Anlässlich des Kriegsendes vor sechzig Jahren sind die Zeitungen und Fernsehprogramme voll mit Aufarbeitungen der Geschehnisse in der Zeit des Dritten Reiches und rund um das Ende des Zweiten Weltkrieges. Auch im Kino haben Filme, die sich mit dieser Zeit beschäftigen, derzeit Hochkonjunktur, zumindest was die reine Anzahl der Neustarts anbelangt. Außergewöhnlich berührend, weil persönlich ist dabei Malte Ludins filmische Auseinandersetzung mit seinem Vater Hanns Ludin mit dem Titel 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß geraten. Hanns Ludin war Bevollmächtigter Minister des Großdeutschen Reiches in der Slowakei und als solcher Mitverantwortlich für die Deportation der slowakischen Juden. In einem Interview mit Ralph Eue im Presseheft zum Film äußert sich Malte Ludin zu den Schwierigkeiten des Erinnerns und zu den Barrieren, die es auf diesem schwierigen Weg zu überwinden galt.
Sie führen die Geschichte von 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß mit den folgenden Kommentarworten ein: “Dies ist die Geschichte meines Vaters, eines Kriegsverbrechers, meiner Mutter, meiner Geschwister, Nichten und Neffen. Eine typisch deutsche Geschichte“. Worin sehen Sie das Typische?
Ich glaube, das Schweigen über eine wesentliche Zeit ihres Lebens ist bei vielen Eltern meiner Generation weit verbreitet. Diese biographischen und historischen Aussparungen haben immer noch Folgen und eine unkontrollierte, bis heute aktive Dynamik. Mit diesem Film habe ich zwar ein sehr persönliches Projekt verfolgt, aber die Geschichte geht weit über das bloß Private – also meine Familie – hinaus. Was ich erzähle, findet sich, vielleicht nicht so zugespitzt, in sehr vielen anderen, ganz normalen deutschen Familien auch.
Ihre Mutter lebt nicht mehr. Hat für Sie die Überlegung eine Rolle gespielt, ob sie Ihrem Film den Segen gegeben hätte?
Nicht umsonst sage ich selbst irgendwann im Film, dass ich mich wohl nicht an diesen Film gewagt hätte, so lange meine Mutter noch lebte. Vermutlich wäre ich bestimmte Konflikte zu ihren Lebzeiten weniger frontal angegangen, weil sonst Gefahr bestanden hätte, die Familie zu sprengen. Was seltsam ist: meine Mutter hat mich ja sogar unter-stützt, diesen Film zu machen. Da wir oft über dieses Thema gestritten hatten, wusste sie durchaus, wie ich zu den Fragen um meinen Vater stand, aber ich glaube, dass es für sie und ihr Weltbild von unausgesprochener Selbstverständlichkeit war, dass ich mich, wenn schon zu keiner Rehabilitie-rung, so doch zu einer Sichtweise verpflichtet sehen würde, die mit den Familieinteressen konform geht. Aus dieser emotionalen Lage heraus habe ich mich eben nicht beeilt, dieses Projekt tatsächlich anzupacken.
In den Bereich der „unausgesprochenen Selbstverständlichkeit“ gehört sicher auch die Annahme, dass der Schuldspruch und das Urteil, das das Kriegsgericht 1946 über Ihren Vater gefällt wurde, weder rechtens noch richtig war.
