Berlinale 2006 - Der achte Tag des Wettbewerbs: Isabella, L’ivresse Du Pouvoir
Originaltitel:
Staatsaffären und Find Me Guilty
Kinostart:
01.02.2005
Langsam sind sie ermüdet oder übermüdet, die Filmkritiker. Nach acht Tagen Berlinale, unzähligen Filmen, Partys und Empfängen schnarcht so mancher Sitznachbar gesamte Filmlängen durch. Dabei gab es am heutigen Wettbewerbstag keinen Grund für Müdigkeit.
Isabella von Pang Ho-cheung
Was tut man nicht alles für eine Rolex. Denn ohne ein echtes Exemplar dieser Luxusuhr zählt man nichts auf Macao. Zumindest nicht in Pang Ho-cheungs Wettbewerbsbeitrag Isabella. Das ist auch dem Polizeibeamten Shing bekannt und weil er mit seinem spärlichen Angestelltengehalt viel zu lange auf das begehrliche Statussymbol sparen müsste, geht er lieber den schnelleren und bequemeren Weg und liiert sich mit den ortsansässigen Triaden. Nun glänzt zwar eine goldene Rolex an seinem Handgelenk, seine korrupten Machenschaften sind jedoch ans Tageslicht gekommen und vom Dienst wurde er auch suspendiert. Alkohol allein ist ihm kein Trost genug, umso trefflicher, in seiner persönlichen Krise auf die blutjunge, flatterige Yan zu treffen. Ein bisschen Ablenkung, ein bisschen Spaß, das kann ihm jetzt nicht schaden. Mit einem Bein schon halb im Bett, kommt der Schockmoment: Yan eröffnet ihm, seine Tochter zu sein. Ab diesem Punkt könnte man einen Film erwarten, der er aber nicht ist. Man erinnere nur an das eher verstörende Erlebnis von Old Boy als heraus kam, dass es der Vater mit seiner eigenen Tochter getrieben hat. Pang Ho-cheung erspart uns gerade dieses unerträgliche Leid und präsentiert einen leichten, beschwingten Film über zwei Menschen, die ihrem Schicksal so gut wie möglich entgegenzutreten versuchen. Dass der Film noch ein zweites Mal eine bedeutende Wendung nimmt, ist zwar verführerisch zu erwähnen, würde aber leider zuviel vorwegnehmen. Die Ereignisse in Isabella spielen sich im hochsommerlichen Macao im Jahre 1999 ab, am Vorabend der Übergabe der ehemaligen portugiesischen Kolonie an die Volksrepublik China. Das war die Zeit, in der, durch das Geschäft mit dem Glücksspiel begünstigt, Erpressung und Korruption im Kreise von staatlichen Beamten, insbesondere Polizisten, gang und gebe war. Aber es war auch die Zeit, in der die Bewohner Macaos zwischen zwei verschiedenen Identitäten hin- und her gerissen waren: der inzwischen vierhundert Jahre vorherrschenden portugiesischen Kultur und dem zukünftig noch stärker dominierenden chinesischen Einfluss. Diesen Konflikt thematisiert Hongkong-Filmregisseur Pang Ho-cheung ganz unaufdringlich, indem er mal das Kruzifix im Klassenzimmer von Yan und als nächstes das Verbrennen von Geld als Opfergabe für die Toten verwendet. Isabella, das sind eigentlich zwei wunderschöne Filme in einem: eine elegante Ballade auf die guten alten Zeiten Macaos und ein spannend erzählter Film über das Schicksal zweier aufrührerischer Menschen.
