Exotisch, unkonventionell und innovativ will es sein – das diesjährige Forum der Berlinale. Bereits zum Auftakt hält es dieses Versprechen und präsentiert außergewöhnliche und neue Strömungen des Weltkinos.
Der bereits zum dritten Mal im Forum vertretene japanische Regisseur Sono Sion zeigt seinen neuen, abgedrehten Psychotriller Strange Circus / Kimyo na sakasu. Der ehemalige Porno-Regisseur, bekannt durch seinen schockierenden Horrorthriller Suicide Circle, serviert uns auch diesmal keine leichte Kost. Der Film ist eine Gewaltorgie in Rot. Die Farbe durchzieht den ganzen Film, der es einem sonst nicht leicht macht, den Durchblick in der komplexen und komplizierten Handlung zu behalten. Es geht um die Geschichte der kleinen, zwölfjährigen Mitzuko. „Das war der Anfang vom Ende“, sagt sie aus dem Off, als ihr Vater sie zum ersten Mal missbraucht hat. Den ganzen Wahnsinn ihrer alptraumhaften Kindheit führt uns Sono Sion schonungslos vor Augen, wechselhaft untermalt mit Klavier- und Akkordeonmusik. Das Trauma endet im Tod der Mutter, für den sich Mitzuko schuldig fühlt. Ein misslungener Selbstmordversuch fesselt sie an den Rollstuhl. Erst danach beginnt jedoch Geschichte: Taeko, einen erfolgreiche Autorin, ebenfalls an den Rollstuhl gefesselt, schreibt einem Roman über Missbrauch und Inzest. Sie bestreitet jeglichen autobiographischen Bezug. Als ihr junger Assistent Yuji, ihre Vergangenheit zu ergründen versucht, gerät das ganze Ausmaß der zerstörten Familiengeschichte ans Tageslicht. Strange Circus / Kimyo na sakasu ist ein visuell überzeugender Fanstasy-Film mit eigener Note, wie sie aus dem japanischen Horrorkino bekannt ist. Eine bizarre Mischung aus Realität, Traum und Illusion.
Ganz auf dem Boden der Realität geblieben, ist hingegen der indische Dokumentarfilm John & Jane. Regisseur Ashim Ahluwalia portraitiert sechs junge Call-Center-Mitarbeiter, die sich in Bombay die Nächte um die Ohren schlagen, um Amerikanern Versicherungen, Telefonverträge und medizinische Produkte am Telefon zu verkaufen. Nachts in der „4th Dimension“, wie das amerikanische Call Center am Stadtrand firmiert, fühlen sie sich ganz nah am ersehnten Amerika. Nach der Nachtschicht – zurück in Indien - folgt Ashim Ahluwalia ihnen nach Hause, begleitet sie durch den tosenden Verkehr Bombays, lässt sie von ihren Träumen und Wünschen erzählen. Da ist Sydney, der für seinen Lebensunterhalt lieber tanzen und modeln würde. Oder Osmond, der davon träumt, eines Tages Millionär zu werden und über sein privates Franchising tagsüber Amway-Haushaltsprodukte vertreibt. Nicholas ist stolz für ein amerikanisches Unternehmen zu arbeiten und für Nikki sind die Kollegen eine große Familie, die sie in ihrem zweiten Leben so sehr vermisst. Keiner von ihnen war jemals in Amerika, aber sie glauben an die amerikanischen Werte wie Erfolg und Individualismus und eifern ihnen nach als gäbe es nichts Erstrebenswerteres im Leben. John & Jane ist ein aufschlussreicher Film darüber, wie sich junge Inder im Zeitalter der Globalisierung zwischen realer und virtueller Welt zurechtfinden.
Die aktuelle Situation Jerusalems reflektiert der israelische Spielfilm Close to Home / Karov la bayit. Die Regisseurinnen Dalia Hager und Vidi Bilu widmen sich den Erfahrungen von Frauen im Militärdienst der israelischen Armee. Am Anfang von Close to Home / Karov la bayit sehen wir einer arabischen Frau zu, wie sie mit ernstem Blick ihr Kopftuch abnimmt. Zwei jüngere israelische Frauen durchsuchen dabei akribisch den Inhalt ihrer Handtasche, ein Lippenstift wird raus- und reingedreht, die Haarbürste zum Röntgen aussortiert, ein Brief an die Zensurstelle weiter gegeben. Die Suche nach Selbstmordattentätern - eine Szene aus dem Alltag Jerusalems. Frauen sind es, die diese Kontrollen durchführen. Zwei von ihnen lernen wir näher kennen: Smadar und Mirit, die erst neu in den Militärdienst getreten sind. Die eine ambitioniert und freundlich, die andere lustlos, rebellisch und lieber mit anderen Dingen während der Patrouille beschäftigt. Das verträgt sich auf Dauer nicht gut. Es kommt zur Eskalation. Danach ist alles anders als vorher. Close to Home / Karov la bayit ist ein Film über die facettenreiche Beziehung zweier Frauen eingebetet in einem brisanten politischen Kontext.
