Ang Lee (Li An) – Biographie und Filmographie

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„The greater the repression, the greater the outburst of appetite and energy“. Dieses Leitmotiv zieht sich wie ein roter Faden durch das filmische Gesamtwerk von Ang Lee. Unabhängig von Genre, Thema, Handlungsort, Zeit und Kultur befinden sich seine Helden immer wieder in einem Spannungsfeld zwischen Verstand und Gefühl, zwischen Tradition und Moderne, zwischen Konvention und Rebellion. Es gibt vermutlich keinen anderen Regisseur, der sich so intensiv mit der Verdrängung von Gefühlen und der Auflehnung gegen gesellschaftliche Sitten und Moralvorstellungen beschäftigt wie Ang Lee. Auch sein neuer Film Brokeback Mountain, für den er auf dem Filmfestival in Venedig 2005 den Goldenen Löwen gewonnen hat, handelt von einer unglücklichen Liebe zweier Männer, die an den konservativen Wertmaßstäben der USA in den 60er Jahren zerbricht.

Der taiwanesische Regisseur ist in einer Gesellschaft aufgewachsen, die auf Harmonie und Konsens ausgerichtet ist. Der Einzelne hat sich reibungslos in das Ganze einzufügen. Nicht das Individuum soll sich entfalten, sondern die Erhaltung der Gruppenharmonie steht im Vordergrund. Konflikte werden durch Druck auf den Einzelnen gelöst. Den Bezugsrahmen bilden die Familie im engeren Sinne sowie die Gesellschaft mit ihren Wertvorstellungen insgesamt.

Der 1954 in Pingtun/Taiwan geborene Ang Lee besuchte in seinem Heimatland die Akademie der Künste. 1975 ging er in die USA und absolvierte ein Regie-Studium in Illinois. Anschließend studierte er Film-Produktion in New York, wo er noch heute mit seiner Frau und zwei Söhnen lebt. In seiner Studienzeit assistierte er Spike Lee, einem Vertreter des Black Cinemas, bei seinem Film Joe's Bed-Stuy Barbershop: We Cut Heads (1983). Sein Talent zum Drehbuchschreiben wurde früh entdeckt. Nach dem Studium verbrachte er zunächst viele Jahre als Drehbuchschreiber, bevor er endlich seinen ersten eigenen Film drehen konnte.

Ang Lees Debütfilm Pushing Hands (1992) eröffnet die so genannte „Father knows best“-Trilogie, in deren Zentrum die Kollision des traditionellen chinesischen Familienmodells mit der westlichen Moderne steht. Der Schauspieler Sihung Lung verkörpert in allen drei Filmen eine zunächst autoritäre chinesische Vaterfigur, die aufgrund der zukunftsorientierten, individuellen Weiterentwicklung der nächsten Generation ins Wanken gerät. Pushing Hands erzählt von einem siebzigjährigen Vater, der seinen erfolgreichen und verheirateten Sohn in New York besucht. Die titelgebenden unüberhörbaren Tai-Chi-Übungen des Vaters lähmen die kreativen Schreibfähigkeiten der Schwiegertochter. Die nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell bedingte Unvereinbarkeit lässt sich nicht miteinander in Einklang bringen und baut sich immer mehr zur unterdrückten, aber merklichen Spannung auf.

Auch Lees zweite Regiearbeit Das Hochzeitsbankett (1992) spielt in New York und bedient sich dabei wiederholt hauptsächlich der englischen Sprache. Nur wenige Dialoge werden auf Mandarin gesprochen, der Muttersprache der taiwanesischen Protagonisten. Der Film handelt von einem jungen schwulen Taiwaner, der seine Eltern eine Hochzeit mit einer Frau vortäuschen muss als diese aus ihrer Heimat in die USA kommen. Dieser kommerziell erfolgreiche Independent-Film verschaffte Ang Lee internationalen Durchbruch. Auf der Berlinale wurde er mit einem Goldenen Bären geehrt.

