Berlinale 2006 - Der neunte und letzte Tage des Wettbewerbs: Offside, Requiem und Capote
Kinostart:
01.01.2006
Neun ereignisreiche Tage Berlinale liegen hinter den tausenden Besuchern der 56. Berliner Filmfestspiele. Am Abschlusstag wird mit Sam Peckinpahs Pat Garrett & Billy the Kid: The Special Edition ein Abschlussfilm gezeigt, der mit den anderen 26 Beiträgen nicht viel gemein hat. Der Western-Klassiker und Abgesang auf dieses Filmgenre aus dem Jahr 1972 erzählt die Verfolgung eines zum Sheriff beförderten Revolverhelden, der sich an einem früheren Weggefährten rächen will. Der Film wurde mit digitaler Technik restauriert und läuft als Director’s Cut außer Konkurrenz. Damit rundet er das diesjährige Wettbewerbsprogramm auf ungewöhnliche Weise ab, das so manche Überraschung, aber auch viele Enttäuschungen auf die Leinwand zauberte.
Der letzte Wettbewerbstag hatte sich mit allen Wassern gewaschen, was ganz im wörtlichen Sinne zu verstehen ist. In Berlin schüttete es aus Kübeln und die drei Filme waren in ihrer Zusammenstellung zum Heulen - im positiven Sinne. Die eine oder andere Freudenträne konnte man sich nicht verkneifen, denn die Beiträge Offside, Requiem und Capote begeisterten. Endlich Filme, nach denen der Applaus nicht nur mitleidig, sondern herzlich bis hin zu begeistert anschwoll.
Offside von Jafar Panahi
Den Auftakt machte der iranische Regisseur Jafar Panahi, der sich, passend zum WM-Jahr 2006, mit dem Thema fußballverrückter Frauen in seinem Land beschäftigt. Offside erzählt die Geschichte eines Fußballspieles der iranischen Nationalmannschaft. Gewinnen die elf Kicker, fahren sie zur Weltmeisterschaft nach Deutschland. Dementsprechend fanatisch und aufgeheizt ist die Stimmung unter den tausenden Fans. Panahi konzentriert sich aber nicht auf die Geschehnisse auf dem Spielfeld, sondern begleitet eine Gruppe iranischer Frauen, die um jeden Preis ins Stadion und zum Spiel wollen. Das ist ihnen nach geltenden Gesetzen strikt untersagt und so müssen sie sich eine Menge einfallen lassen, um an den Wächtern und Kontrollen vorbei zu kommen. Als Jungen verkleidet versuchen sie sich Zugang zu verschaffen, doch alle Mühe hilft nicht: Die Frauen werden entdeckt und festgenommen. Was nun für sie folgt, sind neben 90 quälenden Minuten hinter einer Sichtschutzmauer auch die gerichtliche Verfolgung. Der Film beweist auf eine berührende Art, was für verbindende und übergreifende Wirkung dieser Sport haben kann. Am Ende tanzen Männer und Frauen gemeinsam auf der Straße und feiern den Erfolg ihres Teams. Ein politischer und bewegender Film über die Macht des Fußballs, die gesellschaftliche Entwicklung und verschwimmende Geschlechterrollen im Iran. Ein Film, der nicht nur wegen der WM in Deutschland zur richtigen Zeit kommt. Mit Offside gibt der Regisseur einem im Westen unbekannten Volk ein Gesicht und nimmt Ängste und Vorurteile. Wenn der Sport weiterhin so verbindet, ist Deutschland in den Wochen der WM ausnahmslos im Freudentaumel.