L’ivresse du pouvoir / Staatsaffären von Claude Chabrol
Dann kam sie, die Leinwandgöttin und Grande Dame des französischen Kinos: Isabelle Huppert verkörpert im packenden Politthriller L’ivresse du pouvoir die Untersuchungsrichterin Jeanne Charmant Killman. Diese ermittelt in einem hoch brisanten Fall. Dem Präsidenten eines renommierten Industrieunternehmens werden Unterschlagung und überhöhte Provisionszahlungen vorgeworfen. Killman taucht ein in einen Sumpf aus Machtgier, Korruption und geheimer Klüngel. Dabei ist nicht nur ihr eigenes Leben in Gefahr. Wie in einem Rausch beginnt sie die Figuren wie Marionetten zu manipulieren. Schnell muss sie sich die Frage stellen, inwieweit sie der Macht widerstehen kann, ihre Position zu missbrauchen. Regisseur Claude Chabrol und Isabelle Huppert sind ein eingespieltes Team, arbeiten seit 1977 immer wieder gemeinsam an erfolgreichen Projekten. L’ivresse du pouvoir ist ein spannender und stilistisch hochwertiger Thriller mit einer gehörigen Portion schwarzem Humor. Vielleicht nicht bärenverdächtig, obwohl Isabelle Huppert in der Rolle als aufsässige und mit allen Wassern gewaschene Richterin einen Silbernen Bären verdient hätte. Aufsehen erregend war nach der heutigen Pressevorführung auch der Verhalten einiger Filmjournalisten, die sich wie ausgehungerte Tiere auf Beutefang auf dem Weg vom Kino zur Pressekonferenz fast zu Tode trampelten.
Find Me Guilty von Sidney Lumet
Der längste Mafiaprozess in der Geschichte der US-Justiz dauerte fast zwei Jahre und vollzog sich in der 1980er Jahren. Diese knappe Auskunft soll an dieser Stelle genügen, um den Inhalt von Find Me Guilty wiederzugeben. Der inzwischen 81jährige Regisseur Sidney Lumet, einer der produktivsten und ernsthaftesten Filmregisseure Amerikas scheint wieder dort angekommen zu sein, wo er damals mit seinem ersten Kinofilm angefangen hat. Nachdem er schon einige Theaterstücke und über 500 TV-Produktionen realisierte hatte, brillierte er 1957 mit seinem Leinwanddebüt Die zwölf Geschworenen. Was das Thema Justiz anbelangt, bewegt er sich auch mit seinem neuen Film auf keinem unbekannten Terrain. Lumet, der selbst als Außenseiter (Jude & Linker) in die Annalen der US-Kinogeschichte eingegangen ist, hat sich über die Jahre hinweg immer wieder mit gesellschaftlich nonkonformen Helden auseinandergesetzt. Er hat sie große Konflikte durchleben lassen, an denen sie letztendlich nicht gebrochen, sondern gewachsen sind. So ergeht es auch Jack DiNorscio in Find Me Guilty, der sich im Mafiaprozess das Recht genehmigt, auf einen Anwalt zu verzichten und sich selbst verteidigt. Seine Art, die anfangs noch störend und lächerlich im Gerichtssaal ankommt, soll ihn später als einer der weisesten Schachzüge vergönnt sein. Find Me Guilty ist ein kraftvoller, intelligenter Film - was von einem Regie-Altstar wie Sidney Lumet nicht anders zu erwarten war: da stimmen die Kameraperspektiven, da sind immer die passenden Dialoge zu hören und auch sein großes Gespür für Schauspieler stellt er mal wieder unter Beweis – bis, und jetzt kommt leider der große Knackpunkt, die Entscheidung die Rolle des Jack DiNorscio mit Action-Star und Sprücheklopfer Vin Diesel zu besetzen. Das will vorne und hinten nicht passen, man kann sich einfach nicht daran gewöhnen, dass er die absolute Fehlbesetzung eines ansonsten so perfekten Filmes ist. Ein sehenswerter, wenn auch nicht überragender Wettbewerbsbeitrag.
Der Countdown beginnt. Noch drei Filme bis zur Bärenverleihung.
