben fünf junger Menschen beiwohnen. Da ist die unsichere Mao, Redakteurin eines Verlages für Filmbücher, in dem ebenfalls Yushin als Hilfskraft angestellt ist. Yushin liebt es mit seiner kleinen Filmkamera herumzuziehen, mit der er Atsushi immer von hinten filmt. Der hat wiederum stets eine Polaroidkamera bei sich, mit der er eifrig Fotos von sich knipst. Dann ist da noch Kurumi, eine beleibte Sado-Maso-Mistress und Masato, ein ehemaliger Schulfreund, mit dem sie sich am Wochenende im Park trifft. Fünf junge Drifter, die jeder für sich ihre eigenen Erfahrungen mit dem großstädtischen Leben sammeln. Da wird ständig telefoniert, geraucht, gestritten, ins Kino gegangen. Da gibt es gegenseitige Anschuldigungen, Höflichkeiten, Entschuldigungen, Peinlichkeiten. So unbedeutend dies beim Zuschauen erscheinen mag, so ersichtlich sind diese filmischen Eindrücke bits and pieces der modernen japanischen Kultur und Gesellschaft. Auffällig sind die zahlreichen cinephilen Verweise. Die Protagonisten schauen sich Theo-Angelopoulos-Film an, sprechen über Fritz Lang und Marcello Mastroianni und haben Gus Van Sants „Elephant“-Poster im Zimmer hängen. Yushins Filmen von hinten ist nicht zuletzt nette kleine Hommage an Edward Yangs Yi Yi: A One and a Two. We can’t go home again / Bokura wa mo kaerenai ist eine hübsche kollektive Improvisation, ein bisschen zu lang, ein bisschen zu verwackelt und ein bisschen zu viel John Cassavetes.
Lie With Me von Clement Virgo (Panorama)
Erotisch-sinnlich geht es im kanadischen Panorama-Film Lie With Me zu. David und Leila, ein junges Pärchen in den Mittzwanzigern, führen ein rein auf Sex und Intimitäten basierendes Beziehungsleben. Leila bestimmt dabei die Regeln, die auch andere männliche Partner nicht ausschließen. Mit einem hat sie allerdings nicht gerechnet: Sich in David zu verlieben. Mit dieser emotionalen Ebene kann sie nicht umgehen. Das ist etwas Neues für sie, gegen das sie strikt anzukämpfen versucht. Sex ist eine Kommunikationsform. Sex hat nichts mit Liebe zu tun. Beide fühlen sich einer neuen Herausforderung gestellt und zwar einen Modus zu finden, der Lust und Liebe, aber auch Spontaneität und Substanz nachhaltig miteinander verbindet. Clement Virgos ambitioniertes Sexdrama Lie With Me lässt unweigerlich an Patrice Chéreaus berührenden Film Intimacy denken, in dem es ebenso um aus anonymen Sex weiter gehende Gefühle geht. 2001 wurde er auf der Berlinale als Bester Film ausgezeichnet. Lie With Me ist von dieser Ehrung nur leider ganz weit entfernt. Der eleganten Inszenierung Chéreaus steht eine eher abgedroschene Darbietung Virgos gegenüber.
(Katrin Knauth)
Die Filme sind noch in folgenden Vorstellungen zu sehen:
Little Red Flowers / Kan Shang Qu Hen Mei
Do 16.02., 11:00 Uhr, CinemaxX 7
Fr 17.02., 13:00 Uhr, CineStar 3
We can’t go home again / Bokura wa mo kaerenai
Fr 17.02., 19:45 Uhr, Arsenal 1
Lie With Me
Sa 18.02., 22:30 Uhr, Colosseum 1
Ein kleiner Junge tritt splitternackt in einer eiskalten Nacht in den Schnee und pinkelt. Das darf er nicht. Schließlich ist er ein kleines Kerlchen von gerade mal vier Jahren, das in einem streng organisierten Pekinger Kindergarten untergebracht ist und sich an gewisse Regeln halten muss. Das tut er aber nicht. Wir befinden uns hier in Zhang Yuans Panorama-Beitrag Little Red Flowers / Kan Shang Qu Hen Mei – einer Tragikomödie, die im China der 1940er Jahre spielt, nachdem die kommunistische Revolution vorüber war. Doch der zeitliche Rahmen ist nicht wirklich von Bedeutung, die Geschichte um den jungen Qiang hätte auch gut in der heutigen Zeit spielen können. Heute wie auch schon damals orientiert sich die Kindererziehung an konfuzianischen Ritualen und den Erhalt der Gruppenharmonie. Im Vordergrund steht nicht die Entfaltung des Einzelnen, denn dieser hat sich reibungslos in das Ganze, die Gesellschaft einzufügen. Querdenker haben es in China besonders schwer. Qiang geht diese Art von Gruppenerziehung jedenfalls völlig gegen den Strich. Gemeinsam mit den anderen aufs Töpfchen gehen – da kann er sich noch die größte Mühe geben, er kann es einfach nicht. Folglich bekommt er auch keine dieser begehrten titelgebenden roten Krepppapierblümchen, die für gutes Betragen vergeben werden. Die Kinder, die immer ordnungsgemäß ihre Hände waschen, keine Bettnässer sind und sich selbständig anziehen haben schon mehrere dieser Blümchen gesammelt. In den Augen seiner Kameraden entpuppt sich Qiang schnell als „Freak“ und auch die leitende Erzieherin behandelt ihn nicht gerade mit Samthandschuhen. Wer nicht hören will, muss fühlen, aber nicht mal Strafe, wie Isolierung, helfen ihn umzuerziehen. Folglich wird er immer offensiver von der Gruppe ausgegrenzt, solange bis er schließlich mutterseelenallein gelassen wird und damit die härteste Strafe überhaupt erleiden muss. Die auf dem halbdokumentarischen Roman Could Be Beautiful von Wang Shuo basierende 14. Regiearbeit von Independent-Filmemacher Zhang Yuan ist trotz dramaturgischer Schwächen eine gelungene Studie über die komplexe Gefühlswelt und den militärisch anmutenden Drill chinesischer Kindererziehung.