Für meine Mutter stand unumstößlich fest, dass ihr Mann völlig zu Unrecht verurteilt wurde und dass er ein so genannter edler, vielleicht auch ‚treuherziger’ Nazi war. Diese Haltung hat sie klar in diesem Fernsehinterview vertreten, das Christian Geissler 1978 mit ihr geführt hat und aus dem ich in meinem Film ja auch zitiere. Vielleicht glaubte sie aber, dass das damals nicht deutlich genug geworden ist. Ich habe sehr lange gebraucht um zu merken, dass meine Mutter ihr Leben lang das Bild –oder sagen wir Andenken ihres Mannes– schützen wollte. Eigentlich hat sie immer wieder auf die Zementierung jenes Mythos hingearbeitet, der in Ernst von Salomons „Fragebogen“ das erste Mal formuliert wurde und wo es zum Beispiel heißt: „Er sagte mir, dass er seine Aufgabe als Gesandter in der Slowakei sehr ernst genommen habe. Es sei eine sehr schwere Aufgabe gewesen, aber er habe immer eine Hinneigung zu den slawischen Völkern verspürt - viel mehr als zum verfaulten Westen - und er sei stolz, dass es ihm, wie er glaube, gelungen sei, gerade den Slowaken sehr viel von all den Dingen zu ersparen, die zwangsläufig im Gefolge der Besetzung und des Krieges zu Verstimmungen hätten führen müssen.“
Es gibt noch ein anderes Interview mit Ihrer Mutter im Film …
Das habe ich selbst aufgenommen, ein Jahr vor ihrem Tod.
Bereits mit der Absicht, es im Zusammenhang eines größeren Vorhabens zu verwenden?
Ja, damals hatte ich das Gefühl, das ist jetzt vielleicht die letzte Gelegenheit, noch mal mit ihr darüber zu sprechen. Tatsächlich bin ich aber auch da nicht besonders mutig vorgegangen. Ich hatte übrigens sehr den Verdacht, dass meine Mutter die viel politischere Person in dieser Beziehung war.
Diese Vermutung bringen Sie ja auch sehr deutlich auf den Punkt. Ihre Mutter lassen Sie,glaube ich dreimal ausführlich zu Wort kommen. Einmal, wenn von der SA-Zeit Ihres Vaters die Rede ist, und sie davon erzählt, dass er ja gelegentlich sogar so etwas wie Zweifel oder Skrupel hatte, sagt sie abschließend, dass sie ihn tröstete, indem sie ihm erklärte: wo gehobelt wird, da fallen eben auch Späne.
Ich bin ziemlich sicher, dass sie ihn sehr unterstützt und das heißt auch in gewisser Weise immer wieder zur Raison gebracht hat …
Wie ist die generelle Material- und Aktenlage zum Fall Ihres Vaters? Sind in den letzten Jahren noch wesentliche neue Fakten bekannt geworden, die entweder eine Revision des damaligen Urteils nahe legen oder es vielleicht gar noch weiter untermauern?
Ende der fünfziger Jahre prozessierte meine Mutter gegen die Bundesrepublik weil sie ihre Beamtenwitwenpension einklagen wollte. Sie bezog ja nur eine bescheidene Kriegerwitwenrente, und ich weiß noch, wie ich als junger Mann in die Bibliothek des Auswärtigen Amtes in Bonn gefahren bin, um alles herauszusuchen, was meinen Vater und seine Laufbahn betraf. Da war eigentlich ziemlich lückenlos enthalten, was für die Beurteilung des Falles Ludin wichtig war, nur damals hat mich das nicht besonders interessiert. Da meine Mutter all diese Unterlagen aber säuberlich in Ordnern abgelegt hatte, bin ich ihnen sehr viel später bei meiner systematischen Recherche für diesen Film wieder begegnet. Was die reinen Fakten betrifft, habe ich darüber hinaus nicht mehr viel Neues entdecken können.
Nicht nur für Ihre Mutter, auch für Ihre Schwestern scheint die Frage der Schuld nicht hinlänglich durch Dokumente oder das damalige Urteil geklärt zu sein. Sie sehen es entweder immer noch als ein offenes Thema, oder sie haben die Frage für sich selbst beantwortet: Nicht schuldig! Sie stellen Ihre Schwestern als sehr interessierte, selbstbewusste und auch kritische Frauen vor, das hat mich das sehr erstaunt.
Ich glaube, wenn Sie bei diesem Thema weiter kommen wollen, geraten Sie sehr schnell in Regionen jenseits rationaler oder intellektueller Erwägungen oder Befindlichkeiten. Meine Schwestern sind alle etwas älter als ich, sie haben also, im Gegensatz zu mir, auch bewusste Erinnerungen an unseren Vater. Außerdem haben sie sich immer, sowohl geographisch wie emotional, im Umfeld meiner Mutter bewegt. Auf diese Weise hat eben auch deren Strategie der Idealisierung durch alle möglichen rationalen oder emotionalen Widerstände hindurch auf sie durchgeschlagen. Ich glaube weiter, dass es für sie immer wichtig war, die eigenen Einsichten, Haltungen, Meinungen hinten an zu stellen, um nur unsere Mutter mit ihrer Lebenslüge nicht alleine zu lassen. Das war und ist ein immer aktiver Schutzinstinkt.