Requiem von Hans-Christian Schmid
Alles andere als Freude inszenierte Hans-Christian Schmid in Requiem. Ein Film, der keine wahre Begebenheit nachstellt, aber aus authentischem Material zusammengesetzt ist. Die junge Studentin Michaela verlässt ihr streng katholisches Elternhaus, um an der Universität Tübingen ein Studium zu beginnen. Sie genießt ihre Freiheiten, findet sogar einen Freund. Mehr und mehr fühlt sie sich jedoch von inneren Stimmen verfolgt, die sie nicht mehr loslassen. Sie glaubt schließlich, von Dämonen besessen zu sein und sucht Hilfe beim Priester. Doch weder dieser noch die streng gläubigen Eltern erkennen, dass die junge Studentin psychisch krank ist. Statt ihre Epilepsie weiter zu verfolgen, wird ihr der Stempel Exorzismus aufgedrückt. Auf grausame Art und Weise versuchen die Eltern ihrer Tochter den Teufel auszutreiben, was tödliche Folgen hat. Schmid, der schon mit Lichter ein packendes gesellschaftliches Drama inszenierte, zeigt eine problembelastete Familie, in der alles andere als Nächstenliebe herrscht. Besonders die Beziehung Michaelas zu ihren Eltern ist speziell und heikel. Mit einer unglaublichen Sorgfalt für Ort, Zeit und Atmosphäre des Films schafft es der Regisseur trotz einiger Längen und Grausamkeit der Handlung den Zuschauer zu fesseln. Am Ende bleibt die Frage, ob nicht die eigene Umgebung die junge Frau krank gemacht hat. In einer starken Schlusssequenz entlädt sich die Spannung.
Capote von Bennett Miller
Nach diesem destruktiven Charakter kam er, Erfolgsautor Truman Capote, gespielt von einem überragenden Philip Seymour Hoffman. Vom wahren Verlauf der Geschehnisse inspiriert erzählt Regisseur Bennett Miller in Capote dessen Geschichte. November 1959: Nach dem Erfolg seines Romans Frühstück bei Tiffany liegen Truman Capote die New Yorker Literaturszene und die schillernde Oberschicht zu Füßen. Truman, ein schüchterner und unauffälliger Schriftsteller Anfang 40, aalt sich in seinem Erfolg. Der Artikel eines Kollegen in der New York Times fesselt den Schriftsteller. Eine vierköpfige Familie ist in Kansas kaltblütig und auf brutalste Weise ermordet worden. Ein Aufsehen erregender Mordfall, dessen Verlauf und Aufklärung Trumans nächster großer Artikel in der Times werden soll. Zusammen mit seiner Freundin und künstlerischen Muse Harper Lee macht er sich auf den Weg in die Provinz, wo das Verbrechen seinen Lauf nahm. Spontan beschließt der immer fasziniertere Capote den Artikel auf ein ganzes Buch auszudehnen. Im Laufe der Zeit wird der Fall zur Obsession. Dabei kommt der Tatverdächtige Perry Smith, ein überaus intelligenter und kaltherziger Einwanderersohn, Capote näher als dieser zugibt. Die beiden beginnen ein verwirrendes Katz-und-Maus-Spiel, bei dem am Ende nicht mehr erkennbar ist, wer am längeren Hebel sitzt. Ein fesselndes und meisterhaft inszeniertes Drama, das nur außer Konkurrenz zu sehen war, aber spätestens bei den Academy Awards abräumen wird.
Die Bilanz des diesjährigen Wettbewerbs ist zwiespältig. Zu viele belanglose Filme, kaum großes Kino. Meine persönlichen Favoriten sind Michael Winterbottoms The Road to Guantanamo, Robert Altmans A Prairie Home Companion und Hans-Christian Schmids Requiem. Außenseiterchancen haben Jafar Panahis Offside, Jasmila Zbanics Grbavica und Claude Chabrols L’ivresse du Pouvoir.
Viel ist gesprochen worden von den vier deutsche Beiträgen, doch diese waren in ihrer Gesamtheit eher enttäuschend. Einzig Jürgen Vogel mit seiner Rolle in Der Freie Wille und Sandra Hüller als psychisch kranke Michaela in Requiem können sich berechtigte Hoffnung auf einen Silbernen Bären als Beste Darsteller machen. Die Jury tagt, bald wissen wir mehr.