Die kulinarische Delikatesse Eat Drink Man Woman (1994) bildet den Abschluss der „Father knows best“-Trilogie. Während in den ersten beiden Filmen die Vater-Sohn-Beziehung beleuchtet wird, geht es in diesem Streifen um die schwierige Vater-Tochter-Konstellation. Der inzwischen verwitwete Vater muss zusehen, wie seine drei Töchter nach und nach das gemeinsame Familienhaus verlassen und einem Leben nach ihrem eigenen Willen nachgehen, auf das er nicht mehr viel Einfluss nehmen kann. Umso mehr versteift er sich auf das gemeinsame sonntägliche Mal, das er mit viel Liebe und Perfektion langwierig vorbereitet. Doch statt sich zu unterhalten, sitzen die vier Familienmitglieder eher bedrückt und wortkarg zusammen. Ang Lee betrachtet hier keine kulturellen Diskrepanzen, sondern bewegt sich einer Gesellschaftsklasse auf heimatlichem Terrain. Das Drehbuch stammt aus der Feder seines Langzeit-Produzenten und –Schreiber James Schamus in Zusammenarbeit mit Wang Huiling, einer Autorin aus Taiwan. Zum ersten Mal dreht Lee einen Film in Taipeh und etabliert sich damit als chinesischer Filmemacher.

Die Trilogie entstand als taiwanesisch-amerikanische Koproduktionen mithilfe staatlicher Filmförderung aus Taiwan. Den Erfolg, sowohl kommerziell als auch unter Kritikern, den sie Ang Lee bescherte, ließ ihn zu einem, wenn nicht dem wichtigsten Regisseur, der zweiten Generation des Neuen Taiwanesischen Kinos avancieren. Die erste Generation wurde Mitte der 80er Jahre maßgeblich von Vertretern wie Edward Yang und Hou Hsiao-hsien begründet. Zehn Jahre später debütierten erfolgreich Tsai Ming-liang and Ang Lee mit starken Filmen auf internationalen Festivals und begründeten somit die zweite Welle des Neuen Taiwanesischen Kinos. Lee hat damit einen entscheidenden Beitrag geleistet, das Filmland Taiwan auf der internationalen Landkarte des Kinos zu etablieren.

Auf seinen Erfolg aufbauend, konzentrierte er sich Mitte der 90er Jahre auf Mainstream-Hollywood-Filmproduktionen. Diese Filme hatte nicht im Entferntesten mehr etwas mit China und der chinesischen Kultur zu tun. Da er sich inzwischen als chinesischer Regisseur etabliert hatte, galt es nun sein Können in anderen Genres, Welten und Kulturen zu beweisen. Daraufhin entstanden die Jane-Austen-Adaption Sense and Sensibility (1995) und die Literatur-Verfilmung The Icestorm (1997). Mit Ride With the Devil (1999) legte er ein historisches Bürgerkriegsdrama vor, mit dem er zeigte, auch Western drehen zu können. Immer wieder gelingt es Ang Lee, sein Leitmotiv durchschimmern zu lassen und die inneren Spannungen seiner Protagonisten glaubwürdig darzustellen - auch mit dem Einsatz hochkarätiger Hollywood-Schauspieler. Inzwischen hat sich Lee endgültig einen Platz in der A-Kategorie der Filmregisseure in Hollywood gesichert.