Sie haben eine vierte Schwester, die bereits gestorben ist. Es macht den Anschein, als habe sie eine etwas andere Haltung, als ihre drei anderen Schwestern gehabt.
Meine Schwester Eri hat ihre Herkunft, glaube ich, sehr als Belastung empfunden. Sie lebte, nicht zuletzt weil sie die älteste war und unseren Vater am besten kannte, in einem ständigen Zwiespalt: Sie hat einerseits ihren Vater sehr geliebt, aber andererseits hatte es sich für sie auch immer mehr herausgestellt, dass er jemand war, der sehr schlimme Sachen zu verantworten hatte. Viele Erkenntnisse in dieser Richtung sind sicher sehr durch ihren Mann Heiner befördert worden, der u. a. dadurch, dass er in Berkeley studiert hatte, die deutsche Geschichte mit ganz anderen Augen betrachtete, als es in den fünfziger Jahren in der Bundesrepublik vorherrschend war. Außerdem hatte sie sehr viele jüdische Freunde, was dazu beitrug, dass ihr dieser Zwiespalt – zwischen Liebe und Hass, zwischen Selbstkasteiung und Verdrängung– permanent sehr nahe gerückt ist, näher jedenfalls als sie es aushalten konnte.
Meistens bringen Sie sich selbst wie einen Kontrapunkt ihrer Schwestern ins Spiel, zweimal allerdings agieren Sie ganz ähnlich, wie diese: zum Beispiel als Sie bei der Durchsicht von Akten in Bratislava im Kommentar erklären: Es bewegte mich still die Hoffnung, etwas zu finden, was ihn entlastet hätte…
…Eine Hoffnung, die sich leider nicht erfüllt hat…
… und noch ausgeprägter ist die Ähnlichkeit der Verhaltensmuster, wenn Sie als ‚Täter-kind’ einem ‚Opferkind’, dem Schriftsteller Tuvia Rübner begegnen. Dessen Eltern und Geschwister sind auf Veranlassung Ihres Vaters, dem damaligen deutschen Gesandten in Bratislava, deportiert worden, und er selber hat nur überlebt, weil ihn seine Familie Anfang 1941 nach Israel hat bringen lassen.
Diese Sequenz und mein Verhalten war Anlass für viele Auseinandersetzungen am Schneidetisch: Es war mir tatsächlich sehr unangenehm, sehen zu müssen, wie ich selbst diese mir so sattsam bekannten Ausflüchte und Winkelzüge gegenüber einem ehemaligen Opfer benutze. Wir haben uns lange gefragt, ob wir das überhaupt 'drin lassen sollten, weil ich natürlich kein guter "Darsteller" bin in der Szene.
Über Erwägungen der darstellerischen Qualität hinaus geht es aber auch hier wieder um Glaubwürdigkeit.
Ich empfand, dass ich das nicht hätte schönen dürfen, dass ich mich nicht hätte besser machen dürfen, als ich bin – und sei es durch Verzicht auf diese Stelle. Ich stehe ja nicht über den Dingen, wie mir meine Schwester Bärbel an einer Stelle vorwirft. Ich stecke da genauso drin wie sie. Ich hatte, glaube ich, nur das Glück einer anderen Sozialisation. Ich bin zwar einerseits früh genug aus dem Bannkreis der Familie weg gekommen, aber ich gehöre eben auch mit zur Sippe.
Was Sie filmisch unternommen haben, hat Pendants in der Literatur des vergangenen Jahres. Um nur zwei Titel zu nennen: Monika Jetters „Mein Kriegsvater“ oder „In den Augen meines Großvaters“ von Thomas Medicus. Diese Versuche spielen sich ab zwischen den Polen einer versuchten Versöhnung und dem Vermessen der gegebenen Distanz. Wo würden Sie 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß auf dieser Skala ansiedeln?