(Gesine Grassel)
Die Filme sind noch in folgenden Vorstellungen zu sehen:
Pat Garrett & Billy the Kid: The Special Edition
Sa 18.02. 19:00 Berlinale Palast
So 19.02. 09:30 Urania
So 19.02. 16:30 Berlinale Palast
Offside
Sa 18.02., 09:30 Uhr, Urania
Sa 18.02., 20:00 Uhr, International
Sa 18.02., 23:30 Uhr, Urania
Requiem
Fr 17.02., 19:30 Uhr, Berlinale Palast
Sa 18.02., 12:00 Uhr, Urania
Sa 18.02., 18:30 Uhr, Urania
Sa 18.02., 22:30 Uhr, International
Capote
Fr 17.02., 22:30 Uhr, Berlinale Palast
Sa 18.02., 15:00 Uhr, Urania
Sa 18.02., 21:00 Uhr, Urania
Der letzte Wettbewerbstag hatte sich mit allen Wassern gewaschen, was ganz im wörtlichen Sinne zu verstehen ist. In Berlin schüttete es aus Kübeln und die drei Filme waren in ihrer Zusammenstellung zum Heulen - im positiven Sinne. Die eine oder andere Freudenträne konnte man sich nicht verkneifen, denn die Beiträge Offside, Requiem und Capote begeisterten. Endlich Filme, nach denen der Applaus nicht nur mitleidig, sondern herzlich bis hin zu begeistert anschwoll.
Offside von Jafar Panahi
Den Auftakt machte der iranische Regisseur Jafar Panahi, der sich, passend zum WM-Jahr 2006, mit dem Thema fußballverrückter Frauen in seinem Land beschäftigt. Offside erzählt die Geschichte eines Fußballspieles der iranischen Nationalmannschaft. Gewinnen die elf Kicker, fahren sie zur Weltmeisterschaft nach Deutschland. Dementsprechend fanatisch und aufgeheizt ist die Stimmung unter den tausenden Fans. Panahi konzentriert sich aber nicht auf die Geschehnisse auf dem Spielfeld, sondern begleitet eine Gruppe iranischer Frauen, die um jeden Preis ins Stadion und zum Spiel wollen. Das ist ihnen nach geltenden Gesetzen strikt untersagt und so müssen sie sich eine Menge einfallen lassen, um an den Wächtern und Kontrollen vorbei zu kommen. Als Jungen verkleidet versuchen sie sich Zugang zu verschaffen, doch alle Mühe hilft nicht: Die Frauen werden entdeckt und festgenommen. Was nun für sie folgt, sind neben 90 quälenden Minuten hinter einer Sichtschutzmauer auch die gerichtliche Verfolgung. Der Film beweist auf eine berührende Art, was für verbindende und übergreifende Wirkung dieser Sport haben kann. Am Ende tanzen Männer und Frauen gemeinsam auf der Straße und feiern den Erfolg ihres Teams. Ein politischer und bewegender Film über die Macht des Fußballs, die gesellschaftliche Entwicklung und verschwimmende Geschlechterrollen im Iran. Ein Film, der nicht nur wegen der WM in Deutschland zur richtigen Zeit kommt. Mit Offside gibt der Regisseur einem im Westen unbekannten Volk ein Gesicht und nimmt Ängste und Vorurteile. Wenn der Sport weiterhin so verbindet, ist Deutschland in den Wochen der WM ausnahmslos im Freudentaumel.
Requiem von Hans-Christian Schmid
Alles andere als Freude inszenierte Hans-Christian Schmid in Requiem. Ein Film, der keine wahre Begebenheit nachstellt, aber aus authentischem Material zusammengesetzt ist. Die junge Studentin Michaela verlässt ihr streng katholisches Elternhaus, um an der Universität Tübingen ein Studium zu beginnen. Sie genießt ihre Freiheiten, findet sogar einen Freund. Mehr und mehr fühlt sie sich jedoch von inneren Stimmen verfolgt, die sie nicht mehr loslassen. Sie glaubt schließlich, von Dämonen besessen zu sein und sucht Hilfe beim Priester. Doch weder dieser noch die streng gläubigen Eltern erkennen, dass die junge Studentin psychisch krank ist. Statt ihre Epilepsie weiter zu verfolgen, wird ihr der Stempel Exorzismus aufgedrückt. Auf grausame Art und Weise versuchen die Eltern ihrer Tochter den Teufel auszutreiben, was tödliche Folgen hat. Schmid, der schon mit Lichter ein packendes gesellschaftliches Drama inszenierte, zeigt eine problembelastete Familie, in der alles andere als Nächstenliebe herrscht. Besonders die Beziehung Michaelas zu ihren Eltern ist speziell und heikel. Mit einer unglaublichen Sorgfalt für Ort, Zeit und Atmosphäre des Films schafft es der Regisseur trotz einiger Längen und Grausamkeit der Handlung den Zuschauer zu fesseln. Am Ende bleibt die Frage, ob nicht die eigene Umgebung die junge Frau krank gemacht hat. In einer starken Schlusssequenz entlädt sich die Spannung.