(Gesine Grassel / Katrin Knauth)
Die Filme sind noch in folgenden Vorstellungen zu sehen:
Isabella
Fr 17.02., 09:30 Uhr, Urania
Fr 17.02., 18:30 Uhr, Urania
Fr 17.02., 22:30 Uhr, International
So 19.02., 18:30 Uhr, Urania
L’ivresse du puvoir / Staatsaffären
Fr 17.02., 12:00 Uhr, Urania
Fr 17.02., 20:00 Uhr, International
Fr 17.02., 23:30 Uhr, Urania
Find me Guilty
Fr 17.02., 15:00 Uhr, Urania
Fr 17.02., 21:00 Uhr, Urania
So 19.02., 22:30 Uhr, International
Isabella von Pang Ho-cheung
Was tut man nicht alles für eine Rolex. Denn ohne ein echtes Exemplar dieser Luxusuhr zählt man nichts auf Macao. Zumindest nicht in Pang Ho-cheungs Wettbewerbsbeitrag Isabella. Das ist auch dem Polizeibeamten Shing bekannt und weil er mit seinem spärlichen Angestelltengehalt viel zu lange auf das begehrliche Statussymbol sparen müsste, geht er lieber den schnelleren und bequemeren Weg und liiert sich mit den ortsansässigen Triaden. Nun glänzt zwar eine goldene Rolex an seinem Handgelenk, seine korrupten Machenschaften sind jedoch ans Tageslicht gekommen und vom Dienst wurde er auch suspendiert. Alkohol allein ist ihm kein Trost genug, umso trefflicher, in seiner persönlichen Krise auf die blutjunge, flatterige Yan zu treffen. Ein bisschen Ablenkung, ein bisschen Spaß, das kann ihm jetzt nicht schaden. Mit einem Bein schon halb im Bett, kommt der Schockmoment: Yan eröffnet ihm, seine Tochter zu sein. Ab diesem Punkt könnte man einen Film erwarten, der er aber nicht ist. Man erinnere nur an das eher verstörende Erlebnis von Old Boy als heraus kam, dass es der Vater mit seiner eigenen Tochter getrieben hat. Pang Ho-cheung erspart uns gerade dieses unerträgliche Leid und präsentiert einen leichten, beschwingten Film über zwei Menschen, die ihrem Schicksal so gut wie möglich entgegenzutreten versuchen. Dass der Film noch ein zweites Mal eine bedeutende Wendung nimmt, ist zwar verführerisch zu erwähnen, würde aber leider zuviel vorwegnehmen. Die Ereignisse in Isabella spielen sich im hochsommerlichen Macao im Jahre 1999 ab, am Vorabend der Übergabe der ehemaligen portugiesischen Kolonie an die Volksrepublik China. Das war die Zeit, in der, durch das Geschäft mit dem Glücksspiel begünstigt, Erpressung und Korruption im Kreise von staatlichen Beamten, insbesondere Polizisten, gang und gebe war. Aber es war auch die Zeit, in der die Bewohner Macaos zwischen zwei verschiedenen Identitäten hin- und her gerissen waren: der inzwischen vierhundert Jahre vorherrschenden portugiesischen Kultur und dem zukünftig noch stärker dominierenden chinesischen Einfluss. Diesen Konflikt thematisiert Hongkong-Filmregisseur Pang Ho-cheung ganz unaufdringlich, indem er mal das Kruzifix im Klassenzimmer von Yan und als nächstes das Verbrennen von Geld als Opfergabe für die Toten verwendet. Isabella, das sind eigentlich zwei wunderschöne Filme in einem: eine elegante Ballade auf die guten alten Zeiten Macaos und ein spannend erzählter Film über das Schicksal zweier aufrührerischer Menschen.
