Berlinale 2006 - Der siebte Tag des Wettbewerbs: Sehnsucht, Romanzo Criminale und Candy
Kinostart:
01.01.2006
Viel feiern und Party machen sollte man bei der Berlinale 2006 tunlichst vermeiden. Zumindest dann, wenn man den Wettbewerb verfolgen will. Jeder noch so kleine Anfall von Müdigkeit wird konsequent bestraft und die Filme tun ihren Teil dazu, dass manchmal mehrere Zuschauer synchron schnarchen. Auffällig wenig Spannung und Dramatik ist zu sehen auf der 56. Berlinale. Die Kritiker und Zuschauer werden in diesem Jahr zu Voyeuristen und Beobachtern von Charakteren und deren Problemen.
Sehnsucht von Valeska Grisebach
Der siebte Wettbewerbstag startete mit Valeska Grisebachs Sehnsucht, dem dritten deutschen Wettbewerbsbeitrag. Ein starker, aber ruhiger Film, der für müde Geister wahrlich eine Herausforderung darstellt. In Sehnsucht erzählt die Regisseurin die Liebesgeschichte zwischen Ella und Markus. In dokumentarischem Stil inszeniert, verlegt sie den Schauplatz des Geschehens in ein 200-Seelen-Dorf in Brandenburg. Das junge Paar, gespielt von Laiendarstellern, ist seit seiner Kindheit befreundet und unzertrennlich. Sie schwören sich beide ewige Liebe und das kleine provinzielle Leben scheint perfekt. Als Markus mit seinen Kollegen der Freiwilligen Feuerwehr eine befreundete Station besucht und sich beim feucht-fröhlichen Abend in eine Kellnerin verliebt, gerät die Welt mit allen persönlichen und sozialen Gefügen ins Wanken. Der schönste Satz des Filmes stammt von einem dicklichen, pubertären Teenager: „Schicksal ist das, was man nicht ändern kann“. Genauso verpackt die Regisseurin den Film. Sie zeigt Markus hin und her gerissen, einen Mann, der immer alles richtig machen wollte. Der akribische und liebevolle Blick in die ostdeutsche Provinz ergibt eine Milieustudie, die sehenswert ist und unterhält. Leider sind manche bedeutungsschwere Szenen schlichtweg zu lang. In diesen Momenten verliert sich der Film in den Bildern und deren Bedeutung. Das Wort „lang“ stammt zweifelsohne von „Langeweile“, und dieser wird sich bei diesem stillen und angenehm unspektakulären Film leider kaum jemand entziehen können.
Romanzo Criminale von Michele Placido
Spritziger, flotter und spannender ging es danach beim italienischen Beitrag Romanzo Criminale zu. Der Regisseur Michele Placido ist in seiner Heimat ein gefeierter Fernsehstar, der jahrelang als Kommissar Allein gegen die Mafia kämpfte. Nun hat er die Seiten gewechselt und steht hinter der Kamera. Erfahrungen in der Branche kann man ihm beim besten Willen nicht absprechen. Der Mafiafilm basiert zwar auf einem Roman des italienischen Richters Giancarlo De Cataldo, doch die individuelle Handschrift Placidos ist nicht zu übersehen. Erzählt werden Aufstieg und Fall einer Gruppe Kleinkrimineller, die auf brutale Weise den Heroinhandel in Rom unter ihre Kontrolle bekommen will. Das erwirtschaftete Geld investieren die Ganoven in illegale Geschäfte, Polizei und Politik halten sie mit Auftragstaten bei Laune. Das Gangster-Drama umfasst einen Zeitraum von 25 Jahren und zeigt alles Negative, was die kriminellen Organisationen des Landes ausmachen: Terrorismus, Entführungen und Korruption bis in die höchsten Regierungsetagen sind bis heute düstere Kapitel der italienischen Geschichte. Romanzo Criminale ist packend erzählt, macht Spaß und fällt mit seinem temporeichen Stil im Wettbewerb auf.
Candy von Neil Armfield
Der dritte Beitrag orientierte sich im Gegensatz zu italienischen Kleinkriminellen mehr am populären Kino für alle Altersgruppen. In den Hauptrollen des Drogen-Dramas Candy sind mit Heath Ledger (Brokeback Mountain) und Abbie Cornish (Somersault) zwei Schauspieler am Werk, die ihren Job überzeugend und aus Leidenschaft machen. So was kommt an beim Publikum. Neil Armfield erzählt die Geschichte eines jungen Paares, das durch Heroin das eigene Leben und die gemeinsame Beziehung in Sachen Intensität und Leidenschaft bis zum Gipfel steigern will. Dan und Candy scheint nichts trennen zu können, sie leben in ihrer eigenen, von anderen abgeschlossenen Welt. Doch die Sucht und damit verbundenen Probleme holen sie immer mehr ein, bis sich ihr gesamter Lebensinhalt nur noch um Geld und Drogen dreht. Die geschworene und gelebte Leidenschaft weicht einem Alptraum aus seelischer Grausamkeit. Der australische Wettbewerbsbeitrag zeigt zwei Menschen am Rande des Abgrunds.
Zweimal tief berührt und einmal gut unterhalten geht der regnerische Wettbewerbstag zu Ende. Noch sechs Filme bis zur Entscheidung der Jury, mit der langsam niemand mehr tauschen möchte.