Capote von Bennett Miller
Nach diesem destruktiven Charakter kam er, Erfolgsautor Truman Capote, gespielt von einem überragenden Philip Seymour Hoffman. Vom wahren Verlauf der Geschehnisse inspiriert erzählt Regisseur Bennett Miller in Capote dessen Geschichte. November 1959: Nach dem Erfolg seines Romans Frühstück bei Tiffany liegen Truman Capote die New Yorker Literaturszene und die schillernde Oberschicht zu Füßen. Truman, ein schüchterner und unauffälliger Schriftsteller Anfang 40, aalt sich in seinem Erfolg. Der Artikel eines Kollegen in der New York Times fesselt den Schriftsteller. Eine vierköpfige Familie ist in Kansas kaltblütig und auf brutalste Weise ermordet worden. Ein Aufsehen erregender Mordfall, dessen Verlauf und Aufklärung Trumans nächster großer Artikel in der Times werden soll. Zusammen mit seiner Freundin und künstlerischen Muse Harper Lee macht er sich auf den Weg in die Provinz, wo das Verbrechen seinen Lauf nahm. Spontan beschließt der immer fasziniertere Capote den Artikel auf ein ganzes Buch auszudehnen. Im Laufe der Zeit wird der Fall zur Obsession. Dabei kommt der Tatverdächtige Perry Smith, ein überaus intelligenter und kaltherziger Einwanderersohn, Capote näher als dieser zugibt. Die beiden beginnen ein verwirrendes Katz-und-Maus-Spiel, bei dem am Ende nicht mehr erkennbar ist, wer am längeren Hebel sitzt. Ein fesselndes und meisterhaft inszeniertes Drama, das nur außer Konkurrenz zu sehen war, aber spätestens bei den Academy Awards abräumen wird.
Die Bilanz des diesjährigen Wettbewerbs ist zwiespältig. Zu viele belanglose Filme, kaum großes Kino. Meine persönlichen Favoriten sind Michael Winterbottoms The Road to Guantanamo, Robert Altmans A Prairie Home Companion und Hans-Christian Schmids Requiem. Außenseiterchancen haben Jafar Panahis Offside, Jasmila Zbanics Grbavica und Claude Chabrols L’ivresse du Pouvoir.
Viel ist gesprochen worden von den vier deutsche Beiträgen, doch diese waren in ihrer Gesamtheit eher enttäuschend. Einzig Jürgen Vogel mit seiner Rolle in Der Freie Wille und Sandra Hüller als psychisch kranke Michaela in Requiem können sich berechtigte Hoffnung auf einen Silbernen Bären als Beste Darsteller machen. Die Jury tagt, bald wissen wir mehr.
(Gesine Grassel)
Die Filme sind noch in folgenden Vorstellungen zu sehen:
Pat Garrett & Billy the Kid: The Special Edition
Sa 18.02. 19:00 Berlinale Palast
So 19.02. 09:30 Urania
So 19.02. 16:30 Berlinale Palast
Offside
Sa 18.02., 09:30 Uhr, Urania
Sa 18.02., 20:00 Uhr, International
Sa 18.02., 23:30 Uhr, Urania
Requiem
Fr 17.02., 19:30 Uhr, Berlinale Palast
Sa 18.02., 12:00 Uhr, Urania
Sa 18.02., 18:30 Uhr, Urania
Sa 18.02., 22:30 Uhr, International
Capote
Fr 17.02., 22:30 Uhr, Berlinale Palast
Sa 18.02., 15:00 Uhr, Urania
Sa 18.02., 21:00 Uhr, Urania
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