(Katrin Knauth)
Die Filme sind noch an folgenden Tagen zu sehen:
Strange Circus / Kimyo na sakasu
Fr 10.02. 21:30 CineStar 8
Sa 11.02. 19:00 Delphi Filmpalast
So 12.02. 22:30 Arsenal 1
Mo 13.02. 12:30 CinemaxX 3
John & Jane
Fr 10.02. 22:00 Arsenal 1
Sa 11.02. 21:45 CineStar 8
So 12.02. 20:00 Colosseum 1
Mo 13.02. 10:00 CinemaxX 3
Close to home / Karov la bayit
Fr 10.02. 19:00 Delphi Filmpalast
Sa 11.02. 12:30 Arsenal 1
Sa 11.02. 20:00 Colosseum 1
Mo 13.02. 13:30 CineStar 8
Der bereits zum dritten Mal im Forum vertretene japanische Regisseur Sono Sion zeigt seinen neuen, abgedrehten Psychotriller Strange Circus / Kimyo na sakasu. Der ehemalige Porno-Regisseur, bekannt durch seinen schockierenden Horrorthriller Suicide Circle, serviert uns auch diesmal keine leichte Kost. Der Film ist eine Gewaltorgie in Rot. Die Farbe durchzieht den ganzen Film, der es einem sonst nicht leicht macht, den Durchblick in der komplexen und komplizierten Handlung zu behalten. Es geht um die Geschichte der kleinen, zwölfjährigen Mitzuko. „Das war der Anfang vom Ende“, sagt sie aus dem Off, als ihr Vater sie zum ersten Mal missbraucht hat. Den ganzen Wahnsinn ihrer alptraumhaften Kindheit führt uns Sono Sion schonungslos vor Augen, wechselhaft untermalt mit Klavier- und Akkordeonmusik. Das Trauma endet im Tod der Mutter, für den sich Mitzuko schuldig fühlt. Ein misslungener Selbstmordversuch fesselt sie an den Rollstuhl. Erst danach beginnt jedoch Geschichte: Taeko, einen erfolgreiche Autorin, ebenfalls an den Rollstuhl gefesselt, schreibt einem Roman über Missbrauch und Inzest. Sie bestreitet jeglichen autobiographischen Bezug. Als ihr junger Assistent Yuji, ihre Vergangenheit zu ergründen versucht, gerät das ganze Ausmaß der zerstörten Familiengeschichte ans Tageslicht. Strange Circus / Kimyo na sakasu ist ein visuell überzeugender Fanstasy-Film mit eigener Note, wie sie aus dem japanischen Horrorkino bekannt ist. Eine bizarre Mischung aus Realität, Traum und Illusion.
Ganz auf dem Boden der Realität geblieben, ist hingegen der indische Dokumentarfilm John & Jane. Regisseur Ashim Ahluwalia portraitiert sechs junge Call-Center-Mitarbeiter, die sich in Bombay die Nächte um die Ohren schlagen, um Amerikanern Versicherungen, Telefonverträge und medizinische Produkte am Telefon zu verkaufen. Nachts in der „4th Dimension“, wie das amerikanische Call Center am Stadtrand firmiert, fühlen sie sich ganz nah am ersehnten Amerika. Nach der Nachtschicht – zurück in Indien - folgt Ashim Ahluwalia ihnen nach Hause, begleitet sie durch den tosenden Verkehr Bombays, lässt sie von ihren Träumen und Wünschen erzählen. Da ist Sydney, der für seinen Lebensunterhalt lieber tanzen und modeln würde. Oder Osmond, der davon träumt, eines Tages Millionär zu werden und über sein privates Franchising tagsüber Amway-Haushaltsprodukte vertreibt. Nicholas ist stolz für ein amerikanisches Unternehmen zu arbeiten und für Nikki sind die Kollegen eine große Familie, die sie in ihrem zweiten Leben so sehr vermisst. Keiner von ihnen war jemals in Amerika, aber sie glauben an die amerikanischen Werte wie Erfolg und Individualismus und eifern ihnen nach als gäbe es nichts Erstrebenswerteres im Leben. John & Jane ist ein aufschlussreicher Film darüber, wie sich junge Inder im Zeitalter der Globalisierung zwischen realer und virtueller Welt zurechtfinden.
Die aktuelle Situation Jerusalems reflektiert der israelische Spielfilm Close to Home / Karov la bayit. Die Regisseurinnen Dalia Hager und Vidi Bilu widmen sich den Erfahrungen von Frauen im Militärdienst der israelischen Armee. Am Anfang von Close to Home / Karov la bayit sehen wir einer arabischen Frau zu, wie sie mit ernstem Blick ihr Kopftuch abnimmt. Zwei jüngere israelische Frauen durchsuchen dabei akribisch den Inhalt ihrer Handtasche, ein Lippenstift wird raus- und reingedreht, die Haarbürste zum Röntgen aussortiert, ein Brief an die Zensurstelle weiter gegeben. Die Suche nach Selbstmordattentätern - eine Szene aus dem Alltag Jerusalems. Frauen sind es, die diese Kontrollen durchführen. Zwei von ihnen lernen wir näher kennen: Smadar und Mirit, die erst neu in den Militärdienst getreten sind. Die eine ambitioniert und freundlich, die andere lustlos, rebellisch und lieber mit anderen Dingen während der Patrouille beschäftigt. Das verträgt sich auf Dauer nicht gut. Es kommt zur Eskalation. Danach ist alles anders als vorher. Close to Home / Karov la bayit ist ein Film über die facettenreiche Beziehung zweier Frauen eingebetet in einem brisanten politischen Kontext.
(Katrin Knauth)
Die Filme sind noch an folgenden Tagen zu sehen:
Strange Circus / Kimyo na sakasu
Fr 10.02. 21:30 CineStar 8
Sa 11.02. 19:00 Delphi Filmpalast
So 12.02. 22:30 Arsenal 1
Mo 13.02. 12:30 CinemaxX 3
John & Jane
Fr 10.02. 22:00 Arsenal 1
Sa 11.02. 21:45 CineStar 8
So 12.02. 20:00 Colosseum 1
Mo 13.02. 10:00 CinemaxX 3
Close to home / Karov la bayit
Fr 10.02. 19:00 Delphi Filmpalast
Sa 11.02. 12:30 Arsenal 1
Sa 11.02. 20:00 Colosseum 1
Mo 13.02. 13:30 CineStar 8
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