Ang Lee ist einer von vielen asiatischen Filmschaffenden in Hollywood. Vor allem Vertreter des Hongkong-Kinos wie John Woo, Jacky Chan und Chow Yun-fat waren zunächst im Heimatmarkt Hongkong erfolgreich und reüssierten mit ihrem Talent auf der anderen Pazifikseite zum zweiten Mal. Ang Lee lernte sein Handwerk in den USA, folglich gab es bei ihm nie die Intention das Hollywood-Kino mit exotischen Elementen wie sie aus dem asiatischen Kino bekannt sind, aufzupeppen. Vielmehr war es sein Ziel, mithilfe seines Könnens, den Standard des chinesischen Kinos auf eine höhere Stufe zu heben. So näherte er sich schließlich dem historisch angestaubten, wohl ältesten Genre des chinesischen Films: wuxia pian, dem Martial-Arts-Film auf eine Art und Weise wie es sie noch nie zuvor gegeben hat. Es entstand der in den USA bislang erfolgreichste untertitelte ausländische Film, das Martial-Arts-Märchen Crouching Tiger, Hidden Dragon (2001). Mit diesem Film knüpft er dort an, wo er mit Eat Drink Man Woman aufgehört an. Er kehrt zurück ins asiatische Territorium, diesmal aufs chinesische Festland. Ang Lee hatte die Absicht, einen modernen Martial-Arts-Film für ein globales Publikum zu inszenieren. Das hieß jedoch, dass einerseits die eher sturen, feudalen chinesischen Produktionsbedingungen, aber auch das stereotype Image des chinesischen Films geändert werden musste. Er wollte sich ganz klar von den Action-Krachern des Hongkong-Kinos der 80er Jahre, aber auch von den schwerfälligen historischen Kostüm- und melodramatischen Familienfilmen der Fünften Generation des Chinesischen Kinos abgrenzen. Er entschied sich für einen transnationalen Mix bei der Zusammensetzung der Cast und Crew. Er holt sich die von Zhang Yimou entdeckte Festlandchinesin Zhang Ziyi an Bord. In weiteren Hauptrollen sind Hongkongs 80 er Jahre Superfilmstar Chow Yun-fat, Hongkong-Filmschauspielerin und Bond-Girl Michelle Yeoh sowie der Taiwaner Chang Chen zu sehen. Auch für Kamera (Peter Pau) und Martial-Art-Cheoreographie (Yuen Wo Ping) wurden Hongkongchinesen rekrutiert. Der Verleiher des Filmes stammt aus Hollywood. Basierend auf einer Schwertkampfgeschichte von Wang Dulu, ist Crouching Tiger, Hidden Dragon für das volkstümliche wuxia pian Genre ein sehr ruhiger Film. Auch hier wird das Leitmotiv aller Ang-Lee-Filme wieder aufgegriffen. Die schmale Gratwanderung zwischen Aufbegehren und Unterdrückung. Nach Innehalten und Kontemplation folgen fulminante Verfolgungen und Kämpfe. Bereits im Originaltitel ist der Grundgedanke manifestiert: Kauernder Tiger, versteckter Drachen steht für vorgespielte Zurückhaltung, das Gesicht wahren, aber auch für das drohende Aufbegehren, den heran nahenden Ausbruch.

Der große Erfolg, den Lee mit Crouching Tiger, Hidden Dragon verbuchen konnte, blieb bei seinem nächsten Film Hulk (2003) leider aus. Alle Welt war erstaunt, als Lee bekannt gab, die Regie für die lang erwartete Comic-Adaption zu übernehmen. Ganz in seiner Manier realisierte er einen wundervoll fotografierten Film, in dessen Mittelpunkt eine melodramatische Vater-Kind-Beziehung beleuchtet wird und Comic-Action eher außen vor gelassen wird. Die hohen Erwartungen des Publikums an einen Comic-Film mit Marvelfiguren wurden dabei allerdings nicht erfüllt.

2005 drehte Ang Lee Brokeback Mountain. Der Film schildert eine homosexuelle Beziehung zwischen zwei Männern, die einen maskulinen Mythos leben - sie sind Cowboys. Der Film wurde von der Kritik hochgelobt und mit Preisen überschüttet, darunter drei Oscars.

Filmographie - Ang Lee

2011
Life of Pi

2009
Taking Woodstock

2007
Lust, Caution (Gefahr und Begierde)

2005
Brokeback Mountain

2003
Hulk

2000
Crouching Tiger, Hidden Dragon (Tiger & Dragon)

1999
Ride with the Devil

1997
The Ice Storm (Der Eissturm)

1995
Sense and Sensibility (Sinn und Sinnlichkeit)

1994
Eat Drink Man Woman

1993
The Wedding Banquet (Das Hochzeitsbankett)

1992
Pushing Hands (Schiebende Hände)
   
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