Berlinale 2006 - Der dritte Tag im Internationalen Forum und im Panorama

Kinostart: 12.02.2006
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Forum und Panorama widmen sich Alan Berliners Schlaflosigkeit, einer im Koma liegenden Mutter und der sexuellen Begierde einer verträumten Teenagerin.

Wide Awake (Forum): Die schlaflosen Nächte des Alan Berliner
Warme Milch, Marihuana, Akupunktur, Schäfchen zählen - was hat Alan Berliner nicht alles schon ausprobiert, um seinen Einschlafproblemen ein Schnippchen zu schlagen. Die Liste läse sich leicht und lange fortsetzen. Kein Mittelchen, keine Methode, kein Trick vermag gegen seine Schlaflosstörungen Abhilfe schaffen. Sobald er das Licht ausknipst, wird sein Bett zum Schlachtfeld. Dann rauschen ihm die wirrsten Gedanken, Lieder, Bilder durch den Kopf und rauben ihm bis in die frühen Morgenstunden den Schlaf. So sehr er an den Qualen schlafloser Nachtstunden auch tagsüber leidet, so willkommen ist ihm die zusätzliche Zeit, wenn alle anderen schlafen. Dass er gerade dann am produktivsten ist, beweist er mit seinem neuen Dokumentarfilm Wide Awake, mit dem er einen sehr persönlichen Einblick in seine vermeintlich unheilbare Insomnie gibt. Hunderte Filmschnipsel aus alten Schwarz-Weiß-Streifen, Aufnahmen von Arztbesuchen bei Schlafspezialisten, privaten Familiengesprächen, Visualisierungen seiner Träume ergeben ein buntes Potpourri seiner Manie, die längst zur Obsession geworden ist. „Wenn ein Frosch langsam gegart wird, merkt er gar nicht, dass etwas nicht mit ihm stimmt“, ist nur eine von vielen amüsanten Metaphern, die er in seine spritzigen Doku verarbeitet. Mit Wide Awake ist der schlaflose New Yorker Filmemacher bereits zum dritten Mal im Forum der Berlinale vertreten.

The Peter Pan Formula / Peterpan-eui Gongsik (Forum): Im koreanischen Nimmerland
So hellwach Alan Berliner ist, so sehr im Tiefschlaf befindet sich die Mutter des jungen Hansoo in dem koreanischen Beitrag The Peter Pan Formula / Peterpan-eui Gongsik. Nach einem Selbstmordversuch fällt sie ins Koma und ihr Sohn Hansoo ist auf sich allein gestellt. Auch er verliert jegliches Interesse am Leben, das maßgeblich von seinem Schwimmtalent bestimmt wurde. Er widmet sich ganz seiner Mutter, badet und massiert sie, spricht mit ihr, schlägt sein Nachtlager neben ihrem Krankenbett auf. Doch da die Versicherung keinen Schutz für Selbstmordfälle bietet, wird Hansoo vom Krankenhaus zur Kasse gebeten. Seine Plastiktrophäen will ihm keiner abkaufen, der mütterliche Schmuck bringt auch kaum etwas ein. Als auch noch die Schuldeneintreiber vor der Tür stehen, sieht Hansoo keinen anderen Ausweg mehr. Mit einem Baseballschläger ausgerüstet überfällt er randalierend Supermärkte solange bis er das nötige Geld zusammen hat. Spätestens dann fällt auf, dass sein unschuldiges, jugendliches Äußeres über den inneren, zornigen Drachen hinweg täuscht. Unschuldig und sorglos handelt er, ohne Gefühl für Gefahren und Leid. Doch während andere Kinder irgendwann die Lust an imaginären und teilweise gewalttätigen Abenteuern verlässt, wird Hansoo, der Peter Pan im Nimmerland verbleiben und niemals richtig erwachsen werden. Der koreanische Regisseur hat mit seinem ersten abendfüllenden Spielfilm ein eindringliches Teenager-Portrait gedreht, das aufgrund seiner präzisen und zurückhaltenden Bilder noch lange nachwirkt.

Camping Sauvage (Panorama): Aufruhr durch sexuelles Erwachen
Das reife Teenager-Dasein macht auch der 17jährigen Camille in dem französischen Drama Camping Sauvage zu schaffen. Während des Campingurlaubs mit ihren Eltern lernt sie einen weitaus älteren Mann kennen und verliebt sich in ihn. Der Mann, sportlich durchtrainiert, spröde und wortkarg, will von Camilles weiblich jugendlichen Reizen zunächst nichts wissen. Schnell begreift man, dass sein Leben bislang nicht ganz glücklich verlaufen ist und auch die Zukunft eher Unheilvolles bereithält. Camilles sexuelles Verlangen wird ihm zum Verhängnis. Die Blicke und Schwärmereien, die sie ihm zukommen lässt, versucht er hartnäckig abzuweisen. Die Ferienkolonie sieht das jedoch anders und bekennt ihn schuldig - in ihren Augen ist er längst der Geächtete, ohne Camille überhaupt ein einziges Mal berührt zu haben. Da gibt es keine Gnade, kein Mitleid, keine Großherzigkeit – wie wilde Raubtiere stürzen sie sich auf die menschliche Beute. Denis Lavant ist eine grandiose Besetzung für die männliche Hauptfigur. Seine verschlossene und zurückhaltende Art konnte man ebenso schön in dem Fremdenlegionärsfilm Beau Travail von Claire Denis bewundern. Die Regisseure Christophe Ali und Nicolas Bonhilauri haben ihn in ihrem zweiten Spielfilm auch genau die Rolle gegeben, die er am besten verkörpern kann. Camping Sauvage ist die Geschichte einer verhängnisvollen Amour Fou, die gleichzeitig dunkle, gesellschaftliche Abgründe enthüllt.

(Katrin Knauth)

Die Filme sind noch in folgenden Vorstellungen zu sehen:

Wide Awake
So 12.02., 12:30 Uhr, Arsenal 1
Di 14.02., 15:30 Uhr, CinemaxX 3

The Peter Pan Formula / Peterpan-eui Gongsik
Mo 13.02., 21:30 Uhr, CineStar 8
Di 14.02., 17:30 Uhr, Arsenal 1
Mi 15.02., 16:30 Uhr, CineStar 8
Sa 18.02., 21:30 Uhr, Delphi Filmpalast

Camping Sauvage
So 12.02., 22:30 Uhr, CinemaxX 7
Mo 13.02., 15:30 Uhr, CineStar 3
Di 14.02., 20:30 Uhr, CineStar 3
So 19.02., 21:00 Uhr, CinemaxX 7
   
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