L’ivresse du pouvoir / Staatsaffären von Claude Chabrol
Dann kam sie, die Leinwandgöttin und Grande Dame des französischen Kinos: Isabelle Huppert verkörpert im packenden Politthriller L’ivresse du pouvoir die Untersuchungsrichterin Jeanne Charmant Killman. Diese ermittelt in einem hoch brisanten Fall. Dem Präsidenten eines renommierten Industrieunternehmens werden Unterschlagung und überhöhte Provisionszahlungen vorgeworfen. Killman taucht ein in einen Sumpf aus Machtgier, Korruption und geheimer Klüngel. Dabei ist nicht nur ihr eigenes Leben in Gefahr. Wie in einem Rausch beginnt sie die Figuren wie Marionetten zu manipulieren. Schnell muss sie sich die Frage stellen, inwieweit sie der Macht widerstehen kann, ihre Position zu missbrauchen. Regisseur Claude Chabrol und Isabelle Huppert sind ein eingespieltes Team, arbeiten seit 1977 immer wieder gemeinsam an erfolgreichen Projekten. L’ivresse du pouvoir ist ein spannender und stilistisch hochwertiger Thriller mit einer gehörigen Portion schwarzem Humor. Vielleicht nicht bärenverdächtig, obwohl Isabelle Huppert in der Rolle als aufsässige und mit allen Wassern gewaschene Richterin einen Silbernen Bären verdient hätte. Aufsehen erregend war nach der heutigen Pressevorführung auch der Verhalten einiger Filmjournalisten, die sich wie ausgehungerte Tiere auf Beutefang auf dem Weg vom Kino zur Pressekonferenz fast zu Tode trampelten.
Find Me Guilty von Sidney Lumet
Der längste Mafiaprozess in der Geschichte der US-Justiz dauerte fast zwei Jahre und vollzog sich in der 1980er Jahren. Diese knappe Auskunft soll an dieser Stelle genügen, um den Inhalt von Find Me Guilty wiederzugeben. Der inzwischen 81jährige Regisseur Sidney Lumet, einer der produktivsten und ernsthaftesten Filmregisseure Amerikas scheint wieder dort angekommen zu sein, wo er damals mit seinem ersten Kinofilm angefangen hat. Nachdem er schon einige Theaterstücke und über 500 TV-Produktionen realisierte hatte, brillierte er 1957 mit seinem Leinwanddebüt Die zwölf Geschworenen. Was das Thema Justiz anbelangt, bewegt er sich auch mit seinem neuen Film auf keinem unbekannten Terrain. Lumet, der selbst als Außenseiter (Jude & Linker) in die Annalen der US-Kinogeschichte eingegangen ist, hat sich über die Jahre hinweg immer wieder mit gesellschaftlich nonkonformen Helden auseinandergesetzt. Er hat sie große Konflikte durchleben lassen, an denen sie letztendlich nicht gebrochen, sondern gewachsen sind. So ergeht es auch Jack DiNorscio in Find Me Guilty, der sich im Mafiaprozess das Recht genehmigt, auf einen Anwalt zu verzichten und sich selbst verteidigt. Seine Art, die anfangs noch störend und lächerlich im Gerichtssaal ankommt, soll ihn später als einer der weisesten Schachzüge vergönnt sein. Find Me Guilty ist ein kraftvoller, intelligenter Film - was von einem Regie-Altstar wie Sidney Lumet nicht anders zu erwarten war: da stimmen die Kameraperspektiven, da sind immer die passenden Dialoge zu hören und auch sein großes Gespür für Schauspieler stellt er mal wieder unter Beweis – bis, und jetzt kommt leider der große Knackpunkt, die Entscheidung die Rolle des Jack DiNorscio mit Action-Star und Sprücheklopfer Vin Diesel zu besetzen. Das will vorne und hinten nicht passen, man kann sich einfach nicht daran gewöhnen, dass er die absolute Fehlbesetzung eines ansonsten so perfekten Filmes ist. Ein sehenswerter, wenn auch nicht überragender Wettbewerbsbeitrag.
Der Countdown beginnt. Noch drei Filme bis zur Bärenverleihung.
(Gesine Grassel / Katrin Knauth)
Die Filme sind noch in folgenden Vorstellungen zu sehen:
Isabella
Fr 17.02., 09:30 Uhr, Urania
Fr 17.02., 18:30 Uhr, Urania
Fr 17.02., 22:30 Uhr, International
So 19.02., 18:30 Uhr, Urania
L’ivresse du puvoir / Staatsaffären
Fr 17.02., 12:00 Uhr, Urania
Fr 17.02., 20:00 Uhr, International
Fr 17.02., 23:30 Uhr, Urania
Find me Guilty
Fr 17.02., 15:00 Uhr, Urania
Fr 17.02., 21:00 Uhr, Urania
So 19.02., 22:30 Uhr, International
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