Vielleicht ist es ein Versuch, ihm gerecht zu werden. In der Weise, wie mein Neffe Fabian das sagt: „Man tut meinem Großvater Hanns Ludin ja gar keinen Gefallen, wenn man versucht, ihn vorauseilend zu entlasten. Er stand ja ohne Umschweife zu dem, was er tat.“
Sie benennen im Film verschiedene Stadien des Verhältnisses zu Ihrem Vater: als Junge war Ihr Vater ein Held, in der Zeit um 1968 nur der Naziverbrecher, und als letztes Moment dieser Aufzählung sagen Sie: „1989. Der Fall der Mauer. Ich lernte meine Frau kennen.“ Ihre Frau hat diesen Film dann auch produziert. Welche Rolle hat sie für das Projekt gespielt?
Sie war eine Art permanenter moralischer Stachel. Als Tschechin war es für sie ganz normal, dass ich Deutscher und damit Sohn eines Nazi bin und es war ihr auch von Anfang an klar, dass es bei diesem Projekt nicht um Abrechnung ging. Sie hat ein feines Gespür für falsche Töne und merkte, wenn etwas im Busch war. Dem wollte sie offenen Auges entgegentreten. Wir haben riesige Kräche gehabt, wenn wir auf meinen Vater zu sprechen kamen. Ich bin zum Beispiel oft aufgebraust, wenn sie sich, wie ich meinte, erdreistete, Schlechtes über ihn zu reden. Ich durfte das, aber sie? Wahrscheinlich war es kein Zufall war, dass ich mich in eine Frau verliebt habe, die aus der Tschechoslowakei kam.
Wie gehen Sie jetzt, nach dieser Arbeit mit Ihren Schwestern um, und vor allem, wie gehen sie mit Ihnen um?
Da sie den fertigen Film noch nicht kennen, lässt sich das augenblicklich nicht wirklich beantworten. Es ist ein angespanntes Knistern zu spüren. Lediglich meine Schwester Bärbel, die ursprünglich überhaupt nicht vor die Kamera wollte, erklärte, dass sie es sich am liebsten ersparen würde, den Film anzuschauen, um nicht die Freundschaft mit mir zu gefährden. Möglicherweise wird es zu einem Krach kommen. Was danach wird, möchte ich mir nicht ausmalen.
© Bild: Plan 7 Filmverleih, Tuvia Rübner im Gespräch mit Malte Ludin
Sie führen die Geschichte von 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß mit den folgenden Kommentarworten ein: “Dies ist die Geschichte meines Vaters, eines Kriegsverbrechers, meiner Mutter, meiner Geschwister, Nichten und Neffen. Eine typisch deutsche Geschichte“. Worin sehen Sie das Typische?
Ich glaube, das Schweigen über eine wesentliche Zeit ihres Lebens ist bei vielen Eltern meiner Generation weit verbreitet. Diese biographischen und historischen Aussparungen haben immer noch Folgen und eine unkontrollierte, bis heute aktive Dynamik. Mit diesem Film habe ich zwar ein sehr persönliches Projekt verfolgt, aber die Geschichte geht weit über das bloß Private – also meine Familie – hinaus. Was ich erzähle, findet sich, vielleicht nicht so zugespitzt, in sehr vielen anderen, ganz normalen deutschen Familien auch.
Ihre Mutter lebt nicht mehr. Hat für Sie die Überlegung eine Rolle gespielt, ob sie Ihrem Film den Segen gegeben hätte?