(Gesine Grassel)
Die Filme sind noch in folgenden Vorstellungen zu sehen:
Sehnsucht
Do, 16.02, 09:30, Urania
Do, 16.02, 21:00 Uhr, Urania
So, 19.02., 20:00 Uhr, International
Romanzo Criminale
Do, 16.02, 12:00 Uhr, Urania
Do, 16.02, 15:00 Uhr, Urania
So, 19.02., 15:00 Uhr, Urania
Candy
Do, 16.02., 18:30 Uhr, Urania
Do, 16.02., 20:00 Uhr, International
Do, 16.02., 23:30 Uhr, Urania
So, 19.02, 22:30 Uhr, Berlinale Palast
Sehnsucht von Valeska Grisebach
Der siebte Wettbewerbstag startete mit Valeska Grisebachs Sehnsucht, dem dritten deutschen Wettbewerbsbeitrag. Ein starker, aber ruhiger Film, der für müde Geister wahrlich eine Herausforderung darstellt. In Sehnsucht erzählt die Regisseurin die Liebesgeschichte zwischen Ella und Markus. In dokumentarischem Stil inszeniert, verlegt sie den Schauplatz des Geschehens in ein 200-Seelen-Dorf in Brandenburg. Das junge Paar, gespielt von Laiendarstellern, ist seit seiner Kindheit befreundet und unzertrennlich. Sie schwören sich beide ewige Liebe und das kleine provinzielle Leben scheint perfekt. Als Markus mit seinen Kollegen der Freiwilligen Feuerwehr eine befreundete Station besucht und sich beim feucht-fröhlichen Abend in eine Kellnerin verliebt, gerät die Welt mit allen persönlichen und sozialen Gefügen ins Wanken. Der schönste Satz des Filmes stammt von einem dicklichen, pubertären Teenager: „Schicksal ist das, was man nicht ändern kann“. Genauso verpackt die Regisseurin den Film. Sie zeigt Markus hin und her gerissen, einen Mann, der immer alles richtig machen wollte. Der akribische und liebevolle Blick in die ostdeutsche Provinz ergibt eine Milieustudie, die sehenswert ist und unterhält. Leider sind manche bedeutungsschwere Szenen schlichtweg zu lang. In diesen Momenten verliert sich der Film in den Bildern und deren Bedeutung. Das Wort „lang“ stammt zweifelsohne von „Langeweile“, und dieser wird sich bei diesem stillen und angenehm unspektakulären Film leider kaum jemand entziehen können.
Romanzo Criminale von Michele Placido
Spritziger, flotter und spannender ging es danach beim italienischen Beitrag Romanzo Criminale zu. Der Regisseur Michele Placido ist in seiner Heimat ein gefeierter Fernsehstar, der jahrelang als Kommissar Allein gegen die Mafia kämpfte. Nun hat er die Seiten gewechselt und steht hinter der Kamera. Erfahrungen in der Branche kann man ihm beim besten Willen nicht absprechen. Der Mafiafilm basiert zwar auf einem Roman des italienischen Richters Giancarlo De Cataldo, doch die individuelle Handschrift Placidos ist nicht zu übersehen. Erzählt werden Aufstieg und Fall einer Gruppe Kleinkrimineller, die auf brutale Weise den Heroinhandel in Rom unter ihre Kontrolle bekommen will. Das erwirtschaftete Geld investieren die Ganoven in illegale Geschäfte, Polizei und Politik halten sie mit Auftragstaten bei Laune. Das Gangster-Drama umfasst einen Zeitraum von 25 Jahren und zeigt alles Negative, was die kriminellen Organisationen des Landes ausmachen: Terrorismus, Entführungen und Korruption bis in die höchsten Regierungsetagen sind bis heute düstere Kapitel der italienischen Geschichte. Romanzo Criminale ist packend erzählt, macht Spaß und fällt mit seinem temporeichen Stil im Wettbewerb auf.
Candy von Neil Armfield
Der dritte Beitrag orientierte sich im Gegensatz zu italienischen Kleinkriminellen mehr am populären Kino für alle Altersgruppen. In den Hauptrollen des Drogen-Dramas Candy sind mit Heath Ledger (Brokeback Mountain) und Abbie Cornish (Somersault) zwei Schauspieler am Werk, die ihren Job überzeugend und aus Leidenschaft machen. So was kommt an beim Publikum. Neil Armfield erzählt die Geschichte eines jungen Paares, das durch Heroin das eigene Leben und die gemeinsame Beziehung in Sachen Intensität und Leidenschaft bis zum Gipfel steigern will. Dan und Candy scheint nichts trennen zu können, sie leben in ihrer eigenen, von anderen abgeschlossenen Welt. Doch die Sucht und damit verbundenen Probleme holen sie immer mehr ein, bis sich ihr gesamter Lebensinhalt nur noch um Geld und Drogen dreht. Die geschworene und gelebte Leidenschaft weicht einem Alptraum aus seelischer Grausamkeit. Der australische Wettbewerbsbeitrag zeigt zwei Menschen am Rande des Abgrunds.
Zweimal tief berührt und einmal gut unterhalten geht der regnerische Wettbewerbstag zu Ende. Noch sechs Filme bis zur Entscheidung der Jury, mit der langsam niemand mehr tauschen möchte.
(Gesine Grassel)
Die Filme sind noch in folgenden Vorstellungen zu sehen:
Sehnsucht
Do, 16.02, 09:30, Urania
Do, 16.02, 21:00 Uhr, Urania
So, 19.02., 20:00 Uhr, International
Romanzo Criminale
Do, 16.02, 12:00 Uhr, Urania
Do, 16.02, 15:00 Uhr, Urania
So, 19.02., 15:00 Uhr, Urania
Candy
Do, 16.02., 18:30 Uhr, Urania
Do, 16.02., 20:00 Uhr, International
Do, 16.02., 23:30 Uhr, Urania
So, 19.02, 22:30 Uhr, Berlinale Palast
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