ARARAT- »Geschichte muss man erzählen. Das Leben leben.«

Kinostart: 22.01.2004
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Im Presseheft zu seinem neuen Film Ararat äußert sich Atom Egoyan ausführlich zu der Entstehungsgeschichte seines persönlichsten Werkes und dazu, was ihn bei der Bearbeitung des Stoffes bewegte. Da ist zuerst einmal Egoyans ganz persönlicher Hintergrund, die Geschichte seiner Familie und seiner Herkunft, denn seine Großeltern väterlicherseits waren Überlebende des Genozids der Türken an den Armeniern im Jahre 1915.

Als Egoyans Eltern dann nach Kanada zogen, ließen sie sich in Victoria nieder, einer Stadt an der Westküste, wo es außer ihnen keine anderen Armenier gab. Immer wieder hörte Egoyan Geschichten über die schrecklichen Massaker, doch sie erschienen ihm wie Berichte aus einer anderen Welt, weit weg und ohne jegliche Konsequenz für sein eigenes Leben. Erst als Egoyan dann mit 18 Jahren von zuhause auszog, um in Toronto zu studieren, begegnete er der Vergangenheit seiner Familie wieder. Da es an der Universität eine Gruppe armenischer Studenten gab, befasste er sich zum ersten Mal ausführlicher mit der Geschichte Armeniens und mit dem Trauma des Genozids. Zu dieser Zeit begannen armenische „Terroristen“ (oder „Freiheitskämpfer“, das hängt von der jeweiligen Sichtweise ab) mit systematischen Anschläge gegen türkische Repräsentanten. Attentate, die unter den armenischen Studenten heftig diskutiert wurden.

Und diese Diskussionen lösten in Egoyan auch den ersten Impuls aus, ein Drehbuch über den Genozid an den Armeniern zu schreiben. Dabei stand eine zentrale Frage im Vordergrund: Was bringt einen Armenier, der mit den westlichen Werten wie Toleranz aufgewachsen ist, dazu, sich an solchen Taten zu beteiligen? Doch die Zeit war noch nicht reif dafür, diesen Film zu realisieren, erst 20 Jahre später wagte sich Atom Egoyan dann an diesen schwierigen Stoff heran – nun allerdings mit einer ganz anderen Fragestellung:

„ARARAT fragt nach der Rolle der Kunst im Ringen um Sinn und Erlösung nach einem Genozid. Es ist ein zutiefst persönliches Werk. Ich wollte keinen Film über den Genozid machen, sondern über die Erinnerung daran; und zeigen, wie Verleugnung das Trauma fortsetzt: Ständig muss man einen schmerzlichen Sachverhalt erklären, obwohl er der ganzen Welt bekannt sein sollte. Ich wollte die Folgen des historischen Ereignisses für unsere Generation aufspüren - und den Zuschauer das Grauen im spirituellen Sinn fühlen lassen: den Verlust der Menschlichkeit in uns.

Es gibt großen Druck auf jeden armenischen Regisseur, „alles zu erzählen\", den Film zu machen, der allen zeigen wird, was „wirklich geschah\". Natürlich kann niemand sagen, was „wirklich geschah\". Jede Erzählung, auch von Familiengeschichten, vermischt persönliche Geschichte, moralische Ansprüche, gesellschaftlichen Druck, geschichtliche Erfordernis. Die Herausforderung von ARARAT war, diesen Leitgedanken bei allen Figuren des Films zur Geltung zu bringen - zu zeigen, was sie tun, aber auch alle vorstellbaren Beweggründe für ihr Tun darzulegen. Es wäre unlauter, einen historischen Standpunkt vorzuführen, ohne die Möglichkeit eines anderen Standpunkts einzuschließen. Auch wenn es praktischer wäre: die Wahrheit darf nie zum Monopol werden!“
   
KINOSTARTS
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