Nicht umsonst sage ich selbst irgendwann im Film, dass ich mich wohl nicht an diesen Film gewagt hätte, so lange meine Mutter noch lebte. Vermutlich wäre ich bestimmte Konflikte zu ihren Lebzeiten weniger frontal angegangen, weil sonst Gefahr bestanden hätte, die Familie zu sprengen. Was seltsam ist: meine Mutter hat mich ja sogar unter-stützt, diesen Film zu machen. Da wir oft über dieses Thema gestritten hatten, wusste sie durchaus, wie ich zu den Fragen um meinen Vater stand, aber ich glaube, dass es für sie und ihr Weltbild von unausgesprochener Selbstverständlichkeit war, dass ich mich, wenn schon zu keiner Rehabilitie-rung, so doch zu einer Sichtweise verpflichtet sehen würde, die mit den Familieinteressen konform geht. Aus dieser emotionalen Lage heraus habe ich mich eben nicht beeilt, dieses Projekt tatsächlich anzupacken.
In den Bereich der „unausgesprochenen Selbstverständlichkeit“ gehört sicher auch die Annahme, dass der Schuldspruch und das Urteil, das das Kriegsgericht 1946 über Ihren Vater gefällt wurde, weder rechtens noch richtig war.
Für meine Mutter stand unumstößlich fest, dass ihr Mann völlig zu Unrecht verurteilt wurde und dass er ein so genannter edler, vielleicht auch ‚treuherziger’ Nazi war. Diese Haltung hat sie klar in diesem Fernsehinterview vertreten, das Christian Geissler 1978 mit ihr geführt hat und aus dem ich in meinem Film ja auch zitiere. Vielleicht glaubte sie aber, dass das damals nicht deutlich genug geworden ist. Ich habe sehr lange gebraucht um zu merken, dass meine Mutter ihr Leben lang das Bild –oder sagen wir Andenken ihres Mannes– schützen wollte. Eigentlich hat sie immer wieder auf die Zementierung jenes Mythos hingearbeitet, der in Ernst von Salomons „Fragebogen“ das erste Mal formuliert wurde und wo es zum Beispiel heißt: „Er sagte mir, dass er seine Aufgabe als Gesandter in der Slowakei sehr ernst genommen habe. Es sei eine sehr schwere Aufgabe gewesen, aber er habe immer eine Hinneigung zu den slawischen Völkern verspürt - viel mehr als zum verfaulten Westen - und er sei stolz, dass es ihm, wie er glaube, gelungen sei, gerade den Slowaken sehr viel von all den Dingen zu ersparen, die zwangsläufig im Gefolge der Besetzung und des Krieges zu Verstimmungen hätten führen müssen.“
Es gibt noch ein anderes Interview mit Ihrer Mutter im Film …
Das habe ich selbst aufgenommen, ein Jahr vor ihrem Tod.
Bereits mit der Absicht, es im Zusammenhang eines größeren Vorhabens zu verwenden?
Ja, damals hatte ich das Gefühl, das ist jetzt vielleicht die letzte Gelegenheit, noch mal mit ihr darüber zu sprechen. Tatsächlich bin ich aber auch da nicht besonders mutig vorgegangen. Ich hatte übrigens sehr den Verdacht, dass meine Mutter die viel politischere Person in dieser Beziehung war.
Diese Vermutung bringen Sie ja auch sehr deutlich auf den Punkt. Ihre Mutter lassen Sie,glaube ich dreimal ausführlich zu Wort kommen. Einmal, wenn von der SA-Zeit Ihres Vaters die Rede ist, und sie davon erzählt, dass er ja gelegentlich sogar so etwas wie Zweifel oder Skrupel hatte, sagt sie abschließend, dass sie ihn tröstete, indem sie ihm erklärte: wo gehobelt wird, da fallen eben auch Späne.
Ich bin ziemlich sicher, dass sie ihn sehr unterstützt und das heißt auch in gewisser Weise immer wieder zur Raison gebracht hat …
Wie ist die generelle Material- und Aktenlage zum Fall Ihres Vaters? Sind in den letzten Jahren noch wesentliche neue Fakten bekannt geworden, die entweder eine Revision des damaligen Urteils nahe legen oder es vielleicht gar noch weiter untermauern?