We can’t go home again / Bokura wa mo kaerenai von Fujiwara Toshi (Forum)
Ein schönes Kontrastprogramm zum chinesischen Panorama-Film bietet Fujiwara Toshis Debütspielfilm We can’t go home again / Bokura wa mo kaerenai. Der in der Nachbarsektion Forum gezeigte japanische Beitrag ist reine Improvisation. Vollständig mit Laienschauspielern inszeniert, ist ein fast zweistündiges Fragment urbaner Realität entstanden. Tokio, Anfang des 21. Jahrhunderts. Der Zuschauer darf dem Alltagsleben fünf junger Menschen beiwohnen. Da ist die unsichere Mao, Redakteurin eines Verlages für Filmbücher, in dem ebenfalls Yushin als Hilfskraft angestellt ist. Yushin liebt es mit seiner kleinen Filmkamera herumzuziehen, mit der er Atsushi immer von hinten filmt. Der hat wiederum stets eine Polaroidkamera bei sich, mit der er eifrig Fotos von sich knipst. Dann ist da noch Kurumi, eine beleibte Sado-Maso-Mistress und Masato, ein ehemaliger Schulfreund, mit dem sie sich am Wochenende im Park trifft. Fünf junge Drifter, die jeder für sich ihre eigenen Erfahrungen mit dem großstädtischen Leben sammeln. Da wird ständig telefoniert, geraucht, gestritten, ins Kino gegangen. Da gibt es gegenseitige Anschuldigungen, Höflichkeiten, Entschuldigungen, Peinlichkeiten. So unbedeutend dies beim Zuschauen erscheinen mag, so ersichtlich sind diese filmischen Eindrücke bits and pieces der modernen japanischen Kultur und Gesellschaft. Auffällig sind die zahlreichen cinephilen Verweise. Die Protagonisten schauen sich Theo-Angelopoulos-Film an, sprechen über Fritz Lang und Marcello Mastroianni und haben Gus Van Sants „Elephant“-Poster im Zimmer hängen. Yushins Filmen von hinten ist nicht zuletzt nette kleine Hommage an Edward Yangs Yi Yi: A One and a Two. We can’t go home again / Bokura wa mo kaerenai ist eine hübsche kollektive Improvisation, ein bisschen zu lang, ein bisschen zu verwackelt und ein bisschen zu viel John Cassavetes.
Lie With Me von Clement Virgo (Panorama)
Erotisch-sinnlich geht es im kanadischen Panorama-Film Lie With Me zu. David und Leila, ein junges Pärchen in den Mittzwanzigern, führen ein rein auf Sex und Intimitäten basierendes Beziehungsleben. Leila bestimmt dabei die Regeln, die auch andere männliche Partner nicht ausschließen. Mit einem hat sie allerdings nicht gerechnet: Sich in David zu verlieben. Mit dieser emotionalen Ebene kann sie nicht umgehen. Das ist etwas Neues für sie, gegen das sie strikt anzukämpfen versucht. Sex ist eine Kommunikationsform. Sex hat nichts mit Liebe zu tun. Beide fühlen sich einer neuen Herausforderung gestellt und zwar einen Modus zu finden, der Lust und Liebe, aber auch Spontaneität und Substanz nachhaltig miteinander verbindet. Clement Virgos ambitioniertes Sexdrama Lie With Me lässt unweigerlich an Patrice Chéreaus berührenden Film Intimacy denken, in dem es ebenso um aus anonymen Sex weiter gehende Gefühle geht. 2001 wurde er auf der Berlinale als Bester Film ausgezeichnet. Lie With Me ist von dieser Ehrung nur leider ganz weit entfernt. Der eleganten Inszenierung Chéreaus steht eine eher abgedroschene Darbietung Virgos gegenüber.
(Katrin Knauth)
Die Filme sind noch in folgenden Vorstellungen zu sehen:
Little Red Flowers / Kan Shang Qu Hen Mei
Do 16.02., 11:00 Uhr, CinemaxX 7
Fr 17.02., 13:00 Uhr, CineStar 3
We can’t go home again / Bokura wa mo kaerenai
Fr 17.02., 19:45 Uhr, Arsenal 1
Lie With Me
Sa 18.02., 22:30 Uhr, Colosseum 1
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