Ende der fünfziger Jahre prozessierte meine Mutter gegen die Bundesrepublik weil sie ihre Beamtenwitwenpension einklagen wollte. Sie bezog ja nur eine bescheidene Kriegerwitwenrente, und ich weiß noch, wie ich als junger Mann in die Bibliothek des Auswärtigen Amtes in Bonn gefahren bin, um alles herauszusuchen, was meinen Vater und seine Laufbahn betraf. Da war eigentlich ziemlich lückenlos enthalten, was für die Beurteilung des Falles Ludin wichtig war, nur damals hat mich das nicht besonders interessiert. Da meine Mutter all diese Unterlagen aber säuberlich in Ordnern abgelegt hatte, bin ich ihnen sehr viel später bei meiner systematischen Recherche für diesen Film wieder begegnet. Was die reinen Fakten betrifft, habe ich darüber hinaus nicht mehr viel Neues entdecken können.
Nicht nur für Ihre Mutter, auch für Ihre Schwestern scheint die Frage der Schuld nicht hinlänglich durch Dokumente oder das damalige Urteil geklärt zu sein. Sie sehen es entweder immer noch als ein offenes Thema, oder sie haben die Frage für sich selbst beantwortet: Nicht schuldig! Sie stellen Ihre Schwestern als sehr interessierte, selbstbewusste und auch kritische Frauen vor, das hat mich das sehr erstaunt.
Ich glaube, wenn Sie bei diesem Thema weiter kommen wollen, geraten Sie sehr schnell in Regionen jenseits rationaler oder intellektueller Erwägungen oder Befindlichkeiten. Meine Schwestern sind alle etwas älter als ich, sie haben also, im Gegensatz zu mir, auch bewusste Erinnerungen an unseren Vater. Außerdem haben sie sich immer, sowohl geographisch wie emotional, im Umfeld meiner Mutter bewegt. Auf diese Weise hat eben auch deren Strategie der Idealisierung durch alle möglichen rationalen oder emotionalen Widerstände hindurch auf sie durchgeschlagen. Ich glaube weiter, dass es für sie immer wichtig war, die eigenen Einsichten, Haltungen, Meinungen hinten an zu stellen, um nur unsere Mutter mit ihrer Lebenslüge nicht alleine zu lassen. Das war und ist ein immer aktiver Schutzinstinkt.
Sie haben eine vierte Schwester, die bereits gestorben ist. Es macht den Anschein, als habe sie eine etwas andere Haltung, als ihre drei anderen Schwestern gehabt.
Meine Schwester Eri hat ihre Herkunft, glaube ich, sehr als Belastung empfunden. Sie lebte, nicht zuletzt weil sie die älteste war und unseren Vater am besten kannte, in einem ständigen Zwiespalt: Sie hat einerseits ihren Vater sehr geliebt, aber andererseits hatte es sich für sie auch immer mehr herausgestellt, dass er jemand war, der sehr schlimme Sachen zu verantworten hatte. Viele Erkenntnisse in dieser Richtung sind sicher sehr durch ihren Mann Heiner befördert worden, der u. a. dadurch, dass er in Berkeley studiert hatte, die deutsche Geschichte mit ganz anderen Augen betrachtete, als es in den fünfziger Jahren in der Bundesrepublik vorherrschend war. Außerdem hatte sie sehr viele jüdische Freunde, was dazu beitrug, dass ihr dieser Zwiespalt – zwischen Liebe und Hass, zwischen Selbstkasteiung und Verdrängung– permanent sehr nahe gerückt ist, näher jedenfalls als sie es aushalten konnte.
Meistens bringen Sie sich selbst wie einen Kontrapunkt ihrer Schwestern ins Spiel, zweimal allerdings agieren Sie ganz ähnlich, wie diese: zum Beispiel als Sie bei der Durchsicht von Akten in Bratislava im Kommentar erklären: Es bewegte mich still die Hoffnung, etwas zu finden, was ihn entlastet hätte…
…Eine Hoffnung, die sich leider nicht erfüllt hat…
… und noch ausgeprägter ist die Ähnlichkeit der Verhaltensmuster, wenn Sie als ‚Täter-kind’ einem ‚Opferkind’, dem Schriftsteller Tuvia Rübner begegnen. Dessen Eltern und Geschwister sind auf Veranlassung Ihres Vaters, dem damaligen deutschen Gesandten in Bratislava, deportiert worden, und er selber hat nur überlebt, weil ihn seine Familie Anfang 1941 nach Israel hat bringen lassen.
Diese Sequenz und mein Verhalten war Anlass für viele Auseinandersetzungen am Schneidetisch: Es war mir tatsächlich sehr unangenehm, sehen zu müssen, wie ich selbst diese mir so sattsam bekannten Ausflüchte und Winkelzüge gegenüber einem ehemaligen Opfer benutze. Wir haben uns lange gefragt, ob wir das überhaupt 'drin lassen sollten, weil ich natürlich kein guter "Darsteller" bin in der Szene.
Über Erwägungen der darstellerischen Qualität hinaus geht es aber auch hier wieder um Glaubwürdigkeit.
Ich empfand, dass ich das nicht hätte schönen dürfen, dass ich mich nicht hätte besser machen dürfen, als ich bin – und sei es durch Verzicht auf diese Stelle. Ich stehe ja nicht über den Dingen, wie mir meine Schwester Bärbel an einer Stelle vorwirft. Ich stecke da genauso drin wie sie. Ich hatte, glaube ich, nur das Glück einer anderen Sozialisation. Ich bin zwar einerseits früh genug aus dem Bannkreis der Familie weg gekommen, aber ich gehöre eben auch mit zur Sippe.
Was Sie filmisch unternommen haben, hat Pendants in der Literatur des vergangenen Jahres. Um nur zwei Titel zu nennen: Monika Jetters „Mein Kriegsvater“ oder „In den Augen meines Großvaters“ von Thomas Medicus. Diese Versuche spielen sich ab zwischen den Polen einer versuchten Versöhnung und dem Vermessen der gegebenen Distanz. Wo würden Sie 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß auf dieser Skala ansiedeln?
Vielleicht ist es ein Versuch, ihm gerecht zu werden. In der Weise, wie mein Neffe Fabian das sagt: „Man tut meinem Großvater Hanns Ludin ja gar keinen Gefallen, wenn man versucht, ihn vorauseilend zu entlasten. Er stand ja ohne Umschweife zu dem, was er tat.“
Sie benennen im Film verschiedene Stadien des Verhältnisses zu Ihrem Vater: als Junge war Ihr Vater ein Held, in der Zeit um 1968 nur der Naziverbrecher, und als letztes Moment dieser Aufzählung sagen Sie: „1989. Der Fall der Mauer. Ich lernte meine Frau kennen.“ Ihre Frau hat diesen Film dann auch produziert. Welche Rolle hat sie für das Projekt gespielt?
Sie war eine Art permanenter moralischer Stachel. Als Tschechin war es für sie ganz normal, dass ich Deutscher und damit Sohn eines Nazi bin und es war ihr auch von Anfang an klar, dass es bei diesem Projekt nicht um Abrechnung ging. Sie hat ein feines Gespür für falsche Töne und merkte, wenn etwas im Busch war. Dem wollte sie offenen Auges entgegentreten. Wir haben riesige Kräche gehabt, wenn wir auf meinen Vater zu sprechen kamen. Ich bin zum Beispiel oft aufgebraust, wenn sie sich, wie ich meinte, erdreistete, Schlechtes über ihn zu reden. Ich durfte das, aber sie? Wahrscheinlich war es kein Zufall war, dass ich mich in eine Frau verliebt habe, die aus der Tschechoslowakei kam.
Wie gehen Sie jetzt, nach dieser Arbeit mit Ihren Schwestern um, und vor allem, wie gehen sie mit Ihnen um?
Da sie den fertigen Film noch nicht kennen, lässt sich das augenblicklich nicht wirklich beantworten. Es ist ein angespanntes Knistern zu spüren. Lediglich meine Schwester Bärbel, die ursprünglich überhaupt nicht vor die Kamera wollte, erklärte, dass sie es sich am liebsten ersparen würde, den Film anzuschauen, um nicht die Freundschaft mit mir zu gefährden. Möglicherweise wird es zu einem Krach kommen. Was danach wird, möchte ich mir nicht ausmalen.
© Bild: Plan 7 Filmverleih, Tuvia Rübner im Gespräch mit Malte Ludin




